Gratwanderung

Antworten
Benutzeravatar
Inneke
Beiträge: 35
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:36

Gratwanderung

Beitrag von Inneke » Di 14. Mai 2019, 11:28

Irgendwo in Lordaeron...

Inneke hockte über einem Kameraden, das Blut getränkte Wappen in ihrer Hand, umgeben von zahllosen Leibern, halb vergraben unter Blättern, eingesunken, während ihnen die Zeit das Fleisch vom Gerippe schmolz. Eine ganze Weile hatte sie auf dem Feld gestanden, unfähig sich zu entscheiden, ob sie bleiben, oder näher treten sollte. Doch das scharlachrote Herz verlangte danach mehr zu erfahren und den Gefallenen die Ruhe zu verschaffen, die sie verdienten.
Es mußte bereits vor einigen Wochen geschehen sein, oder dieses verdammte Land riß die Toten nach Sylvanas' letztem Geniestreich noch eiliger an sich. Viele der Namen kannte sie ohnehin nicht und vielleicht war das auch nicht wichtig, immerhin hatte man sie schon vor langer Zeit vergessen.

Als sie sich aufrichtete, regte sich etwas hinter ihr.
"Das Schicksal meint es also gut mit mir", der Mann stieß sich von dem windschiefen Baumstamm ab, dessen kahle Zweige sich flehend wie zittrige Finger dem Himmel entgegen streckten. Sein schlohweißes Haar wehte hinter ihm her, als er Inneke gemäßigten Schrittes näher kam. Das Schwert in seiner Hand hinterließ eine feine Spur im Boden neben den Fußspuren.
Hastig legte sie eine Hand an den Dolchgriff. Er fühlte sich warm an - selbst durch das Leder der Handschuhe.
Leere Augenhöhlen starrten sie an und ein Mundwinkel zuckte als er ihre Reaktion bemerkte. Sein Mantel war zerschlissen und der Saum hing in Fetzen. Die Kleidung darunter war einfach und schien bemüht die trostlose Farbe seiner Umgebung annehmen zu wollen. Ihrem Zustand nach zu urteilen, legte er nicht viel Wert darauf diesem Prozess entgegen zu wirken. Eingefallene Wangen und fahle Haut ergaben mit dem Rest ein stimmiges Gesamtkonzept.

"Da hatte ich mich beinahe geärgert, daß ich mir zu wenig Zeit gelassen habe. Ich meine sieh es dir an, es gibt einfach nichts mehr zu tun", er holte mit einer Hand aus und deutete auf das Schlachtfeld um sich herum. "Aber dann kamst du daher und da ich davon ausgehe, daß sich dieser glückliche Zufall nicht mehr allzu oft wiederholen wird, werde ich es zu schätzen wissen und besonnen mit dir umgehen", er stützte sich mit beiden Händen auf den Schwertknauf und lächelte zufrieden.
Inneke blinzelte hektisch, ihr Blick floh in alle Richtungen über das Feld: Vereinzelt tote Bäume, am Horizont eine Hügelkette, verschlammte, halb verrottete Büsche hier und da. Und während sie stand und um Erleuchtung rang, sanken ihre Füße langsam in den nassen, moderigen Boden ein.

"Details klären wir später", mit diesen Worten hob er das Schwert an und Bewegung kam in den untoten Körper - überraschend viel und schnell.
Er war fast bei ihr, als es hinter Inneke raschelte. Das Letzte, was sie hörte, war das dumpfe Klingen einer Kuhglocke. Es erstaunte sie für einen kurzen Augenblick, dann umfing sie weniger rätselhafte Dunkelheit.
Zuletzt geändert von Inneke am Do 16. Mai 2019, 12:12, insgesamt 2-mal geändert.
Bild

Benutzeravatar
Inneke
Beiträge: 35
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:36

In Tirisfal

Beitrag von Inneke » Di 14. Mai 2019, 11:28

Der Geruch von gebratenem Fisch stieg ihr in die Nase, als sich der dichte, nervende Schleier auf ihrem Hirn langsam lichtete und ihr gestattete zögernd die Augen zu öffnen. Sie sah in die Flammen eines nur wenige Meter entfernten, kleinen Feuers, über dem sich die Silhouette eines Fisches drehte, dahinter eine durch die hell aufschlagenden Flammen undeutliche Gestalt, neben ihr im verdorrten Gras eine verbeulte Kuhglocke, der das Innenleben fehlte.

Sie setzte sich auf, hielt sich den brummenden Schädel und murrte.
"Guten Morgen."
"Es ist schon Morgen?"
"Nein."
Der Fisch drehte sich weiter, dann hielt er an und jemand, der ihrer Mutter recht ähnlich sah - einer alten, vernachlässigten und einige Male durch den Morast gezogene Version - sah sie an.
"Du bist nicht ganz echt, oder?", Inneke hob eine Braue und tastete erkundend an sich herum.
"Ja also, doch und diese ganzen Messer habe ich dir abgenommen bis wir uns besser kennen. Oder vielleicht behalte ich sie ja auch, gerade weil wir uns dann besser kennen", sie, die Person, nestelte an einem einzelnen Finger herum und hielt ihn an ihre Hand, wo er vermutlich vorher dran gesteckt hatte. Sie hatte wirres, schwarzes Haar, das in einem unbändigen Chaos aus Locken und Dreck in alle Richtungen stand, ein Tuch vor dem Gesicht und trug ein Sammelsorium aus Leder und Stoff, gespickt mit kleinen Messern und anderen spitzen Dingen.
"Federn gelassen?"
"Immer wieder."
"Ich könnte das vielleicht wieder fest machen, wenn das überhaupt etwas bringt."
Der Finger wurde beiseite gelegt und die restlichen vier Finger mitsamt Hand streckten sich, am Feuer vorbei, Inneke entgegen. Skeptisch und mit möglichst wenig Berührungspunkten wurden Hände geschüttelt.
"Ich kenne dich", stolperte es aus Inneke heraus.
"Na das nehme ich doch an."
"Du bist die, deren Namen wir nicht nennen sollen."
"Archimonde? Nein, zu viel der Ehre."
Inneke tippte sich nachdenklich in an die Nasenspitze. "Mutter sagt du bist verrückt."
"Du sprichst mit Kröten."
"Touché."

Sie musterten sich eine Weile.

"Leute wie du essen?", Inneke machte eine fahrige Geste in Richtung des Fisches, der auf der Unterseite allmählich schwarz wurde.
"Gelegentlich, wenn uns danach ist."
"Ja, wenn das nur gelegentlich vor kommt, dann mußt du ihn ja nicht vom Feuer nehmen ehe er verkohlt."
Luzinde van de Flierdt wurde mit einem Mal hektisch und fummelte den Fisch aus den Flammen. Dabei fing ein Ärmel Feuer. Sie sprang auf, bückte sich und trat auf dem Ärmel und den darin befindlichen Arm herum, dann setzte sie sich wieder und legte das beinahe nicht angebrannte Exemplar eines ehemaligen Wasserbewohners auf einen zuvor abgebürsteten, flachen Stein. Sie grinste ihre Nichte stolz an.
"Wo hast du den her?"
- peinliche Stille-
"Aus dem See dort?", Luzinde deutete auf einen nahen Tümpel. Die Oberfläche glänzte, wölbte sich zu einer kleinen Blase und platzte zäh auf.
"Ich mag Fisch nicht."
Das unselige Tier verschwand hinter dem Tuch im Mund der Untoten.
"Ich frage mich wo das landet, wo du doch eigentlich nichts mehr in dir hast."
"Woher willst du das wissen?!", folgte es protestierend.
"Ähm... ja...", Inneke deutete auf die Mitte ihres Gegenübers, "da hängt Stroh raus."
Eilig schob Luzinde den Missetäter zurück, zog Stoff davor und stopfte es fest.
"Ein unglückliches Ereignis", rechtfertigte sie sich.

Inneke streckte sich, "Wie dem auch sei, ich denke, ich lege mich noch einmal hin und dann...", ein Finger flog ihr an den Kopf.
Sie seufzte.
"Ich nähe, lege mich dann hin und danach klären wir die Details."
Bild

Benutzeravatar
Charlott
Beiträge: 3
Registriert: Fr 22. Feb 2019, 19:06

Arathi

Beitrag von Charlott » Di 14. Mai 2019, 12:49

"Sir, ist es nötig, daß Ihr selbst geht? Es sind unsichere Zeiten, uns fliegt das Land förmlich um die Ohren und..."
Chevalier Großherz blieb stehen und sah den eifrigen Mann, der ihr mit einem Notizblock und vielen guten Ratschlägen gefolgt war, an. Sie blinzelte nicht und irgendetwas in ihrem Gesicht zeigte einen Hauch Enttäuschung. Der junge Mann wurde kreide weiß, dann sackte er fast unmerklich in sich zusammen.
"Ich lasse Euer Pferd satteln, Sir. Wie die letzten Male auch. Aber ich gebe zu bedenken, daß graue Haare bei Menschen in meinem Alter nicht normal sind, ...Sir", dann stiefelt er davon.

Ein kleiner Trupp sammelte sich, Charlott Großherz aufrecht an der Spitze, gleich hinter ihr Eyrun auf einem Esel, dicht gefolgt von weiteren fünf Ordensleuten. Vor einigen Monaten hatten sie solche Ausritte als Anlaß genommen sich richtig rauszuputzen, doch war es nun kaum noch möglich sauberes Wasser zu finden, geschweige denn annähernd brauchbare Lappen. Lediglich "Güte" ruhte auf Charlotts Rüstung, als könne Schmutz ihm nichts anhaben.

Die Chevalier wandte sich erneut an den noch immer gehetzt wirkenden Mann, "Du wirst das Lager mobil machen, wenn wir einen passenden Standort gefunden haben, rückt ihr nach. Langsam wird es mir zu eng zwischen diesen Mauern."
Er nickte beflissen.

Der Weg war mühsam und die ehemalige Straße kaum noch vorhanden, so daß sie sie bald verließen. Sie hielten an kleineren Posten, ließen sich über die Lage aufklären und schließlich schlugen sie einen Weg ein, der sie nah an den Wall führen sollte - gewagt oder passend unerwartet, sich so nah an die Grenze zu wagen.
Nahe einer kleinen Senke, unterhalb des Walls hielten sie an. Weit und breit kein Feind in Sicht. Auch hier war der Krieg nicht spurlos vorbei gezogen, doch in diesem Moment schien er sich für diesen kleinen Fleck Land nicht zu interessieren.
Sie stiegen ab, erkundeten das Gebiet genauer. Zwei in ihrem Rücken hielten die Augen offen und musterten den Frieden argwöhnisch. Dicht hingen die Wolken über ihren Köpfen.

