Gratwanderung

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Inneke
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Gratwanderung

Beitrag von Inneke » Di 14. Mai 2019, 11:28

Irgendwo in Lordaeron...

Inneke hockte über einem Kameraden, das Blut getränkte Wappen in ihrer Hand, umgeben von zahllosen Leibern, halb vergraben unter Blättern, eingesunken, während ihnen die Zeit das Fleisch vom Gerippe schmolz. Eine ganze Weile hatte sie auf dem Feld gestanden, unfähig sich zu entscheiden, ob sie bleiben, oder näher treten sollte. Doch das scharlachrote Herz verlangte danach mehr zu erfahren und den Gefallenen die Ruhe zu verschaffen, die sie verdienten.
Es mußte bereits vor einigen Wochen geschehen sein, oder dieses verdammte Land riß die Toten nach Sylvanas' letztem Geniestreich noch eiliger an sich. Viele der Namen kannte sie ohnehin nicht und vielleicht war das auch nicht wichtig, immerhin hatte man sie schon vor langer Zeit vergessen.

Als sie sich aufrichtete, regte sich etwas hinter ihr.
"Das Schicksal meint es also gut mit mir", der Mann stieß sich von dem windschiefen Baumstamm ab, dessen kahle Zweige sich flehend wie zittrige Finger dem Himmel entgegen streckten. Sein schlohweißes Haar wehte hinter ihm her, als er Inneke gemäßigten Schrittes näher kam. Das Schwert in seiner Hand hinterließ eine feine Spur im Boden neben den Fußspuren.
Hastig legte sie eine Hand an den Dolchgriff. Er fühlte sich warm an - selbst durch das Leder der Handschuhe.
Leere Augenhöhlen starrten sie an und ein Mundwinkel zuckte als er ihre Reaktion bemerkte. Sein Mantel war zerschlissen und der Saum hing in Fetzen. Die Kleidung darunter war einfach und schien bemüht die trostlose Farbe seiner Umgebung annehmen zu wollen. Ihrem Zustand nach zu urteilen, legte er nicht viel Wert darauf diesem Prozess entgegen zu wirken. Eingefallene Wangen und fahle Haut ergaben mit dem Rest ein stimmiges Gesamtkonzept.

"Da hatte ich mich beinahe geärgert, daß ich mir zu wenig Zeit gelassen habe. Ich meine sieh es dir an, es gibt einfach nichts mehr zu tun", er holte mit einer Hand aus und deutete auf das Schlachtfeld um sich herum. "Aber dann kamst du daher und da ich davon ausgehe, daß sich dieser glückliche Zufall nicht mehr allzu oft wiederholen wird, werde ich es zu schätzen wissen und besonnen mit dir umgehen", er stützte sich mit beiden Händen auf den Schwertknauf und lächelte zufrieden.
Inneke blinzelte hektisch, ihr Blick floh in alle Richtungen über das Feld: Vereinzelt tote Bäume, am Horizont eine Hügelkette, verschlammte, halb verrottete Büsche hier und da. Und während sie stand und um Erleuchtung rang, sanken ihre Füße langsam in den nassen, moderigen Boden ein.

"Details klären wir später", mit diesen Worten hob er das Schwert an und Bewegung kam in den untoten Körper - überraschend viel und schnell.
Er war fast bei ihr, als es hinter Inneke raschelte. Das Letzte, was sie hörte, war das dumpfe Klingen einer Kuhglocke. Es erstaunte sie für einen kurzen Augenblick, dann umfing sie weniger rätselhafte Dunkelheit.
Zuletzt geändert von Inneke am Do 16. Mai 2019, 12:12, insgesamt 2-mal geändert.
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Inneke
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In Tirisfal

Beitrag von Inneke » Di 14. Mai 2019, 11:28

Der Geruch von gebratenem Fisch stieg ihr in die Nase, als sich der dichte, nervende Schleier auf ihrem Hirn langsam lichtete und ihr gestattete zögernd die Augen zu öffnen. Sie sah in die Flammen eines nur wenige Meter entfernten, kleinen Feuers, über dem sich die Silhouette eines Fisches drehte, dahinter eine durch die hell aufschlagenden Flammen undeutliche Gestalt, neben ihr im verdorrten Gras eine verbeulte Kuhglocke, der das Innenleben fehlte.

