Comgall stolpert voran

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Comgall
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Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Fr 1. Nov 2019, 15:10

Comgall schlief unruhig. Er schwitzte, trat und schlug um sich, war völlig in seiner dünnen Wolldecke verheddert und wurde im Traum immer hektischer. Als Sean seinen Arm etwas fester um den Freund zog, um ihn zu beruhigen, erreichte er das Gegenteil: Comgall jaulte im Schlaf auf und in einem panischen Versuch, sich aus Seans Griff zu befreien, fuhr er derartig schwungvoll aus dem Bett hoch, daß er mit dem Kopf gegen einen vorstehenden Balken prallte, sich damit selbst ausknockte und schlaff zurück auf sein Kissen fiel, wo er ohnmächtig liegen blieb.

Sean seufzte. Wie es aussah, durfte er einmal mehr erklären, warum der rothaarige, temperamentvolle und stets mit sich selbst unzufriedene Priester nicht am Morgengebet teilnehmen würde. Und die Wahrheit - "tut mir Leid, er hat sich im Schlaf k.o. geschlagen" - klang ein wenig unglaubwürdig.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Do 28. Nov 2019, 15:48

"Gar nichts merke ich, ehrlich!", sagte Comgall, als Sean ihn auf den Findling neben dem Feld drückte.
"Bleib da einfach mal eine Minute still sitzen", brummte Sean, "und laß mich das ansehen."
"Du bist TIERarzt, Mann, wie soll ich mich denn da fühlen?" murrte Comgall mit einem Zwinkern. Selbstverständlich fühlte er sich ganz hervorragend, wenn Sean wasauchimmer an ihm gründlich untersuchte. Es mußte nur vielleicht nicht gerade auf dem Gelände in Sichtweite zum Haupthaus sein.

Sean krempelte Comgalls rechtes Hosenbein bis zum Knie hoch und hob das Bein etwas an, um sich die Wade besehen zu können. Bis auf ein paar winzige helle Punkte, die unter den schon nachwachsenden rötlichen Härchen fast nicht zu sehen waren, stimmte es, was Comgall behauptete - die Wunde, die die verderbte Ratte hineingerissen hatte, war geheilt. Die Hand, die ebenfalls attackiert worden war, war schon seit zwei Tagen wieder völlig in Ordnung. Er krempelte das Hosenbein wieder herunter, und patschte zweimal freundlich gegen den geheilten Schenkel - Comgall hatte ihn diese Geste hundertfach bei behandelten Tieren machen sehen, und zog amüsiert die Augenbrauen hoch.

"Ich glaube ernsthaft, daß ein Worgen zu werden Dir bereits mehrfach das Leben gerettet hat", sagte Sean und zog den Priester vom Findling. "Du hast jeden Tag eine andere Blessur, weil Du so damit beschäftigt bist, Dich selbst zu hassen oder über den Weltfrieden nachzudenken, daß Du einfach nicht siehst, wo du hinläufst."

Comgall erwiderte nichts, sondern stapfte mit gerunzelter Stirn los. Sean seufzte leise und schloß auf.

"Während es durchaus wichtig ist, über Frieden nachzudenken", versuchte Sean es mit Humor, "könntest du allerdings deinen Selbsthass unterlassen und so auf einen Schlag das Verletzungsrisiko um 50% senken."

Genervt blieb Comgall stehen und sah Sean mit einem "dein Ernst?"-Blick an, so daß dieser schnell hinzufügte: "Das ist meine ärztliche, wissenschaftlich begründbare Meinung, die sich auf eine Langzeitstudie stützt."

"Was für eine verdammte Langzeitstudie?!" fauchte Comgall, im Gesicht fast so rot wie im Schopf.

"Wir sind immerhin schon drei Jahre zusammen, Comy, und ich versichere dir, daß du dich vor allem dann verletzt, wenn Du so richtige Scheißlaune hast. Und die hast du meistens, wenn du dich unzulänglich fühlst - oder nicht Mensch genug." Er atmete tief durch. "Ich wünschte so sehr, du könntest einfach damit aufhören."

"Ich auch", murmelte Comgall undeutlich.

"Im Ernst?"

"Ja. Ich merke, daß es dich belastet." Comgall starrte blind auf einen Punkt an Seans Ellbogen. "Ich merke, daß ich dich belaste. Ich will das nicht. Ich wäre gern so unbeschwert wie du, und das letzte, was ich will, ist, deine Unbeschwertheit kaputtzumachen. Ich weiß nur nicht, wie."

Sean schüttelte den Kopf und zog den Freund an sich. "Mach dir mal um meine Laune keine Sorgen, Schatz. Ich habe dich immer genau so geliebt, wie du bist, und das wird sich auch nicht ändern." Jetzt erwiderte Comgall die Umarmung. "Die Frage ist", fuhr Sean fort, "wie wir hinkriegen, daß du dich damit abfindest, ein Worgen zu sein, auch wenn du es nicht permanent unter Kontrolle hast. Wie du dich damit abfindest, du selbst zu sein, auch wenn du bei weniger verträumten Menschen aneckst. Die Frage ist, wie kannst du dich durch meine Augen sehen?"

Sean sah seinem durchgeknallten Lieblingspriester mit dem Hauch eines Lächelns in die Augen. Gerade, als Comgall sich zusammennehmen und zurücklächeln wollte, krächzte es laut und ein Rabe schoß so dicht zwischen ihren Gesichtern vorbei, daß sie von den Flügeln gestreift wurden. Das Tier landete auf einem Holzpfosten neben dem Feld und starrte herausfordernd zwischen den beiden Männern hin und her.

"Ich habe von einem Raben geträumt", flüsterte Comgall und rieb sich unbewußt die verheilte Bisswunde an der Hand.

Sean schüttelte den Kopf. "Die Nacht, als du gefiebert hast, war dieser Rabe auch schon da. Er saß vor unserem Giebelfenster und hat dich beobachtet. Ich habe ihn erst bemerkt, als er mit dem Schnabel an die Scheibe geklopft hat, weil ich eingeschlafen war und du dir den Verband abgerissen hattest..."

Der Vogel krächzte noch einmal, dann hob er etwas schwerfällig ab und flog in Richtung Sturmwindsee davon. Die beiden Männer sahen ihm nach und gingen dann schweigend weiter zum Haupthaus.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Do 28. Nov 2019, 23:52

Feuerwerk! Von allen Dingen, die man zum Jahreswechsel in Sturmwind genießen konnte, war dies das einzige, daß Sean und er dieses Jahr vermutlich vermissen würden. Feuerwerk. Aber dort, wo sie hingingen (Rodeln in Dun Morogh) - der Knall der Explosion konnte Lawinen auslösen und würde Tiere aus dem Winterschlaf aufschrecken. Das kam also nicht in Frage.

Er grübelte. Ob es wohl leises Feuerwerk gab? Eine Sorte, die nur hübsch aussah, ohne alles im Umkreis einer Meile zu Tode zu erschrecken? Er mußte das in Erfahrung bringen! Entschlossen marschierte er los, stapfte quer über das Feld, die Straßen des Zwergenviertels entlang, über die Kanäle ins Magierviertel der Stadt. Dort betrat er das Geschäft für Feuerwerk und Konfettikanonen. Begeistert sah er sich die Beschreibungen zu den einzelnen Artikeln an. "Romantische Blüte, 4 Sekunden", stand da. Oder "Brüllender Löwe, 9 Sekunden, gold".

Als der Besitzer, Herr Singh, endlich Zeit für ihn hatte, brachte er mit größter Begeisterung seinen Wunsch vor. Darian Singh sah ihn ein paar lange Sekunden lang schweigend an.

"Ist Euch klar, was der Sinn von Feuerwerk ist?", fragte er dann gelangweilt-herablassend.

Comgall blinzelte etwas irritiert. "Naja, äh... Glitzer am Himmel?"

Singh legte die Fingerspitzen an die Schläfen und atmete betont langsam tief ein und wieder aus. "Glitzer am Himmel", wiederholte er. Dann öffnete er die Augen und bedachte Comgall mit dem Blick eines Mannes, der die Ehre seiner Schwester hier und jetzt zu verteidigen gedachte. "Feuerwerk", schnarrte er, "heißt FEUERwerk, weil es BRENNEN soll, und wo es BRENNT, da KNALLT es auch, die GEFAHR hinter der Schönheit ist es, die Feuerwerk zu etwas EINZIGARTIGEM macht, sonst könnte man auch EINEN SPRINGBRUNNEN ANSTARREN UND ES WASSERWERK NENNEN!"

In seinem heiligen Zorn hatte er sich so weit über den Verkaufstresen gebeugt, daß Comgall sich weit nach hinten beugen mußte, um nicht von Spucketröpfchen der Empörung benieselt zu werden. Einige Sekunden starrten Priester und Chemiker einander an.

"Na gut, dann..." setzte Comgall schließlich an und wandte sich zur Tür, als:
"Wunderkerzen, 80 Silber die mittlere Packungsgröße, 1 Gold 50 die große, drei große für 4 Gold." Darian Singh sah aus, als könne er selbst nicht glauben, daß er das gerade gesagt hatte. Folgerichtig setzte er nach: "Kinderkram."

Comgall, der oft genug kindisch genannt worden war, besonders in Situationen, in denen er sich absolut sicher war, eine gute und kluge Entscheidung getroffen zu haben, lächelte. "Wie groß ist groß?"

Singh zeigte in die Ecke, in der beinahe mannshohe, oberschenkeldicke Pakete in unauffälligem Packpapier standen.

Eine Minute später verließ Comgall beinahe hüpfend das Geschäft, in der Hosentasche 4 Goldstücke weniger und einen Lieferzettel mehr. Er summte glücklich vor sich hin und bemerkte das weinende Kind am Brunnen erst, als er bereits daran vorbeigegangen war. Er drehte sich um.

"Alles klar bei Dir?"

Das Mädchen schluchzte herzzerreißend und zeigte auf den Brunnen. Sie stammelte irgendwas von Durst, von ihrer besten Freundin namens Minchen, Finchen, Sabinchen oder etwas dergleichen und zeigte erneut auf den Brunnen. Comgall brauchte einige Minuten, um aus ihr herauszukriegen, daß das Kind seine Freundin zum Trinken in den Brunnen gelassen hatte und sie nun nicht wieder hochziehen konnte. Er besah sich den Brunnen. Das Seil war noch teilweise aufgewickelt, der Wassereimer jedoch nicht zu sehen. Er schüttelte den Kopf. Auf seine Frage hin, warum um alles in der Welt sie nicht einfach einen Erwachsenen um Wasser gebeten hatten - immerhin war ein Gasthaus in direkter Nähe! - weinte das Mädchen nur noch heftiger.

Also schwang er seine Beine über den Brunnenrand, ruckte zweimal kräftig am Seil - die Winde bewegte sich keinen Zentimeter - und drückte dem Kind ein altes, benutztes Taschentuch in die Hand.

"Jetzt hör mir gut zu", sagte er. "Du mußt zuerst deine Nase putzen. Dann wartest du hier, bis ich unten bin. Ich kann Deine Freundin bestimmt huckepack nehmen und wieder hochklettern. Falls aber nicht, werde ich zu Dir hochrufen, daß du Hilfe holen sollst. Und wenn ich das mache, dann rennst du ganz schnell durch die Stadt zum Zwergenviertel, weiter am See vorbei, über das Feld und zu dem großen Haus, wo die ganzen Priester wohnen, und dort sagst du Bescheid, daß Comgall hier Hilfe braucht. Hast du das verstanden? Wiederhol mal."

"Wenn du rufst, renne ich hinter den Zwergen zu dem Haus, wo viele Priester wohnen, und hole Hilfe für Comgall", wiederholte das Kind gefaßt. Comgall nickte zufrieden, zwinkerte ihr aufmunternd zu, schlang sich das Seil um einen Arm und glitt vom Brunnenrand.

Für einige Sekunden konnte er problemlos hinabklettern. Dann plötzlich löste sich irgendetwas an der Winde und haltlos schossen Seil und Priester abwärts. Ein halber, geschrieener Fluch wurde abrupt beendet, als sein Fall einige Meter über dem Boden endete und Comgall, durch den Ruck vom Seil rutschend, mit Wucht im schlammigen Boden am Grund des Brunnens landete. Vor ihm war im dämmerigen Licht eine blaue Stoffpuppe schwach erkennbar, die innerhalb von Sekunden von einer heranhuschenden Ratte gepackt und weggeschleppt wurde.

Comgall stöhnte. Er war nicht nur in den verdammten Brunnen gefallen. Es war auch noch total umsonst gewesen - die "Freundin" war, wie es schien, nur eine Puppe. "HALLOOOO?" schrie er in den glatten Schacht hinauf. "KANNST DU MICH HÖREN DA OBEN? LAUF LOS, LAUF ZU DEN PRIESTERN!" Keine Antwort.

Eine Stunde später, erschöpft von etlichen Sprüngen in Richtung des baumelnden Seils und vergeblichen Versuchen, eine glatte Mauer zu erklettern, war er sich absolut sicher, daß er hier nicht auf demselben hinauskäme, wie er hineingeraten war. Und daß Hilfe wohl noch auf sich warten lassen würde. Nun, vielleicht fände er ja noch einen anderen Ausgang - immerhin war dies ein Brunnen, und irgendwoher mußte ja das Wasser kommen.

Er stapfte los.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Mo 2. Dez 2019, 10:40

Es dauerte eine ganze Minute, bis ihm die Bedeutung seines letzten Gedankens so richtig klar wurde: „irgendwo mußte schließlich das Wasser herkommen“? Aber... welches Wasser? Der Boden war zwar schlammig, aber hier floss nichtmal ein Rinnsal, geschweige denn, dass Grundwasser zu sehen wäre.

Comgall tastete sich im kaum vorhandenen Dämmerlicht vorsichtig voran. Ein Hauch von Hellblau schien ab und an gerade am Rand seines Sichtfelds aufzuschimmern, als wolle die Ratte mit der Puppe ihn locken.

Nach wenigen Schritten ging der breite Brunnenschacht in einen offenen Raum über. Nichts war hier im schlechten Licht auf Anhieb erkennbar, doch der Geruch, der ihm aus dem Durchgang entgegenschlug, war eine so betäubende Mischung aus Exkrementen, Blut und Fäulnis, daß der Priester erstmal zurücktaumelte und in den Brunnenschacht kotzte. Nie in seinem Leben hatte er etwas Vergleichbares gerochen; nicht einmal in Gilneas während der Belagerung. Er holte langsam und vorsichtig Luft, hielt dann den Atem an und betrat den Raum erneut.

Die einzigen Geräusche hier waren neben seinen eigenen Schritten das leise Kratzen kleiner Tiere auf den Steinen und ein gelegentliches Tropfen von irgendwoher. Um nicht blindlings in irgendetwas Unangenehmes hineinzulaufen, tastete Comgall sich langsam an einer Wand entlang, immer darum bemüht, so flach wie möglich zu atmen. Seine Hände fuhren an Steinen und Fugen entlang, seine Füße gingen über unregelmäßige Flächen aus Stein und Lehm, bis er an der Wand etwas Vorstehendes berührte. Es war unbeweglich. Er tastete es ab - ein Ring. Ein eiserner Ring, der an der Wand befestigt war und groß genug, um bequem beide Hände nebeneinander hineinzulegen. Er war klebrig und schien festgerostet oder durch das klebrige Zeug unbeweglich geworden zu sein.

Comgall rümpfte die Nase und tastete sich voran.

Nischen fand er, Nischen in der Mauer, groß genug, um sich hineinzulegen - oder hineingelegt zu werden. Mehr Eisenringe. Ketten, ebenfalls an der Wand befestigt. War dies hier einst ein Kerker gewesen, bevor man in Sturmwind das Verlies gebaut hatte?

Plötzlich ein weiterer Durchgang, ein schmalerer Gang ohne sichtbares Ende - und eine weitere Gelegenheit, sich zu übergeben. Dieser Gestank war so intensiv, daß Comgall ihn wie einen entsetzlichen Belag auf der Zunge spüren konnte. Am gesamten Körper fühlte er seine Härchen sich aufstellen, ein Zittern ging durch Haut und Muskeln und das Adrenalin, das ihn durchströmte, schrie nach einer Verwandlung, doch er nahm sich mit aller Macht zusammen und blieb ein blasser, kotzender Mensch.

Als er sich aufrichtete, den Mund abwischte und den vor ihm liegenden Gang betrat, wünschte er sich nichts mehr als Licht und frische Luft. Der Boden unter ihm wurde schlüpfriger. Hier gab es kaum Steine; der reine, lehmige Erdboden lag unter seinen Füßen. Nach wenigen Schritten schien der Boden leicht anzusteigen, der Priester lief schneller - und stieß prompt gegen etwas Hartes, Stacheliges. Er grunzte schmerzerfüllt, die Zähne wegen des Gestanks noch immer fest zusammenbeißend, dann tastete er nachdem, was vor ihm lag.

Es schien ein Gewächs zu sein. Oberschenkeldicke Ranken wanden sich durch den Gang, bestückt mit Dornen, die von winzig bis unterarmlang jede Größe erreichten.

Gut, dachte er. Wo etwas wuchs, gab es Wasser, Licht und Luft, auch wenn das momentan sehr weit weg schien. Er mußte sich an der Pflanze entlang an die Oberfläche tasten.

Die ersten Meter gingen recht gut. Comgall hatte Platz, sich an den vorstehenden Dornen vorbeizuschieben. Das lauter werdende Trippeln kleiner Pfoten ignorierte er zunächst, doch als die ersten Ratten seine Knöchel berührten, zuckte er doch nervös zusammen. Dann versuchte er sich einzureden, daß Ratten ein gutes Zeichen seien - schließlich waren sie Überlebenskünstler, wenn also jemand den Ausgang fand, dann sicher die Ratten.

Doch bald schon wurde es eng für ihn, im wahrsten Sinne des Wortes: während die Ranken sich ausbreiteten, wurden die Wände des Ganges schmaler. Comgall kam der Gedanke, daß ein Ausgang, der für eine Ratte hinreichend groß war, nicht zwangsläufig seine eigene Rettung sein mußte, doch er verdrängte die wachsende Panik, hier nie wieder herauszukommen, mit Macht.

Dichter und dichter wuchs das Dornengestrüpp, und immer weniger hatte er dem entgegenzusetzen. Er trug nicht einmal ein Taschenmesser bei sich und die dicken Zweige ließen sich auch bei größter Kraftanstrengung kaum beiseite schieben.

Völlig zerkratzt, mit irreparabel zerrissenen Kleidern und am ganzen Körper blutend hielt er schließlich schräg hängend im Gestrüpp inne und ein Schrei reinster Wut und Frustration löste sich aus seiner Kehle.

Er konnte nicht vor und nicht zurück. Er hing fest, ohne Option.

Ohne Option? Comgall schloß die Augen. Eine Möglichkeit gab es noch. Er hatte das noch nie getan. Er hatte das auch niemals tun wollen. Er haßte das Gefühl und alles, was damit zusammenhing. Doch nun hing vielleicht sein Leben davon ab - und seine Restwürde. Er stellte sich vor, wie der Herold auf dem Marktplatz in Sturmwind schrie „PRIESTER IN BRUNNEN GEFALLEN - BRUDERSCHAFT VERZICHTET AUF GEDENKFEIER WEGEN PEINLICHKEIT“. Nein. Er dachte kurz nach - als Worgen war er deutlich größer als als Mann, doch er war auch stärker, wendiger und hatte scharfe Krallen und Zähne. Waffen gegen Ranken.