Es begann mit einem hohen Pfeifen, das sich zu nähern schien. Zuerst konnten sie nicht aus machen wo es her kam. Sie richteten ihre Gesichter auf den Himmel über sich, noch immer war niemand zu sehen. Dann brach es brennend durch die Wolkendecke, näherte sich rasch und schlug nicht unweit auf. Die lodernde Masse spuckte Glut und Schlacke, als sie einen Krater in die Landschaft brach. Jeder, der seines Pferdes habhaft werden konnte, packte es und holte sich und seinen Nebenmann in den Sattel. Der Esel hatte als Erster die Flucht ergriffen.
"Er war schon immer das klügste Tier im Stall", sinnierte Eyrun, unfähig sich zu bewegen, als die gepanzerten Handschuhe der Chevalier nach ihr griffen und sie zu sich aufs Pferd zog. In dem Chaos weiterer Geschosse, sah jeder zu, daß er sich und seinen Nächsten in Sicherheit brachte.

Als sich der Himmel beruhigt hatte, klaffte ein weiteres Loch im Thoradinswall, was ihn nicht minder imposant machte. Schwer hing der Rauch über der Ebene und die Luft war staubgeschwängert. Fünf Ordensgardisten bahnten sich ihren Weg durch die Verwüstung. Aufkommender Wind gab nach und nach die Sicht auf ein Trümmerfeld frei. Das stolze Ross der Chevalier lag zwischen herab gestürzten Steinen. Es donnerte, frischte auf, erste Tropfen fielen. Der Regen säuberte die Luft und wusch Staub von Mensch und Land. Inmitten des Durcheinanders lag "Güte", unberührt von Staub, ohne einen Kratzer.

Sie standen vor dem Trümmerhaufen, ließen die Blicke darüber schweifen, während der Regen unaufhörlich auf sie nieder ging. Dann waren Stimmen und Schritte zu hören, das Rattern und Quietschen schwerer Karren und die Silhouette eines nahenden Trupps erhob sich in der Ferne.

"Wir müssen hier weg", Aryna griff entschlossen nach dem Streithammer. Sie musterte kurz die Stelle, wo die Waffe gelegen hatte und ein besorgter Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Dann festigte sich ihr Griff um das Heft. Auf ihren Wink hin, setzten sich die Geschwister in Bewegung.
Zuletzt geändert von Charlott am Mi 15. Mai 2019, 13:53, insgesamt 1-mal geändert.
"Die Vergangenheit kann nicht geheilt werden." - Queen Elizabeth I.

Benutzeravatar
Inneke
Beiträge: 35
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:36

In Tirisfal

Beitrag von Inneke » Mi 15. Mai 2019, 13:51

Die Tage vergingen ohne nennenswerte Ereignisse. Die meiste Zeit, sparte sich die Sonne jegliche Art der Anstrengung und ließ den siechenden Wald in einer durch den großen, neu geschaffenen Seuchenteich am Horizont beschienen Dämmerung. Träge schoben sich die nebligen Ausläufer der giftigen Brühe, die das Gebiet in zwei Hälften teilte wie gierige, krumme Finger über den Boden bis tief in den Wald hinein.

Luzinde sorgte dafür, daß sie in Bewegung blieben, außer Reichweite dieser ungastlichen Gegend. Selbst ihr schien dieser Pfuhl nicht ganz geheuer zu sein. Bisweilen unterhielt sie sich mit einem kleinen Stoffbeutel, der an ihrem Gürtel hing. Dabei hielt sie sich diesen vors Gesicht, musterte ihn eingehend und legte immer wieder Pausen ein, als würde sie etwas hören. Gelegentlich gipfelten diese - für Inneke eindeutig sehr einseitigen - Gespräche in heftigem Schütteln des Beutels.
Die Nächte verbrachte Inneke nahezu immer allein und wenn es so war, bekam sie erst wieder am Morgen, wenn es vermutlich dämmerte, Gesellschaft. Sie beobachtete die Eigenheiten ihrer Tante, versuchte sich den Weg durch die eintönig sterbende bis tote Landschaft einzuprägen, bis sie glaubte sicher genug zu sein.

Das Feuer war runter gebrannt. Luzinde machte einen ihrer gewohnten Streifzüge und hatte Inneke eine Decke da gelassen. Sie bildete sich ein in der Ferne eine Hügelkette im Norden erkannt zu haben. Kloster oder vielleicht sogar die Grauen, einen Versuch war es wert und näher würden sie sehr wahrscheinlich nicht heran kommen. Die Untote hatte einen ungesund paranoiden Drang allem fern zu bleiben, was atmete, oder einmal geatmet hatte.

Sie sah sich noch einmal um, dann schob sie Dreck und Laub unter die Decke und kehrte der Lagerstätte den Rücken. Für gewöhnlich war anzuraten, den Fluchtweg zu verschleiern, ein Haken schlagen, etwas Laub über die Fußabdrücke, geknickte Zweige in die falsche Richtung. Doch dieses Mal war sie sich sicher, daß all diese Mühen sie nur aufhalten würden, ohne daß sie einen Effekt hätten. Also hielt sie geradewegs auf die nördlich gelegene Hügelkette zu.
Vor einer kleinen Lichtung blieb sie stehen, duckte sich hinter einen blattlosen Strauch und spähte auf die andere Seite, als sich eine knochige Hand auf ihre Schulter legte.
"Ich bin sehr enttäuscht", wehte fauliger Atem an ihr Ohr.
Bild

Benutzeravatar
Shephard
Beiträge: 1005
Registriert: So 20. Jan 2019, 18:08

Derweil in Arathi....

Beitrag von Shephard » So 19. Mai 2019, 22:56

Die Reise nach Menethil war geradezu langweilig gewesen. Seine Reisegesellschaft hatte aus einer bunten Mischung aus Händlern, Söldnern und Glücksrittern bestanden, die allesamt hofften, im Norden ein paar rasche Münzen machen zu können. Nächtelang hatte er den Erzählungen über die Kämpfe in Arathi und um Stromgarde zugehört und immer wieder hatte man ihn gefragt, was die Roten denn dazu beitrugen. Ebenso immer wieder hatte er geantwortet, dass sie dafür sorgten, dass die Untoten nicht noch schneller von Westen einrückten und für gewöhnlich hatte dies das Ende eines Gesprächs mit ihm markiert.

Als das Schiff nach mehreren Tagen Seefahrt in Menethil vor Anker ging hatte er mit stoischer Nüchternheit festgestellt, dass dies immer noch die feuchteste Stadt seit Theramore war. Da Buffalo aber nach wie vor kein Seepferd war und der Ausblick, auf muffig klammen Matratzen zu übernachten alles andere als verlockend war, hatte er sich direkt auf die Weiterreise gemacht. Kaum hatte er die Stadtmauern von Menethil verlassen, schien er weit und breit das einzige Wesen zu sein, aus dessen Haut keine Taschen oder Schuhe gemacht wurden.

Arathi selbst hatte sich im Vergleich zu seinem letzten Besuch um einiges verändert. Er hatte kaum die alte Brücke überquert als das Donnern von Geschützen wie ein weit entferntes Gewitter herüber klang. Die vormals fast zugewachsenen Pfade waren breite schlammerfüllte Wege, aufgeweicht von hunderten Füßen und Hufen und gutem, konstanten arathischen Regen. Unter dicken grauen Wolken stieg am Horizont dicker schwarzer Rauch auf. Vielleicht ein Brand, vielleicht ein Lager. Freund oder Feind? Nicht zu sagen auf diese Distanz. Weiter im Südwesten verschmolz die graue Silhouette von Burg Stromgarde fast bis zur Unsichtbarkeit mit den tiefhängenden Regenwolken. Bisher hatte er nur Erzählungen gehört über den Wiederaufbau der alten Festung. Sollte es sich zeitlich ergeben würde er ihr einen Besuch abstatten, soviel stand fest, aber er war nicht den ganzen Weg gereist, um lokale Sehenswürdigkeiten zu genießen.

Es überraschte ihn nicht, dass das Lager der 1. und 4. Lanze nicht dort war, wo es sich zuletzt gemeldet hatte. Das halbe Dutzend Krater, was den Bereich sprichwörtlich umgekrempelt hatte, bestätigte auch die notwendige Verlegung. Das neue Lager zu finden war nicht wirklich schwer. Wenn man wusste, nach welchen Zeichen man Ausschau zu halten hatte, fand man es gut. Tote Orcs und Reste von Untoten waren dabei immer ein guter Hinweis für den richtigen Weg.

Als Angus das Feldlager der Lanzen erreichte, fand er es in finsterer Stimmung. Die sonst lockere Gelassenheit der 4. Lanze war wie weggefegt, die Brüder und Schwestern nickten ihm nur knapp zum Gruß oder mieden direkt den Blickkontakt und wandten sich ab. Der Himmel war finster geworden und obwohl noch mitten am Tage entfachte man erste Feuer. Dunkelgrau und schwer ballten sich die Regenwolken über ihnen zusammen. Die Luft war kalt und feucht und ließ den Atem der Versammelten als kleine Wölkchen vor den Gesichtern sichtbar werden. Der Himmel schwieg. Keine Vögel waren zu sehen oder zu hören, kein Wind wehte, kein Gras wogte sich flüsternd, keine Zeltplanen knarzten Segeln gleich. Als würde die Welt die Luft anhalten, oder vielmehr einatmen um im nächsten Moment einen Sturm loszulassen. Das sonst eh schon finstere Gesicht von Erskine Bartlett war von einer Bitterkeit erfüllt, die nichts gutes verheißen hatte, und seine Befürchtung wurde bestätigt, als man ihn in das Zelt des Chevalíers führte, wo auf dem Feldtisch aufgebahrt der Hammer von Charlott Großherz, Chevalíer der 4. Lanze lag.

In einem knappen Bericht erfuhr Angus vom Angriff am Toradinswall und von den Verlusten, die er gefordert hatte. Er ertappte sich dabei wie er gedanklich das Bild der Liste von Tyrs Hand vor Augen hatte, auf der er abermals die Nummer von Eyrun durchstrich. Bis zum Ende war sie treu gewesen, trotz allem was sie erlebt und erduldet hatte. Ihr Tod schmerzte ihn überraschenderweise, Charlotts Verlust jedoch war kaum ertragbar. Lange zögerte Angus ehe er Erskine den wahren Grund für seinen Besuch mitteilte, doch der hatte es eh schon vermutet und fragte Angus vielmehr, für wie blind der Marschall ihn halten würde, nicht selbst die Notwendigkeit zu sehen.