Sie setzte sich auf, hielt sich den brummenden Schädel und murrte.
"Guten Morgen."
"Es ist schon Morgen?"
"Nein."
Der Fisch drehte sich weiter, dann hielt er an und jemand, der ihrer Mutter recht ähnlich sah - einer alten, vernachlässigten und einige Male durch den Morast gezogene Version - sah sie an.
"Du bist nicht ganz echt, oder?", Inneke hob eine Braue und tastete erkundend an sich herum.
"Ja also, doch und diese ganzen Messer habe ich dir abgenommen bis wir uns besser kennen. Oder vielleicht behalte ich sie ja auch, gerade weil wir uns dann besser kennen", sie, die Person, nestelte an einem einzelnen Finger herum und hielt ihn an ihre Hand, wo er vermutlich vorher dran gesteckt hatte. Sie hatte wirres, schwarzes Haar, das in einem unbändigen Chaos aus Locken und Dreck in alle Richtungen stand, ein Tuch vor dem Gesicht und trug ein Sammelsorium aus Leder und Stoff, gespickt mit kleinen Messern und anderen spitzen Dingen.
"Federn gelassen?"
"Immer wieder."
"Ich könnte das vielleicht wieder fest machen, wenn das überhaupt etwas bringt."
Der Finger wurde beiseite gelegt und die restlichen vier Finger mitsamt Hand streckten sich, am Feuer vorbei, Inneke entgegen. Skeptisch und mit möglichst wenig Berührungspunkten wurden Hände geschüttelt.
"Ich kenne dich", stolperte es aus Inneke heraus.
"Na das nehme ich doch an."
"Du bist die, deren Namen wir nicht nennen sollen."
"Archimonde? Nein, zu viel der Ehre."
Inneke tippte sich nachdenklich in an die Nasenspitze. "Mutter sagt du bist verrückt."
"Du sprichst mit Kröten."
"Touché."

Sie musterten sich eine Weile.

"Leute wie du essen?", Inneke machte eine fahrige Geste in Richtung des Fisches, der auf der Unterseite allmählich schwarz wurde.
"Gelegentlich, wenn uns danach ist."
"Ja, wenn das nur gelegentlich vor kommt, dann mußt du ihn ja nicht vom Feuer nehmen ehe er verkohlt."
Luzinde van de Flierdt wurde mit einem Mal hektisch und fummelte den Fisch aus den Flammen. Dabei fing ein Ärmel Feuer. Sie sprang auf, bückte sich und trat auf dem Ärmel und den darin befindlichen Arm herum, dann setzte sie sich wieder und legte das beinahe nicht angebrannte Exemplar eines ehemaligen Wasserbewohners auf einen zuvor abgebürsteten, flachen Stein. Sie grinste ihre Nichte stolz an.
"Wo hast du den her?"
- peinliche Stille-
"Aus dem See dort?", Luzinde deutete auf einen nahen Tümpel. Die Oberfläche glänzte, wölbte sich zu einer kleinen Blase und platzte zäh auf.
"Ich mag Fisch nicht."
Das unselige Tier verschwand hinter dem Tuch im Mund der Untoten.
"Ich frage mich wo das landet, wo du doch eigentlich nichts mehr in dir hast."
"Woher willst du das wissen?!", folgte es protestierend.
"Ähm... ja...", Inneke deutete auf die Mitte ihres Gegenübers, "da hängt Stroh raus."
Eilig schob Luzinde den Missetäter zurück, zog Stoff davor und stopfte es fest.
"Ein unglückliches Ereignis", rechtfertigte sie sich.