Er atmete langsam aus, dann öffnete er die Augen und tat, was er noch nie getan hatte. Freiwillig, bei vollem Bewußtsein und völlig ruhig entschied er sich zur Wandlung. Er wurde zu dem, was er an sich selbst immer am meisten verabscheut hatte und am wenigsten kontrollieren konnte. Er wurde zum Worgen.

Als die Verwandlung abgeschlossen war, stellte Comgall als allererstes fest, daß sich ihm auch als Worgen der Magen umdrehen konnte. Er hatte nicht im Geringsten bedacht, was der ohnehin schon kaum erträgliche Gestank mit seinem nun noch viel empfindlicheren Geruchssinn tun würde. Er kotzte und stöhnte, als sei er vergiftet worden, bis die reine Galle hochkam und seinem Körper einfach die Kraft ausging, sich noch weiter zu übergeben. Dann hing er eine Minute hechelnd im Gestrüpp, bevor er sich, soweit es ging, zusammennahm.

Jetzt oder nie, sagte er sich. Das ist meine letzte Chance. Ich muß es einfach hier raus schaffen. Ich MUSS.

Er begann, zu reißen und zu beißen.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Mi 4. Dez 2019, 01:26

Er kam voran. Bestimmt eine halbe Stunde lang schaffte er es, sich langsam, aber stetig voranzuarbeiten. Er verlor jede Menge Fell an seinen klammernden Gegner, die Dornen stachen praktisch überall in seinen Körper, selbst in die Zunge, wenn er sich irgendwo durchbeißen mußte, doch er kam voran.

Bis er nicht mehr vorankam.

Mit von dem unerträglichen Gestank dröhnenden Kopfschmerzen und völlig erschöpften Muskeln blieb er irgendwann einfach schlaff im Gestrüpp hängen und verwandte seine letzten Kräfte darauf, nicht das Bewußtsein zu verlieren. Hinter ihm lag die schmale Schneise, die er gerissen hatte, die jedoch nur zurück in den ausweglosen Gruselkeller führte. Vor ihm ging es bergauf und scheinbar hinaus, doch es gab kein Durchkommen. Irgendwo in der Ferne hörte er ein Krächzen. Er wünschte sich einen Magier her, der einfach alles wegbrennen könnte. Oder sogar einen dieser kleinen, irren Gnomentüftler mit ihrem explodierenden Zeug. Irgendjemanden, irgendetwas, das...

Zwei winzige Punkte glommen vor ihm auf. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, leiser zu atmen. Die Punkte verschwanden, es trippelte und raschelte, dann wieder Dunkelheit und Stille. Comgall schüttelte benommen den Kopf und schloß die Augen. Wahrscheinlich begann sein von dem Gestank überlastetes Gehirn jetzt zu halluzinieren.

Da es sonst nichts zu tun gab, begann er, eine alte Melodie zu summen, die er aus seiner Kindheit in den Hügellanden kannte. Ein einfaches Küchenlied aus unbeschwerten Zeiten. Nach zwei Tönen brach er ab, weil er sich vor seiner eigenen Stimme erschreckte - so tief, so heiser und vor allem so fremd klang er als Worgen. Dann begann er wieder, den Text undeutlich nuschelnd.

Wnner Topfaba nunnoch hat, mmmhmmeinrich, mmmhmmeinrich,
Wenner hmmhmmhmmhmmhm Loch hat, hmmm hmm Heinrich, was dann?


„Ja, was dann, Heinrich?“ grollte er, seine Lage überdenkend. Er konnte seine Beine bewegen, was ihm nicht viel nutzte, denn der linke Arm war völlig eingeklemmt, vom rechten nur die Hand beweglich und den Kopf hatte er so weit es ging eingezogen, um sich keine Dornen in die Augen zu treiben. Er versuchte, den rechten Arm freizubekommen, was ihm nicht gelang. Er knurrte leise und gefährlich, als in ihm der Drang stärker wurde, wie ein wildes Tier alles Nötige zu opfern, um sich die Freiheit wieder zu erkämpfen - zur Not auch beide Arme. Doch natürlich würde er sich ohne Arme gar nichts mehr erkämpfen, wandte die kleine vernünftige Stimme in seinem Kopf ein. Er würde einfach verbluten.

PRIESTER IN BRUNNEN GEFALLEN - STIRBT KURZ VOR RETTUNG DURCH SELBSTMORD - BRUDERSCHAFT BEHAUPTET DEN MANN NIE GEKANNT ZU HABEN

Comgall seufzte - dieser imaginäre Herold nervte.

Plötzlich Trippeln. Rascheln. Und wieder kaum wahrnehmbar glimmende Punkte, dort, ganz in seiner Nähe. Comgalls völlig überlasteten Sinne versuchten, unter dem Gestank etwas wahrzunehmen. Er schnüffelte, bereute es sofort, als sein Kopf beinahe explodierte, doch er hatte etwas wahrgenommen.

Ratten. Viele Ratten. Er strengte seinen Augen an, um mehr zu erkennen.

Da, direkt vor ihm, saß ein mittelgroßes Exemplar auf einer Ranke, umgeben von Artgenossen aller Farben und Größen. Die Ratte vor ihm betrachtete ihn abwarten, mit einem fast intelligenten Blick. Comgall lachte leise, ein nervöses, heiseres Geräusch. Was sollte er nun tun? Rattenfutter werden und es bewußt miterleben war wahrhaftig nicht der Tod, den er sich vorgestellt hatte, selbst in dieser stinkenden Hölle hier.

Da ihm nichts einfiel, um eine Schar hungriger Ratten zu beruhigen, tat er das, was ihn selbst beruhigte: er begann wieder zu singen.

Mach ihn ganz, dumme dumme Liese, dumme Liese, dumme Liese,
Mach ihn ganz, dumme dumme Liese, dumme Liese, mach ihn ganz!


Comgall sah der Chefratte beim Singen direkt in die Augen.

Womit soll ich ihn denn aber ganz machen, lieber Heinrich, lieber Heinrich,
Womit soll ich ihn denn aber ganz machen, lieber Heinrich, womit?


Er bewegte vorsichtig die freie, rechte Hand auf die Ratte zu und streckte auf halbem Weg zwischen ihrem Kopf und seinem eigenen einen Finger aus, damit das Tier schnüffeln konnte. Obwohl, dachte er, wahrscheinlich stank er ohnehin bis zum Himmel nach all der Kotzerei - womöglich übergab sich die Ratte auf seinen Finger, wenn er ihr zu nahe kam.

Mit nem Stein, dumme dumme Liese, dumme Liese, dumme Liese,
Mit nem Stein, dumme dumme Liese, dumme Liese, mit nem Stein!


„Ist das nicht gemein?“, murmelte Comgall leise, den Blick immer noch gerade auf die Ratte gerichtet. „Heinrich, der faule Sack, schickt die Liese los, alles für ihn zu erledigen, und dann muß sie sich auch noch von ihm als die Dumme beschimpfen lassen. Das ist doch nicht in Ordnung, oder was sagst du dazu?“

Die Ratte legte den Kopf ein wenig zur Seite, als höre sie zu. Dann trippelte sie näher, schnüffelte an Comgalls Finger, setzte sich auf die Hinterpfoten und sah ihn erwartungsvoll an. Er lächelte.

„Weißt du, wir sind alle nur Tiere, oder? Die Menschen tun nur so, als wären sie was anderes. Was Höheres. Aber in Not sind wir immer mehr Tier als Mensch. In Not brauchen wir Euch. Wie ist es - kennt du und deine Rattenfamilie einen Weg hier raus? Einen, der groß gen...“

Mit fast unhörbarem Quietschen und Trippeln verschwanden plötzlich alle Ratten irgendwohin, er sah nicht, wohin. „VERDAMMT!“, fluchte er. Dann hörte er das Geräusch. Eine Mischung aus Hacken und Stampfen. Schritte. Dann eine Stimme.

„Hallo?“, rief jemand ziemlich nah hinter ihm. Er versuchte erfolglos, den Kopf zu wenden. „Hier!“, antwortete er stattdessen.

Die Stimme war nun direkt an seinen Füßen. „Was macht Ihr denn da?“

„Oh“, erwiderte Comgall erleichtert. Er hatte kein gutes Gedächtnis für Namen und Gesichter, aber an Stimmen erinnerte er sich immer. „Ihr seid es! Die Frau vom Waisenhaus! Ich, äh, nun ja, ich stecke hier fest. Ich habe nach einem Ausweg gesucht.“ Dann fiel ihm ein, daß er selbst in Menschengestalt derzeit kaum zu erkennen wäre, weil er mit dem Gesicht voran in Gestrüpp steckte, und setzte nach: „Ich bin Comgall.“

„Alles klar“, sagte die Stimme, „stillhalten!“. Comgall hielt still und Vergilian bemühte sich nach Kräften, die Dornenranken eine nach der anderen zu lösen. Sobald sein rechter Arm frei war, half er mit, so gut es ging.

„Wie seid Ihr hier reingeraten?“ fragte sie.
„Bin in einen Brunnen gefallen“, murmelte Comgall peinlich berührt. „Und Ihr?“
„Durch die Kanalisation“, erwiderte sie, als sei das das Normalste der Welt. Comgall fragte lieber nicht nach.
„Und nun?“, schnaufte er, als er wieder frei war. „Kennt Ihr einen Weg hinaus?“
„Ich weiß nur, daß es dort, wo ich reingekommen bin, nicht wieder raus geht“, sagte sie achselzuckend, „also versuchen wir mal, hier weiterzukommen. Ich bin klein und habe ein Schwert, ich gehe voran.“

Gesagt, getan. Sie hackten, rissen und - in Comgalls Fall - bissen sich den Weg frei, bis sie nach einer scheinbar unendlichen, schweißtreibenden Zeit endlich das obere Ende des Gangs erreichten. Die Ranken hörten hier auf, ein weiterer Durchgang in einen dunklen Raum lag vor ihnen, und dieser war eindeutig die Quelle des Gestanks. Comgall stöhnte gequält. Dann fiel sein Blick auf etwas blau schimmerndes im Eingang des Raums.

Da lag die Puppe. Das blöde Ding, für das er diese ganze Tortur hier durch machte. Und er mochte keine Puppen. Er griff angewidert nach der Puppe und stopfte sie sich umstandslos in die Hosentasche. „Weiter“, knurrte er dann, ungeduldig, diesen Ort hinter sich zu lassen.

Sie betraten die dunkle Kammer. Der Gestank raubte ihm fast die Sinne - sein Kopf dröhnte so schlimm, daß Comgall beinahe keine Außengeräusche mehr wahrnahm. Es flackerte vor seinen Augen und ein weiteres Mal drehte sich ihm der Magen um. Hingebungsvoll kotzte er Vergilian vor die Füße, die angeekelt einen Bogen um ihn machte und weiter in den Raum ging.

Langsam und vorsichtig schritten sie voran. Ein Tisch tauchte aus dem Dunkel auf, und auf dem Tisch lag - ein Bein. Ein Worgenbein, vollständig von der Hüfte bis zum kleinen Zeh.

„Beim Licht“, flüsterte Comgall entsetzt und stolperte vorbei, wohingegen Vergilian das Bein ruhig und ausgiebig begutachtete.

Wenige Schritte weiter fanden sie einige verschlossene Fässer. Sie betrachteten sie einige Sekunden ratlos, dann beugte Comgall sich darüber, um den Inhalt eventuell zu erschnüffeln, doch -

„Seid Ihr wahnsinnig?!“ fauchte Vergilian und riß ihn grob an der Schulter zurück. Verständnislos starrte er sie an. Sie fragte: „In dieser Gestalt seid Ihr wohl nicht häufig unterwegs?“ Comgall schüttelte den Kopf. „Und an solchen Orten auch nicht?“, fügte sie hinzu, und er verneinte erneut. Sie machte ein Gesicht, als habe ihr das gerade noch gefehlt; dann erklärte sie: „Niemals an unheimlichen Orten an verschlossenen Fässern schnüffeln! Da hätte weiß-das-Licht-was drin sein können, sogar die Seuche, und Ihr hättet Euch das Zeug direkt ins Gehirn gesogen.“ Sie betrachtete die Fässer, dann sah sie zurück zu dem abgetrennten Bein. „Könnte ein Worgen-Bausatz drin sein“, sagte sie leidenschaftslos und ging daran vorbei.

Comgall erschauerte entsetzt und eilte ihr nach, als etwas Feuchtes von oben herabtropfte und ihn am Hals traf. Er sah auf. Da baumelten... Schinken. Ja, gewiss waren es Schinken. Ganz bestimmt. Er beeilte sich, davon wegzukommen und lief tiefer in den Raum hinein.

In der gegenüberliegenden Wand sahen sie ein Gitter, durch das es blass schimmerte. Sie traten heran und Vergilian sog scharf die Luft ein, als sie hindurchsah.

„Was ist?“, fragte Comgall und sah an ihr vorbei. Nichts Spektakuläres war dort, nur eine Löwenstatue. Sie sah einem Sturmwinder Löwen sehr ähnlich, fand er. Der Priester sah von seiner Begleiterin zum Löwen und zurück. Vergilian schien plötzlich völlig geistesabwesend zu sein und murmelte, sie habe von einem Löwen geträumt, ja, von genau so einem Löwen, und dann begann sie, am Gitter zu rütteln. Comgall versuchte, ihr zu helfen, doch das verdammte Ding saß fest wie die Knochen Azeroths selbst.

„Ich habe neulich von einem Raben geträumt“, bemühte Comgall sich, die kleine Frau wieder ins Hier und Jetzt zurückzuholen.
„M-hmmm“, machte sie. „Hat der auch mit Euch gesprochen?“
„Gesprochen? Nein. Er ist mir nur auf der Suche nach etwas vorangeflogen...“
In diesem Moment krächzte es wieder, diesmal etwas lauter.
„Ah“, machte Vergilian mäßig interessiert. Sie starrte wieder durch das Gitter.
„Mist“, sagte sie schließlich. „Wir müssen einen anderen Weg suchen.“

Sie sahen sich um. Auf einem Steinpodest unweit des Gitters fanden sie einige seltsame Löcher. Sie sahen aus wie halbrunde Einkerbungen. Vergilian streckte nachdenklich ihre Finger darüber aus. „Womöglich ist das der Schließmechanismus?“ fragte sie sich scheinbar selbst und senkte die Hand.

„Halt, Moment, Ihr solltet nicht -“ versuchte Comgall sie zurückzuhalten, doch zu spät: ihre Finger paßten genau in die fünf Mulden, und sie drückte leicht zu. Mit einem Rasseln verschwand das Gitter und anstelle des dunklen Raums dahinter sahen sie ein Tal, düster und steinig, fast eine Schlucht - und im Bruchteil einer Sekunde war das Bild wieder verschwunden und ein kleiner, dunkler Raum mit einer Löwenstatue trat an seine Stelle.

Verwirrt binzelnd sahen die beiden einander an. „Habt Ihr das auch gesehen?“ fragte Comgall.
„Eine Landschaft?“ fragte Vergilian zurück und beide nickten. Der Priester trat vor und sah durch das Loch, in dem das Gitter gesteckt hatte, in den Raum. Dieser war verhältnismäßig klein und hatte definitiv keinen sichtbaren Ausgang. Jedoch:
„Hier!“ rief Vergilian hinter ihm. Eine Treppe war an der Wand aufgetaucht, offenbar, als das Gitter verschwunden war.

Aus Mangel an Optionen entschieden beide, daß ‚aufwärts‘ eine gute Richtung war.

Die Treppe führte nur eine kurze Strecke aufwärts und endete vor einem kleinen Podest, auf dem sich ein steinerner Altar befand. Zur Hälfte abgebrannte Kerzen standen darauf, ein paar Wachsreste waren auf den Stein getropft und am Fuß des Altars lag eine Krähenfeder.

Comgall bemühte sich, in seiner Vorstellung die Entsetzlichkeiten der tieferen Stockwerke mit dem Vorhandensein eines Altars in Übereinstimmung zu bringen, und schauderte.

„Was ist?“, fragte Vergilian.

Er deutete vage auf den Altar, dann die Treppe hinunter. „Jemand muß all dies aus rituellen Gründen getan haben. Niemand baut aus purer Grausamkeit einen so schweren Altar irgendwohin und besorgt dann noch Kerzen. Es muß für einen furchtbaren ‚höheren‘ Zweck gedient haben. Wir müssen hier ganz dringend raus. Und dann müssen wir mit Verstärkung zurückkommen und hier gründlich aufräumen.“ Er sah noch einmal angewidert um sich und ergänzte: „Mit viel Verstärkung.“

„Ein Luftzug“, sagte Vergilian und hielt zur Kontrolle eine Hand hoch. Comgall spürte es auch. Gleichzeitig liefen sie los, einem lehmigen Gang folgend, der heller und heller wurde, gleichzeitig auch immer feuchter, schließlich nass, bis sie taumelnd durch einen flachen Bach über einige große Steine kletterten und endlich, endlich wieder Tageslicht sahen - einen blassen Sonnenuntergang über dem großen Meer.

Sie standen bis über die Knöchel in frischem, klarem Wasser, welches direkt aus dem Berg zu entspringen schien, dem sie gerade entkommen waren, und das nur einige Meter in einem flachen Bachbett vor sich hin plätscherte, bevor es sich in einem zarten Wasserfall ins Meer ergoss. Erschöpft sanken sie am Bachufer ins Gras. Während Vergilian immer noch leicht geistesabwesend wirkte, seit sie den Löwen gesehen hatte, fühlte Comgall sich von einer regelrechten Welle der Dankbarkeit und des Glücks durchströmt.

Nachdem sie einige Minuten schweigend damit zugebracht hatten, einfach wieder zu Atem zu kommen, sah Vergilian den Priester von der Seite an. „Ihr solltet öfter in dieser Gestalt trainieren“, sagte sie. „Dann passieren Euch nicht so viele Dummheiten wie Schnüffeln an fremden Fässern. Den Tatzen gehören einige von Eurer Sorte an; Ihr könnt Euch an uns wenden, wenn Ihr Rat braucht.“

Comgall sah lange stumm über das Meer mit seinem blassrosa Abendhorizont. Sean hatte ihm genau dasselbe gepredigt, praktisch so lange er ihn kannte, und Comgall hatte immer unwirsch abgelehnt.
„Ich habe diese Gestalt bis heute stets aktiv zu verdrängen versucht“, antwortete er schließlich. „Aber ich denke, Ihr habt Recht.“ Er nahm einen tiefen Atemzug der salzigen Meerluft, die er so liebte, und die sich hier mit seinem anderen Lieblingsduft nach frischem Gras vermengte. Als Worgen nahm er auch dies intensiver wahr.