Bis spät in die Nacht saßen sie zusammen mit Charlotts Adjutanten und ihrem Ordensritter und besprachen die Zukunft der 4. Lanze.
Bild

Benutzeravatar
Eyrun
Beiträge: 3
Registriert: Do 7. Feb 2019, 21:33

Zwischen den Hügellanden und Arathi...

Beitrag von Eyrun » Do 23. Mai 2019, 19:56

"Warum hast du es eigentlich "gelassene Hand" und nicht einfach Gelassenheit genannt?"
"Weil wir nur Werkzeuge sind."
Sie standen vor einer augenscheinlich unbezwingbaren Mauer und musterten sie bis zum letzten, oben angesetzten Stein.
"Verstehe", sagte Charlotte nachdenklich, "also ich würde annehmen, daß wir nun alle Möglichkeiten durch gegangen sind. Siehst du noch eine Weitere?"
Beide Blicke wanderten den Wall entlang. Erst nach Süden, dann nach Norden.
"Nein", Eyrún rieb sich Dreck von der Nasenspitze, "Wir sollten umdrehen und den Esel von hinten aufzäumen."
"Dann tun wir es jetzt, ich komme mir beobachtet vor. Wir stehen hier schon viel zu lange auf dem Präsentierteller."

Die Chevalier setzte sich in Bewegung und marschierte los.
"Es ist wirklich lange her, daß ich in den Hügellanden war. Wie schön, nach so langer Zeit wieder hier zu sein."
Charlotte warf Eyrún einen skeptischen Blick zu und schüttelte den Kopf.

Benutzeravatar
Shephard
Beiträge: 1005
Registriert: So 20. Jan 2019, 18:08

Re: Gratwanderung

Beitrag von Shephard » Fr 24. Mai 2019, 15:20

Seit mehreren Tagen saßen sie im Feldlager und berieten über die Zukunft der 4. Lanze. Eine Fusion mit der 1. war aus mehreren Faktoren ausgeschlossen. Die wichtigsten davon wurden von Chevalier Bartlett aufgeführt als „zu dünn, zu klein, zuviel Mc’s und O’s“. Angus sah die Fusion ebenso als nicht machbar an, denn die eher leichten flinken Pioniere der 4. wären zwischen den schweren Infanteristen einfach Kanonenfutter, schlimmstenfalls Opfer der helmbedingten Blindheit der eigenen Reihen für Dinge, die zwei Kopf kleiner waren vor den eigenen Füßen standen. Harlon, dem dienstältesten Ordensritter der 4., war dies mehr als recht denn ein Zerreißen der Lanze behagte ihm gar nicht.

Die Sonne war erst vor kurzem aufgegangen und die Wache löste sich gerade ab, als Unruhe ins Lager kam. Drei Fremde näherten sich dem Feldlager und schon von weitem waren ihre weit ausschweifenden Mäntel und breitkrempigen Dreispitze zu erkennen. Seeleute, einer von ihnen groß und breit wie ein Bär, die anderen beiden eher drahtig, denen eine Wolke aus Meerluft und Seetanggeruch folgte. Nach einem kurzen Gruß stellte sich der Große als Gibbins vor, Erster Maat eines kultiranischen Schiffes. Er gab an eine Nachricht für den Orden der scharlachroten Faust zu haben und forderte, unverzüglich den diensthabenden Offizier zu sprechen. Button und Knopf, die beide gerade Dienst hatten, schauten sich skeptisch an, dann nickten sie sich gegenseitig wortlos zu und Button verschwand in Richtung Stabszelt. Es dauerte nicht lange bis er zurückkam um die drei Fremden aufforderte, ihm zu folgen. Mit einer raschen Geste schlug Button die Eingangsplane des Stabszelts zurück und deutete den dreien einzutreten. Im Inneren standen Angus und Erskine an einen einfachen Holztisch, auf dem diverse Karten ausgebreitet lagen. Die drei Fremden nahmen ihre Hüte ab und grüßten höflich. Die Roten erwiderten den Gruß knapp und Angus fragte direkt nach ihrem Anliegen. Gibbins nahm mit einer ausschweifenden Bewegung seinen Hut ab und hielt ihn zwischen seinen Händen vor dem Oberkörper, blickte von einem zum anderen und ließ dann jede Zurückhaltung fallen.

„Sirs“, begann er und richtete sich zu ganzer Größe auf, „unser Schiff, die ‚Prachtmeers Erbe‘, ist ein Kriegsschiff, welches seit Monaten die Streitkräfte der Allianz unterstützt und die Gewässer um Arathi patrouilliert, um die Handels- und Verstärkungsrouten zu sichern. Mein Kapitän jedoch ist es leid, immer nur auf Angriffe zu warten. Er weiß auch, dass die Scharlachrote Faust handelt wo andere nur reden. Die Reputationen Eures Ordens sprechen für Euch und so bietet mein Kapitän an, die Kräfte zu vereinen. Ihr zu Land, wir zu See. Er lädt Euch daher ein, mit ihm über ein Bündnis zu sprechen.“

Angus nickte knapp und blickte zu Erskine, dann zu Gibbins. „Ich danke Euch für das Angebot, Erster Maat. Ich werde es überdenken. Wartet draußen auf meine Entscheidung.“

Er schaute kurz zu Button, der noch immer am Eingang stand, und nickte ihm zu. Der nickte als Zeichen des Verstehens, führte die Gäste nach draußen und brachte sie zu einem Bereich des Lagers, wo sie entspannt sitzen konnten und etwas zu essen und zu trinken bekamen. Derweil standen sich Angus und Erskine im Zelt gegenüber.

„Gefällt mir nicht“, sagte Erskine. „Aus dem Nichts taucht ein Kul Tiraner auf und will für uns durchs Wasser schippern? Die machen das nicht umsonst.“

Angus nickte. „Richtig, aber von mir aus können sie gern die feindlichen Schiffe plündern und die Beute behalten. Der Orden hat nur ein Schiff. Damit sind wir zwar seetauglich, aber so einsatzstark wie ein einzelner Schildträger gegen einen ganzen Wall. Sobald der Gegner auch nur zu zweit ist, haben wir kaum eine Chance. Es ist ein suspektes Angebot, ja, aber dennoch eins, das es wert ist geprüft zu werden.“

„Hmmmm“, brummte Erskine. „Du hast aber nicht vor, allein da hin zu gehen, oder, Marschall? Ich hab‘ keine Eimer da um dein Blut aufwischen zu lassen.“

Angus schnaubte halb empört. „Ich dachte eher daran, dich und die 1. mitzunehmen. Für alle Fälle.“

Für einen kurzen Moment huschte tatsächlich sowas wie ein Grinsen über Bartletts Gesicht. „Lässt sich einrichten. Und die 4.?“

„Harlon. Er kennt die Lanze wie kein zweiter, ebenso das Land. Und er ist eh Ordensritter. Er wird Chevalíer ad interim bis zur finalen Lösung. Und wenn die Inspektionsrunde durch ist, entscheide ich ob er es bleibt und die 4. bleibt oder sich was verändert.“

Erskine nickte kaum merklich zum genannten. „Akzeptabel.“

Die Sonne hatte erst knapp ihren Höchststand überschritten, als sich Angus in Begleitung der gesamten 1. Lanze aufmachte, sich von den Kul Tiranern zu ihrem Kapitän bringen zu lassen. Man hatte den Seeleuten Pferde geliehen, die vormals der 4. Lanze gehört hatten und nun nicht mehr benötigt wurden. Als die ersten Sterne am Himmel leuchteten zeichnete sich am Horizont die weite flache Dunkelheit des Meeres ab. Sie hatten die Steilküste erreicht, doch bis sie tatsächlich das Schiff erreichten lag noch ein gefährlicher Abstieg vor ihnen. Man beschloss daher die Nacht über in einer Senke des Plateaus ein kleines Lager zu errichten und dort die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Morgen weiterzureisen.
Bild

Benutzeravatar
Shephard
Beiträge: 1005
Registriert: So 20. Jan 2019, 18:08

Re: Gratwanderung

Beitrag von Shephard » Di 28. Mai 2019, 23:42

Der Großteil der Ersten Lanze war auf dem Plateau verblieben, um die Bucht und die angrenzenden Ufer im Auge zu behalten. Angus wurde von Bartlett, seiner linken und rechten Hand, Button und Knopf, sowie Bradley und Bartholomäus begleitet. Für viel mehr wäre auch kein Platz auf dem schmalen Stück steinübersähten Ufer gewesen. Die Pferde mochten den grobfelsigen, lockeren Untergrund nicht, doch sie gehorchten.

Das Meer zog sich gerade zurück und hinterließ am Ufer hier und da ganze Bündel stark riechenden Seetangs und angeschwemmte Muscheln. Ab und an glänzte es zwischen den Steinen noch, doch auf den Oberflächen trockneten sie bereits. Zwischen den Booten standen Matrosen, die ihnen nur knapp zunickten und sich wieder ihren Arbeiten widmeten. Angeführt von Gibbins und seinen beiden Begleitern gingen sie zielstrebig zur Hütte am Steg, welche sich größer erwies als auf den ersten Blick erwartet. Hoch auf Stelzen gesetzt um Ebbe und Flut zu trotzen, war es fast schon eine geräumige Taverne, mit Kamin und einer kleinen Veranda. Gibbins und seine beiden Begleiter gingen voran und wiesen den Weg hinein. Angus hätte schwören können dass es drinnen noch mehr nach salziger Seeluft roch als draußen. Der Boden hatte nicht gerade den Grad von Sauberkeit wie ein frisch geschrubbtes Deck, aber es war akzeptabel, beachtete man die Lage. An einem Tisch, in der Nähe des Kamins, saß ein Mann mit einem ausschweifenden Dreispitz, der mit mehreren roten Federn geschmückt war. Als die Roten näher kamen erhob sich der Mann und verbeugte sich elegant, wobei er den Hut zog.

„Ah, die Herren der Scharlachroten Faust. Meinen Dank, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid. Ich bin Captain Bilgewater von der Proudmoore's Erbe. Ich bin sicher, wir können einander behilflich sein.“

Damit wies er zu den freien Plätzen am Tisch und setzte sich wieder. Angus und Erskine wechselten kurz Blicke, dann setzten sie sich dazu, ebenso der Erste Maat Gibbins. Button und Knopf bezogen unmittelbar hinter ihren Vorgesetzten Position, während Bradley die Tür im Blick behielt. Bartholomäus verblieb bei den Pferden.