Inneke streckte sich, "Wie dem auch sei, ich denke, ich lege mich noch einmal hin und dann...", ein Finger flog ihr an den Kopf.
Sie seufzte.
"Ich nähe, lege mich dann hin und danach klären wir die Details."
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Charlott
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Arathi

Beitrag von Charlott » Di 14. Mai 2019, 12:49

"Sir, ist es nötig, daß Ihr selbst geht? Es sind unsichere Zeiten, uns fliegt das Land förmlich um die Ohren und..."
Chevalier Großherz blieb stehen und sah den eifrigen Mann, der ihr mit einem Notizblock und vielen guten Ratschlägen gefolgt war, an. Sie blinzelte nicht und irgendetwas in ihrem Gesicht zeigte einen Hauch Enttäuschung. Der junge Mann wurde kreide weiß, dann sackte er fast unmerklich in sich zusammen.
"Ich lasse Euer Pferd satteln, Sir. Wie die letzten Male auch. Aber ich gebe zu bedenken, daß graue Haare bei Menschen in meinem Alter nicht normal sind, ...Sir", dann stiefelt er davon.

Ein kleiner Trupp sammelte sich, Charlott Großherz aufrecht an der Spitze, gleich hinter ihr Eyrun auf einem Esel, dicht gefolgt von weiteren fünf Ordensleuten. Vor einigen Monaten hatten sie solche Ausritte als Anlaß genommen sich richtig rauszuputzen, doch war es nun kaum noch möglich sauberes Wasser zu finden, geschweige denn annähernd brauchbare Lappen. Lediglich "Güte" ruhte auf Charlotts Rüstung, als könne Schmutz ihm nichts anhaben.

Die Chevalier wandte sich erneut an den noch immer gehetzt wirkenden Mann, "Du wirst das Lager mobil machen, wenn wir einen passenden Standort gefunden haben, rückt ihr nach. Langsam wird es mir zu eng zwischen diesen Mauern."
Er nickte beflissen.

Der Weg war mühsam und die ehemalige Straße kaum noch vorhanden, so daß sie sie bald verließen. Sie hielten an kleineren Posten, ließen sich über die Lage aufklären und schließlich schlugen sie einen Weg ein, der sie nah an den Wall führen sollte - gewagt oder passend unerwartet, sich so nah an die Grenze zu wagen.
Nahe einer kleinen Senke, unterhalb des Walls hielten sie an. Weit und breit kein Feind in Sicht. Auch hier war der Krieg nicht spurlos vorbei gezogen, doch in diesem Moment schien er sich für diesen kleinen Fleck Land nicht zu interessieren.
Sie stiegen ab, erkundeten das Gebiet genauer. Zwei in ihrem Rücken hielten die Augen offen und musterten den Frieden argwöhnisch. Dicht hingen die Wolken über ihren Köpfen.

Es begann mit einem hohen Pfeifen, das sich zu nähern schien. Zuerst konnten sie nicht aus machen wo es her kam. Sie richteten ihre Gesichter auf den Himmel über sich, noch immer war niemand zu sehen. Dann brach es brennend durch die Wolkendecke, näherte sich rasch und schlug nicht unweit auf. Die lodernde Masse spuckte Glut und Schlacke, als sie einen Krater in die Landschaft brach. Jeder, der seines Pferdes habhaft werden konnte, packte es und holte sich und seinen Nebenmann in den Sattel. Der Esel hatte als Erster die Flucht ergriffen.
"Er war schon immer das klügste Tier im Stall", sinnierte Eyrun, unfähig sich zu bewegen, als die gepanzerten Handschuhe der Chevalier nach ihr griffen und sie zu sich aufs Pferd zog. In dem Chaos weiterer Geschosse, sah jeder zu, daß er sich und seinen Nächsten in Sicherheit brachte.

Als sich der Himmel beruhigt hatte, klaffte ein weiteres Loch im Thoradinswall, was ihn nicht minder imposant machte. Schwer hing der Rauch über der Ebene und die Luft war staubgeschwängert. Fünf Ordensgardisten bahnten sich ihren Weg durch die Verwüstung. Aufkommender Wind gab nach und nach die Sicht auf ein Trümmerfeld frei. Das stolze Ross der Chevalier lag zwischen herab gestürzten Steinen. Es donnerte, frischte auf, erste Tropfen fielen. Der Regen säuberte die Luft und wusch Staub von Mensch und Land. Inmitten des Durcheinanders lag "Güte", unberührt von Staub, ohne einen Kratzer.