Mit Bedacht auf seine eigene, tief grollende Stimme lauschend, wiederholte er: „Ich denke, Ihr habt Recht.“
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Fr 6. Dez 2019, 14:36

Er schlürfte einen winzigen Schluck von dem noch fast kochend heißen Getränk. Dann zog er beide Knie an die Brust, schlang die Arme darum, schloß beide Hände um den dicken Becher und schloß die Augen. Minutenlang blieb er in dieser Haltung in der Ecke seines Bettes sitzen, an ein großes Kissen gelehnt, reglos.
Er atmete langsam ein und aus.
Ein - der süße Duft der heißen Schokolade stieg ihm tröstlich in die Nase.
Aus - er pustete sanf über den Becher.
Ein - hmmm, dieser Duft.
Aus - fffhhhhhuuuu.
Ein.
Aus.
Die Geräusche eines typischen Vormittags in der Bruderschaft des Lichts drangen durch die Stallwände zu ihm herauf: knapp gerufene Befehle vom Kampftraining, ein fröhlicher Gruß, das Schnauben eines angepflockten Pferds. Das Krächzen eines Raben.

Das Krächzen eines Raben...

Comgall öffnete die Augen.

Sehr spät am Abend jenes Tages, als er in den Brunnen gefallen war, es war bereits nach Mitternacht, hatte er das Gelände der Bruderschaft wieder erreicht. Beinahe gleichzeitig waren ihm Sean und der Abt entgegengekommen, letzterer zuerst.
„Was im Namen des Lichtes ist passiert?“ hatte Aedan gefragt und Comgall von Kopf bis Fuß gemustert. „Wie siehst du nur aus?!“
Comgall hatte an sich hinuntergeblickt und erst in diesem Moment begriffen, daß er nach wie vor in Worgengestalt herumlief. In aller Öffentlichkeit. Außerdem in Kleidern, die irreparabel zerrissen waren, sowie mit über den gesamten Körper verteilten blutenden Wunden und kahlen Stellen im Fell. Er hatte anstelle einer adäquaten Erklärung nur ein leises Winseln hören lassen und ein wenig hilflos mit den Schultern gezuckt.
„Du bist wieder hier, das reicht vorerst; erklär uns den Rest später“, hatte Sean ihn pragmatisch angewiesen, nach seiner Hand... nach seiner Pfote gegriffen und ihn mit sich gezogen.


Heute, einige Tage später, war er sauber, seine Wunden versorgt und schon so gut wie verheilt, und würde er jetzt die Gestalt wechseln, wäre vermutlich auch sein Fell nicht mehr lückenhaft, nahm er an. Außerdem war es ein kalter, aber sonniger Tag, und mit einer Tasse Kakao in der Hand sah das Leben grundsätzlich ein wenig besser aus.

Er blinzelte gegen das hereinfallende Licht, als er ein Klopfen am Fenster hörte. Auf dem Dachvorsprung saß ein Rabe, krächzte und sah ihn herausfordernd an.
Comgall sah den Raben an. Der Rabe sah Comgall an. Comgall legte leicht den Kopf nach rechts. Der Rabe tat es ihm nach. Comgall legte sich, das Gesicht weiterhin dem Vogel zugewandt, auf den Bauch, und trank seinen Kakao aus. Der Rabe starrte weiterhin zum Priester hinein und senkte langsam den Kopf, bis der Schnabel den Boden berührte. „Ha“, machte Comgall und setzte sich auf die Bettkante. Der Rabe hob ebenfalls den Kopf und pochte ein weiteres Mal gegen die Scheibe. „Hmm“, brummte Comgall. Schließlich erhob er sich, ging langsam zum Fenster und entriegelte es.

Kaum hatte er es eine Handbreit aufgeschoben, schob der große, schwarze Vogel sich ins Zimmer, plusterte sich ein wenig auf, flatterte auf das Bett und stolzierte von dort aus einmal im gesamten Zimmer herum.

„Was suchst du denn?“, fragte Comgall.
„Krärks“, sagte der Vogel und flog auf die einfache Kommode in der Ecke.
„Ich muß das Fenster wieder schließen“, sagte Comgall etwas unschlüssig. „Wird sonst kalt.“
„Ä!“ machte der Rabe und blieb, wo er war.

Comgall zuckte die Achseln und schloß das Fenster. „Klopf einfach an die Scheibe, wenn du raus willst“, sagte er. „Hat ja beim Reinkommen auch geklappt.“
Dann griff er sich einen warmen Pullover, zog sein einziges und schon sehr abgetragenes Paar Stiefel an und verließ den Raum.

„Genug versteckt“, murmelte er für sich und rief dann über die Schulter: „Ich lass‘ die Zimmertür auf, dann kannst du auch hier runter fliegen, wenn du raus willst. Und nicht auf‘s Bett kacken, verstanden?“

Dann trat er vor die Tür, atmete einmal tief die kühle Luft ein und ging mit entschlossenen Schritten auf das Haupthaus zu. Er mußte mit Aedan sprechen.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Di 10. Dez 2019, 00:54

Comgall war sehr zufrieden mit sich. Anders als befürchtet hatte Aedan sein Anliegen nicht nur nicht abgelehnt, sondern im Gegenteil: als Comgall gebeten hatte, eine Auszeit vom Alltagsdienst in der Bruderschaft zu erhalten, und als er erklärt hatte, wozu er diese Auszeit nutzen wollte, hatte sein Abt regelrecht erfreut gewirkt. Aedan hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, Comgall eine Minute schweigend gemustert und dann gesagt:

„Es wird tatsächlich Zeit, daß du endlich mal zu dir findest und lernst, zu dir zu stehen. Wenn du dafür Hilfe von anderswo möchtest, habe ich nichts dagegen. Derzeit sind wir jedoch alle in einer Ausnahmesituation, einige mehr als andere. Ich selbst und Bruder Wulfric werden demnächst für einige Zeit Sturmwind verlassen...“

Und er begann, über die Horde zu sprechen. Über den Aufstand, über seine eigenen Verbindungen zu einigen Elfen. Über Notwendigkeiten und Einmischungen, über Krieg.
Anfangs war Comgall restlos verwirrt - der Abt sprach mit ihm über so etwas? Mit ihm, Comgall? Warum?

Als der Abt eine Pause einlegte und diese sich in die Länge zog, begriff Comgall, daß seine Meinung gefragt war. Er räusperte sich. „Ich halte sie für vollkommen wahnsinnig. Sylvanas. Sie führt die Völker der Horde nicht an, sie benutzt sie. Und ich habe Angst davor, daß sie Erfolg haben und eines Tages jedes Lebewesen in ganz Azeroth nach ihrem Gutdünken benutzen könnte, zu jedwedem Zweck, der ihr einfällt.“

Aedan nickte leicht. „Diese Befürchtung haben auch Teile der Horde.“ Er unterbrach sich für eine weitere kurze Denkpause. Dann fuhr er fort: „Comgall, wenn du gerade nicht von einem Furz in deinem Hirn abgelenkt bist, steckt in dir womöglich ein erstklassiger Diplomat.“ Er würgte Comgalls entgeisterten Protest mit einer knappen Handbewegung ab. „Doch, das meine ich ernst. Eine deiner besseren Eigenschaften ist es, jeden, der dir begegnet, genau so zu nehmen, wie er ist, und von niemandem schlecht zu denken, nur weil er anders ist als du. Das ist wertvoller, als du vielleicht begreifst; immerhin benutzt du dieses Talent bisher nur dazu, neue Freunde in Wirtshäusern zu finden. In der Politik jedoch führen Menschen wie du Verhandlungen.“

Comgall rümpfte die Nase. Politik. Da mußte man höflich und tip-top gekleidet sein und den dritten Vornamen der verstorbenen Urgroßtante des Cousins der Schwägerin des Heerführers kennen - so zumindest stellte er es sich vor.

Aedan sah Comgall einige Sekunden beim Denken zu, dann nickte er. „Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Es ist zu früh für dich und die Lage zu brisant für Fehler. Nun, vergiss einfach, was ich gesagt habe, und kümmere dich erstmal um dieses Worgentraining. Knüpf Kontakte, bau ein bißchen Selbstbewusstsein auf.“

Er hatte sich schon beim Sprechen von seinem Schreibtisch erhoben und begleitete Comgall zur Tür.

„Oh, und da ich gerade hier zu tun habe: wärst du so freundlich, für mich zum Hafen zu laufen und für Bruder Wulfric und mich die Schiffspassagen nach Theramore zu buchen? Für morgen, bitte. Ich danke dir.“

Er drückte Comgall ein kleines Säckchen in die Hand und schloß die Tür hinter ihm.

Nun ging der Priester beschwingten Schrittes durch die Stadt. Das Säckchen klimperte leise bei jedem Schritt. Morgen, dachte er, morgen würde er Vergilian suchen und ihr Angebot in Anspruch nehmen. Bei uns gibt es einige wie dich, hatte sie gesagt. Falls du Hilfe brauchst, komm vorbei.

Vielleicht würde er auch gleich zum Waisenhaus gehen, wenn er vom Hafen wiederkäme, vielleicht wäre sie ja da, vielleicht hätte er morgen schon einen Trainer für wie-man-ein-richtiger-Worgen-ist-Unterricht. Ja, er war sehr zufrieden mit sich. Alles würde besser werden.

Voller Optimismus hüpfte er beschwingt die Stufen zum Hafen hinunter und suchte den richtigen Pier. Ein Schiff lag gerade vor Anker, mehrere kräftige Personen waren damit beschäftigt, es zu beladen - viel Ladung schien jedoch nicht mehr übrig zu sein, nur einige private Seesäcke und ein Vogelkäfig. Da der Piermeister gerade nicht aufzufinden war, schlüpfte Comgall über eine schmale Planke auf das Oberdeck und sprach eine Matrosin an. Sie verwies ihn an die Kapitänin, der er unter Deck in die Kapitänskajüte folgte. Er löste das Gold aus Aedans Börse gegen zwei Passagierscheine ein, dann eilte die Kapitänin wieder auf Deck und Comgall schlenderte ihr gemächlich hinterher.

Er mochte die Geschäftigkeit des Hafens, er mochte die Aufbruchstimmung hier, er mochte diese ganz eigene kleine Welt eines Schiffes, dieses Miteinander, das es genau so nur hier geben konnte. Er mochte die niedrigen Räume und dicken Planken, das Knattern der Segel, den Duft nach Salzwasser und das langsame Schaukeln des großen Schiffes in den Wellen. Er lächelte glücklich, als er neugierig den Kopf in die Kombüse steckte und ein paar Sätze mit dem Koch wechselte, er machte „Hui!“, als ein kräftigeres Schaukeln ihn auf der Treppe zum Oberdeck stolpern ließ.

Dann trat er auf das Deck.

„Oh Scheiße“, entfuhr es ihm höchst undiplomatisch, als er die Silhouette Sturmwinds in der Ferne verschwinden sah.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Do 12. Dez 2019, 20:28

BRIEF AN COMGALL
(hastig auf die Rückseite einer alten Inventarliste gekritzelt)

Mein Comgall,

BIST DU VÖLLIG WAHNSINNIG? Der Dockmeister hat uns einen Boten schicken lassen, als er bemerkte, dass Du nicht vom Schiff kamst, bevor es ablegte. Aedan war außer sich! Vermutlich wird er Dich in Grund und Boden schreien, aber er nimmt dennoch ein paar Dinge für Dich mit, die ich eben gepackt habe. Benutz den verdammten Kampfstab, versprich es mir, wenn irgendein Troll Dir dämlich kommt. Ich brauche Dich hier noch und erwarte, dass Du heil zu mir zurückkommst!

Ich vertraue auf Deine Vorsicht und Umsicht.

Immer Dein
Sean
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Fr 13. Dez 2019, 00:28

BRIEF AN SEAN
(das Pergament ist nicht nur schmutzig, sondern auch irgendwie klebrig)

Sean,

ich weiß, als Du mir wieder und wieder gesagt hast, ich solle aufhören, mich im Alltag der Bruderschaft zu verstecken, hast Du nicht gemeint, daß ich plötzlich in den Krieg ziehe - und das hatte ich auch weiß Licht nicht vor. Doch als ich in Theramore gelandet bin, habe ich mich gefragt, ob das nicht Fügung war. Ob das Licht mich nicht aus meinem Schutzraum getrieben hat, ob es nicht so gewollt ist. Ich bin immer noch halb taub von Aedans Standpauke. Danke für die Sachen! Ja, ich verspreche, ich werde den Stock benutzen, wenn es nötig wird - aus Mangel an Nützlichkeit wurde ich jedoch vorerst den Heilern zugeteilt und hoffe, für Trolle uninteressant zu sein.
Da heute unsere Anführer Zeit brauchten, sich zu bereden, haben wir anderen uns zu einem anderen Weg aufgemacht. Ich möchte nicht weiter ins Detail gehen, aber ich schwöre: Spinnen sind der lebendige Beweis dafür, daß man gleichzeitig flauschig und widerlich sein kann. Ich habe immer noch klebrigen Glitzerschleim im Fell. Ich habe jetzt weniger Angst vor Geistern und mehr vor Spinnen, aber keine Angst, es geht uns allen gut.

Ich werde mich bei Dir melden, so oft ich kann.

Immer Dein

Comgall

P.S.: Ich habe einen riesigen Worgen kennengelernt. Riesig, wirklich. Und er war sehr hilfsbereit.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » So 15. Dez 2019, 00:43

BRIEF AN SEAN
(das Pergament ist sauber bis auf einige kleine Fettflecken, die nach Gemüseauflauf riechen)

Sean, mein Herz,

Ich wünschte so sehr, Du wärst hier.
Die Beratungen unserer Anführer dauern an; in der Zwischenzeit lernen wir anderen einander nach und nach kennen, kochen und jagen und helfen im Lager, wo es nötig ist.

Hier sind Leerenelfen! Sie wirken ein wenig irre, aber man kann sich ihnen nicht entziehen - auf eine gute Art. Auf eine Bruder-Piers-Art, was vermutlich daran liegt, dass sie mit ihm verwandt sind, zumindest zwei von ihnen (ein Geschwisterpaar).

Auch Vergilian ist hier und mit ihr einige der Tatzen. Der riesige Worgen, von dem ich Dir schrieb, ist einer von ihnen. Ich habe ihn angesprochen, obwohl ich mir reichlich albern dabei vorkam, und er hat nicht nur zugestimmt, mit mir zu trainieren - er hat auch direkt damit angefangen. Allerdings auf ganz andere Art, als ich erwartet habe. Ich mußte gar nicht kämpfen, ich mußte nur vergleichen und wahrnehmen, wie sich die Dinge als Worgen anfühlen, wie meine Sinne funktionieren, und ich sehe Dich jetzt vor mir, wie Du lächelst und dabei den Kopf schüttelst... ja, ich weiß, ich hätte das alles schon damals in Teldrassil haben können, als Du Dich mit Begeisterung in einen ganz ähnlichen Unterricht gestürzt hast, während ich mich völlig verweigerte. Nun ja, was soll ich sagen... ich bin offenbar nicht der Schnellste, was wesentliche Erkenntnisse angeht.

Wo wir gerade dabei sind: mir ist heute etwas klargeworden. Iudicael und Emiriel, die Geschwister, erzählten mir davon, wie es ist, mit der Leere zu leben. Ich dachte zunächst, die Veränderung sei rein körperlich, da sie ja noch immer lichtgläubig sind und mir versicherten, sie würden die Welt sehen wie vorher. Und ich ertappte mich bei dem Satz „Wenn es Euch nicht zu Psychopathen gemacht hat, sondern nur den Körper verändert, ist das doch eigentlich ein glücklicher Umstand.“
Und während ich mich das sagen hörte, dachte ich, was für ein armseliges Würstchen man sein muß, um über 20 Jahre als Worgen gelebt und diesen Gedanken nie für sich selbst gehabt zu haben. Aber damit noch nicht genug geschämt: Die Leerenelfen spüren die Leere nicht nur körperlich. Sie müssen sich in jedem Moment ihres Lebens gegen die „Stimmen“, wie sie es nannten, zur Wehr setzen, um nicht übernommen zu werden. So wie ich, bevor es den Trank gab, der mir Selbstkontrolle verschaffte.
Und sie schaffen es auf bewundernswerte Weise, sogar mit einer gewissen Nonchalance. Ich fühle mich angesichts solcher Charakterstärke wie eine Schabe.

Du müsstest sie kennenlernen, sie sind so interessante Persönlichkeiten. Ich hoffe, dieser Konflikt löst sich so schnell wie möglich, und ich bete, dass es an seinem Ende keine Sylvanas mehr gibt. Heute Abend tauchte eine Blutelfe in unserem Lager auf - es gibt also wirklich Sympathisanten, ich wollte es bisher nicht glauben.

Ich schließe für heute, denn ich muss noch Hausaufgaben machen: einer der Elfen, Ilassan, hat mir ein paar Beutel als Schnüffelübung gegeben. Bisher habe ich nur Maguskönigskraut erkannt, aber ich gebe noch nicht auf.

Immer Dein

Comgall

P.S.: Ilassan hat mir auch einen Präriehund gezähmt, nachdem er gesehen hat, wie ich versuchte, einen zu streicheln. Er heißt jetzt Walter. Also der Präriehund.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Do 19. Dez 2019, 23:40

Mein Sean,

Comgall ließ die Feder wieder sinken, die er sich geliehen hatte, und starrte mit leerem Blick in das verglimmende Restfeuer vor seinem Zelt. Was sollte er schreiben, das keine Lüge und kein Hilferuf war? Wie konnte man in einer solchen Lage überhaupt Briefe nach Hause schreiben, als sei man nur im Urlaub bei Verwandten?

Doch sich nicht zu melden, war auch keine Lösung - Sean würde Amok laufen, wenn er ihn für tot hielte. Comgall seufzte unglücklich und tauchte die Feder noch einmal in das Tintenfass. Nach einigen weiteren Minuten des Nachdenkens schrieb er:

Ich muß meinen letzten Brief korrigieren: Ich will Dich hier nicht haben und bin froh, daß Du weit weg bist. Es ist einfach grauenhaft, und dabei sind wir noch nicht einmal in der Nähe von Orgrimmar. Wir wollten heute die Feste Nordwacht erreichen, und als wir ankamen, stellten wir fest, daß sie belagert wurde. Wir schlossen uns den Kämpfen an. Wir haben alle überlebt, einige mehr, andere weniger verletzt - mir geht es gut, ich bin nur zutiefst angeekelt von allem.

Ein Soldat der Nordwacht und einer unserer Männer haben Splitterschüsse in den Bauch bekommen, die ich erstversorgt habe.
Ein Oger ist direkt vor mir von einer Granate gesprengt worden.
Der nette Leerenelf wurde im Kampf zum Gegenteil dessen, was er am Lagerfeuer war - er wurde gnadenlos, ich meine wirklich absolut gnadenlos, er hätte alles und jeden getötet, ohne nachzufragen, hätte es sein müssen. Und er tötet schrecklich: er dringt in die Gedanken seiner Opfer ein, läßt ihre Organe explodieren, ich habe gesehen, wie die Augen eines Orcs schmolzen, während er versuchte, unter Gedankenkontrolle seinen Kameraden zu erwürgen...
Sogar diese beängstigende Simanthy aus der Kathedrale, Du weißt schon, wirkte heute wie ein richtiger Mensch, und zwar wie eine müde, alte Frau.

Ich kann all das nicht begreifen. Ich kann nur so tun, als sei ich noch derselbe Mann wie gestern, und hoffen, daß ich das wieder werde.

