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Dimiona
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Beitrag von Dimiona » Mo 30. Sep 2019, 13:52

Die Türe flog schwungvoll auf und sofort raste das kleine Totenkopfäffchen Jack aus seinem Versteck in den Deckenbalken hervor. Samira musste grinsen als ihr kleiner Weggefährte ihr an der Robe hochkletterte und sofort seine kleinen Pfoten in ihre Tasche steckte. "Lass das Jack," sagte Samira lächelnd zu dem Affen und setzte ihn behutsam auf das einfache Bett.
Das Zimmer war klein und glich mehr einer Schiffskabine als einem Zimmer in einer herzöglichen Burg. Eine Sturmlaterne sorgte für ausreichend Licht auf die Unordnung die in dem kleinen Raum herrschte. Ein paar schwere Piratenstiefel lagen in einer Ecke, einige Kleidungsstücke waren unachtsam auf den einzigen Stuhl des Zimmers geworfen und das Bett war übersät mit Samiras kleinen Habseligkeiten. Das auffälligste in dem kleinen Raum war wohl die Hängematte die von einer Seite zur anderen gespannt war. Einzig der kleine Tisch mit Samiras Schreibunterlagen war sauber und ordentlich. Die hübsche Südländerin zog sich die dunkle, etwas staubige Robe aus, schob einen schweren Lederrucksack vom Bett und lies sich mit einem Seufzen darauf nieder. Protestierend quiekend kletterte Jack aus dem Rucksack, mit einem Stück Schiffszwieback im Maul. "Das ist der letzte," meinte Samira während sie das Haarband löste das ihre schwarze Mähne zurückhielt. Das Äffchen hüpfte auf die nackten Beine der ehemaligen Piratin und lugte zwischen Samiras wohlgeformte Brüste um sicher zu gehen, das seine Freundin dort nicht doch noch etwas versteckte. Sie packte ihn am Schwanz und funkelte das Tier kurz böse an, dann musste sie lachen. "Wenn der Herzog wüsste, wer seiner Schülerin da auf die Brüste sieht..... dann wäre er wohl froh wenn nur du es wärst," murmelte die Schülerin von Ignaz W. Zimmerer. Eigentlich sollte sie über ihren Studien sitzen und die Ursprünge der Nekromantie begreifen.... betrübt sie sah zu dem schweren Buch hinüber, das auf dem Tisch dort auf sie wartete. Noch vor ein paar Wochen hatte sie jede freie Minute damit verbracht sich auf die Lehrstunden mit ihrem Mentor vorzubereiten. Ignaz hatte sie zu seiner Schülerin auserkoren und ihr damit einen lange ersehnten Traum erfüllt. Als magiebegabte Piratin hatte Samira immer von Bildung und Unterricht geträumt, davon ihr Wissen zu erweitern und mehr mit ihrer Magie anfangen zu können als Wind und Wetter zu beherrschen. Sie war fasziniert gewesen wie der Herzog von Neu-Alterac über Leben und Tod gebieten konnte. Samira wollte dieses Wissen, war bereit gewesen dafür ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen, ihre Mannschaft, die Abenteuer, die Schiffe und die See. Sie war ihm nach Nordend gefolgt wo er sein Herzogtum aufbaute und er hatte ihr eine Position als Schreiberin gegeben, während sie ihre Studien unter seiner Aufsicht vorantreiben sollte. Sogar einen Titel hatte er ihr gegeben: Samira von der See. Bis vor wenige Wochen hatte sie alles was sie je zu träumen gewagt hatte. Das Leben hier fiel ihr nicht leicht, die Kälte, der Alltag und das Studium, das derzeit nur in der Theorie stattfand, waren für die abenteuerlustige, spontane Piratin nicht einfach. Doch Samira war dankbar dafür, dankbar das jemand mehr in ihr sah als ein hübsches Piratenmädchen das ein paar nette Zaubertricks beherrschte.