Sie standen vor dem Trümmerhaufen, ließen die Blicke darüber schweifen, während der Regen unaufhörlich auf sie nieder ging. Dann waren Stimmen und Schritte zu hören, das Rattern und Quietschen schwerer Karren und die Silhouette eines nahenden Trupps erhob sich in der Ferne.

"Wir müssen hier weg", Aryna griff entschlossen nach dem Streithammer. Sie musterte kurz die Stelle, wo die Waffe gelegen hatte und ein besorgter Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Dann festigte sich ihr Griff um das Heft. Auf ihren Wink hin, setzten sich die Geschwister in Bewegung.
Zuletzt geändert von Charlott am Mi 15. Mai 2019, 13:53, insgesamt 1-mal geändert.
"Die Vergangenheit kann nicht geheilt werden." - Queen Elizabeth I.

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Inneke
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In Tirisfal

Beitrag von Inneke » Mi 15. Mai 2019, 13:51

Die Tage vergingen ohne nennenswerte Ereignisse. Die meiste Zeit, sparte sich die Sonne jegliche Art der Anstrengung und ließ den siechenden Wald in einer durch den großen, neu geschaffenen Seuchenteich am Horizont beschienen Dämmerung. Träge schoben sich die nebligen Ausläufer der giftigen Brühe, die das Gebiet in zwei Hälften teilte wie gierige, krumme Finger über den Boden bis tief in den Wald hinein.

Luzinde sorgte dafür, daß sie in Bewegung blieben, außer Reichweite dieser ungastlichen Gegend. Selbst ihr schien dieser Pfuhl nicht ganz geheuer zu sein. Bisweilen unterhielt sie sich mit einem kleinen Stoffbeutel, der an ihrem Gürtel hing. Dabei hielt sie sich diesen vors Gesicht, musterte ihn eingehend und legte immer wieder Pausen ein, als würde sie etwas hören. Gelegentlich gipfelten diese - für Inneke eindeutig sehr einseitigen - Gespräche in heftigem Schütteln des Beutels.
Die Nächte verbrachte Inneke nahezu immer allein und wenn es so war, bekam sie erst wieder am Morgen, wenn es vermutlich dämmerte, Gesellschaft. Sie beobachtete die Eigenheiten ihrer Tante, versuchte sich den Weg durch die eintönig sterbende bis tote Landschaft einzuprägen, bis sie glaubte sicher genug zu sein.

Das Feuer war runter gebrannt. Luzinde machte einen ihrer gewohnten Streifzüge und hatte Inneke eine Decke da gelassen. Sie bildete sich ein in der Ferne eine Hügelkette im Norden erkannt zu haben. Kloster oder vielleicht sogar die Grauen, einen Versuch war es wert und näher würden sie sehr wahrscheinlich nicht heran kommen. Die Untote hatte einen ungesund paranoiden Drang allem fern zu bleiben, was atmete, oder einmal geatmet hatte.

Sie sah sich noch einmal um, dann schob sie Dreck und Laub unter die Decke und kehrte der Lagerstätte den Rücken. Für gewöhnlich war anzuraten, den Fluchtweg zu verschleiern, ein Haken schlagen, etwas Laub über die Fußabdrücke, geknickte Zweige in die falsche Richtung. Doch dieses Mal war sie sich sicher, daß all diese Mühen sie nur aufhalten würden, ohne daß sie einen Effekt hätten. Also hielt sie geradewegs auf die nördlich gelegene Hügelkette zu.
Vor einer kleinen Lichtung blieb sie stehen, duckte sich hinter einen blattlosen Strauch und spähte auf die andere Seite, als sich eine knochige Hand auf ihre Schulter legte.
"Ich bin sehr enttäuscht", wehte fauliger Atem an ihr Ohr.
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Shephard
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Derweil in Arathi....

Beitrag von Shephard » So 19. Mai 2019, 22:56

Die Reise nach Menethil war geradezu langweilig gewesen. Seine Reisegesellschaft hatte aus einer bunten Mischung aus Händlern, Söldnern und Glücksrittern bestanden, die allesamt hofften, im Norden ein paar rasche Münzen machen zu können. Nächtelang hatte er den Erzählungen über die Kämpfe in Arathi und um Stromgarde zugehört und immer wieder hatte man ihn gefragt, was die Roten denn dazu beitrugen. Ebenso immer wieder hatte er geantwortet, dass sie dafür sorgten, dass die Untoten nicht noch schneller von Westen einrückten und für gewöhnlich hatte dies das Ende eines Gesprächs mit ihm markiert.