(Winzige Präriehundpfotenabdrücke laufen schräg über den unteren Rand des Papiers)


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Hurrgha
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Hurrgha » So 22. Dez 2019, 15:15

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Comgall
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » So 22. Dez 2019, 15:18

Sie blieben einige Tage in der Feste Nordwacht, denn der geringe Zeitverlust stand in keinem Verhältnis zu der Gefahr, wollten sie mit einer zu 80% verletzten Truppe durch feindliches Gebiet humpeln. Man machte es ihnen leicht, versorgte sie mit allem Nötigen und tauschte sich aus. Wulfric, der sich während des Gefechts magisch ziemlich verausgabt hatte, gewann nur langsam seine normale Haar- und Augenfarbe zurück und verbrachte viel Zeit sitzend, mit einem hochgelegten Bein. Auch alle anderen schonten sich, unermüdlich umsorgt von Katherina Rodenwald.

Comgall hielt sich abseits und schwieg vor sich hin.

Am Tag nach dem Kampf nahm er alle Kleidung, die Sean ihm hastig in den Reisesack gestopft hatte, und ging hinunter zum Flussufer. Dort wusch er jedes einzelne Stück gründlich aus, legte es auf einige Uferfelsen und beschwerte es mit kleineren Steinen. Zuletzt wusch er sich selbst lange und mit geradezu manischer Gründlichkeit und legte sich dann neben einen Felsen in den Halbschatten. Er schloß die Augen und so, mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirn, blieb er liegen, bis leise Schritte neben ihm hörbar wurden. Er blinzelte gegen die Sonne.

"Na, Waschtag?", fragte eine tiefe und leicht amüsiert klingende Stimme. Comgall richtete sich halb auf und stützte sich auf einem Ellbogen ab. Vor ihm stand ein Worgen, der ihm nicht bekannt vorkam, mit zwei hölzernen Eimern in der Hand.

"Ihr wißt, daß Ihr das nicht tun müßt, oder? Wir haben für alles eingeteilte Dienste, und die Fähnriche, die unsere Uniformen waschen, können Eure zwei Hemden gern mit in den Zuber werfen."

Als Comgall nicht reagierte, fügte der Worgen hinzu: "Tolliver, Sanitäter da oben" und streckte eine Pfote aus, während er mit der anderen unbestimmt über die Schulter zur Feste zeigte. Comgall erhob sich und ergriff in automatisierter Höflichkeit die Pfote, ohne zu antworten. Der andere ließ seinen Blick einmal schnell am splitternackten, gesamtkörper-sommersprossigen Priester hinunter- und wieder hinaufwandern.

"Wie ein Soldat seht Ihr eigentlich nicht aus", meinte er dann. "Nichts für ungut. Aber nicht genug Muskelpakete. Welche Funktion habt Ihr bei Eurer Truppe?"

Comgalls Mund verzog sich zu einem unglücklichen Lächeln und ein leises Schnaufen entfuhr ihm. Er war recht gut trainiert, weil das in der Bruderschaft Pflicht war. Aber er hatte schon immer sorgfältig vermieden, auch nur minimal mehr als das von ihm geforderte Kampftraining zu absolvieren. Es interessierte ihn einfach nicht - er hielt Reden für wichtiger als Zuschlagen, außer in gelegentlichen Ausnahmesituationen, in die man nur spätabends in Zwergenkneipen geriet. Diese hochmotivierten Mitglieder seines Ordens, die ihn mit unerschöpflicher Energie, kumpelhaftem Oberarmboxen und irrem Grinsen anspornen wollten, noch 10 Runden extra um das verdammte Kürbisfeld zu rennen oder vor dem Abendessen noch 20 Klimmzüge am Türstock des Speisesaals zu machen, die fand er alle total durchgeknallt.
Nein, er war wirklich kein Soldat, innen nicht und außen auch nicht.

"Keine", krächzte er mit von der Sonne ausgedörrten Stimme, drehte sich zu seinen ausgebreiteten Kleidern und begann sie zu befühlen. Als er eine halbwegs trockene Hose und Unterhose gefunden hatte, zog er beides an.

Tolliver stellte seine Eimer ab und sah ihm in aller Ruhe zu. Als der Priester sich wieder zu ihm umdrehte, fischte er in seiner Robe herum, bis er ein Fläschchen fand, das er Comgall hinstreckte. "'N Rotschopf wie Ihr braucht das hier. Hilft gegen Sonnenbrand, und den kriegen wir alle schnell in dieser Gegend." Er lachte bellend. "Na, ich nicht, mich schützt der Pelz."

Unentschlossen das Fläschchen haltend und immer noch schweigend stand Comgall da und sah ihn an. Wollte dieser Mann denn nie aufhören zu reden? Konnte der nicht einfach verschwinden?

"Wir wären wahrscheinlich alle nicht mehr hier, wärt Ihr nicht gekommen.", fuhr Tolliver fort. "Ganz sicher wäre Brady nicht mehr hier."

"Wer's Brady?" ließ sich Comgall lichtergeben auf das Gespräch ein.

"Brady ist der, den Ihr hinter den feindlichen Linien rausgezerrt habt mit 'nem Splitterschuß im Bauch." Tolliver musterte Comgall noch einmal gründlich. "Wenn ich sein fiebriges Gestammel richtig verstanden habe, würde ich sogar meinen, Ihr selbst seid es gewesen, oder? Er hatte lebhafte Visionen von Eurer Frisur."

Comgall, dessen frisch gewaschene und wirr abstehende "Frisur" ihm gerade über seinem blassen Oberkörper das Aussehen eines mürrischen, brennenden Streichholzes verlieh, zuckte mit einer Achsel.

"Halbe Stunde später und der Mann wär jetzt nur noch eine traurige Lagerfeuergeschichte." Tolliver trat einen Schritt näher, patschte Comgall einmal gegen den Oberarm und trat wieder einen Schritt zurück. Comgall, leicht irritiert, wandte sich ab und begann, jedes einzelne seiner Kleidungsstücke sorgfältig zusammenzufalten und sie alle aufeinanderzustapeln. Zuletzt schüttelte er den ebenfalls gewaschenen Reisesack einmal kräftig aus und legte seine Kleidung hinein. Als er fertig war, stellte er fest, daß der mitteilsame Worgen seine Wassereimer gefüllt hatte und auf ihn wartete. Mist.

Seiner guten Erziehung folgend bot er an, einen der Wassereimer zurück nach oben zu tragen, doch der Sanitäter schüttelte den Kopf. "Nicht nötig", sagte er, "Bin so besser ausgewogen, das vermeidet Haltungsschäden."
"Ihr seid ein Wolf, der auf den Hinterbeinen läuft", brummte Comgall, und Tolliver lachte schallend los.
"Aber immerhin hat dieser Wolf kein schiefes Rückgrat", kicherte er.

Sie gingen langsam den Berg hinauf, durch das Festungstor, an Granatensplittern, Ogergedärm und Kleidungsfetzen vorbei, die seit gestern hier im heißen Staub lagen.

"Warum holt Ihr das Wasser vom Fluß?", fragte Comgall unterwegs. "Habt Ihr nicht ein Pumpensystem?"

Tolliver nickte. "Schon, aber wir speichern in Zisternen, in denen auch Regenwasser landet, wenn es mal regnet, und dann wird viel Wüstenstaub hineingespült. Es ist in Ordnung zum Trinken und Kochen, aber für die Wundbehandlung nehme ich lieber Flußwasser. Muß natürlich trotzdem immer noch abgekocht werden."

Erst in der Eingangstür zu dem kleinen Lazarett der Feste bemerkte Comgall, daß er versäumt hatte, zu seinem Zelt abzubiegen. Jetzt winkte Tolliver ihn hinein. Innen war es nur dämmrig hell, und wenn man die Brutalität der gestrigen Kämpfe bedachte, waren wenige Betten belegt - es gab acht Lager, auf fünf davon lagen Soldat*innen, alle hatten die Augen fest geschlossen und schienen zu schlafen oder besinnungslos zu sein.

"Jetzt", sagte Tolliver halblaut zu Comgall, "Wenn Ihr nichts Besseres zu tun habt, jetzt könnte ich Eure Hilfe gebrauchen."

Comgall sah sich gründlich in dem runden Turmzimmer um, betrachtete die Regale voller ihm unbekannter Kräuter und Flüssigkeiten, die Kisten mit Bandagematerial, den großen Tisch ohne Stühle. Dann sah er Tolliver an und sagte aufrichtig: "Ich verstehe praktisch nichts vom Heilen. Ich kann beten und ein bißchen Licht hier- und dahin schicken, und ich kann Verbände anlegen, die wie verunfallt aussehen und bei der ersten Gelegenheit herunterrutschen. Wenn ich Zuhause jemand verletzt sehe, ist meine erste Handlung, nach dem Tierarzt zu rufen."

Tolliver hielt sich den Bauch vor Lachen, schaffte es aber, dennoch kaum ein Geräusch dabei zu machen. "Ihr seid mein Mann", verkündete er schließlich und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. "Kann diese Leute nicht ausstehen, die sich alles zutrauen, ob sie's schonmal versucht haben oder nicht. Los, fangen wir mit dem Wasser an - gießt das mal da hinten in den Kessel und kocht es ab. Während das heiß wird, zeige ich Euch, wie man Verbände anlegt, die längerfristig in Wundennähe bleiben."

Er kicherte noch, während Comgall die Eimer über den Kessel hievte und er selbst Leinenbandagen aus einer Kiste nahm. Dann traten sie zusammen an das erste Bett und die Lehrstunde begann.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Mo 23. Dez 2019, 02:53

Zwei Tage lang tat Comgall nichts anderes, als bei Tolliver Hundezahn in die Lehre zu gehen. In aller Frühe kroch er aus dem Zelt, und erst mitten in der Nacht kehrte er dorthin zurück. Die gesamte Zeit dazwischen verbrachte er mit dem intensiven Auswendiglernen der Wirksamkeit einige grundlegender Heilkräuter und dem praktischen Lernen der Behandlung von Wunden - sowohl, wie es laut Lehrbuch sein sollte, als auch wie man sich in nicht-Lehrbuch-Situationen behelfen konnte.

Schnell wurde ihm klar, warum nur 5 Betten dauerbelegt waren: Die leichter verletzten Soldat*innen der Nordwacht kamen vor und nach ihren Schichten, ließen ihre Wunden versorgen und Verbände wechseln und traten dann ihren Dienst oder Feierabend an. Hier behielt scheinbar jeder seinen Dienst bei, der nicht den Kopf unterm Arm trug.

Comgall arbeitete ohne Pause, weil es ihn ablenkte, von den eigenen Gedanken ebenso wie von den Kameraden, für die er gerade wenig kameradschaftliche Gefühle hegte. Er mußte beschäftigt und mit sich allein sein, und Tolliver hatte viel zu erzählen. Faszinierenderweise wechselte er fast fließend zwischen seinen beiden Gestalten hin und her, je nachdem, was er mit einem Patienten vorhatte. Darauf angesprochen sagte er: „Die Nase hilft mir häufig, unsichtbare Leiden sehr früh zu erkennen. Sepsis, Entzündung, solche Dinge. Aber manchmal...“ er wandelte sich und war nun ein Mittfünfziger mit einem freundlichen, von Falten zerfurchtem Gesicht, „manchmal braucht man einfach einen Daumen.“

Doch nach diesen zwei Tagen sank der Worgen erschöpft auf einen Schemel und hob die Arme.

„Gnade“, flehte er. „Ich bin ein alter Mann und muß jetzt eine Pause machen. Und wenn Ihr nicht morgen so alt aussehen wollt wie ich, tut Ihr dasselbe. Macht einen Spaziergang! Seid stolz auf Euch! Ihr habt unwahrscheinlich viel und schnell gelernt. Wir sehen uns morgen früh.“

Derart hinauskomplimentiert schlenderte Comgall erst etwas ratlos durch die Festungsanlage. Er ging zu seinem Zelt, Walter füttern, und da er selbst kaum gegessen hatte, klaute er dem Präriehund einen Apfelschnitz. Dann ging er los, Tollivers Rat folgend, und machte einen Spaziergang.

Allein mit seinen Gedanken und ohne Ablenkung schwappte diese ganze Welle der Hoffnungslosigkeit, Ratlosigkeit, des Ekels, der Fassungslosigkeit, die er am Abend des Kampfes verspürt und dann verdrängt hatte, wieder über ihn. Er dachte an seine Kameraden und daran, wie sie alle ausnahmslos ohne zu zögern den Kampf aufgenommen hatten. Alle bis auf ihn. Er fragte sich, ob er wirklich nur ein überzeugter Pazifist war, oder ob einfach ein riesiger Feigling in ihm steckte. Dann dachte er an Iudicael. An dessen weggetretenen Blick, als er die Orcs zu Tode quälte. An sein sanftes, liebenswürdiges Lächeln, wenn sie vorher miteinander geredet hatten. Welcher Mann war er wirklich - der liebenswürdige oder der grausame? Konnte eine Person beides sein? Wie konnte man nur damit leben, wenn solche Extreme in einem steckten?

Plötzlich stoppte er abrupt, ruderte mit den Armen und schaffte es geradeso, am Rand des Abgrunds stehenzubleiben, den er erreicht hatte. Ohne zu wissen, wohin, war er einfach gegangen. Nun starrte er in eine langgezogene Schlucht, die quer vor ihm lag und in keine Richtung ein Ende zu haben schien. Dies mußte der Abgrund sein, der das Brachland gespalten hatte. Es war ein beeindruckender Anblick - eschreckend, ja, aber auch majestätisch.

So versunken sog er die Landschaft in sich auf, daß er nicht bemerkte, als jemand von hinten an ihn herantrat. Als eine Hand ihn zart anstubste und eine samtweiche Stimme in sein Ohr flüsterte: „Stubs - und tot!“, erschreckte er sich derartig, daß er von der Klippe rutschte. Glücklicherweise lag kaum drei Meter tiefer ein Vorsprung, auf dem er zwar unsanft, doch ohne Verletzung landete. Er rappelte sich auf, rieb sich das schmerzende Hinterteil und starrte wütend nach oben.

Von dort sahen mehrere Leerenelfen hinab; Ilassan wirkte halb betreten, halb amüsiert, ein echt riesiger Elf stand da, als ginge ihn nichts, das passierte, etwas an, und Iudicael, der Gegenstand von Comgalls Grübeleien, machte sich sofort daran, einen Abstieg zu finden. Unten angekommen steckte er eine Hand nach dm Priester aus und sagte charmant: „Das war ein bißchen dusselig.“

Comgall explodierte. „Da stimme ich zu“, brüllte er, „einen Mann an einer Klippe zu erschrecken ist EIN BISSCHEN dusselig!“
- „Ich meinte, daß Ihr allein in Feindesgebiet herumrennt“, sagte der Elf in unangetasteter Freundlichkeit und „Ich konnte doch nicht ahnen, daß Ihr derart schreckhaft...“ versuchte Ilassan von oben einzuwenden, doch Comgall war noch nicht fertig.
- „WAS DENN FÜR FEINDE? HIER IST DOCH KEINE SAU!“ Er warf einen Blick um sich. „Wo ist überhaupt dieses Hier? Und warum seid Ihr auch hier?“

Nicht im Mindesten abgeregt, aber wenigstens mit einem Hauch von Selbstkontrolle ließ er sich von Iudicael den Weg hinauf führen. „Wir waren auf der Suche nach Euch. Immerhin haben wir schon zwei Männer verloren.“

Comgall deutete auf Walter. „Wir waren nur gassi. Wir... ICH wollte nachdenken.“

Die Elfen ließen das unkommentiert und zu viert machten sie sich auf den Rückweg zur Feste. Am Tor bat der große Elf Iudicael um eine private Unterredung und Comgall stapfte ungebremst weiter in Richtung Küche. Er wollte Kelly, den Verwalter der Vorräte, fragen, ob er vielleicht ein Stout hatte. Comgall wünschte sich in diesem Moment wirklich nichts so sehr wie ein gutes Stout. In der Eingangstür bemerkte er, daß Ilassan noch immer bei ihm war.

„Wollt Ihr auch ein Bier?“ fragte der Priester, immer noch schlecht gelaunt.
Ilassan wand sich sichtlich. „Hmm, ich sollte eigentlich nicht, hmm...“ - „Zwei Bier, Kelly, wenn Du hast“, würgte Comgall den Elfen ab. Kein klares Nein war ein klares Ja, wenn es um Bier ging.

Kelly hatte zwei große Krüge Bier und versicherte, daß hinreichend oft aufgefüllt werden könne, falls der Abend länger würde. Comgall stakste zurück in Richtung seines kleinen Zelts, das in unmittelbarer Nähe des Lagerfeuers stand, an dem sich mehrere Personen aus ihrer Gruppe versammelt hatten. Er setzte sich, prostete Ilassan zu, bot der bezaubernden Emiriel neben sich auch ein Stout an und als sie fragte, ob das Alkohol sei, schüttelte er den Kopf. „Nein, es ist nur Bier.“

Mehrere Minuten Diskussion über das Trinken von Alkohol in Kriegszeiten später gesellten sich auch Iudicael und der Riesenelf mit ans Feuer, scheinbar recht frustriert voneinander.

„Aber wir kämpfen doch heute nicht mehr, und auch für morgen ist es nicht absehbar“, sagte Comgall gerade.

„Das spielt keine Rolle“, warf Iudicael ein. „Soll ich Euch erklären, warum?“

„Nein danke“, fauchte Comgall und der Elf hob pikiert die perfekten Brauen. Dann hob er elegant seinen Becher und brachte einen Trinkspruch: „Möge das Licht uns in unseren Kämpfen leiten und uns nicht vergessen lassen, daß am anderen Ende der Waffe jemand ist, um den auch eine Mutter weinen wird.“

Comgall ließ seinen Becher krachend zu Boden sinken.

„Wie könnt Ihr so etwas sagen?“, fragte er fassungslos, und dann noch einmal: „Wie könnt ausgerechnet IHR so etwas sagen?“

Der Elf starrte ihn mit einer Mischung aus Befremden und Streitlust an. „Wir sind im Krieg...“, setzte er an.

„Verratet mir eins“, unterbrach ihn Comgall und lehnte sich nach vorne. „Wie konntet Ihr das tun? Wie konntet Ihr, der Ihr so viele Tage immer ein freundlicher und liebenswürdiger Mann wart, zu einem Monster werden, das die Organe seiner Feinde regelrecht explodieren läßt? Ist das diese Effizienz? Warum konntet Ihr ihnen nicht einen kurzen, schmerzlosen Tod bereiten und einfach den Kopf abhacken oder so?“

Comgall verstand nicht viel vom Köpfe abhacken, aber er hatte die Verzweiflung und das Entsetzen in den Augen des Orcs gesehen, der zuerst unter Zwang seinen Kameraden erdrosselt hatte und dann selbst regelrecht von innen heraus geschmolzen war. Und er hatte Iudicaels Augen gesehen.

Während Katherina Rodenwald und dieser große Elf Comgall, von diesem unbeachtet, Simplizitäten wie „Krieg ist Krieg, und Zuhause ist Zuhause“ erklärten, ließ Iudicael sich Zeit mit seiner Antwort.

„Ich schalte völlig ab in solchen Situationen - bei der Arbeit“, sagte er schließlich. „Ich muß es tun, aber es passiert auch einfach.“

„Ihr nennt das Arbeit?“ Comgall flüsterte fast. „Ich begreife Euch nicht. Ihr seid ein Priester. Wie könnt Ihr damit leben? Wie geht das nur mit Eurer Persönlichkeit zusammen?“

„Ich bete. Ich meditiere intensiv. Und ich spreche mit den Seelen - ich bitte jede einzelne Seele, deren Leben ich genommen habe, um Vergebung.“ Er wirkte nicht besonders glücklich, antwortete jedoch ganz ruhig.