"Ach, Jack was mach ich hier blos?" sprach Samira während sie dem Äffchen zusah wie er ihr kleines Fernrohr in den offenen Lederrucksack packte. Ihr war kalt geworden als sie da so, nur in Stiefeln und Unterwäsche, auf dem Bett lümmelte. Eine Geste und ein paar Worte später wehte ein angenehmer warmer Wind durchs Zimmer und spielte mit Samiras schwarzem Haar. Auch wenn sie das Meer vermisste und immer das Gefühl hatte nicht wirklich in diese Kreise zu passen, verspürte sie eine tiefe Dankbarkeit für alles was ihr der Herzog hier ermöglichte......wäre da nicht diese eine Sache die in den letzten Wochen ihren Geist zu beherrschen schien. Da war dieser eine Abend gewesen der alles auf den Kopf gestellt hat. Dieser eine Abend in der sie von Vialena, dieser wunderschönen Elfe, in ihr Zimmer eingeladen wurde. „Bei der See, sie ist die Tochter des Herzogs!“ entfuhr es ihr und Jack blickte kurz zu ihr auf. Nie im Leben würde sie diesen Anblick vergessen. Vialena, wie sie da auf ihrem Bett lag, mit einem Hauch von Nichts am Körper. Noch immer stockte Samira der Atem als sie daran dachte, wie sie dagestanden hatte und sie dieser Anblick einfach überwältigte. "Wahrscheinlich hätte ich genau an diesem Abend meine Sachen packen sollen, Jack. Ich hab wirklich versucht ihr zu widerstehen!" sagte sie mit leichter Verzweiflung in der Stimme. Das Äffchen legte den Kopf schief während es Samiras´ Kompass in den Rucksack steckte. Sie hatte Vialena immer gemocht, bereits auf der Reise zu ihrem Vater hatte sich Samira in ihrer Nähe immer wohl gefühlt. Es war nicht nur diese unbegreifliche Schönheit, es war viel mehr ihr anderssein, ihre Art die Welt zu betrachten. Ja Vialena war in jedem Sinne ein Abenteuer. Irgendwie hatte sie es an jenem Abend geschafft, das ihr Herz in ihrer Brust geblieben ist und es war bei einem Gespräch zwischen ihr und der wunderschönen Elfe geblieben. "Ich hab´s wirklich versucht," beteuerte Samira Jack gegenüber, der gerade dabei war Samiras kurze Bluse in den Rucksack zu stopfen. Sie war zu Gunhild in die Schmiede gegangen, hatte sich so sehr betrunken um diesen wunderschönen Anblick aus ihrem Kopf zu bekommen. Sie hatte versucht ihren körperlichen Gelüsten Luft zu machen und hatte sich mit dem „Moosgrunder Horst“ am Steg vergnügt. Immer wieder hatte sie sich gesagt: "Nein, sie ist die Tochter des Herzogs! Sie ist einem anderen Versprochen!" Doch sie war damit ungefähr so genauso erfolgreich, als wolle man die Sonne vergessen wenn man sie einmal gesehen hatte. Samira hatte sich eingeredet das, wenn nur genug Zeit vergehen würde, sie eines Tages vergessen würde.
Dann kam jener Abend, an dem der Herzog sie über ein geheimnisvolles Amulett befragte. Auch Vialena nahm an der Besprechung teil und Samira hatte versucht sich nichts anmerken zu lassen. Sie wusste nicht mehr genau wie, doch irgendwann war sie alleine mit dieser faszinierenden Frau in dem Raum gestanden. Samira hatte gesehen wie einsam die Elfe in ihrem Herzen war, wie sehr sie sich nach Freiheit sehnte. Das stille Leid der Elfe hatte die junge Piratin berührt und sie alle Vorsicht über Bord werfen lassen..... und was darauf folgte hätte Samira sich niemals träumen lassen. Es war nicht nur dieser wunderschöne Körper der ihr die Sinne vernebelte, es war dieses Lachen, das Gefühl nicht alleine zu sein. „Wo hab ich mich da nur rein manövriert?“ meinte sie kopfschüttelnd zu Jack, der gerade einen Würfelbecher in den Rucksack legte. Samira wusste das Vialena jeden haben konnte, das sich die Elfe vermutlich einfach nach einem Abenteuer sehnte und nach jemanden der mit ihr Zeit verbrachte. Warum auch sollte die Gräfin von Stratholme mehr von ihr wollen? Sie war dem General der Blutelfen versprochen! Samira fragte sich ob das alles nur ein Spiel für Vialena war. Ein Spiel bei dem sie alles verlieren würde, wie ihr die letzte Nacht deutlich gezeigt hatte.