Das Gespräch verlief recht vorhersehbar. Captain Bilgewater wiederholte nahezu vollständig, was Gibbins bereits gesagt hatte, bot sein Schiff an für gemeinsame Aktionen gegen die Horde, abseits von einfachen Patrouillenaufgaben

Bartlett verzog ein wenig den Mund und murrte: „Wir haben selbst ein Schiff. Wir brauchen kein weiteres.“

Bilgewater nickte und hob den rechten Finger, als wolle er den Chevalier ermahnen. Dessen Gesicht nahm ob der Geste direkt eine dunklere Farbe an, doch der Captain schien davon wenig beeindruckt.

„Das ist richtig, Sir, doch Euer Schiff ist, soweit ich weiß, nicht in der Nähe. Wir schon. Und erst vor wenigen Tagen wurden wir auf einer Patrouille der Westküste entlang Zeuge einer Anlandung von mehreren Hordeverbänden, die Richtung Osten zogen. Kurz darauf beobachteten unser Ausguck größere Explosionen im Bereich des sogenannten Thoradinwalls und sah auch, wohin die Verbände weiterzogen.“

Es wurde totenstill im Raum und das plötzliche Verharren des Captains und seines Maats ließen darauf schließen, dass sie mit dieser Reaktion gerechnet hatten.

„Ihr... habt gesehen wer dort angriff? Und wohin sie weiterzogen?“, fragte Angus. Erskine schaute skeptisch zu ihm, als würde er noch gedanklich den Wahrheitsgehalt der Worte prüfen.

Mit einem selbstgefälligen Grinsen nickte Bilgewater. „So ist es, Marschall Bodkin. Und ehe Ihr fragt – ja, ich kann Euch den Weg führen. Ich gehe also recht in der Annahme, dass das Ziel dieses Angriffs Eure Leute waren, ja? Ich hätte in der Tat auch niemand anders dort vermutet als Euren Orden.“

Angus fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, dann schaute er gen Erskine. Die Nachricht war zu gut um wahr zu sein und genau damit hatte er ein Problem. Erskines Mimik nach er ebenso. Angus hmmte kurz zum Zeichen des Vestehens, dann wandte er sich zu Bilgewater und nickte ihm zu. „Wenn Ihr uns bitte einen Moment entschuldigt, Captain.“

Bilgewater lächelte und öffnete die Arme weit, als wolle er beide gleichzeitig umarmen. „Aber natürlich,natürlich. Nur keine Hast. Wir haben Zeit bis die Flut zurückkehrt.“

Angus nickte und erhob sich. Erskine folgte ihm kaum zwei Sekunden später, wie immer flankiert von Button und Knopf. Sie gingen etwas abseits vom Tisch und senkten die Stimmen.

„Sie können unmöglich wissen, dass wir dort einen Offizier verloren haben“, schnaubte Erskine so leise wie es ihm nur möglich war.

„Müssen sie auch nicht wissen. Aber er weiß, dass es Leute von uns waren. Es war kein Zufall, dass sie uns im Lager aufgesucht haben.“

„Und wie haben sie uns gefunden? Spione?“

Angus blickte den anderen fragend an. „So wie ich“, antwortete er, „sie folgen der Spur aus zerbombten Feldlagern und toten Hordlern, solange sie in Richtung Front führt.“

„Es gefällt mir trotzdem nicht. Warum bieten sie uns ein Schiff an für Seeaktionen? Versteh mich nicht falsch, das Angebot ist gut, aber wäre das nicht eher für Weststrom zu verhandeln? Es wird Tage, wenn nicht Wochen dauern, bis unser Schiff hier oben ist.“

Angus nickte. Da hatte Bartlett wohl oder übel recht.

Während die beiden diskutierten lehnte sich Bilgewater in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme zufrieden vor der Brust.

„Meine Herren“, rief er zu ihnen hinüber, „sollte die Entfernung Eures Ordensschiffes ein Problem sein, so kann ich Euch beruhigen. Wir sind nicht ohne Verbündete in diesen Gewässern und ich bin sicher, dass diese ebenso interessiert wären, mehr zur Tat zu schreiten.“

Gerade als Angus etwas erwidern wollte, hallten von draußen laute Rufe, die zweifelsohne der Ankunft eines weiteren Schiffes galten.

„Wo man vom Archimonde spricht. Das sind sie wohl.“ Bilgewater lächelte freundlich und schwang sich aus dem Stuhl empor.

Angus blickte zur Tür und Barlett schickte mit einem Kopfnicken Button nach draußen, um nachzusehen. Kaum war dieser vor die Tür getreten erhob sich draußen ein Tumult. Für einen Moment klang es, als wären die Matrosen Bilgewaters mit den Neuankommenden uneins und stritten um die besseren Positionen am Steg. Dann jedoch gellte das laute Wiehern eines Pferdes durch die Rufe der Matrosen. Ein Wiehern, das Angus nur zu gut kannte - Buffalo. Buffalo, der noch in Tyrs Hand ausgebildet worden war. Ein Scharlachrotes Schlachtross, das mit den Hufen voran immer versuchen würde, Untote zu zertreten, sollten ihm diese zu nahe kommen. Wenn Buffalo gerade solchen Lärm verursachte, konnte das nur eins bedeuten.

Angus riss die Augen auf und hechtete zur Tür, gefolgt von Bartlett und Knopf. Er riss sie auf und stürmte hinaus, das Schwert kampfbereit in der Hand. Keine zehn Ochsen hätten ihn in diesem Moment halten können - wohl aber eine Klinge, die bereits auf ihn wartete und sich durch seine Seite bohrte. Wie in Zeitlupe sah er, wie die Welt zur Seite kippte, in der gerade drei zerlumpte Matrosen Bradley überwältigten, zu Boden zerrten und ihm die Kehle durchschnitten. Hufe krachten knochenbrechend gegen Schädel und Rippen, bis aus dem Wiehern ein ohrenzerfetzendes Kreischen wurde, als rostige schartige Klingen ihre Wege über die Sehnen der Beine fanden und das gewaltige weiße Schlachtross zu Boden stürzte. Gebrüllte Kommandos hallten über die Bucht, durchmischt mit lautem triumphalem Lachen und vollendet vom gewaltigen Donnern einer Kanonensalve des kultiranischen Schiffs, die auf die Klippen gerichtet waren, auf denen die 1. Lanze ihr Lager hatte. Einige von ihnen waren bereits fast auf halben Weg in die Bucht abgestiegen, als der schmale Pfad von gut platzierten Geschossen gesprengt wurde und die Gardisten in die Tiefe stürzten. Meteoritengleich schlugen weitere Kanonenkugeln in die Klippen direkt unterhalb des Lagers ein und rissen gewaltige Brocken heraus, bis sich mit ohrenbetäubenden Lärm ein gewaltiger Felssturz löste und ins Meer stürzte. Zwischen hunderten Tonnen Gestein blitzte hier und dort eine rote Rüstung hervor, die ebenso mitsamt ihrem Träger in die kalten Fluten sank, der, wenn er Glück hatte, vorher von den Gesteinsmassen erschlagen oder zerquetscht wurde, ehe das Gewicht seines eigenen Schutzes ihn ertränkte.

Angus hörte die Schreie von Bartlett und Knopf, das Klirren von Stahl auf Stahl. Er wollte aufstehen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Statt dessen schob sich ein dunkler Schatten in sein Sichtfeld, das zunehmend schwand. Es war ein fauliges Gesicht mit einem hässlichen hautlosen Kiefer, der ihn abfällig angrinste.

„Lebwohl, Marschall Bodkin“, spottete der Untote, wobei ihm Maden aus dem Mund fielen. Scheinbar mühelos hob er einen gewaltigen Streithammer an seiner Seite, holte aus und ließ ihn herabsausen.

Die Welt wurde schwarz und stumm.
Bild

Benutzeravatar
Inneke
Beiträge: 35
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:36

Tirisfal

Beitrag von Inneke » Fr 31. Mai 2019, 19:10

Luzinde prüfte den letzten Knoten. Sie umrundete die am Boden sitzende, verschnürte Inneke, während sie sich ins Haar griff, einen Käfer angelte und ihn - nach eingehendem Studieren des Objekts - aß.
"Das ist ein Fehler", murrte es vor ihr.
Die Untote beugte sich herunter, verengte die Augen und musterte das aus Seil und Knoten bestehende Paket, aus dem nur ein Kopf raus guckte.
"Ich bin immer sehr genau, wenn es um Knoten geht. Einen Fehler kann ich nicht erkennen", sie wollte sich gerade umdrehen, als Inneke erneut protestierte.
"Du hast mir verschwiegen, daß es mir nicht erlaubt ist zu gehen, wenn ich es für angemessen halte."
Furchen bildeten sich auf der aschfahlen Stirn, als sie die Haut nachdenklich mit den Fingern zusammen drückte, "Das habe ich wohl nicht."

Mit einer schnellen, unbedeutenden Bewegung, zog sie an einem losen Ende. Die Verschnürung löste sich und fiel zu Boden. Inneke blinzelte irritiert, räusperte sich eilig und trat aus dem Seilgewirr heraus.
"Nun weißt du es", Luzinde warf ihr einen drohenden Blick zu, "Du amüsierst mich, wie du gerade bist. Wenn du aber lästig wirst, hole ich dich in unsere Reihen. Sieh zu, daß du mich nicht langweilst, Nichte."
Sie hob eine ranzige Tasche auf, "Und jetzt komm, wir müssen weiter."
Zuletzt geändert von Inneke am Mi 5. Jun 2019, 01:32, insgesamt 1-mal geändert.
Bild

Àrynà
Beiträge: 20
Registriert: So 27. Jan 2019, 22:11

Re: Gratwanderung

Beitrag von Àrynà » So 2. Jun 2019, 22:32

Es vergingen mehrere Tage ohne Nachricht von Marschall Bodkin oder der 1. Lanze. Die 4. hatte selbst genug zu tun und zu wenig Leute, um noch ausschweifende Suchtrupps einzusetzen. Aryna wusste zumindest, dass Kul Tiraner im Lager gewesen waren und kurz darauf mit Bodkin und der 1. wieder in Richtung Südost abgereist waren. Also sattelte sie Custos und zog noch vor Sonnenaufgang los, den Spuren von schweren, teils gepanzerten Pferden und ihrem Bauchgefühl nach. Weit im Osten sah sie die Umrisse der Festung Stromgarde wenn sie nicht gerade den Blick auf die mit Wasser gefüllten Hufabdrücke gesenkt hatte.