„Vergebung? Pah“, warf der große Elf von der anderen Seite des Lagerfeuers ein. „Wozu Vergebung? Diese Leute haben den Willen des Lichts erfüllt, fertig.“

Comgall öffnete den Mund, um zu antworten, daß mit dieser Milchmädchenlogik sich jeder Massenmörder rechtfertigen konnte, schloß ihn aber direkt wieder, weil ihm die Diskussion nicht der Mühe wert erschien. Stattdessen sah er wieder zu Iudicael und mußte feststellen, daß sein eigener Ärger ihn verlassen und einem großen Mitleid gewichen war.

„Und funktioniert das?“, fragte er. Der Elf blickte auf und zuckte mit den Schultern.
„Mal mehr, mal weniger. Ich sehe die Notwendigkeit von Gefechten, mehr als Ihr offenbar. Daß ich selbst Leben nehme, gefällt mir nicht, ist aber eben notwendig. Und ich reiße Leuten nicht mit halbstumpfen Schwertern die Gedärme auf, sondern tue das durch reine Gedankenkraft - ich glaube aber, die Grausamkeit ist dieselbe.“

Comgall rührte nachdenklich mit dem Finger in der Schaumkrone seines Biers.

„Danke“, sagte er leise nach einigem Rühren.
„Hmm?“ machte der Elf.
„Ich mochte Euch gleich, wißt Ihr“, erklärte Comgall seinem Bierkrug und lief dabei zartrosa an. „Und ich wollte Euch auch weiterhin mögen. Also, das will ich immer noch. Aber ich kam nicht mit dem klar, was ich gesehen habe. Danke, daß ich fragen durfte.“ Schreien, wohl eher, dachte er. „Und danke, daß Ihr mir nicht das Gehirn weggeschmolzen habt dafür.“
„Ha“, machte der Elf, der ebenfalls eine dunklere Gesichtsfarbe hatte. Beide grinsten erleichtert und vielleicht etwas dümmlich in die Gegend und tranken dann ihre Kampfkraft zugrunde.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Hurrgha » Sa 28. Dez 2019, 11:45

"Pater, Ihr werdet gebraucht", sagte eine junge Stimme atemlos und mit hoher Dringlichkeit.
Comgall und Pater Aedan, die schweigend nebeneinander standen und gerade nur jeder mit den eigenen Gedanken beschäftigt über das Brachland gesehen hatten, drehten sich gleichzeitig um.
"Die Ehrwürdige Mutter", stammelte Arianne aus ihrem scharlachroten Helm heraus, "...sie stirbt."
"- bitte?!" rief Aedan und "- was?!" gleichzeitig Comgall, und ohne eine Antwort abzuwarten, marschierte der Pater los. Die junge Soldatin folgte ihm, während Comgall unentschlossen stehenblieb und nachdachte.
Wenn Simanthy wirklich starb, brauchte sie Pater Aedan als geistlichen Beistand.
Falls sie gerettet werden konnte, brauchte sie einen guten Arzt. Nicht Aedan.
Es sei denn, sie starb an akutem Glaubensmangel, dachte er ironisch - dann doch Aedan. Niemand konnte einen in schwachen Momenten derartig ins Licht zurück - äh - therapieren wie Aedan.
Andererseits war es die Ehrwürdige Mutter. Schwache Momente waren schwer vorstellbar.

"Ich wollte Euch nicht ausschließen", ließ sich Arianna hören, die zu dem Priester zurückblickte. "Ihr dürft natürlich mitkommen."
Comgall schloß sich ihr an und sagte unterwegs: "Wenn sie wirklich stirbt und die letzte Ölung bekommt, habe ich dabei nichts zu suchen. Wenn sie aber einen Arzt braucht oder irgendwas anderes - kann ich denn nichts tun? Kann ich irgendwas holen? Den Festungsarzt vielleicht?"

Sie erreichten das Zelt in dem Moment, als Aedan wieder heraustrat und ohne Umstände Kommandos zu bellen begann.
"Ja, hol den Arzt, Comgall, und auch eine Punktionsnadel, und sterilisier' das Ding im Feuer. - Dieses Wasser", fuhr er, an Arianne gewandt fort, "das Spezielle, wo ist das und wie soll es wirken?"
Comgall rannte los. Er brauchte einige Minuten, um Tolliver zu finden, ihm die Situation so grob zu erklären, wie er sie selbst verstand, und ihn rennend zum Zelt der Ehrwürdigen Mutter zurück zu geleiten. Unterwegs fragte er nach der Punktionsnadel und erhielt nur ein bellendes Lachen und "Wir sin' hier nicht in Sturmwind, Junge" als Antwort.

Comgall schob den Arzt ins Zelt, aus dem Simanthys heiseres Flüstern und Aedans beruhigende, warmherzige Stimme drangen. Er dachte fiebrig nach. In der Küche vielleicht? Er hatte schon gehobene Köche Kunstwerke mit dünnen Spritzen vollbringen sehen.

Ohne ernsthaft zu glauben, die Festung Nordwacht würde einen Luxuskoch beherbergen, rannte er wieder los. Er fegte durch die Küche, schreckte den Koch auf, der mit einem riesigen Holzlöffel in einem noch riesigeren Suppenkessel rührte und die Frage nach einem dünnen Rohr damit beantwortete, auf die Regenwasserrinne am Fenster zu deuten. "Verdammt", fluchte Comgall und raufte sich die Haare. Dann: "Die Waffenkammer!" rief er und flitzte die Turmtreppen hinauf, bis er den Raum erreicht hatte. Nicht umsonst hatte er Herrn Hundezahn Löcher in den Bauch gefragt.

Es gab einige Kisten hier mit zerbrochenen Waffenteilen, die zur Reparatur oder anderweitigen Verwendung zurückgelegt wurden. Er riß Kisten auf und verstreute Metallteile auf dem Boden, bis er etwas annähernd Passendes gefunden hatte: Ein sehr dünnes Röhrchen, dessen eines Ende man mit etwas gutem Willen als 'spitz' bezeichnen konnte, wenn man nicht weiter darüber nachdachte, daß diese relative Spitzheit offenbar durch eine Explosion entstanden war, die das Ende des Teils von irgendwo abgerissen hatte.

Er grapschte nach dem Ding, entschuldigte sich bei dem Soldaten, der hier gerade Wachdienst hatte und das Chaos würde aufräumen müssen, und rannte, so schnell er konnte, zurück zum Zelt.

Drinnen war die Sanftmut aus Aedans Stimme einem zornigen Murmeln gewichen - ein stetiger Strom höchst unfreundlicher Schimpfworte verließ stattdessen den Mund des Paters. Nun ja, dachte Comgall, der sich japsend die Seite hielt, was auch immer die Ehrwürdige Mutter wieder auf die Beine brachte.

Er trat mit dem Röhrchen an die Feuerstelle neben dem Zelt. Er drehte wieder um und keuchte den Scharlachroten an, der mit Arianne gemeinsam den Zelteingang bewachte.

"Handschuh", japste Comgall, "Handschuh!"

Als der Mann nur befremdet guckte, half die junge Soldatin freundlich mit: "Ich glaube, der Priester will deinen Handschuh, Feodor."

Comgall schnaufte tief durch. Scheiß Kondition. Dann versuchte er nochmal einen vollständigen Satz: "Ich brauche bitte Euren linken Handschuh. Ich muß das Ding hier desinfizieren, und das Metall wird heiß werden. Und den rechten Handschuh reicht Ihr bitte ins Zelt zum Pater, damit er mir das Rohr gleich abnehmen kann."

Feodor reagierte sofort, reichte Comgall den einen Handschuh und den anderen ins Zelt ("Was zur Hölle", sagte Aedans Stimme), und der Priester machte sich daran, das abgesprengte Rohr zu sterilisieren. Er drehte die abgesprengte Spitze im Feuer, bis das Metall glänzte, und zwang sich, in Gedanken mindestens 5 Strophen von "Refft die Segel, Theramore" zu singen, so wie Tolliver es ihm erklärt hatte, damit auch wirklich alle Keime abgetötet wurden. Dann trat er durch den Zelteingang.

Ohne hinzusehen, streckte Pater Aedan seine Hand nach hinten aus und wollte greifen, was auch immer man ihm brachte.
"Neinneinnein", rief Comgall und riß das heiße Röhrchen zurück, "der Handschuh, Pater, der Handschuh!"

Aedan drehte sich um. "Ah", machte er. "Dafür ist das Ding." Er drehte sich wieder zur Ehrwürdigen Mutter, öffnete ihre Oberbekleidung, zog den Handschuh über, griff das Röhrchen und saß dann erstmal einige Sekunden reglos da - die rechte Hand das heiße Metall haltend, die linke schien über Simanthys Oberkörper zu schweben, als wolle der Pater die richtige Stelle zum Punktieren durch innere Führung herausfinden. Was wahrscheinlich auch der Fall war, überlegte Comgall.

Tolliver, der sich offensichtlich aus der Behandlung heraushielt, stapfte los, um Desinfektionslösung für die Wunde zu holen, mit der zu rechnen war, und Aedan kippte Whiskey über Simanthys Brust, gab ihr dann noch einen ordentlichen Schluck davon zu trinken und drehte sich zuletzt zu Comgall um, der nicht so recht wußte, ob er gehen oder bleiben sollte.

"Vielleicht kannst du versuchen, ihr mit Lichtheilung die Schmerzen erträglicher zu machen", sagte Aedan in einem Ton, in dem kein 'Vielleicht' vorkam.
"Äh, kann ich?" fragte Comgall. "Ja, klar. Äh. Hoffentlich."
Wenn Simanthy das hier überlebte, aber die ganze Zeit entsetzliche Schmerzen hatte, würde er selbst nie wieder die Kathedrale in Sturmwind betreten können. Und die Frau hatte eine verdammte eigene Armee. Am besten zöge er dann mit Sean weit weg. Nach Nordend oder so. Bestimmt konnten sie da Priester gebrauchen für die ganzen kleinen Holzkirchen, und Tierärzte für die Grizzlybären.

Er kniete nieder und begann zu beten.

Er erinnerte sich, daß er das schon am Tag der Belagerung getan hatte - Simanthy ein bißchen Lichtheilung gegeben, weil er gerade dabei war. Und wie sie schlagartig besser ausgesehen und ihm sogar kurz zugenickt hatte. Er hatte damals gedacht, sie hätte einfach elend schlecht geschlafen oder eine heftige Magenverstimmung, aber offenbar hatte sie sich seit dem Gasangriff mit einer angegriffenen Lunge vorwärtsgeschleppt, wie Aedan gerade leise Arianne erklärte, niemand hatte es bemerkt und Simanthys eigene Starrköpfigkeit war wie ein Rammbock allein auf das Gelingen der Mission gerichtet und duldete keine Ablenkung.

Ablenkung.

Comgall atmete tief durch. Er fühlte erst ein sanftes Wummern in der Stirn. Dort begann es immer bei ihm. Dann ein zartes Kribbeln in den Fingern. Er versuchte, das Wummern und das Kribbeln miteinander zu verbinden. Er versuchte, ein Tunnel zu werden, ein Kanal, durch den das Licht fließen konnte. Als sein gesamter Körper warm wurde und er sich nicht mehr darum bemühen mußte, sondern eigentlich selbst im Fluss der Lichtenergie zu treiben schien, schickte er es weiter. Er stellte sich vor, wie er Simanthy damit übergoss, wie mit einem warmen, goldenen Met, heilsam und wohltuend.

Etwa eine Stunde später berührte ihn Aedan sanft am Arm.

"Du kannst Dich mal hinsetzen, Bruder", sagte er, als Comgall die Augen öffnete. Simanthy schien zu schlafen. Comgall betrachtete sie und wunderte sich.

"Sie sieht irgendwie besser aus", konstatierte er, und als sein Blick auf Aedan fiel: "Ihr auch!"

Leicht schwindlig versuchte er, sich zu setzen, fiel dabei fast um und rappelte sich wieder auf. "Hui", murmelte er, und nahm dankbar ein Stück Salzgebäck an, das der Pater aus seiner Robe hervorholte.

"Sind die Narben weg?", fragte Aedan und deutete auf seinen Hals. Comgall nickte, den Mund randvoll mit Gebäck.
"Wie if baf paffierp?" fragte er er fasziniert und schluckte herunter. "Ich dachte, ich wäre nur berauscht vom Licht, aber Ihr seht wirklich alle besser aus!" Er starrte zu Arianne hinüber, die in der gegenüberliegenden Zeltecke saß und keine Narben mehr im Gesicht hatte.

Aedan deutete auf den kochenden Wasserkessel, mit dem hier offenbar irgendwas vernebelt worden war, das Simanthys Lunge stärken sollte. Unglaublich. Comgall widerstand nur schwer dem Impuls, sich sofort auszuziehen - er würde später kontrollieren, ob das Wasauchimmer auch die nicht freiliegenden Körperteile geheilt hatte.

Er lehnte sich zurück, bot an, bei der Ehrwürdigen Mutter Wache zu halten und grinste mit hochrotem Kopf, als Aedan ihm beim Rausgehen auf die Schulter klopfte. "Ich löse dich später ab", sagte der Pater. "Gut gemacht, Comgall. Sehr gut."

Puh. Die Kathedrale war noch nicht verloren.

Hurrgha
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Hurrgha » Sa 28. Dez 2019, 13:38

OOC:
OOC: Waaah, schon wieder mit dem falschen Char gepostet, tut mir Leid.

Comgall
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Di 31. Dez 2019, 02:53

„Oy, Priester!“, rief ihm der wachhabende Soldat am Nordeingang zu, als Comgall von seinem Spaziergang zurückkehrte. „Der Postkarren war da. Is‘ was für Euch drin.“ Er deutete mit dem Kopf in Richtung des Turms, in dem sich die Schlafräume und der größte Aufenthaltsraum der Feste befanden. Comgall nickte ihm freundlich zu und ging direkt zum Turm, wo die Post auf einem Tisch des Gemeinschaftsraums ausgebreitet lag.

Was für ihn dabei war stellte sich als kleines Holzkistchen heraus. Es war vernagelt und ein paar Halme Stroh lugten aus den Ritzen. Comgall lieh sich ein Messer vom Versorgungsoffizier, der die Verteilung der Briefe überwachte, und hebelte den Deckel der kleinen Kiste auf.

Einen Moment mußte er innehalten. Der Duft, der aus der Kiste aufstieg, war nur zart - ein Hauch von Stall und Tieren, von Gras und Heu, von altem Leder, frischem Holz und Pergament -, doch das Gefühl, das Comgall damit verband, war so intensiv, daß es ihn regelrecht überflutete. So roch sein Zuhause. So roch sein Sean, so roch es in ihren Räumen über den Stallungen der Bruderschaft, so roch es, wenn er über das Gelände ging und wenn er sich an die Schulter seines Mannes lehnte. So roch sein Leben.

Er schloß die Augen und nahm einen sehr langen, etwas zittrigen Atemzug. Auf seinem lebhaften Gesicht schienen alle möglichen Gefühle gleichzeitig zu tanzen; der Versorgungsoffizier sah pietätvoll zur Seite und hielt eine Inventarliste hoch, als müsse er sie studieren.

Comgall öffnete die Augen wieder, schloß das Kästchen und verließ den Raum. Er hielt es mit beiden Händen fest, bis er sein Zelt erreicht hatte. Erst als er hineingekrochen war und die Eingangsplane von innen verschlossen hatte, hielt er es vor sich und öffnete es erneut, langsam diesmal, fast zelebrierend.

Drinnen lag, in dünnes, geöltes Leder eingeschlagen und an allen Seiten durch Heu und Stroh stoßfest verpackt, ein einfaches Armband aus ungefärbten geflochtenen Schnüren. Auf halber Länge war ein kleines, hölzernes Lichtsymbol hineingeflochten - nein, ein halbes Lichtsymbol. Comgall betrachtete es verwundert. Dann entfaltete er den beiliegenden Brief.

Mein Comgall,

Ich hoffe, Ihr seid noch in der Feste und dieses Päckchen erreicht Dich. Ich habe den Boten angewiesen, nicht weiter als bis dort zu reisen - sollte er es mir also zurückbringen, weiß ich, daß Du bereits vor oder in Orgrimmar stehst.

Sturmwind ist voller Gerüchte über diesen Konflikt, und es ist völlig surreal für mich, Dich mitten darin zu wissen. Ich wollte Dir so vieles schicken. Den kleinen Comgall, der jetzt täglich hochkommt und nach Dir sucht. Mehr Wechselkleidung. Eine Flasche Met, Dein Bestiarium, ein Buch des Lichts - aber es ist alles Unsinn, Du kannst ja nicht mit dem Planwagen ins Feld ziehen.

„Ins Feld ziehen“... wie ich es hasse, das von Dir zu schreiben, das auch nur zu wissen.

Jedenfalls habe ich überlegt, wie ich Dir von hier aus den Rücken stärken kann, und habe deshalb zwei Armbänder geflochten. Du siehst nur ein halbes Lichtsymbol an Deinem, aber Du weißt, wo die andere Hälfte ist. Du weißt, daß der Mann, der die andere Hälfte trägt, für Dich betet und an Dich glaubt. Ich glaube fest an Dich, Comgall.

Und ich hoffe, daß das halbe Symbol Dir vielleicht auch den Krieg und den Umgang damit erträglicher macht.

Du warst es, der mir oft gesagt hat: „Nichts ist vollkommen, wenn man genau hinsieht. Wir können nur daran glauben, daß wir unsere Vervollkommnung im Licht finden, und daran arbeiten, daß das Licht uns auch findet und unsere Lücken und Scharten ausfüllen will.“

Also trag es und denk an mich und lass Dich vom Licht leiten.

Komm bitte sicher zu mir nach Hause zurück.

Immer Dein

Sean


Comgall ließ den Brief sinken und brauchte eine lange Zeit, bis er sich das Armband anlegen konnte.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Sean » Mi 1. Jan 2020, 23:51

Sean hatte während der Winterhauchtage viel Zeit mit seinem Vater verbracht. Der alte Mann wohne in einer kleinen Wohnung in der Altstadt, der Weg war also kurz. Sean hatte sich, wie beinahe jedes Jahr, als Tierarzt für die Feiertage gemeldet, doch bisher war noch alles ruhig. Auch heute, zum Jahreswechsel, saß er bei seinem Vater in der winzigen Kammer, die Küche und Wohnzimmer zugleich war.

Sie schnitzten. Die letzten Tage hatten sie gepuzzelt, das fertige Bild lag auf einer der beiden kleinen Anrichten an der Wand. Heute schnitzten sie. Seans Vater hatte ein großes Talent für Schnitzarbeiten und seit Jahren verschenkte er kleine Spielfiguren an das Waisenhaus. Sean hatte zwar das Talent seines Vaters, jedoch nicht dessen lange Übung, weshalb seine Figürchen etwas schwerfälliger aussahen.

Der Vater betrachtete seinen Sohn unauffällig. Der Junge erschien hier beinahe täglich, seit mehr als zwei Wochen, und beinahe täglich schwieg er stundenlang vor sich hin, bevor er sich mit einer Umarmung verabschiedete und wieder ging. Seine Augenringe wurden täglich tiefer und dunkler, seine Haltung wurde immer müder, seine Miene war abwesend.