Der Herzog hatte zum Kriegsrat geladen. Seit Monaten empfing Vialena Träume und Visionen von einer gewissen Galbert. Einer Verräterin aus den Schatten der Vergangenheit des Herzogs. Einst eine seiner engsten Vertrauten, lies sie ihn in seiner dunkelsten Stunde im Stiche. Für Samira war es immer einfach gewesen, genau so wie auf See. Sie standen auf der einen Seite, der Feind auf der anderen. Das Warum und Wieso war da nie zu hinterfragen gewesen. Sobald der Kapitän den Befehl zum entern gab, war es der Feind, den Befehl des Kapitäns hinterfragte man nicht. Beim Herzog hatte sie es genau so gehalten. Doch an jenem Abend war ihr klar geworden das an Land wohl nichts so einfach wie auf See war. Vialena hatte berichtet, das diese Galbert sie in einer Vision vor einer Gefahr gewarnt hatte und das sie helfen wolle. Der Zorn des Herzogs war wie ein Sturm losgebrochen und Vialena hatte diesem nicht standgehalten. Während jedes Wort, das er Vialena an den Kopf warf, der schönen Elfe die Tränen in die Augen trieb schmerzten sie Samira ebenso. Wut und ein Gefühl der Machtlosigkeit war in ihr hochgestiegen, die ihren Höhepunkt erreichten als der Herzog seine weinende Tochter mit ihrem Verlobten auf ihr Zimmer schickte. Niemals zuvor hatte sie so etwas gespürt. Sie hatte Liebschaften gehabt, wahrlich nicht wenige..... doch ihr war immer bewusst gewesen, das sie diese für den Moment genoss, denn nach ein paar Tagen Landgang war es immer Zeit gewesen den Anker zu lichten und weiterzuziehen.
Ein leises Scharren riss sie aus ihren Gedanken. Samira sah Jack wie er ihren Dolch über den Boden zum Rucksack schleifte.
Sie war Vialena an jenem Abend nachgegangen, hatte sie in ihrem Zimmer weinen gehört. Sie hatte sie in ihre Arme genommen, hatte versucht die verzweifelte Elfe irgendwie zu trösten. Es hatte nicht lange gedauert bis der Herzog ins Zimmer gekommen war und Samira sich gerade noch unter das Bett hatte retten können. Es waren die schlimmsten Momente ihres jungen Lebens gewesen die sie dort unten verbrachte. Die Worte des Herzogs die in die Seele Vialenas schnitten, die schallende Ohrfeige und das Geräusch des Schlüssels als er die Tür von außen abschloss. Sie saß fest, wie ein Schiff das auf eine Sandbank gelaufen war. Sie war so wütend auf den Herzog gewesen, das sie es kaum in Worte fassen konnte. Und trotz des Schmerzes und der Verzweiflung in Vialenas Gesicht hatte die Elfe ihn sofort in Schutz genommen.
Samira fühlte sich wie eine Verräterin. Sie war dabei ihren Kapitän zu hintergehen wenn sie weiter mit Vialena zusammen sein wollte. Das kam einer Meuterei gleich, was so ziemlich das schlimmste war. „Verdammt, Jack!“ fluchte Samira vor sich hin. Jack hielt inne als er einen kleinen Münzbeutel in Samiras Rucksack steckte. „Der ist, wie fast immer, leer!“ meinte Samira seufzend zu dem Äffchen.