Die Spur führte bis zur Küste von Arathi, zum Beginn einer leichten Senke, an deren Rand zwei gesattelte Pferde standen. Die beiden Tiere drehten zwar die Ohren und begutachteten die Neuankömmlinge doch sie blieben wo sie waren. Das eingebrannte Emblem an den Sätteln zeigte, dass es Tiere der Ersten Lanze waren. Ausser den beiden Pferden, den Resten eines schon längst verloschenen Lagerfeuers, abgegrastem Gras und weiteren Hufspuren war nichts zu sehen. Kein Mensch, kein weiteres Tier.
Die Hufspuren endeten direkt an einer Steilklippe. Aryna stieg ab und sah sich genauer um, folgte den Hufspuren und fluchte leise. Das hier war keine Felskante die schon seit Jahren bestand. Hier war vor Kurzem ein gewaltiges Stück Land abgebrochen und nach unten gerauscht. Gewaltig genug um ein halbes Feldlager mit sich in die Tiefe zu reissen.

Sie spähte über die Kante, kniff die Augen zusammen und entdeckte eine Hütte, daneben einen Steg. Viel flaches Ufer gab es da unten nicht, die Klippen fußten fast direkt im Meer. Im Meer aus dem hellere Gesteinsbrocken ragten. Überreste des Felssturzes. Die Augen wurden noch etwas mehr zusammen gekniffen- war da etwas Rotes zwischen den Felsbrocken? Da, knapp unter der Wasseroberfläche?

Es vergingen Stunden, die Sonne hatte ihren Zenit schon vor einer Weile überschritten, dann hatte sie es geschafft. Mit ziemlich viel klettern und vereinzelten ungeplanten Abrutschern hatte sie es bis nach unten geschafft. Der Weg, sollte hier überhaupt jemals mehr als ein Trampelpfad gewesen sein, war ebenso abgestürzt wie der Teil der Klippe auf dem ihre Geschwister gelagert hatten. Nach einem Schluck aus dem Wasserschlauch stieg sie vorsichtig über Geröll, Steine und Felsbrocken zu der Stelle an der sie das vermeintliche Rot gesehen hatte. Es war keine Einbildung gewesen. Eine rote Schulterplatte, nicht mehr, war es. Ein kurzes Gebet für den Bruder oder die Schwester während sie das Zeichen des Lichts schlug und weiter in Richtung Hütte ging. Je näher sie dieser kam desto mehr veränderte sich das Bild. Vereinzelte Möwen und immer mehr große Aasvögel erhoben sich schimpfend und zeternd in die salzige Luft. Am Boden huschten Schatten davon, zwischen die Steine und aus dem Sichtfeld. Sie hatte keine Ahnung was es war aber es war ihr auch egal, der Blick hatte sich auf etwas fixiert.

Der erste Tote war ein Mann in kultiranischer Kleidung, halb im Wasser liegend und dem aufgedunsenen Körper nach lag er schon einige Tage hier. In der Nähe der Hütte, die, wenn man davor stand, schon fast die Größe eines kleinen Gasthauses hatte, fand sie die vertraute Gestalt von Ordensdiener Bradley aus der 1. Lanze. Man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten, offenbar sehr grob und mit mehreren Klingen gleichzeitig. Dazu fehlte ihm die Rüstung und der arme Mann lag nur in Bruche und Hemd da, den Krabben und Möwen überlassen, die bereits ihr Werk der Unratbeseitigung begonnen hatten und schon gut vorangeschritten waren. Nicht weit weg von ihm fanden sich weitere Matrosen... und Aryna stutzte. Diese sahen aus wie Kul Tiraner, deren Körper schon stärker von Verwesung und Aasfressern gezeichnet worden waren aber bei genauerem Betrachten erkannte sie, dass es sich um Verlassene handelte. Einer von ihnen trug sogar das Symbol der Verlassenen eingraviert auf seinem blank liegenden Schädelknochen. Einige Meter weiter sah sie etwas das sie nicht nur schlucken sondern auch leise aufschluchzen ließ. Da lag er. Buffalo, Angus´ treues, weißes Schlachtross. Auf der Seite und mit durchtrennten Beinsehnen, die Hufe mit den Resten seiner Gegner beschmutzt. Eilig und mehr stolpernd als gehend eilte sie zu dem gefallenen Krieger und ging neben seinem Kopf auf die Knie. Ein Schwertstich hatte die Halsschlagader getroffen und Buffalo´s Ende besiegelt. Mit der bloßen Hand strich sie dem Pferd über den Kopf und sprach ein Gebet. Bis sie wie vom Blitz getroffen aufsprang und sich umsah.

Weitere Tote, Kultiraner wie Verlassene, lagen verstreut zwischen Steinen und Geröll. Und dann sah sie etwas, lief darauf zu, fiel wieder auf die Knie und stieß einen wütenden Schrei aus. Als sie den Fund zwischen dem scharfkantigen Gestein ergriff und hoch hob, riss sie sich zwar die Haut an den Händen etwas auf aber der Schmerz kam nicht von dort. Er kam aus ihrer Brust die sich zusammen geschnürt anfühlte. In den Händen hielt sie das Heft und einen Teil der Klinge des Marschalls. Der restliche Stahl war nicht zu sehen. Dafür aber eine seiner Stiefelsporen. Auch als sie weiter suchte, mehr fand sie nicht. Also zog sie den Wappenrock über den Kopf und wickelte das halbe Schwert und die Spore darin ein. Vorsichtig, als wäre das Paket eine heilige Reliquie, schob sie es unter ihren Gurt und wandte sich wieder zur Hütte. Halb darunter fand sie wieder etwas Bekanntes. Eine rote, verbeulte Beinschiene- groß genug um jemanden aus der Ersten zu gehören. Und daneben, von einem Bolzen durchbohrt und von einer großen scharfen Klinge halb zerteilt, die traurigen Reste von Bartletts Helm. Beide Stücke hob sie auf und nahm sie mit als sie in die Hütte trat.

Im Inneren sah es nicht besser aus. Entgegen jeder Hoffnung fand sie keine lebende, rote Seele sondern nur blutgetränkten Boden wo der Wasserhöchststand es nicht bereits aus den Dielen gewaschen hatte. Spuren eines Kampfes waren hier aber keine zu sehen. Es musste wohl alles vor der Hütte passiert sein.
Als sie wieder ins Freie trat und den Blick schweifen ließ erkannte sie es. Da, an den Klippen. Kraterartige Einschüsse und Schmauchspuren. Als hätten Kanonenkugeln die Felsen getroffen und dafür gesorgt, dass sie ins Meer stürzten.
Tränen der Wut und der Trauer traten Aryna in die Augen als sie es erkannte: Geschwister, Freunde, Gefährten und Vorbilder... Sie hatten keine Chance gehabt dem zu entkommen. Sie waren da oben nicht im Kampf gefallen, wie es ihnen zugestanden hätte, sie waren ermordet worden. Eiskalt ermordet.
Die Tränen bahnten sich ihren Weg und fielen zu Boden während sie als einzelne rote Gestalt an diesem verdammten Flecken stand. Dort wo so viele von ihresgleichen gefallen waren schwor sie dem Licht diese Menschen nicht zu vergessen, sie sogar zu rächen wenn sie konnte.

Als die Sonne ihre letzten Strahlen über diesen Ort schickte hatte Aryna ihre Funde in den Satteltaschen verstaut und war aufgestiegen. Vor sich auf dem Sattel hatte sie das Päckchen mit Angus´ Schwert und der Spore. Custos verfiel in einen langsamen aber stetigen Galopp als er seine Reiterin zurück in Richtung der Vierten trug. Sie alle mussten erfahren was passiert war.

Benutzeravatar
Inneke
Beiträge: 35
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:36

Stets Tirisfal

Beitrag von Inneke » Do 6. Jun 2019, 00:54

Sie hockte auf einer Laterne am Wegesrand. Motten kreisten um das funzelige Licht. Das Hemd war aufgerissen. Eine Heuflocke taumelte zu Boden, wo sich ein hutzeliger Kater aus einem ansehnlichen Haufen Stroh ein Nest zurecht schob.

"Ja also das kam überraschend, oder?", Inneke grinste schadenfroh.
Luzindes Auge zuckte nervös. Wie eine übergroße Fliege hielt sie sich an dem Pfahlende fest.
"Vielleicht hättest du die Güte mir das wieder anzureichen?" Sie gestikulierte mit einer Hand ans untere Ende der Stange, wobei sie ordentlich in Wanken geriet.
"Da geh ich doch nicht zwischen", Inneke schüttelte den Kopf.
"Aber es ist deine Katze", warf die Untote nörgelnd ein.
"Wir kennen uns flüchtig."
Das Gefüge schien ins Wanken zu geraten und nur wenige Stunden später waren die Herrschaftsverhältnisse geklärt.
"Wenn ich dann bitte meine Waffen zurück bekommen könnte?"
Luzinde zögerte, als der Kater schnurrend um ihre Beine strich. Hastig rückte sie die Tasche heraus.
"Danke sehr, und jetzt sieh zu, daß du den Kater nicht langweilst, Tante."
Bild

Benutzeravatar
Charlott
Beiträge: 3
Registriert: Fr 22. Feb 2019, 19:06

Gratwanderung

Beitrag von Charlott » Mi 19. Jun 2019, 22:38

An der Grenze zum Silberwald....
"Meinst du nicht, daß das vielleicht etwas zu viel war?", Eyrun musterte das Häufchen Asche und die kreisrunde, verbrannte Erde drum herum, während sie sich das Kinn rieb.
Charlott stemmte die Hände in die Hüfte und begutachtete ihr Werk.
"Angemessen", verkündete sie schließlich.
Sie packten ihre spärlichen Sachen und setzten ihren Weg fort.


In Tirisfal bahnten sich Zwei einen Weg durch verseuchtes Land. Inneke griff nach einem Ast, um sich aus knietiefem Modder zu ziehen, als ihr eine Knochige Hand auf die Finger schlug. Die Untote schnipste gegen den Zweig, der daraufhin brach und statt Harz grüne, stinkende Flüssigkeit ausblutete. Nach vielen Umwegen, Fehlversuchen und einigen Fastuntergängen, erreichten sie schließlich die Mauern Lordaerons.