Als Sean mit seinem Schnitzmesser abrutschte und sich tief in den Daumen schnitt, atmete er nur zischend ein, ließ es fallen und drückte den Daumen fest auf den Ärmel des anderen Arms. Wohl eine Minute presste er einfach den Daumen gegen den Ärmel, um die Wunde sich schnell verschließen zu lassen, und merkte gar nicht, wie er dabei langsam vor und zurück zu wippen begann. Erst als sein Vater aufstand, um den Tisch herumging und ihn in die Arme nahm, wurde ihm bewußt, daß er weinte. Da saß er, der muskulöse, sonst allzeit fröhliche junge Kerl, das Gesicht in der Halsbeuge seines alten Vaters vergraben, der ihm über die hellbraunen Locken strich und leise "Hmm, hmm" machte, wie damals als Kind.

"Es ist nur", schluchzte Sean, "es ist nur...", doch er wußte selbst nicht, was es nur war. Es war einfach alles. Die Post vom Bier des Monats Verein. Der kleine, tollpatschige Wolpertinger, den Sean damals 'Comgall' genannt hatte, um den echten Comgall zu ärgern, und der sich leider nicht mehr hatte umtaufen lassen. Der Geruch des Kopfkissens und die leere zweite Betthälfte. Das tägliche Gebet ohne Comgalls warmen Bariton. Die feiernde Stadt, die so laut und bunt war, als wolle sie mit aller Gewalt die reale Bedrohung verstecken, der sich Comgall, Aedan und all die anderen gerade stellten.

"Was, wenn es für immer so bleibt?", fragte Sean seinen Vater, als er sich wieder halbwegs zusammennehmen konnte. "So - leer?"

Sein Vater dachte einen Moment nach, zog dann seinen Hocker heran, setzte sich und nahm die Hände seines Sohns in seine.

"Seanie, mein Junge", sagte er ruhig, "Ich kann dir nicht versprechen, daß alles gut wird, daß er zurückkommt, oder auch nur, daß Sylvanas durch irgendeine Macht auf dem Planeten Einhalt geboten werden kann. Aber ich habe gesehen, wie Comgall und du in den letzten drei Jahren aneinander gewachsen seid, und ich traue dem Jungen einiges zu.
Ja, ich weiß", unterbrach er sich, als Sean nickte, "Du tust das auch, du bist einfach fast wahnsinnig vor Angst um ihn. Ich weiß, wie das ist. Aber halt dich daran fest - an all diesen Dingen. Streich die Angst aus deinem Kopf so sehr du kannst, und denk an seine Stärke, seine Kreativität, sein Talent, sich aus Dingen herauszureden..."

"Meistens redet er sich doch erst rein!", jammerte Sean und sie mußten beide ein wenig verzweifelt lachen.

Danach schnitzten sie nicht mehr, sondern saßen nebeneinander am Herdfeuer, aßen eine Gemüsesuppe und redeten.
Sei der Mensch, für den dein Hund dich hält.

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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Do 2. Jan 2020, 10:49

Heute war es also so weit, heute würden sie die Nordwacht verlassen und weiter vorrücken; zunächst wahrscheinlich über diesen tiefen Krater, dann womöglich weiter bis nach Durotar. Comgall hatte keine Ahnung, wie weit Durotar entfernt war, er hoffte nur, daß es dort mehr Bäume und Wasser gab als hier in diesem wüsten Brachland.

Schwitzend hing er am Baum, während hinter ihm die Sonne aufging. Kein Blatt war an den Ästen, doch zumindest hielten sie Comgalls Gewicht, seit der Priester vorgestern begonnen hatte, hier heimlich Klimmzüge zu machen. Im Moment baumelte er einfach nur vom Ast und versuchte, sich zu einem weiteren Zug aufwärts zu motivieren.

Er dachte an den riesigen Worgen, der ihm beigebracht hatte, die Normalität seiner Worgenform anzuerkennen und zu nutzen. Er dachte an die kleine, energische Vergilian, die ihm versichert hatte, die Tatzen seien keine gewöhnlichen Söldner - sie würden sich ihre Aufträge sorgfältig auswählen.

„Sorgfältig verpisst habt ihr Euch“, keuchte Comgall wütend und strampelte, um ein weiteres Mal das Kinn über den Ast zu schieben.

Und mit den Tatzen waren noch andere gegangen - der Riesenelf, was Comgall nicht verwunderte, das gesamte Haus Ravenhall, was ihn stark verwunderte, und überhaupt war der Priester einfach fassungslos angesichts dieser Flucht vor dem Feind. Geld verdienen, ha.

„Bin gespannt, was ihr mit der Kohle macht“, knurrte er verbissen und spannte die Arme an, „wenn die verdammte Banshee gewinnt“, er hievte sich über den Ast, „weil die Widerstandskämpfer sich schon vor dem Krieg in Splittergrüppchen auflösen...“ er ließ sich sinken, rutschte mit den verschwitzten Händen vom Ast und landete mit einem Plumps auf dem sandigen Boden, wo er keuchend hocken blieb, bis er wieder ruhiger atmen konnte. Geld verdienen. Selten hatte er sich so in anderen Leuten getäuscht - selten war er so enttäuscht gewesen.

Er rappelte sich auf, kletterte den Baum hinauf, setzte sich auf den Ast, an dem er eben noch gehangen hatte, und ließ sich rückwärts fallen, so daß er von den eigenen Kniekehlen gehalten kopfüber in der Luft schaukelte. Dann begann er mit Rumpfbeugen. Natürlich hätte er das auch im Liegen machen können. In der Festung. Wo alle ihn sahen. Aber schaukeln machte einfach mehr Spaß, wenn man schon diesen verdammten Sport machen mußte. Die Wahl dieses einsamen Baums hatte absolut nichts damit zu tun, daß Comgall Peinlichkeiten vermeiden wollte. Nein, wirklich. Es war das Schaukeln.

Er hasste jeden einzelnen Klimmzug, jede Rumpfbeuge und jeden Liegestütz, den er machte, und es waren viele. Aber wer schon außer Atem geriet, wenn er nur innerhalb der Feste nach dem Arzt rannte, für den standen die Chancen schlecht, jemals lebendig nach Hause zu kommen, dachte Comgall, und er wollte verdammt sein, wenn er seinem Sean das Herz brach, nur weil er Sport hasste.

Etliche Rumpfbeugen später ließ er sich vom Baum fallen, verschnaufte einen Moment und ging dann an die Flußmündung, sich und seine Kleidung baden. Er hatte trockene und saubere Sachen dabei, und als er fertig war, zog er sich an, griff das nasse Zeug und stapfte den Berg hinauf zur Festung. Bis nach dem Frühstück würden die Sachen trocken sein, den Rest hatte er bereits gepackt.

Falls ein pazifistischer Priester überhaupt jemals bereit sein konnte, in den Krieg zu ziehen, war Comgall jetzt bereit.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Do 2. Jan 2020, 23:37

BRIEF AN SEAN
(sorgfältig und sauber geschrieben, in einen ordentlichen Umschlag gesteckt, gemeinsam mit Walter dem Präriehund überbracht von einer ausgesprochen hübschen, jungen Ren'Dorei)

Mein Sean,

noch sind wir nicht weg. Ich habe heute mit unserer Abreise gerechnet, doch etwas anderes ist passiert: Ein Schriftstück, das bei Piraten gefunden wurde, schien auf uns Bezug zu nehmen, nachdem wir es dechiffriert hatten. Daran ist vieles seltsam. Warum chiffrieren Piraten ihren Schriebs? Vermutlich nur, wenn sie sich für politische Auftraggeber verdungen haben. Warum in Gemeinsprache? Weil unter Piraten alle Völker zu finden sind? Oder weil wir das Schreiben finden und glauben sollten?
Wir sind uns sehr uneins in diesen Punkten, aber letztlich werden unsere Kommandanten sich für eine Vorgehensweise entscheiden, und dann müssen wir da alle durch.

Obwohl ich es kaum noch hier aushalte und endlich vorangehen will, damit es lieber früher als später vorüber ist, hat die Situation doch etwas Gutes: Wir hatten an den letzten Tagen immer mal Besuch von der Elfe, die Dir diesen Brief überreicht. Ihr Name ist Emiriel. Ich habe vergessen, mit wem sie hier verwandt oder bekannt ist, ich habe offenbar ein furchtbares Gedächtnis und sie sehen alle irgendwie gleich aus. Emiriel hat sich einverstanden, Dir nicht nur den Brief, sondern auch Walter zu übergeben - schließlich konnte ich ihn ja nicht mit an die Front nehmen, er ist so zutraulich, er würde überall reinhoppeln, wo er sich wehtun könnte. Er mag Möhren- und Apfelschnitze und Nüsse. Er hat gelernt, Gassi zu gehen, ist allerdings inzwischen etwas verwöhnt beim Schlafen: Er möchte ein richtiges Kissen oder eine Decke.

Sean, ich habe Dein Päckchen bekommen und kann Dir in Worten nicht sagen, was ich empfinde. Ich trage das Armband ununterbrochen. Und ich schwöre beim Licht, ich werde alles tun - alles, hörst Du? -, um zu Dir zurückzukommen. Falls es mir dennoch nicht gelingen sollte, sag Rose und meinen Eltern bitte, daß ich sie liebe. Und Du - Du weißt, daß ich Dich über Zeit und Raum hinaus lieben werde. Falls ich Dich von der anderen Seite sehen kann, möchte ich Dich glücklich sehen.

Immer Dein

Comgall
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Sean » So 5. Jan 2020, 11:31

Sean hatte gerade beide Hände unter dem Bauch einer von Wollertons Kühen und tastete sie sanft, mit halb geschlossenen Augen, ab, als er schnelle Schritte von der Stalltür hörte und sich kleine Füße in schlechten Schuhen in sein Blickfeld schoben. Ein kleiner Junge, der ihm vage bekannt vorkam, grinste ihn an und streckte ihm einen Brief hin.

Sean richtete sich auf, klopfte sich ein wenig die Hände ab und nahm das Schreiben entgegen. „Warte mal kurz“, sagte er zu de Jungen, während er das Blatt entfaltete. Er lehnte sich geistesabwesend gegen die Kuh und las. In ausgesprochen feiner, eleganter Handschrift stand da:

Lieber Sean, wir kennen uns nicht persönlich, aber Comgall hat viel von Euch erzählt. Er hat mir eine Nachricht und einen kleinen Begleiter für Euch mitgegeben. Ich kann Euch allerdings nicht auf dem Gelände der Bruderschaft besuchen. Vielleicht können wir uns am See treffen? Einen ganz lieben Gruß sendet Euch Eure Emiriel.

Sean richtete sich auf. Das sah Comgall ähnlich, ihm ausgerechnet einen neuen Freund zu schicken, der hier Hausverbot hatte. Er grub in der Hosentasche nach einer Kupfermünze, schnipste sie mit dem Daumen hoch in die Luft, und als der Junge sie fing, rief er: „Lauf zurück und sag ihr: in einer halben Stunde.“

Das Kind flitzte weg und Sean suchte hinterm Stall den Bauern. „Kannst sie wieder rauslassen“, sagte er, als er Wollerton gefunden hatte. „Sieht aus, als wenn das ein kräftiges, gesundes Kalb wird im Frühjahr.“

Danach ging er in seine Wohnung über den Ställen der Bruderschaft zurück, sich ein wenig frisch machen. Eine Dame mit so eleganter Handschrift war wahrscheinlich keinen starken Kuhgeruch gewohnt.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Sean » So 5. Jan 2020, 18:26

Das Erste, was er sah, als er an den See kam, war ein merkwürdig gefärbter junger Fuchs, der ein Kleintier spielerisch jagte. Was war das? Eine Ratte? Nein... im Näherkommen erkannte er den kleinen Präriehund. Hinter den beiden Tieren und vollauf damit beschäftigt, den Präriehund vor dem Fuchs zu schützen, saß eine Elfe mit ähnlich ungewöhnlicher Farbe wie der kleine Fuchs - eine Art Blaugrau. Sie war leger in Hemd und Hose gekleidet, doch beides war von Qualität. Ihre helle Stimme war hübsch und produzierte ein seltsames Echo.

"Walter?" rief Sean im Näherkommen. Die Elfe sah auf und lächelte, der kleine Fuchs lief sofort näher und Walter setzte sich auf die Hinterbeine und stieß einen hohen Pfiff aus. Auch Sean lächelte, zeigte dabei sein Grübchen und streckte die Hand aus. "Ihr müßt Emiriel sein."

"Ja, und Ihr seid Sean? Freut mich sehr... Comgall hat mich gebeten, Euch einen Brief zu überbringen und... Walter in Eure Obhut zu übergeben." Sie schüttelte beherzt seine Hand.

"Erzählt mir alles!", sagte Sean und setzte sich zu ihr. "Wie habt Ihr ihn kennengelernt? Geht es ihm gut?" Seine Augen suchten nach dem Brief, den die Elfe aus ihrem Ausschnitt fingerte und ihm überreichte. Er las, nickte anfangs, doch gegen Ende des Briefs...

"Falls ich Dich von der anderen Seite sehen kann, möchte ich Dich glücklich sehen."

...verzog sich sein Gesicht, er ballte unbewußt die Fäuste und starrte über den See. Er brauchte eine Minute, um sich wieder in den Griff zu kriegen. Dann durchwühlte er die vielen Taschen seiner Lederweste nach Leckereien und hielt schließlich dem Fuchs ein Stück Trockenfleisch und Walter eine Nuss hin.

"Ich danke Euch", sagte er schließlich heiser und ohne zu Emiriel aufzusehen. Sie erwiderte, daß sie eventuell noch einmal zurückkehren würde, falls er eine Antwort schreiben wolle, und er lief los, Papier und Tinte aus seinen Räumen holen. Als er zurückkehrte, schrieb er nur einen Satz auf das Papier:

Wir warten auf Dich.

Dann griff er sich den Präriehund, tunkte dessen Vorderpfötchen ins Tintenfass und 'unterschrieb'. Als nächstes goss er etwas Tinte über seine Hand, presste sie auf das Papier und wedelte Papier und Hand dann trocken. Er faltete das Blatt und reichte es der Elfe.

"Danke, daß Ihr solche Botengänge auf Euch nehmt."

Er griff nach einem Stöckchen vom Ufer und setzte schon an, mit dem Fuchswelpen zu spielen, als er noch einmal innehielt. "Da kann doch nichts passieren, oder?" Er deutete auf den Fuchs. "Er ist wie Ihr? Von der Leere berührt? Worauf muß ich da achten? Von Berührung allein kann sie nicht übertragen werden, sonst würdet Ihr nicht einfach so herumlaufen dürfen..."

Emiriel schmunzelte. "Werden andere denn vom Licht infiziert, nur weil Ihr es in Euch tragt?"

Sean mußte ebenfalls schmunzeln und zitierte seinen Lieblingspriester: "Je überzeugter man mit gutem Beispiel vorangeht, würde Comy sagen, desto mehr Leute steckt man im Herzen an. Aber ich nehme an, das funktioniert bei der Leere so nicht - glücklicherweise!" Er begann, dem kleinen Fuchs das Stöckchen hinzuhalten und schnell wegzuziehen, wenn das Tier danach schnappte.

Emiriel lächelte etwas gequält. "Ihr denkt, was uns geschehen ist, ist ein Fluch? Und... gehört nicht in diese Welt?"

Sean nickte. "Ja, das denke ich. Das einzige, was ich von der Leere weiß, ist, daß sie Leute wahnsinnig macht. Man hört Stimmen, ist nicht mehr man selbst. Und angeblich gehört sie nicht zu Zeit und Raum, auch wenn mein Kopf das ehrlich gesagt nicht begreifen kann. Aber damit KANN sie nicht in diese Welt gehören. Ich denke, das ist der Grund, warum Euch die Berührung des Lichts Schmerzen bereitet - obwohl das Licht unser aller Lebensgrundlage ist. Es ist, als wärt Ihr allergisch auf Wasser."

Sie senkte den Blick und nickte leicht. "Ich verstehe, was Ihr meint. Vielleicht habt Ihr Recht. Aber... wo Licht ist, muß auch Schatten sein und wo Raum ist, auch Nichts... nur so bleibt doch alles im Gleichgewicht, oder?"

Sean warf das Stöckchen ein paar Meter weit. "Vielleicht ist mir das alles nur zu hoch. Ich halte Euch nicht für Monster und spreche Euch nicht die Daseinsberechtigung ab; ich hoffe, so habt Ihr mich auch nicht verstanden. Ich halte Euch eher für... bedauernswert. Ihr tut mir Leid, weil Euch ein Teil des Lebens vorenthalten wird oder nur unter Schmerzen möglich ist."

"Ich danke Euch dafür, keine Monster in uns zu sehen", erwiderte sie. "Denn das sind wir nicht. Manche von uns waren sogar Priester und das Licht hat sich nicht von ihnen abgewandt... aber bitte betrachtet uns nicht als arme, bemitleidenswerte Kreaturen. Wir sind anders - aber echt und warmherzig und voller Gefühle wie Ihr es seid."

Er lachte leise, als 'Baby", wie die Elfe den kleinen Fuchs nannte, das Stöckchen erjagte und enthusiastisch zu zerstören begann. Dann fuhr er fort: "Comgall schrieb, es seien mehr von Euch dem Aufruf gefolgt. Er scheint sehr angetan zu sein, und für gewöhnlich hat er eine gute Menschenkenntnis. Elfenkenntnis. Wie auch immer." Er blickte auf und Emiriel direkt in die Augen. "Werden Eure Freunde auf ihn achten? Er ist kein Soldat, versteht Ihr...?"

Sie suchte einen Moment nach den richtigen Worten, bevor sie antwortete: "Sie tun dort alle ihr Bestes, aber ich kann Euch kein Versprechen geben, das zu halten niemand imstande ist."

Sean nickte. Was hatte er auch erwartet.

"Dürfte ich Euch auch einen Brief für Patrick mitgeben?" fragte die bläuliche Elfe und zog ein weiteres Schreiben aus ihrem Ausschnitt. "Er macht sich ebenfalls Sorgen um einen Freund an der Front."

Sean nickte. "Selbstverständlich - das tun wir wohl alle derzeit."

"Und..." fuhr die Elfe beiläufig fort, "falls ich mich entscheide, dort im Krieg zu bleiben, dann seid so gut und kümmert Euch um Baby, ja? Er braucht bis zu meiner Rückkehr ein liebevolles Zuhause."

Sean riß beide Augen auf. "Ihr wollt Baby hier lassen? HIER?!"

Sie zog die Stirn kraus. "Er ist noch so klein und unerfahren - und in Telogrus gibt es keine Mäuse zum Jagen... aber wenn es nicht geht..." ihre Stimme wurde schwächer, "macht Euch keine Sorgen, ich finde eine andere Lösung für ihn..."

Sean schüttelte den Kopf. "Ich - ich kriege das schon hin. Ich muß nur..." Er wedelte mit einer Hand grob in Richtung der ausgedehnten Bruderschaftsländereien. "...tja, umziehen."

"Oh nein, oh bitte macht Euch nicht solche Umstände, das darf ich nicht von Euch verl..."