Als das Schiff nach mehreren Tagen Seefahrt in Menethil vor Anker ging hatte er mit stoischer Nüchternheit festgestellt, dass dies immer noch die feuchteste Stadt seit Theramore war. Da Buffalo aber nach wie vor kein Seepferd war und der Ausblick, auf muffig klammen Matratzen zu übernachten alles andere als verlockend war, hatte er sich direkt auf die Weiterreise gemacht. Kaum hatte er die Stadtmauern von Menethil verlassen, schien er weit und breit das einzige Wesen zu sein, aus dessen Haut keine Taschen oder Schuhe gemacht wurden.

Arathi selbst hatte sich im Vergleich zu seinem letzten Besuch um einiges verändert. Er hatte kaum die alte Brücke überquert als das Donnern von Geschützen wie ein weit entferntes Gewitter herüber klang. Die vormals fast zugewachsenen Pfade waren breite schlammerfüllte Wege, aufgeweicht von hunderten Füßen und Hufen und gutem, konstanten arathischen Regen. Unter dicken grauen Wolken stieg am Horizont dicker schwarzer Rauch auf. Vielleicht ein Brand, vielleicht ein Lager. Freund oder Feind? Nicht zu sagen auf diese Distanz. Weiter im Südwesten verschmolz die graue Silhouette von Burg Stromgarde fast bis zur Unsichtbarkeit mit den tiefhängenden Regenwolken. Bisher hatte er nur Erzählungen gehört über den Wiederaufbau der alten Festung. Sollte es sich zeitlich ergeben würde er ihr einen Besuch abstatten, soviel stand fest, aber er war nicht den ganzen Weg gereist, um lokale Sehenswürdigkeiten zu genießen.

Es überraschte ihn nicht, dass das Lager der 1. und 4. Lanze nicht dort war, wo es sich zuletzt gemeldet hatte. Das halbe Dutzend Krater, was den Bereich sprichwörtlich umgekrempelt hatte, bestätigte auch die notwendige Verlegung. Das neue Lager zu finden war nicht wirklich schwer. Wenn man wusste, nach welchen Zeichen man Ausschau zu halten hatte, fand man es gut. Tote Orcs und Reste von Untoten waren dabei immer ein guter Hinweis für den richtigen Weg.

Als Angus das Feldlager der Lanzen erreichte, fand er es in finsterer Stimmung. Die sonst lockere Gelassenheit der 4. Lanze war wie weggefegt, die Brüder und Schwestern nickten ihm nur knapp zum Gruß oder mieden direkt den Blickkontakt und wandten sich ab. Der Himmel war finster geworden und obwohl noch mitten am Tage entfachte man erste Feuer. Dunkelgrau und schwer ballten sich die Regenwolken über ihnen zusammen. Die Luft war kalt und feucht und ließ den Atem der Versammelten als kleine Wölkchen vor den Gesichtern sichtbar werden. Der Himmel schwieg. Keine Vögel waren zu sehen oder zu hören, kein Wind wehte, kein Gras wogte sich flüsternd, keine Zeltplanen knarzten Segeln gleich. Als würde die Welt die Luft anhalten, oder vielmehr einatmen um im nächsten Moment einen Sturm loszulassen. Das sonst eh schon finstere Gesicht von Erskine Bartlett war von einer Bitterkeit erfüllt, die nichts gutes verheißen hatte, und seine Befürchtung wurde bestätigt, als man ihn in das Zelt des Chevalíers führte, wo auf dem Feldtisch aufgebahrt der Hammer von Charlott Großherz, Chevalíer der 4. Lanze lag.