Derweil in Weststrom....
Tuuli saß auf einem Findling und kritzelte emsig ein Blatt Papier voll.
... und darum möchte ich für die letzten Jahre danken, die ich hier hatte. Trotz dieser beeindruckenden Zeit, muß ich den Orden nun verlassen und hoffe, daß mir dies in meiner Abwesenheit gewährt wird. Ihr findet meine Rüstung und Ausrüstung in der Waffenkammer - repariert, gesäubert und zusammen gelegt - sowie den Schlüssel zu der Hütte in den Bergen Weststroms und Taschengeld, das sich noch in meinem Besitz befand. Das Pferd steht im Stall. Voitto und den Bogen werde ich mitnehmen. Niemand könnte mit einem von beiden etwas anfangen. Die Ungewissheit, ob ich noch jemanden der Ersten oder den Marschall finden werde, noch wann oder ob ich zurück kommen kann, zwingt mich zu diesem Schritt. So kann ich mich der Suche widmen, ohne Pflichten zurück zu lassen und niemand muß sich verpflichtet fühlen mich zu suchen.
Sollte ich Erfolg haben, werde ich mich, wenn möglich, melden.

Bitte informiert die Oberste Klerikerin und Cavan, wenn sie zurück sind.
Mein letzter geplanter Halt wird in Arathi sein. Alles danach kann ich nicht vorhersagen.

gez. Tuuli Virtanen

Als sie fertig war, legte sie den Brief auf Cathalans Schreibtisch und machte sich auf den Weg.
"Die Vergangenheit kann nicht geheilt werden." - Queen Elizabeth I.

Benutzeravatar
Inneke
Beiträge: 35
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:36

Auf der Mauer

Beitrag von Inneke » So 30. Jun 2019, 20:42

"Sag mal, was machst du da genau?"
Luzinde schob ein Stück Holz in eine Lücke ihres Kunstwerks und schlug darauf herum, bis es sich in den Stein darunter zurück gezogen hatte. Das Hämmern hallte von den Mauern wider.
"Kann nicht reden, muß bauen", gab sie monoton von sich.
"Das ist eine Balliste. Wo um alles in der Welt hast du einer verdammte Belagerungswaffe her?"
Die Untote seufzte, legte ab, woran sie gerade getüftelt hatte und drehte sich um.
"Das, neugieriges Fräulein, ist ein Familiengeheimnis."
Inneke hob eine Braue und blinzelte unbeeindruckt.
"Gut, es ist ein Untotenfamiliengeheimnis."
"Du bist herum geschlichen und hast es geklaut."
"Gefunden. Und es war wichtig. Letzte Nacht habe ich draußen etwas gesehen und es versucht hier her zu kommen. Wir wünschen keine Gäste."
Inneke rieb sich die Stirn, "Ich muß was zu Essen finden, mit weniger als acht Beinen."
"Ich könnte ihnen ein paar Beine ausreißen, wenn es das angenehmer macht."
Inneke schüttelte den Kopf und verschwand hinter einem Trümmerhaufen.

"Und du glaubst, daß das der beste Ort ist?", Eyrún hielt eine Hand schützend über ihre Augen, während sie versuchte die Mauern der Stadt in der Ferne auszuspähen.
"Niemand würde uns dort vermuten und wir brauchen einen Ort, um uns auszuruhen und einen Plan zu schmieden", entgegnete Charlott.
Sie standen noch eine Weile schweigend nebeneinander, die Arme verschränkt und starrten nachdenklich über das verdorbene Land hinweg auf Lordaerons Silhouette ehe sie weiter gingen.
Bild

Benutzeravatar
Charlott
Beiträge: 3
Registriert: Fr 22. Feb 2019, 19:06

Auf der Mauer

Beitrag von Charlott » Di 2. Jul 2019, 01:15

Charlott hatte die Arme vor der Brust verschränkt, eine Hand am Kinn, während sie nachzudenken schien. Eyrún hielt eine zappelnde, verlotterte Untote am ausgestreckten Arm. Um sie herum ein Sammelsorium an Messern und anderen mehr oder weniger scharfen Dingen. Die Alte starrte das hampelnde Wesen, das sich ganz offensichtlich unwohl fühlte, an und musterte es.
"Irgendetwas kommt mir daran bekannt vor."
"Der Geruch eines hinterhältigen, lichtfernen Untoten?", Eyrún verengte die Augen und packte die Hand, die versuchte den Griff zu lockern, der alles in der Schwebe hielt.
"Das ist es nicht. Ich glaube wir haben uns schon einmal gesehen..."
"Ich gestehe nichts, ich bereue nichts und ich kaufe nichts!", protestierte die Untote lautstark.
"...ein ehemaliges Mitglied vielleicht", die Chevalier ließ ihren Blick über die am Boden verteilten Habseligkeiten schweifen.
"Sir, ihr wißt, daß ich mich nicht gerne beschwere, nur wird sie langsam etwas widerborstig und ein klein wenig schwer."
"Ich verstehe", erwiderte Charlott, ohne Anstalten zu machen, an der Situation etwas ändern zu wollen.

Inneke zog die tote Fledermaus an einem Seil die Mauer hoch, warf sich die Beute auf den Rücken und stiefelte über die teilweise stark verwüstete Wehr, wobei Kopf und der halbe Rumpf des geflügelten Tiers Staub und Geröll mit sich zogen und eine Schleifspur hinterließen. Sie umrundete einen Schutthaufen, blinzelte überrascht, dann ließ sie das Bein los. Die Balliste war zur Seite gekippt und die spärlichen Bemühungen sie zu befestigen aus den improvisierten Ankern gerissen. Ein mannsgroßer Bolzen hatte sich gelöst und steckte im Stamm eines arglosen Baum jenseits der Mauer. Auf seinem Weg hatte er, wie eine fette Taube im Landemanöver, Äste und verdorrte Blätter mit gerissen. Gleich neben der umgekippten Waffe standen zwei Gestalten mit rotem Wappen, eine Dritte hing über dem Abgrund, die Haare - an den Spitzen angesengt - qualmten, an einer abstehenden, fettigen Strähne züngelte eine kleine Flamme.
Inneke räuspere sich. Die beiden Roten wandten sich dem Neuankömmling zu. Eyrún lächelte, ließ die Hand der Untoten los und löschte das hartnäckige Flämmchen.
"Entschuldige die Unordnung", Charlott deutete auf ihr Umfeld, "Was machst du hier?"
"Ich habe Essen gebracht...", Inneke blieb der Mund offen stehen.
"Verstehe, dann verschieben wir das hier. Schwester, kümmere dich bitte darum, wir sind eingeladen."
"Die Vergangenheit kann nicht geheilt werden." - Queen Elizabeth I.

Benutzeravatar
Eyrun
Beiträge: 3
Registriert: Do 7. Feb 2019, 21:33

Die Entscheidung

Beitrag von Eyrun » Mi 7. Aug 2019, 19:15

"Sie haben sich vor Tagen zurück gezogen und die Köpfe zusammen gesteckt. Die Untote umkreist sie wie ein lauernder Hai oder ein neugieriges Kind. Man kann nicht genau sagen, welcher Vergleich zutreffender ist; ihr Gemütszustand ändert sich wie das Wetter hier. Es ist zwei Wochen her, daß wir das Lager erreicht haben und aus der Absicht ein paar Tage zu bleiben, sich zu erholen und helfend zur Hand zu gehen, sind größere Pläne erwachsen.
Mir ist etwas unwohl den Orden so lange über unseren Verbleib im Unklaren zu lassen. Andererseits verstehe ich den Wunsch nach Klärung, ehe ein Bericht entsandt wird.

Gestern saß eine Kröte vor meinem Lager. Ich hätte schwören können, daß ich eben diese schon einmal gesehen habe, aber ich habe mich im Leben schon oft geirrt...

Die Menschen hier sind zäh und beharrlich. Sie waren nicht abweisend, doch gerade mißtrauisch genug, um hier bestehen zu können. Zunächst insistierten sie man solle die Untote köpfen und verbrennen. Ein Gedanke, dem ich mich gerne angeschlossen hätte, allerdings ist es nicht an mir dies zu entscheiden. Es sind nicht mehr viele hier. Der neue Krieg und Sylvanas' Zerschlagen ihrer eigenen Sandburg hat einiges durcheinander gebracht...
"
Eyrún hob den Kopf, als eine kleine Gruppe aus der Hütte trat, neben der sie saß. Unter den Herausströmenden befanden sich Charlott und Inneke. Sie blieben vor ihr stehen und hielten ihr ein gerolltes Schreiben vor die Nase.
"Bitte lies es und unterzeichne, wenn du zustimmst. Wenn du nicht einverstanden bist, wird es dir niemand nachsehen."
  • Euer Gnaden Cathalan Lightblade,

    endlich sind wir in der Lage Euch eine Nachricht zukommen zu lassen. Wir leben noch - Charlott Großherz, Inneke van de Flierdt und Eyrún Gudmundursdóttir. Ein Unglück trennte Erst- und Letztgenannte von ihrer Lanze und machte eine einfache Rückkehr unmöglich. Wir fanden uns in Lordaeron und befinden uns nun in Sicherheit, in den Pestländern.

    Die Menschen, die uns aufgenommen und geholfen haben, haben es geschafft unter all den Widrigkeiten zu überleben. Jahrelange Bemühungen der Rückgewinnung scheinen in kleinen Schritten Früchte zu tragen. Dies zu sehen, die Anstrengungen und die Beharrlichkeit, hat uns nachdenklich gemacht, ob es nicht an der Zeit wäre unsere Verbundenheit zur Heimat nicht mehr allein als Namen und Wappen mit uns zu tragen.
    Wir wissen, daß Ihr vielen Heimatlosen ein zu Hause gegeben habt und durch Euch der Erhalt unserer Kultur erst möglich war. Gute fünfzehn Jahre ist es her, daß man uns vertrieben hat. Jetzt möchten wir etwas von der Fürsorge, die uns zuteil wurde, zurück geben und die Bestrebungen dieserorts unterstützen. Möglicherweise werden viele Ordensmitglieder unsere Entscheidung nicht mehr nachvollziehen können. Doch wir möchten hier bleiben.