Sean legte der Elfe beruhigend eine Hand auf den Oberarm und blendete ihr Gestammel aus, damit er nachdenken konnte.

"Ich zieh' zu Papa", verkündete er schließlich. "Er wohnt in der Altstadt. Dort sind keine Kirchen oder Friedhöfe, soweit ich weiß. Und es ist ein guter Vorwand, ihm ein wenig unter die Arme zu greifen. Im Winter hat er es immer ein bißchen in den Knochen, wißt Ihr?"

Ein breites, zutiefst dankbares Lächeln ließ das hübsche Gesicht der jungen Elfe leuchten. "Ich weiß auch noch gar nicht, ob ich wirklich gehe... Ihr wißt, wie es ist, zu warten; es geht Euch da wie mir. Es ist unerträglich, nicht zu wissen, wie es ihnen geht... doch ich weiß nicht, ob ich vor Ort wirklich hilfreich bin oder eine Last..." Sie brach ab.

"Ich hatte ähnliche Gedanken", sagte Sean. "Mein erster Impuls war, Comgall sofort hinterher zu reisen, ihn mir über die Schulter zu werfen und nach Hause zu schleppen. Oder als zweitbeste Lösung, mit ihm da zu bleiben. Aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ihn beaufsichtigen zu müssen - er reagiert hochgradig empfindlich auf Leute, die ihm irgendwas nicht zutrauen. Wahrscheinlich, weil er sich selbst immer nichts zutraut. Jedenfalls... habe ich entschieden, ihn diesen Weg allein gehen zu lassen. Ich wünschte nur, der Preis wäre nicht so hoch."

Emiriel nahm einen Kiesel und ließ ihn über das Wasser des Sees tanzen. "Ich hatte mich schon entschieden, zurückzubleiben, aber je näher sie an die Front rücken, desto begrenzter ist meine Zeit mit ihnen, und... das beklemmende Gefühl nimmt zu. Die Angst, sie alle zu verraten, wenn ich nicht bei ihnen bin."

Sean nickte. Das Gefühl war furchtbar.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Do 9. Jan 2020, 13:46

Am Tag des Sturms durch die Blockade war Comgall äußerlich sehr ruhig. Sehr, sehr ruhig. Die Dinge langsam und besonders sorgfältig anzugehen half ihm, mit der Angst und Aufregung in seinem Inneren zurechtzukommen.

Eine Blutelfe hatte sich ihnen angeschlossen und als Tenebra vorgestellt. Comgall hatte noch nie eine Blutelfe gesehen und starrte sie eine ganze Weile neugierig an. Sie war ebenso hübsch wie die sie begleitenden Leerenelfen, nur mit einer gesünderen Hautfarbe, trug eine Tasche bei sich und sie sagte nicht viel. Als Mitglied der Horde in einem Allianztrupp, der gegen die Horde vorging, aus wie rechtschaffenen Gründen auch immer, war ihr vermutlich nicht nach reden, überlegte er.

Katherina Rodenwald segnete die Waffen eines Mitstreiters, der darum gebeten hatte, und danach stellten sie sich alle in einen Kreis und Comgall sprach ein gemeinsames Gebet. Einzig die Leerenelfen hielten sich fern, um nicht von eventuell fließendem Licht verletzt zu werden, und ihr Priester, Iudicael, warf sehnsüchtige Blicke herüber.

Während der vorangeschickte Schleichertrupp bereits hoffentlich das Kriegsgerät der von der Horde angeheuerten Piraten sabotierte und der Sturmtrupp oben auf der Festungsklippe abwechselnd durch ein Fernglas starrte, packten Comgall,
Harlow und Emiriel Waffen- und Munitionskisten auf den Wagen, der nachrücken sollte. Die Dinger waren teilweise verdammt schwer - Comgall nahm das schnaufend als extra Sporteinheit, doch der Elfe, die unbedingt hatte helfen wollen, zitterten bald die Arme, so daß er sie bat, mal einen Wasserschlauch aufzutreiben. Einzig Harlow, die junge Soldatin, schien völlig unbeeindruckt und warf das schwere Zeug auf den Wagen, als seien es Kopfkissen.

Und dann war es soweit. Eine deutlich sichtbare Explosion erschütterte das Piratenlager auf der gegenüberliegenden Klippe und schickte Feuer und Rauch in den Himmel. Der Sturmtrupp formierte sich (Plattenträger vor, Heiler in die Mitte, Rest hinten) und rannte los, den Berg hinab, nach kurzer Neuformation über den Fluss und dann den Hang hinauf, der ins feindliche Lager führte.

Es wurde chaotisch, was zu erwarten gewesen war. Zunächst schossen die Piraten wahllos mit Gewehren in den Sturmtrupp. Comgall versuchte rennend zu erkennen, ob jemand verletzt wurde, und schickte ebenso wahllos Lichtenergie mal hierhin, mal dahin. Dann warfen sie ihnen kleine, explodierende Kugeln vor die Füße und schließlich sogar Granaten. Die erste explodierte direkt neben Feodor, Splitter bohrten sich schmerzhaft in Comgalls Oberschenkel.

„Wer nicht mehr rennen kann, wird zurückgelassen“, hatte der Befehl beim Abmarsch gelautet, damit es nicht dazu kam, daß man einfach umgebracht wurde, während man mitten im Beschuss fürsorglich war. Comgall hatte das anstandslos akzeptiert - es war unbedingt sinnvoller, erst das Lager einzunehmen und dann in Sicherheit die Verletzten zu versorgen -, doch als er jetzt Feodor neben sich niedergeschleudert werden sah, pfiff er drauf, kroch zu dem Soldaten und leitete jede Energie, auf die er zugreifen konnte, in dessen Körper. „Halt durch, Mann“, flüsterte er, „halt bloß durch...“

Ghule! Irgendjemand da oben im Lager schickte ganze Scharen Ghule auf sie los.

„IUDICAEL!“ schrie Comgall über seine Schulter nach hinten.
„WAS?“ schrie der Elf zurück.
„HALT MAL ABSTAND!“

Iudicael verstand und ging einige Schritte zurück, und Comgall, der in Anbetracht der Ghule mit Einzelheilungen nicht mehr hinterherkam, ließ eine Art Lichtblase um sich herum entstehen, die sich mehrere Meter weit ausdehnte, Verbündete unterstützte und Ghulen zusetzte. Leider nicht genug.

Sie kämpften sich gegen die Widerlinge voran, Inucari mit leuchtendem Schwert vorne, Iudicael mit irrem Blick am Schluß in einem Einzelkampf mit einer Goblinpiratin gefangen, und als ein schlecht bewaffneter Orc auf Comgall losstürmte, passierte es: Comgall riss seinen Kampfstab mit beiden Händen los, der Worgen in ihm übernahm ohne sein Zutun die Kontrolle, er wandelte sich und erschlug erst den Orc, dann hackte er auf die Ghule ein, die überall zu sein schienen. Er vergaß völlig seinen Heilauftrag und schlug nur noch um sich.

Mit einem lauten Knall zerbrach links von ihnen ein Fahnenmast und fiel, beinahe elegant, mitten in den Sturmtrupp. Die ehrwürdige Mutter Simanthy wurde davon niedergeschlagen, der Mast prallte noch einmal ab und schlug im Aufwärtsschwung gegen Comgalls Schläfe, dann begrub er die ehrwürdige Mutter unter sich.

Comgall fiel wie ein Klotz zu Boden.

Als er nur kurze Zeit das Bewußtsein wiedererlangte, hatte er rasende Kopfschmerzen und hörte eine verzweifelte Stimme rufen „wir verlieren, zu viele Leute am Boden, wir verlieren!“ - Nein, tun wir nicht, dachte er grimmig und rappelte sich mühsam hoch. Oh, dieser Kopf. Aber immerhin wußte er wieder, wozu er da war, und robbte halbblind von einem zum anderen Mitstreiter, Lichtheilung verteilend, wo er nur konnte.

Im Vorbeikriechen sah er Tenebra, die Blutelfe, die wesentlich professioneller ausgerüstet war und agierte. Er sah Iudicael Goblingedärm von seiner Robe wischen. Er sah irgendwen im verbitterten Kampf gegen einen... Vogel? Ja, tatsächlich. Der Mann war auch gut zu hören, als er das Tier unflätig beschimpfte, während er mit dem Schwert danach hackte. Er wußte nicht, wie lange er sich auf allen Vieren durch die Frontline bewegte, um irgendwas zu retten, und ob ihm das überhaupt gelang, aber immerhin schienen noch alle mehr oder weniger am Leben zu sein.

Er richtete sich halb auf, um einen Überblick zu bekommen. Das war ein Fehler. Mit einem sehr leisen „Tzzz“ schnellte ein von einem Troll abgeschossener Pfeil heran und bohrte sich in Comgalls untere Rippen. Mit einem ungläubigen Lächeln starrte er darauf und sackte langsam zu Boden, wo er erneut bewußtlos liegenblieb.

Er erwachte von dem irrsinnigen Schmerz, der entsteht, wenn jemand mit einem Messer in einer bereits vorhandenen Wunder herumstochert. Katherina Rodenwald sah ernst, aber zufrieden aus, als sie die Pfeilspitze hochhielt. Dann legte sie ihre Hand auf Comgalls Rippen, er fühlte ein wenig Wärme fließen, und schon war die Heilerin wieder zum nächsten Patienten verschwunden.

Er ächzte und richtete sich langsam auf. Er fühlte sich seltsam. Ein wenig schwindlig vielleicht. Und das Tageslicht hatte eine besondere Färbung angenommen, wie damals, als jemand in der Kneipe gefragt hatte, ob Comgall sein Bier „mit Schuss“ wolle und dann aus einem trollisch aussehenden Horn irgendeine Flüssigkeit gegossen hatte.

Bunt, ja. Das Tageslicht war viel bunter als sonst. Schillernd, glänzend, wie Seifenblasen changierend in den schönsten, hellsten Farben.

Comgall vergaß seinen Schmerz, das Loch in der Seite und die Granatsplitter im Oberschenkel. Er fühlte sich großartig. Er richtete sich hoch auf und sah sich um. Alles war einfach wunderschön. Die Eleganz der Kämpfenden. Die glitzernden Schweißtropfen auf ihren Stirnen. Und da hinten, das Meer. So schön.

Er spazierte durch das Lager. Ein Gesicht tauchte vor ihm auf. „Seanie...“ fragte der Priester verklärt, „was machst du denn hier?“
„Nicht Seanie“, keuchte der Leerenelf und riss Comgall hinter die eigenen Reihen zurück.
„Du bist so hübsch!“ erklärte Comgall voller Überzeugung und ohne jeden Zusammenhang. „So hübsch! Und du auch“, sagte er zur nächsten Person, die ihm begegnete. Und zur übernächsten.

Irgendjemand fauchte ihn an, er möge doch bitte mal heilen. Das tat er gerne, vor allem, als er sah, wie hübsch das Licht auf seinen Handflächen tanzte. Er heilte alle, lachend und mit der Begeisterung eines kleinen Jungen zu Winterhauch. Er teilte jedem ungefragt mit, wie wunderbar alles sei, und bemerkte gar nicht, wie sein Trupp es nach und nach schaffte, die Piraten auszuschalten und das Lager einzunehmen. Er lallte einfach glücklich vor sich hin.

[deutlich später am selben Tag]

Der Blutverlust aus seinen eigenen Wunden hatte ihn irgendwann schwanken lassen, was Tenebra aufgefallen war. Ohne große Umstände hatte sie ihn sich hinlegen lassen und seine Hose aufgeschnitten. Sie holte eine Pinzette aus ihrer Heilertasche, desinfizierte sie und entfernte sorgfältig jeden einzelnen Granatsplitter aus Comgalls Bein, bevor sie es verband. Danach zerschnitt sie trotz seines Protests („Nicht der Wappenrock!“) die Oberbekleidung und sah sich die Pfeilwunde an. Auch diese wurde sorgfältig gesäubert und verbunden.

Korporal Bradley stützte den Priester auf dem Weg zu ihrer nächsten Lagerstätte am Ufer. Unterwegs wurde Comgalls Kopf nach und nach klarer, was ihn tief bestürzte - er erinnerte sich nicht an die letzten Stunden, abgesehen von vielen bunten Lichtern, die er gesehen zu haben meinte.

„Oh nein“, murmelte er, vor seinem Zelt liegend, vor sich hin. „Oh nein, oh nein, oh nein...“

Was war nur passiert? Hatte er überhaupt irgendjemanden geheilt? War seinetwegen vielleicht sogar jemand verletzt worden?

Er hasste Krieg. Und er hasste sich selbst im Krieg.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Mi 15. Jan 2020, 09:45

Sie marschierten voran, dem Flußlauf nordwärts folgend, immer auf der Brachlandseite.

Niemand hatte mehr von Comgalls kunterbuntem Filmriss gesprochen, vor allem er selbst nicht - er hatte einfach seine Hose und sein Hemd genäht; der Wappenrock war als solcher nicht mehr zu gebrauchen. Und nun stapften sie voran, den eigenen Spähern hinterher, durch die staubige, schwüle Wärme des Brachlands, bis sie auf einen Hof trafen, der sowohl Staub als auch Wärme verbreitete: ein Stall stand lichterloh in Flammen.

Sie schickten erst Kundschafter vor, rannten schließlich alle hin und bargen einen schwerverletzten Orc aus dem Stall. Er war scheinbar von einem herabgestürzten Dachbalken eingeklemmt und schwer verbrannt worden. In sicherer Entfernung von Rauch und Hitze versuchten die Heiler unter Tenebras Kommando, den Mann zu retten, während Mutter Simanthy darauf wartete, ihn vernehmen zu können, denn: „Dieser Mann ist unser Fahrschein nach Orgrimmar“, wie sie sagte.

Comgall verstand nichts von Strategie und auch nichts vom Heilen, er tat einfach, was er am besten konnte: beten, um dem Orc die Schmerzen zu nehmen, und ein paar Knochen richten, wie Tenebra es zeigte. Er versuchte auch, durch Lichtenergie den Orckörper dazu zu bringen, all den Ruß und Dreck auszuspülen, damit der Mann nicht in 3 Tagen einer Sepsis erlag, aber ob das funktionierte, konnte er nicht einschätzen.

Als sie den Grünen halbwegs stabilisiert hatten und er blinzelnd erwachte, machte Simanthy sich mit Tenebra als Übersetzerin an die Vernehmung. Comgall ging sich am Fluss die Hände waschen und starrte ein wenig gedankenverloren auf die Stadt, die bereits am Horizont sichtbar war. Als jemand seinen Namen rief, stapfte er zurück zu den anderen.

Sie bildeten zwei Gruppen. Comgall hörte irgendwas von staffelweisem Stürmen in „der üblichen Formation“ und realisierte nicht, was ihre Aufgabe war, weil er die gesamte Erklärzeit darüber grübelte, was wohl die übliche Formation sei, freute sich aber, Pater Aedans Gruppe zugeteilt zu sein.

„Alle bereit? Dann lo...“ sagte Aedan, als Comgall fragte: „Was ist die übliche Formation?“

„Es gibt mehrere“, antwortete Nuniel Feuerherz anstelle des Abts mit verdächtig liebenswertem Lächeln. „Eine ist zum Beispiel ‚alle Ahnungslosen nach hinten‘.“

Comgall haha-te friedlich, ließ sich als Ahnungsloser in die Mitte der Gruppe stellen („da hast Du auch den optimalen Heilzugriff“, wie der Abt meinte) und voran ging es auf die Brücke zu.

Die Brücke nach Durotar.
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Mi 15. Jan 2020, 23:31

Niemals würde er so etwas verstehen und einfach hinnehmen können. Es lag nicht daran, daß sein Partner ein Tierarzt war. Comgall hatte schon als Kind nicht verstanden, wie jemand einen Hund treten oder ein Kätzchen ertränken konnte. Tiere hatten keinen Intellekt, kein strategisches Denkvermögen, sie planten nicht weiß-Licht-wie-weit in die Zukunft, sie nutzen einander nicht aus, sie versklavten einander nicht. Sie waren einfach, sie wollten nichts als sein.

Tiere konnten einfach nichts dafür.

Als der Kodo in irrer Panik auf sie zurannte, warf er sich deshalb aus dem Weg, und während Pater Aedan sein Schwert unter den Kopfpanzer des Tieres rammte, das von den Orcs nahe der Brücke auf sie gehetzt worden war und nun mitsamt dem Abt weiterrannte, während er sah, wie Oderike von Rakor sich an das Horn des Tiers klammerte, um dem Abt zu helfen, während um ihn herum alle auf das Tier schossen und er selbst nach einem Brüller von Wulfric einen Schutzschild um Schwester Oderike wirkte - während der langen Minuten, die es dauerte, bis das Tier in die Knie ging und schließlich von Aedan erlöst wurde, flehte Comgall innerlich zum Licht, daß es den Kodo rettete. Er ging sogar soweit, Aedan leise anzuflehen, doch da flog der Zauber schon und tötete ein Tier, das sich selbst sicher ein anderes Leben und ein anderes Ende ausgesucht hätte.

Beim Licht, WIE SEHR ER KRIEG HASSTE - und wie namenlos tief er selbst mit unschuldigen Kreaturen leiden konnte.

Er bekam nur am Rande mit, daß sie die Brücke überquerten. Er nahm zur Kenntnis, daß diese offenbar vermint gewesen war, als sie hinter ihnen explodierte. Er hob automatisch die Arme, um seinen Kopf vor herabregnendem Brückenschutt zu schützen, und als er aufsah und der Staub sich etwas legte, stellte er fest, daß Bruder Wulfrics Arm von einem hölzernen Trümmerteil durchstoßen worden war. Mit den Gedanken noch immer beim Kodo trat er an den Bruder heran und riß das verdammte Ding aus dessen Arm.

"Bist du... irre?" fragte Wulfric schmerzverzerrt, wurde schnell blass und begann zu schwanken.

Hoppla, dachte Comgall. Das Ding war dicker, als er gedacht hatte. Na egal - jetzt war es draußen, wieder reinstecken wäre vermutlich auch nicht genehm. Er versuchte, die stark blutende Wunde erstmal mit der geballten Faust zuzuhalten und schrie zu Tenebra, die einen anderen Verletzten versorgte, quer über die Gruppe zu:

"TENEBRA?"
- "WAS?" kam es sichtlich abgelenkt von außerhalb seines Sichtfelds.
- "WAS, äh, TUE ICH, WENN MAN SCHON DEN KNOCHEN SIEHT?"

Es dauerte einige Sekunden, bis sie ihre Antwort schrie: "RUHIG BLEIBEN!"

Und damit war er auf sich gestellt.

Irgendjemand reichte ihm zwei Verbandsrollen, aus denen er einen Druckverband bastelte, den er wie Kraut und Rüben festzurrte. Er tat das mit maximalem Hass auf die Gesamtsituation. Als die Gruppe nach Sicherung durch ihre Späher weitergehen konnte und endlich einen Lagerplatz neben einer kleinen Felsformation fand, hatte Tenebra Zeit, sich Comgall und seinem Opfer zu widmen.