In einem knappen Bericht erfuhr Angus vom Angriff am Toradinswall und von den Verlusten, die er gefordert hatte. Er ertappte sich dabei wie er gedanklich das Bild der Liste von Tyrs Hand vor Augen hatte, auf der er abermals die Nummer von Eyrun durchstrich. Bis zum Ende war sie treu gewesen, trotz allem was sie erlebt und erduldet hatte. Ihr Tod schmerzte ihn überraschenderweise, Charlotts Verlust jedoch war kaum ertragbar. Lange zögerte Angus ehe er Erskine den wahren Grund für seinen Besuch mitteilte, doch der hatte es eh schon vermutet und fragte Angus vielmehr, für wie blind der Marschall ihn halten würde, nicht selbst die Notwendigkeit zu sehen.

Bis spät in die Nacht saßen sie zusammen mit Charlotts Adjutanten und ihrem Ordensritter und besprachen die Zukunft der 4. Lanze.
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Eyrun
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Zwischen den Hügellanden und Arathi...

Beitrag von Eyrun » Do 23. Mai 2019, 19:56

"Warum hast du es eigentlich "gelassene Hand" und nicht einfach Gelassenheit genannt?"
"Weil wir nur Werkzeuge sind."
Sie standen vor einer augenscheinlich unbezwingbaren Mauer und musterten sie bis zum letzten, oben angesetzten Stein.
"Verstehe", sagte Charlotte nachdenklich, "also ich würde annehmen, daß wir nun alle Möglichkeiten durch gegangen sind. Siehst du noch eine Weitere?"
Beide Blicke wanderten den Wall entlang. Erst nach Süden, dann nach Norden.
"Nein", Eyrún rieb sich Dreck von der Nasenspitze, "Wir sollten umdrehen und den Esel von hinten aufzäumen."
"Dann tun wir es jetzt, ich komme mir beobachtet vor. Wir stehen hier schon viel zu lange auf dem Präsentierteller."

Die Chevalier setzte sich in Bewegung und marschierte los.
"Es ist wirklich lange her, daß ich in den Hügellanden war. Wie schön, nach so langer Zeit wieder hier zu sein."
Charlotte warf Eyrún einen skeptischen Blick zu und schüttelte den Kopf.

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Shephard
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Re: Gratwanderung

Beitrag von Shephard » Fr 24. Mai 2019, 15:20

Seit mehreren Tagen saßen sie im Feldlager und berieten über die Zukunft der 4. Lanze. Eine Fusion mit der 1. war aus mehreren Faktoren ausgeschlossen. Die wichtigsten davon wurden von Chevalier Bartlett aufgeführt als „zu dünn, zu klein, zuviel Mc’s und O’s“. Angus sah die Fusion ebenso als nicht machbar an, denn die eher leichten flinken Pioniere der 4. wären zwischen den schweren Infanteristen einfach Kanonenfutter, schlimmstenfalls Opfer der helmbedingten Blindheit der eigenen Reihen für Dinge, die zwei Kopf kleiner waren vor den eigenen Füßen standen. Harlon, dem dienstältesten Ordensritter der 4., war dies mehr als recht denn ein Zerreißen der Lanze behagte ihm gar nicht.

Die Sonne war erst vor kurzem aufgegangen und die Wache löste sich gerade ab, als Unruhe ins Lager kam. Drei Fremde näherten sich dem Feldlager und schon von weitem waren ihre weit ausschweifenden Mäntel und breitkrempigen Dreispitze zu erkennen. Seeleute, einer von ihnen groß und breit wie ein Bär, die anderen beiden eher drahtig, denen eine Wolke aus Meerluft und Seetanggeruch folgte. Nach einem kurzen Gruß stellte sich der Große als Gibbins vor, Erster Maat eines kultiranischen Schiffes. Er gab an eine Nachricht für den Orden der scharlachroten Faust zu haben und forderte, unverzüglich den diensthabenden Offizier zu sprechen. Button und Knopf, die beide gerade Dienst hatten, schauten sich skeptisch an, dann nickten sie sich gegenseitig wortlos zu und Button verschwand in Richtung Stabszelt. Es dauerte nicht lange bis er zurückkam um die drei Fremden aufforderte, ihm zu folgen. Mit einer raschen Geste schlug Button die Eingangsplane des Stabszelts zurück und deutete den dreien einzutreten. Im Inneren standen Angus und Erskine an einen einfachen Holztisch, auf dem diverse Karten ausgebreitet lagen. Die drei Fremden nahmen ihre Hüte ab und grüßten höflich. Die Roten erwiderten den Gruß knapp und Angus fragte direkt nach ihrem Anliegen. Gibbins nahm mit einer ausschweifenden Bewegung seinen Hut ab und hielt ihn zwischen seinen Händen vor dem Oberkörper, blickte von einem zum anderen und ließ dann jede Zurückhaltung fallen.