    Der Orden ist dem König verpflichtet, seine Aufgaben weit verteilt. Wir wissen um die Pflichten, die Euch auferlegt sind, können Diesen jedoch nicht mehr nach kommen.
    Daher möchten wir hiermit unseren Austritt einreichen.
    Die Zeit wird zeigen, ob unsere Entscheidung Früchte trägt, oder ob wir untergehen werden.

    gez.
    Charlott Großherz
    Inneke van de Flierdt
    .....
    Eyrùn Gudmundursdóttir

Benutzeravatar
Inneke
Beiträge: 35
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:36

Die Pestländer

Beitrag von Inneke » Do 15. Aug 2019, 20:47

Alma schlug die Augen auf. Sie blinzelte und als sich der Blick klärte, erkannte sie das Gesicht eines Mannes, der sich über sie gebeugt hatte - ein ziemlich nahes Gesicht. Sie tippte ihm mit einem Finger an die Stirn und brachte ihn auf Abstand. Langsam setzte sie sich auf und rieb sich den Hinterkopf.
Der Mann lächelte schief: "Guten Morgen. Das war ein recht ausgiebiges Nickerchen."
"Ja, so etwas passiert hin und wieder. Man gewöhnt sich daran", entgegnete sie morgendlich zerknirscht.
"Darf ich fragen, was dich hier hin verschlagen hat?"
Er setzte sich auf einen nahen Stuhl und lehnte sich zurück.
"Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, daß ich auf der Suche nach einer guten Mahlzeit war?"
"Klar", kam es aus einer unbeschienenen Ecke.
Inneke trat aus dem Schatten eines hohen Schranks. "Ich weiß, wer bei euch kocht."
Alma lächelte mürbe. Mit einem Ächzen, das ihrem Alter gerecht wurde, brachte sie sich auf die Beine, schwankte kurz, blinzelte angestrengt und stand schließlich wie von der Decke getropft mitten im Raum.

"Na dann, ihr Freibeuter. Hab gehört ihr wollt euch absetzen", skeptische Blicke beobachteten die Postulierende, "Laßt es mich frei heraus sagen. Es ändert sich einiges in und bei Sturmwind. Ich bin zu alt für den Scheiß. Diese Knochen wollen zu Hause begraben werden. Darf ich mit machen?"
Bild

Benutzeravatar
Shephard
Beiträge: 1005
Registriert: So 20. Jan 2019, 18:08

Was war eigentlich in Arathi passiert - Teil 1

Beitrag von Shephard » Sa 31. Aug 2019, 19:47

Bartholomäus Schneider tat das, was er am besten konnte – er machte Ordnung. Wie von seinem Chevalíer befohlen war er bei den Pferden geblieben und mühte sich redlich, diese korrekt nach Name, Farbe, Größe, Alter und Dienstdauer zu sortieren. Die Pferde hatten einen weitaus weniger ausgeprägten Ordnungsfimmel und drückten ihr Missfallen mit nach hinten gedrehten Ohren und drohendem Schnauben aus, wirkten aber ansonsten entspannt. Auf ihre Art eben.

Bradley stand an der Tür der Hütte, in deren Inneren gerade seine Vorgesetzten mit den Gastgebern redeten, und ließ den Blick über die kleine steinige Bucht schweifen. Die kleinen Landungsstege waren mit mehreren Booten belegt und überall waren kul tiranische Matrosen dabei, ihrem Tagewerk nachzugehen. Ein knappes Dutzend, wie Bradley zählte, von denen einige einen Berg Seile kontrollierten, andere die Stege auf Beschädigungen prüften und wieder andere verstreut um die Hütte Wache hielten. Ab und an schaute der eine oder andere zwar zu den Roten, aber keiner von ihnen machte Anstalten, das Gespräch oder auch nur engeren Kontakt zu suchen sondern sie wahrten die Distanz.

Je mehr Zeit verging um so geschäftiger wurden die Kul Tiraner. Die Landestege wurden freigeräumt, die Boote entweder auf Land gezogen oder zum Schiff zurückgerudert. Hier und da gestikulierten Matrosen und sprachen hektisch in ihrem Singsang, den sie Sprache nannten. Bradley runzelte die Stirn. Er konnte weit und breit nichts sehen, was die Ursache für die aufgekommene Unruhe wäre. Das kul tiranische Schiff lag fest geankert in der Bucht, oben auf den Klippen flatterte ein rotes Banner vom Feldlager der Ersten Lanze, über ihnen kreisten entspannt die Möwen... oder zumindest taten sie das bis eben, denn gerade, als Bradley nach oben blickte, waren keine zu sehen.

Der Wind frischte auf und einige Böen fegten über die steinige Bucht. Das Schnauben der Pferde wurde plötzlich lauter, begleitet von scharrenden Hufen. Bartholomäus packte gerade noch rechtzeitig nach den Zügeln und hatte erhebliche Mühe, die Tiere im Zaum zu halten. Bradley runzelte die Stirn. Die Marotten von Bartholomäus waren den Pferden nicht unbekannt. In der Tat schienen sie sein Sortieren sogar zu begrüßen, vermutlich um unter sich eine klare Hackordnung zu haben. Aber dieses Mal war etwas anders. Etwas, was sich eben erst ergeben hatte, aber was?

Beide sahen sich unabhängig voneinander nach einer Ursache für den Stimmungsumschwung der Pferde um, bis sich die Blicke von Bartholomäus und Bradley trafen und beide im gleichen Moment zum selben Schluss gekommen waren. War zuvor noch ein knappes Dutzend Matrosen geschäftig gewesen waren es nun fast zwanzig. Doch es hatten keine neuen Boote angelegt, über den schmalen Pass war auch niemand zu ihnen hinab gestiegen und einen weiteren Zugang gab es nicht zur Bucht. Also woher waren die Neuen gekommen? Bradley zuckte innerlich zusammen als er die tropfnasse Kleidung der Matrosen betrachtete, die den Steg reparierten. Was, wenn sie geschwommen waren? Aber er hätte ihre Bahnen auf dem Wasser gesehen. Getaucht vielleicht? Aber das Schiff war zu weit weg um die Strecke unter Wasser zurückzulegen. Sie hätten mindestens einmal auftauchen müssen um zu atmen.

Die Kul Tiraner bewegten sie sich derweil bei ihren Arbeiten immer weiter gen Hütte und bildeten allmählich einen Halbkreis um diese, ohne direkt auf diese zuzugehen. Bradley knirschte mit den Zähnen. Abermals ein Blick gen Bartholomäus, doch der war nicht zu sehen. Er wog gedanklich kurz ab ob er es riskieren konnte, den Posten an der Tür zu verlassen. Dann erinnerte er sich, wer alles im Inneren war und nickte. Ja, er konnte.

So entspannt und zufällig wie in der Situation nur möglich schlenderte Bradley zu den Pferden. Innerlich waren seine Nerven bis zum Zerreißen angespannt. Wenn er jetzt zu viel Aufmerksamkeit auf sich zog saßen sie im Kessel fest und waren alle erledigt. Die Pferde wirkten gerade wieder etwas entspannter und standen friedlich nebeneinander. Bradley stutzte. Hatte er die Situation fehlinterpretiert und die Unruhe der Tiere hatte doch an Bartholomäus gelegen? Aber wo war der?
Bradley schaute sie um und entdeckte etwas Rotes zwischen den größeren Felsen. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Langsam näherte er sich, wobei er versuchte, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen, was mit einer Plattenrüstung nicht ganz so einfach war. Als er hinter den Felsen eine rotgerüstete Gestalt liegen sah, stockte ihm der Atem. Der Rote lag mit dem Gesicht nach unten, mit einer klaffenden blutigen Wunde am Hinterkopf, die von etwas schwerem, Runden verursacht schien, fast wie von einem... Huf? Bradley runzelte die Stirn und blickte gen Buffalo. Der wackelte nur mit einem Ohr und schnaubte, die blutigen Schmieren an seinem einem Huf sprachen aber Bände.

Gerade als Bradley sich gen Buffalo drehen wollte, packte ihn eine Hand von hinten um den Hals, eine weitere bedeckte den Mund und zerrte ihn rücklings, so dass er über den am Boden Liegenden stolperte und stürzte. Instinktiv packte er nach seinem Dolch als eine vertraute Stimme ihm ins Ohr flüsterte: „Ruhig, Bruder. Ich bins!“

Es dauerte einen Moment ehe Bradley realisierte, dass es Bartholomäus war, der ihn hielt, und nicht der, der vor ihm lag. Bartholomäus hatte ebenfalls bemerkt, was unter den Kul Tiranern passierte und auf seine eigene Art einen Ausweg gesucht. Einer der Matrosen, der zuvor schon Futter für die Pferde gebracht hatte, war ihm in den Rücken geschlichen, aber er den Ordensdiener ausschalten konnte hatte Buffalo eingegriffen und dem Vorhaben ein rabiates Ende gesetzt. Bartholomäus hatte die Chance genutzt und mit dem Toten die Kleidung getauscht. Selbst wenn sie eben jemand beobachtet hätte, hätte er nur gesehen, wie ein Kul Tiraner einen Roten packte und ausschaltete. Bradley entspannte sich etwas und pfiff leise durch die Zähne.

„Nicht schlecht, Kleiner, nicht schlecht. Du hast uns wahrscheinlich einen Ausweg gefunden.“

Bradley gab Bartholomäus einen leichten Klaps auf die Schulter. Dieser runzelte die Stirn.

„Aber ich bin doch zwei Zentimeter größ...“

Weiter kam er nicht da plötzlich die Geschäftigkeit an den Landestegen in eine angespannte Hektik umschlug. Dort, wo die Bucht in das offene Meer endete, schob sich nah an den Klippen der Bug eines gewaltigen Dreimasters in die Sicht, dessen Segel schon deutlich bessere Tage erlebt hatten und in kaum mehr als geflickten Fetzen von den Masten hingen. Der Wind trieb das Schiff vor sich her und wehte salzigen Meeresduft herüber, in den sich Spuren eines süßlichen Aromas gemischt hatten. Fast alle Kul Tiraner eilten zu den Landungsstegen und mit lauten Rufen von beiden Seiten wurde rasch Platz für die sich nähernden Boote des neu angekommenen Schiffes gemacht, aus denen mehrere Seeleute an Land gingen, deren schwankender ungelenker Gang auf erhöhten Rumkonsum schließen lassen konnte.

Bradley zuckte zusammen als sich Buffalo von seinen Zügeln los riss und kampflustig mit den Hufen zu stampfen begann und damit die Vermutung des Ordensdieners bestätigte. Dieses Verhalten legte das alte Schlachtross eigentlich nur dann an den Tag, wenn etwas, oder besser jemand Bestimmtes in der witterbaren Nähe war. Untote. Einen Moment lang hatte er noch Hoffnung, dass die Kul Tiraner die Untoten angreifen würden wenn sie diese erkennen, aber ein Handschlag zwischen den beiden Gruppen brachte die bittere Bestätigung des Verrats.