"Du brauchst dringend eine Heilertasche", befahl sie. "Verbände, Pinzetten, Nadel und Faden, Alkohol..."
"Aber ich bin doch überhaupt kein Heiler", wiederholte Comgall sicher schon das fünfzigste Mal auf diesem verdammten Feldzug. Er hatte nie ein Heiler werden wollen - er mochte handwerkliche Dinge; sein Steckenpferd waren Lederpunzierungen und neuerdings das Nähen -, und daß er dieser Gruppe zugeteilt worden war, lag schließlich nicht an seinen Fähigkeiten im Heilbereich, sondern an seinen Unfähigkeiten auf, tja, eigentlich jeder anderen Ebene.
"Das solltest du mal überdenken - am Ende dieser Mission bist du vielleicht einer", meinte Tenebra. "Noch kein guter, aber einer mit Grundlagen. Jetzt hör zu und lerne."

Unter ihrer Anleitung parkte er Wulfric neben einem Felsen, an dem der Arm aufrecht lehnen konnte, so daß der Blutverlust minimiert wurde. Er löste den Verband, spülte, sammelte akribisch kleine Splitterteilchen aus dem umgebenden Gewebe, spülte erneut, bekam sehr willkommene Hilfe von Pater Aedan und Ilassan, heilte nach jedem Arbeitsschritt mit Licht (nicht wegen der Schmerzen, Wulfric war schon lange ohne Bewußtsein, sondern weil er fest daran glaubte, daß dadurch alles besser würde) nach, tränkte ein sauberes Tuch mit Alkohol, säuberte, lichtete und mußte am Ende - nähen.

"Äh..." sagte er mit der bereits desinfizierten Nadel in der Hand. "Ähm. Aedan? Du bist doch Feldscher? Kannst du mir bei diesem Nähen irgendwie helfen?"
Aus irgendeinem Grund lachte der Abt. "Da hast du ja genau den Richtigen gefragt", antwortete er. Comgall fand das auch, wurde aber das Gefühl nicht los, irgendwas überhört zu haben. Naja, egal - er setzte die Nadel an.

Oh Mann, das ging aber schwer. Wulfric schien ein zäher Typ zu sein. Comgall piekste und stocherte vorsichtig herum, doch die Haut wehrte sich gegen die Nadel.

"Denk nicht daran, wie weich Haut sich anfühlt", sagte Aedan neben ihm. "Denk daran, wieviel Kraft du beim Lederverarbeiten brauchst."

"Oh, natürlich", sagte Comgall, und hielt sich selbst im letzten Moment davon ab, sich mit der Nadelhand vor die Stirn zu schlagen. "Es ist ja Leder, nur noch durchblutet."

"Genau", bestätigte Aedan und Comgall rammte die Nadel in Wulfrics Haut. Er ließ sich zeigen, wie man die Stiche nähte (und fand es viel zu schmucklos) und brauchte einige Stiche, bis er den Kraftaufwand gut einschätzen konnte; dann nähte er flüssig und überraschend geschickt bis zum Ende der Wunde. Aedan zeigte ihm auf seine Bitte hin, wie man das Ende verknotete, löste den Knoten und ließ es Comgall wiederholen.

Als der Priester seinen Abt erschöpft anlächelte, lächelte Aedan zurück. Schon allein dafür hatte sich der ganze Aufwand gelohnt, fand Comgall. Allerdings auch dafür, nicht morgen von Wulfric umgebracht zu werden, sobald der aufwachte. Er setzte sich neben den bewußtlosen Bruder, falls er zu sich kam und irgendwas brauchte, oder falls er den Eindruck machte, Schmerzen zu haben. Aedan ließ sich neben ihm nieder und bot ihm Whiskey aus einem Flachmann an - woher er an jedem Fleckchen Azeroths das Zeug zauberte, war Comgall nicht klar, aber er nahm dankend an.

"Du hast ein Talent dafür", sagte Aedan.
Comgall schüttelte lachend den Kopf. "Zum Anästhesieren vielleicht. Ich schicke den Verletzten solange Licht, bis sie glücklich herumschweben und nichts mehr merken."
"Das ist doch schon etwas", meinte Aedan lächelnd. "Der Rest braucht Übung."
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Fr 17. Jan 2020, 11:30

Eine Zeit der Extreme brach an. Sie schafften es, das Westtor der Stadt zu durchbrechen und eine nicht unbedeutende Anzahl Flüchtlinge herauszuholen.

Tenebra wurde im Kampf von einem Windreiter gepackt, Ilassan hechtete ihr hinterher und beide verschwanden spurlos mitten über Orgrimmar.

Die Gruppe konnte nicht in die Stadt, doch das Tor konnten sie halten, und so entstand eine Belagerungssituation, in der man sich neu sortieren konnte.

Duncan, ein Mitglied der Scharlachroten Faust, tötete angeblich aus Versehen einen Flüchtling und stellte sich im Laufe der folgenden Ereignisse als Verräter heraus, was die Moral der gesamten Truppe praktisch auf den Nullpunkt senkte. Der Mann entkam, niemand wußte, wo er jetzt war und ob er den Vorstoß anderweitig unterwanderte.

Comgall und Katherina hatten nun alle Hände voll zu tun nicht nur mit den eigenen Leuten, sondern auch noch mit den Flüchtlingen. Der Priester blendete radikal jedes persönliche Gefühl aus, weil es ihn sonst überwältigen würde - als Iudicael ihn in einer ruhigen Pause fragte, wie er es verkraftete, antwortete er: später. Später würde er es verkraften. Jetzt mußte er funktionieren, und er mußte Zuversicht ausstrahlen für seine Patienten, denn viel mehr als Licht und Zuversicht hatte er nicht zu bieten.

Comgall erfuhr andererseits große Anerkennung und Freundlichkeit, die er beide so nicht erwartet hätte, und als Wulfric erwachte, sogar noch materielle Unterstützung: der Magier, der einen ziemlich bedröhnten Eindruck machte, sah zuerst auf seinen Arm.

„Oh, er ist noch dran“, lallte er glücklich.
- „Ha, hähä“, lachte Comgall erleichtert und ein bißchen dämlich, „genau das habe ich auch gesagt!“

Lichtseidank, der Magier wollte ihn nicht verprügeln. Er schien sogar im Gegenteil... dankbar zu sein? Das Wort „Danke“ hatte jedenfalls gerade Wulfrics Mund verlassen.

„Ich fühle mich wie in Lichtwatte gepackt“, sagte der Magier weiter. „Keine Ahnung, was du alles in mich reingepumpt hast -“ (Comgall guckte ratlos. Er hatte auch keine Ahnung, sein Motto war: ‚beim Licht und beim Bier - Hauptsache viel‘.) „- du scheinst jedenfalls nicht ganz talentfrei zu sein auf diesem Gebiet. Das solltest du ausbilden lassen, möglichst bevor du jemanden umbringst.“
Wulfric setzte sich, von Aedan gestützt, ächzend auf, bevor er fortfuhr: „Wissen ist Macht, Bruder, und Heilerausbildungen gibt es nicht umsonst. Das Licht hat dich hierhergeführt und zeigt dir neue Wege. Nimm es doch an.“ Er drückte leicht Comgalls Arm.

„Siehst du“, schmunzelte Aedan, „du bekommst es von allen Seiten.“ Er selbst hatte sich auch schon so geäußert, und er war nicht der Einzige; selbst in seinen stillen, nächtlichen Zwiegesprächen mit dem Licht hatte der Weg deutlich vor ihm gelegen.

Comgall allerdings war sehr skeptisch - er, ein Heiler? Es bereitete ihm große Freude, das mußte er zugeben, aber es bedeutete auch ein Maß von Verantwortung, das erfüllen zu können er sich einfach nicht zutraute.

Aedan musterte den rothaarigen Sturkopf, als könne er dessen Gedanken lesen. „Wie ist es nur möglich“, sagte er dann, „wenn Licht dir vertraut und dich auf diesen Weg schickt, daß du dir selbst nicht vertraust?“
- „Weil ich Angst habe, mich darauf zu verlassen“, erwiderte Comgall. „Es ist viel zu leicht, sich und anderen einzureden, man sei vom Licht gesandt, sein Stellvertreter und Streiter, obwohl man eigentlich nur größenwahnsinnig ist.“
- „Nichts für ungut“, brummte Wulfric mit halb geschlossenen Augen, „aber von Größenwahn bist du weit entfernt. Wir sagen dir Bescheid, wenn es soweit kommen sollte.“

Als sei das Thema damit erledigt, grabbelte er in seiner Gürteltasche herum und begann, Dinge daraus hervorzuziehen, die nach Comgalls Verständnis da gar nicht hineinpassen dürften: zunächst mal einen neuen Wappenrock - den alten hatte Comgall abgekocht und in Bandagen verwandelt. Auf seine Bitte hin gestattete der Abt ihm, seinen Wappenrock nur noch direkt im Kampf zu tragen - Comgall verbrachte sehr gerne Zeit mit den Leerenelfen und wollte nicht, daß die ständig auf das geweihte Kleidungsstück aufpassen mußten.
Dann zog Wulfric aus seiner kleinen Gürteltasche den Riemen einer großen Tasche, die alsbald auch auftauchte. Magie war einfach toll, fand Comgall. Ob man wohl auch Lebewesen so schrumpfen konnte? Der Viehtrieb in ganz Azeroth könnte mit Wulfrics Hilfe revolutioniert werden.

Die neue Tasche war aus Leder und trug sowohl das Wappen der Bruderschaft als auch ein Heilerzeichen. Comgall linste neugierig hinein, während Wulfric erzählte, Eileen hätte sie ihm als Notfallversorgung mitgegeben: in der Tasche waren viele kleine Fächer und Innentaschen. Verbände fanden sich da aus verschiedenen Materialien, Stoff für Wundauflagen, diverse Tiegel und Döschen mit sorgfältigen Beschriftungen, eine Dose Nadeln und feiner Naturdarm - sogar ein eingerolltes Pergament mit, wie es schien, kurzen Gebrauchsanweisungen.

„Die nimmst du erstmal“, sagte Wulfric müde, „bis du eine eigene hast.“

Am Nachmittag tauchte die Nachhut auf, mit weiteren Verletzten, Nachschub für Waffen und Verpflegung, und vor allem: mit Emiriel. Comgall hatte die liebenswerte Elfe vermisst und nur sein noch angelegter Wappenrock hielt ihn davon ab, sie sofort zu knuddeln. Als auch Emiriel, nachdem sie die Erlebnisse der letzten Tage ausgetauscht hatten, mit einem selbstverständlichen Unterton fragte: „Und, Comgall, wirst du jetzt Schlachtenheiler?“, gab er seinen Widerstand endgültig auf.

Ist ja gut, schickte er einen Gedanken in seinen inneren Gebetsraum. Ich habe dich verstanden. Ich werde es tun.
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Comgall
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Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Comgall » Mi 22. Jan 2020, 00:00

Sie lagerten Seite an Seite, eine ständig wachsende Allianzstreitmacht neben einer ebenso rasch zunehmenden Schar Horderebellen. Kaum jemand war hier, der nicht irgendwann in seinem Leben schlechte Erfahrungen mit der Gegenseite gemacht hatte, die nun eine, nun ja, verbündete Gegenseite war. Es kam immer wieder zu kleineren Rangeleien und die Stimmung wurde täglich angespannter.

Comgall beobachtete das Geschehen aufmerksam. Er war fasziniert von der Kommunikation unter den verschiedenen Völkern. Zunächst einmal die unterschiedliche Körpersprache: Selbst das Zucken des Schwanzes der geflüchteten Pandarenkriegerin, die zu beobachten er nicht müde wurde, weil sie es schaffte, gleichzeitig beängstigend schlecht gelaunt und - er schämte sich beinahe, das zu denken - einfach irgendwie niedlich war, bedeutete unterschiedliche Dinge, die ihr Gesicht nicht sofort verriet.

Die Art und Weise, wie ein Orc einen beleidigte oder herausforderte, konnte je nachdem ewige Freundschaft oder ewige Blutsfehde bedeuten.

Trolle gestikulierten gern groß, und das, stellte er fest, war ein regelrechter Subtext unter dem gesprochenen.

Menschen, speziell die militärisch organisierten, wurden immer steifer und unentspannter, je mehr Trollkraut in dem großen Lager herumging (auch unter Zwergen, stellt der Priester fest, der zu seinem eigenen Bedauern mehrfach ablehnen mußte, weil er in dieser Situation einen klaren Kopf bewahren wollte und selbst das Biertrinken abgestellt hatte).

Und dann die Elfen. Blut-, Hoch-, Nacht- und Leerenelfen umkreisten einander in einer Art Wettbewerb, wer wen am arrogantesten ignorieren konnte.

In einem Wort: Faszinierend. Fas - zi - nierend!

Sie hatten einen ihrer Elfenverbündeten, Hashmalim, auf die Fährte des Verräters Duncan gesetzt, und sobald er Informationen zurückgebracht hatte, waren sie als gesamter kleiner Trupp aufgebrochen, den Mann einzufangen. Dies gelang ihnen in einer Schlucht voller Harpyien, gegen die Duncan sich alleine zur Wehr setzte, als sie eintrafen. Es war erstaunlich leicht, ihn gefangenzunehmen - er ließ recht widerstandslos die Waffen fallen und versuchte praktisch sofort, Gnade zu erwirken, da er unter Zwang gehandelt habe. Man habe seine Tochter entführt und ihm Anweisungen geschickt, was er zu tun habe.

Comgall hatte ein schlechtes Gefühl. Was sagte ihnen denn, daß nicht auch diese Geschichte zum Plan der Entführer gehörte, sollten diese existieren?

Sie eskortierten den Mann zurück zu ihrem Lager bei der Hauptstreitmacht. Iudicael übernahm die Befragung, die unterbrochen wurde, als zwei Personen aus den Reihen der Horderebellen auftauchten und leidenschaftlich verlangten, daß der Gefangene ihnen ausgeliefert würde, weil er ihre Leute umgebracht hätte. Ein Orc diskutierte mit Hashmalim, während der andere, ein Verlassener mit gravierenden Problemen in der Unterkieferstabilität, sich bemühte, mit Charme an Oderike, Iudicael und Comgall vorbeizukommen.

Noch während sie diskutierten, ertönte ein lauter Hornstoß. Alle erstarrten. Sollte jetzt der Moment sein? Jetzt? Sie drehten sich zum Haupttor. Dort wurde von einzelnen Personen geschrien, während die Masse der lagernden Streitmacht totenstill war. Comgall konnte nichts erkennen und ließ sich von den anderen seiner Gruppe, die vorwärts auf einen kleinen Vorsprung drängten, mitziehen. Als sie dort ankamen, ging ein Raunen durch die ganze Streitmacht wie ein Windstoß durch ein Ährenfeld: "Mak'gora - Mak'gora!" wisperten alle.

"Was ist ein..." setzte Comgall an, doch da sah er es schon. Erst fragte er sich, warum jemand es allein mit der Banshee aufzunehmen versuchte - es war völlig wahnsinnig zu glauben, man könne gewinnen. Doch die brutale, selbstmörderische Perfektion des Plans erschloss sich ihm sehr schnell. Varok Saurfang trieb den Kriegshäuptling mit wenigen herausfordernden Sätzen präzise in die Ecke, in der er sie haben wollte: "Die Horde ist gar nichts!" entfuhr es ihr, bevor sie nachdachte, und jede Elfe, jeder Troll, jeder Verlassene und Orc, die hinter ihr angetreten waren, um sie und Orgrimmar zu verteidigen, jeder in der Horde und Allianz hörte es.

Zorn und Arroganz trieben sie zur Flucht nach vorn. "Ihr - seid - alle - gar nichts!" schrie sie, so daß es auch hinten auf dem kleinen Vorsprung deutlich zu hören war.

Sie tötete Saurfang mit einem einzigen Schlag irgendeiner fremdartigen Magie, wie es schien, und verhöhnte beide Lager als Zinnsoldaten, als Tiere, die nach Ehre brüllen. Fast schien es, als sei sie froh, endlich die vorgetäuschte Loyalität abgestreift zu haben. Ihre Stimme troff noch vor Verachtung, als ihr Körper sich in Rauchschwaden verflüchtigte und sie verschwand.

Comgall stand lange reglos da, völlig überfordert, und er war nicht der einzige. Er sah, wie die Verteidiger der Horde den Weg freigaben. Er sah, wie Varok Saurfang die Hauptstadt getragen wurde. Und er versuchte zu begreifen, was eben geschehen war. Sylvanas war einfach... zu einem Rauchwölkchen geworden. Der Krieg war vorbei. Ohne großen, finalen Kampf. Einfach vorbei.

Er begann zu zittern und setzte sich, damit es niemand merkte. Jetzt hatte die Banshee zwar keine Streitmacht mehr und war weg, aber eigentlich war das fast noch schlimmer als vorher, dachte er. Sie war frei, sich eine elende Armee zu erschaffen, wo und wann immer sie wollte. Sie konnte morden, ohne daß man sie aufhalten konnte. Sie war nicht greifbar. Sie hatten sie nicht gestellt. Sie hatten sie nicht getötet.

Jetzt gab es zwar keinen Krieg - aber es gab auch keinen Frieden.
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Awake, my soul, for you were made to meet your maker.

Sean
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Registriert: Mi 1. Jan 2020, 22:35

Re: Comgall stolpert voran

Beitrag von Sean » Do 23. Jan 2020, 13:38

Heute mußte Sean mit der linken Hand essen, was dazu führte, daß ihm etwas Linsensuppe in den Schoß kleckerte. Rose neben ihm sah zu, wie er ernst und schweigsam zwei Linsen mit dem Löffel von der schmutzigen Lederhose kratzte und einfach weiter aß.

"Was ist mit deiner rechten Hand passiert?" fragte sie.

"Ach, die Hand ist in Ordnung - mit hat vorhin das falbe Fohlen gegen den Oberarm getreten. Falls du noch einen Namen für das Tier suchst, empfehle ich 'Stahlhuf'". Er löffelte noch ein wenig weiter, warf dann den Löffel in die Suppenschale und schüttelte den Kopf.

"Ich kann nicht essen. Und es war nicht Stahlhufs Schuld - ich bin inzwischen so nervös, daß ich das Kleine wahrscheinlich einfach aufgeregt habe."

Rose nickte. Auch sie war weit davon entfernt, entspannt und zufrieden zu sein.

"Iss trotzdem", sagte sie. "Ein Hungerstreik bringt sie auch nicht schneller wied-"

"Darf ich kurz um Eure Aufmerksamkeit bitten, Schwestern und Brüder", ertönte in diesem Moment Dermots Stimme im Speisesaal. Synchron bewegten sich alle Köpfe in Richtung des Sprechers.

"Uns hat heute eine Nachricht erreicht, die ich Euch nicht vorenthalten möchte: Alle in Durotar beteiligten Mitglieder der Bruderschaft sind wohlauf. Viele Mitglieder der Allianz sind bereits auf dem Rückweg; unser Orden allerdings lagert derzeit noch vor Orgrimmar, weil einige verbündete Personen vermisst werden und... jemand darauf besteht, bei deren Wiederauffinden zu helfen."

"Comgall", flüsterten Rose und Sean gleichzeitig, sie mit einem leichten Augenrollen und er mit einem verliebten Lächeln. Unbewußt griff er nach Roses Hand und drückte sie fest.

"Dem Licht sei Dank für die Gesundheit unserer Schwestern und Brüder." ergänzte Dermot und alle schlugen murmelnd das Lichtsymbol vor ihrer Brust und begannen, leise zu tuscheln.
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Sei der Mensch, für den dein Hund dich hält.

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