„Sirs“, begann er und richtete sich zu ganzer Größe auf, „unser Schiff, die ‚Prachtmeers Erbe‘, ist ein Kriegsschiff, welches seit Monaten die Streitkräfte der Allianz unterstützt und die Gewässer um Arathi patrouilliert, um die Handels- und Verstärkungsrouten zu sichern. Mein Kapitän jedoch ist es leid, immer nur auf Angriffe zu warten. Er weiß auch, dass die Scharlachrote Faust handelt wo andere nur reden. Die Reputationen Eures Ordens sprechen für Euch und so bietet mein Kapitän an, die Kräfte zu vereinen. Ihr zu Land, wir zu See. Er lädt Euch daher ein, mit ihm über ein Bündnis zu sprechen.“

Angus nickte knapp und blickte zu Erskine, dann zu Gibbins. „Ich danke Euch für das Angebot, Erster Maat. Ich werde es überdenken. Wartet draußen auf meine Entscheidung.“

Er schaute kurz zu Button, der noch immer am Eingang stand, und nickte ihm zu. Der nickte als Zeichen des Verstehens, führte die Gäste nach draußen und brachte sie zu einem Bereich des Lagers, wo sie entspannt sitzen konnten und etwas zu essen und zu trinken bekamen. Derweil standen sich Angus und Erskine im Zelt gegenüber.

„Gefällt mir nicht“, sagte Erskine. „Aus dem Nichts taucht ein Kul Tiraner auf und will für uns durchs Wasser schippern? Die machen das nicht umsonst.“

Angus nickte. „Richtig, aber von mir aus können sie gern die feindlichen Schiffe plündern und die Beute behalten. Der Orden hat nur ein Schiff. Damit sind wir zwar seetauglich, aber so einsatzstark wie ein einzelner Schildträger gegen einen ganzen Wall. Sobald der Gegner auch nur zu zweit ist, haben wir kaum eine Chance. Es ist ein suspektes Angebot, ja, aber dennoch eins, das es wert ist geprüft zu werden.“

„Hmmmm“, brummte Erskine. „Du hast aber nicht vor, allein da hin zu gehen, oder, Marschall? Ich hab‘ keine Eimer da um dein Blut aufwischen zu lassen.“

Angus schnaubte halb empört. „Ich dachte eher daran, dich und die 1. mitzunehmen. Für alle Fälle.“

Für einen kurzen Moment huschte tatsächlich sowas wie ein Grinsen über Bartletts Gesicht. „Lässt sich einrichten. Und die 4.?“

„Harlon. Er kennt die Lanze wie kein zweiter, ebenso das Land. Und er ist eh Ordensritter. Er wird Chevalíer ad interim bis zur finalen Lösung. Und wenn die Inspektionsrunde durch ist, entscheide ich ob er es bleibt und die 4. bleibt oder sich was verändert.“

Erskine nickte kaum merklich zum genannten. „Akzeptabel.“

Die Sonne hatte erst knapp ihren Höchststand überschritten, als sich Angus in Begleitung der gesamten 1. Lanze aufmachte, sich von den Kul Tiranern zu ihrem Kapitän bringen zu lassen. Man hatte den Seeleuten Pferde geliehen, die vormals der 4. Lanze gehört hatten und nun nicht mehr benötigt wurden. Als die ersten Sterne am Himmel leuchteten zeichnete sich am Horizont die weite flache Dunkelheit des Meeres ab. Sie hatten die Steilküste erreicht, doch bis sie tatsächlich das Schiff erreichten lag noch ein gefährlicher Abstieg vor ihnen. Man beschloss daher die Nacht über in einer Senke des Plateaus ein kleines Lager zu errichten und dort die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Morgen weiterzureisen.
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