Bartholomäus stieß Bradley an und deutete zur Hütte. Beide nickten sich schweigend zu und huschten so geduckt wie nur möglich zwischen den Felsen vorwärts. Sie mussten die anderen drinnen warnen, ohne dass die Kul Tiraner oder ihre fauligen Freunde es bemerkten. Die Hütte stand auf ihren dicken Pfählen hoch genug über dem felsigen Grund dass sie gut darunter kriechen konnten. Gerade noch rechtzeitig, denn kaum waren sie komplett unter der Hütte verschwunden näherten sich mehrere Stiefelpaare, einige trocken, einige nass, und verteilten sich um die Hütte. Über ihnen waren Schritte auf den Holzdielen zu hören, dazu fremde und auch vertraute Stimmen, aber zu gedämpft und von zu viel Lärm von den Stegen gestört, als dass zu verstehen gewesen wäre, was sie sagten. Bradley versuchte einen Punkt zu finden, wo er zwischen den Holzdielen nach oben blicken konnte, um sicher zu gehen, dass er auf der richtigen Seite war und nicht die falschen warnte. Gerade als er eine geeignete Stelle gefunden hatte stellte sich ein Stiefel darauf und versperrte die Sicht. Bradley fluchte. Bartholomäus stupste ihn an und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Drei Beinpaare blieben dort stehen, vermutlich weil sie den Toten in roter Rüstung gesehen hatten. Ihrer Stimmlage nach waren sie mit dem Anblick zufrieden und diskutierten kurz. Dann wandte sich das eine Stiefelpaar ab und ging weiter um die Hütte, die anderen blieb an der Stelle stehen. Ein metallisches Schleifen war zu hören und kurz darauf wurde die blanke Klingenspitze eines gezogenen Säbels neben den Beinen sichtbar. Es wurde also ernst!

Bradley schaute sich noch einmal zu allen Seiten um. Die Hütte war von drei Seiten umstellt, lediglich die Türseite war frei, würde aber gleich von dem Gehenden erreicht werden. Die anderen schätzte er weit genug um die Ecken, dass sie den Eingang nicht im Auge hatten um gleichzeitig auch nicht gesehen zu werden. Wenn sie es schaffen würden, die Gegner nacheinander auszuschalten...

Der Gedanke wurde gestoppt, als sich über ihm Schritte in Richtung Ausgang bewegten und er die Tür in ihren rostigen Angeln quietschen hörte. Bradley konnte durch den wieder freigewordenen Spalt im Holz gerade noch etwas Rotes sehen. Einer von ihren Leuten! Der Kul Tiraner war nahe genug heran und bemerkte wohl auch gerade die sich öffnende Tür und verbarg die Klinge hinter seinem Körper. Seine Schritte beschleunigten und er hielt direkt auf den Eingang zu. Bradley und Bartholomäus hatten keine Zeit, sich abzusprechen, aber taten instinktiv das gleiche. Sie preschten aus ihrem Versteck hervor. Geistesgegenwärtig ging jeder von ihnen auf das Ziel, was ihm am nächsten war, um das Auslösen des Alarms zu verhindern. Bradley auf den Kul Tiraner, Bartholomäus auf den Ordensbruder.

Jim Button wusste nicht, wie ihm geschah. Als es während der Verhandlungen zwischen den Offizieren und dem Kapitän außerhalb der Hütte immer lauter geworden war, hatte sein Chevalíer ihn kurzerhand vor die Tür geschickt um nach zu sehen. Button wusste, dass sowohl Bradley als auch Bartholomäus draußen auf Wache waren und da keiner von beiden einen Alarm ausgelöst hatte, war die Anweisung um so seltsamer. Er hatte die Tür gerade erst hinter sich geschlossen und den ersten Fuß auf den steinigen Boden gesetzt, als eine kräftige Hand nach seinem Knöchel packte und ihm das Bein wegriss. Im Fallen sah er gerade noch wie ein großer roter Fleck mit etwas Glänzendem in der Hand sich auf einen weniger großen dunklen Fleck mit ebenfalls etwas Glänzendem in der Hand warf und beide fast zeitgleich mit ihm zu Boden gingen. Button trat und schlug im Reflex nach seinem Angreifer. Er konnte hören und auch fühlen wie er traf und grinste in Genugtuung, doch sein Widersacher ließ nicht locker, zerrte ihn tiefer unter die Hütte und warf sich auf ihn, nagelte ihn fest und hielt ihm den Mund zu. Was zum Archimonde? Die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben als er in seinem Gegner niemand anderes als Bartholomäus erkannte, der, aus welchen Grund auch immer, wie ein Kul Tiraner gekleidet war und auf ihn ein redete, still zu sein. Button nickte kurz zum Zeichen dass er verstanden hatte.

Die beiden Kämpfenden lieferten sich ein kurzes aber heftiges Duell. Bradley konnte nicht verhindern, dass Stein und Klingen wütend über das Metall seiner Rüstung kreischten und die nächststehenden Gegner alarmierte. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig seinem Gegenüber das Schwert durch Stoff und Leder ins Fleisch zu bohren, als die nächsten zwei um die Ecke kamen.
Bradley blieb nicht viel Zeit zum Überlegen. Die Leiche unter seinen Füßen musste weg, Button und Bartholomäus durften nicht gesehen werden und das versammelte Piratenpack durfte nicht alarmiert werden. Die beiden Kul Tiraner hatten die Situation noch nicht ganz erfasst und gaben Bradley so unwissentlich eine Chance. Der Ordensdiener rappelte sich auf und stürzte den beiden entgegen. Sie setzten gerade an, die Waffen zu heben und Alarm zu rufen, da war Bradley auch schon heran und warf sich mit quer gehaltenen Unterarmen auf sie. Die scharlachrot lackierten Armschienen schlugen wie Steine gegen ihre Kehlen und raubten ihnen Atem und Stimme, ehe der Rest vom Ordensdiener ihnen auch noch das Gleichgewicht zu nehmen drohte. Bradley grinste zufrieden über den kleinen Erfolg, blieb jedoch nicht stehen sondern hechtete weiter, um die beiden von der Hütte wegzulocken. Er fühlte dass sein Plan aufging als ihn etwas Schweres im Rücken traf und ihn zu Boden riss. Verflucht, waren die schnell! Ein heller Schatten kam überraschend zu Unterstützung und mit einem saftigen Matscher donnerte der Huf Buffalos in den Schädel eines Gegners. Er schnaubte einmal kurz und wirkte für einen kurzen Moment sehr zufrieden, so als habe er das schon sehr lange tun wollen und nur auf diese Gelegenheit der Genugtuung gewartet. Bradley wollte gar nicht wissen, wie lange das Schlachtross schon darauf gewartete hatte, aber er hatte auch gar keine Zeit um darüber nachzudenken, denn der Kampf war entgegen seiner Hoffnung nicht unbemerkt geblieben. Vom Steg kamen mehrere zerlumpte Gestalten mit rostigen Säbeln in den Händen auf sie zu. Buffalo schnaubte abermals und senkte kampflustig den Kopf in Richtung seines Erzfeindes.

Button hatte derweil mit dem Toten Ordensrüstung gegen Seemannskluft getauscht. Es war eine Sache, eine Rüstung an sich selbst anzulegen, wenn man Platz hatte. Aber sie einem Toten anzulegen, der, wie man selbst, keine halben Meter Platz über dem Kopf hatte, war in Anbetracht der gut zwei Dutzend Riemen und des Zwangs der möglichst vollständigen Geräuschlosigkeit ein Akt, der ihn mehr als einmal auf die Lippen beißen ließ um nicht lauthals zu fluchen. Fertig gerüstet hatten sie den den Toten wieder unter der Hütte hervor gerollt, so dass Dritte sofort sehen konnten, dass es ein toter Scharlachroter war. Jetzt mussten sie nur noch die anderen in der Hütte warnen. Oder auch nicht, denn in diesem Moment stürzte sich Buffalo wie ein Berserker auf die Angreifer, mit allem was dazu gehörte. Button hätte schwören können, dass er die Knochen des Lumpenpacks unter den Huftritten brechen hören konnte. Dieses Pferd hatte wirklich eine Menge angestaute Wut. Oder war einfach verrückt. Beides wäre legitim bei seiner Herkunft. Bartholomäus robbte neben Button und kurz sahen sich beide an. Unter den aktuellen Umständen hatten sie tatsächlich eine Chance, aus dem Kessel zu entkommen.

Fortsetzung folgt...
Bild

Benutzeravatar
Tuuli
Beiträge: 16
Registriert: So 3. Feb 2019, 14:49

Gratwanderung

Beitrag von Tuuli » Mi 2. Okt 2019, 19:34

Der Hahn war eben auf den Misthaufen gestiegen, da stand Tuuli auf dem Platz zwischen der sehr übersichtlichen Zahl heruntergekommener Hütten und Verschläge, als hätte sie der Wald verschluckt, einige Male durchgekaut und eben hier wieder ausgespuckt. Sie zupfte sich morsche Zweige und faulige Blätter aus dem Haar.

"Nicht, was wir hier erwartet hätten", kam es von hinten.
Sie drehte sich um und stand einem Nachthemd, so fleckig wie eine Landkarte, mit explodiertem, rotem Haar gegenüber, die Arme vor der Brust verschränkt.
"Du solltest nicht ungeschminkt vor die Tür gehen."
Inneke lächelte schief: "Ja... witzig."
"Ist er hier?"
"Wer?", Inneke pustete eine Locke aus dem Gesicht.

Sie gingen ein Stück, tauschten sich gestenreich aus und hielten an einer windschiefen Hütte an. Inneke deutete auf die Tür, doch Tuuli schüttelte den Kopf.
"Ich werde sie einsammeln und hier her bringen. Mach du ... was auch immer du so tust."
Die Lange drückte der Kurzen eine Hand in die ungestüme Frisur, dann umrundete Tuuli die Hütte und verschwand wieder im Unterholz.

Als die Schatten kürzer wurden und sich der Tag ankündigte, saß ein Haufen nachdenklicher Gesichter am Tisch.
"Sollten wir sie suchen?"
"Nein, das ist nicht unsere Aufgabe", aber ganz sicher waren sie sich alle nicht.
+++ Wäre auch an der Zeit gewesen: Gesellschaft zur Rettung des Konjunktiv II hätte heute gegründet werden können +++ (Der Postillon)

Antworten