Irgendwann hatte sie es geschafft das Vialena sich beruhigte und sie waren eng aneinander geschmiegt eingeschlafen. Dem Schicksal sei´s gedankt, das sie aufgewacht waren bevor der Herzog wieder das Zimmer betrat und sie sich erneut unter das Bett flüchten konnte. Diesmal war er versöhnlich und die Zimmertür blieb auch nach seinem Verlassen offen. Samira hatte selten über ihren eigenen Tod nachgedacht. Doch dort unten, zwischen den Spinnweben, hatte sie genau das getan. Sie war immer davon überzeugt das sie jung sterben würde, wahrscheinlich betrunken und auf See. Doch der Gedanke was der Herzog, ihr Mentor, mit ihr machen würde wenn er dahinter käme das sie ihn hinterging, lies ihr das Herz fast stillstehen. Bei dem Gedanken Vialena nie wieder nahe sein zu können, sie nie wieder lachen zu hören, sie so lebendig sehen zu können, mochte es fast zerspringen. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie dies beenden musste, in ihrer beider Sinne. Plötzlich fühlte sie Tränen in ihren Augen aufsteigen. Sie blinzelte und sah gerade noch wie Jack ihren Flachmann in den vollen Rucksack stopfte. „Der ist auch leer,“ sagte sie mit heiserer Stimme. Vialena hatte zum Abschied gesagt, das dies erst der Anfang ihrer gemeinsamen Zeit sein würde, doch etwas in Samira warnte sie davor das es der Anfang vom Ende sein könnte. Doch was wusste sie schon? Hätte ihr jemand vor einem Jahr gesagt wo sie jetzt ist hätte sie denjenigen ausgelacht. Sollte sie sich an diese Hoffnung klammern? Oder sollte sie Vialena von nun an meiden und versuchen zu vergessen? „Ich will sie zumindest noch einen Abend sehen, so sehen wie nur ich sie sehe. Da werd ich mich entscheiden!“ versprach sie Jack, der auf ihren Schoß gesprungen war. Die ehemalige Piratin sah auf den gepackten Rucksack. „Du meinst wir sollten verschwinden? Das nächste Schiff nehmen und das alles hier so weit wie möglich hinter uns lassen?“ Das Äffchen hüpfte auf und ab und quiekte. Samira betrachtete den gepackten Rucksack und schmunzelte. „Weißt du, jeder Abenteurer war mal an einem Punkt wo er nicht mehr weiter wusste. Aber nur so entstehen gute Geschichten und über uns wird man eines Tages eine erzählen.“ Behutsam nahm sie das Äffchen, stieß den Rucksack in eine Ecke und kletterte in die Hängematte. Nein das war erst der Anfang ihrer Geschichte und sie war nicht durch die Meere der sieben Winde gesegelt um jetzt schon umzukehren. „Du wirst dich schon daran gewöhnen, ohne Schiffszwieback auszukommen. Wer weiß was wir hier noch alles entdecken,“ murmelte Samira während sie Jack an sich drückte und die Augen schloss, nur um im sanftem Wind von einer einsamen Insel zu träumen wo bereits jemand ganz besonderes auf sie wartete.

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Dimiona
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Beitrag von Dimiona » Mo 14. Okt 2019, 19:38

Eilends schloss Samira die Tür ihres kleinen Zimmers und lief schnell den Gang des Bedienstetentracktes entlang. Sie hatte wieder einmal völlig die Zeit vergessen, was ihr in den letzten Wochen des öfteren passierte.
Gerade wollte sie um die Ecke biegen, als sie plötzlich schwere Schritte vernahm. Samira wusste genau wem sie gehörten und hielt inne. Schnell zog sie sich in eine Nische zurück und wartet das Rhia, die untote Tochter des Herzogs, den Gang passierte. Diese Frau, wenn man sie denn noch so nennen konnte, hatte wahrhaft etwas Unheimliches an sich. Es war weniger der Umstand das sie eine Untote war, sondern viel mehr die Aura die sie ausstrahlte, die Samira zusammenzucken lies. Die junge Südländerin hatte bereits bei ihrer ersten Begegnung gespürt das von dieser Frau nichts Gutes ausging. Samira traute der ehemaligen Priesterin nicht, Tochter des Herzogs hin oder her. Seit sie hier war, schlich sie in den Gängen der Burg herum, ganz so wie ein Jagdhund der nach seiner Beute schnüffelte. Waren ihre schweren Schritte nicht in den Gängen zu hören so war die Untote bei ihrem Vater, oder besser gesagt ihrem Erschaffer, was Samira nicht weniger Unbehagen bereitete. Denn die weiße Wölfin, wie Rhia viele nannten, hatte Einfluss auf den Herzog und sah sich als einzig wahre Tochter des Rabens.
Vorsichtig späte Samira um die Ecke um zu sehen ob der wandelnde Eisblock schon weitergegangen war.
Seit Rhia in Neu-Alterac angekommen war hatte sie für Aufregung gesorgt. Es bereitete Samira noch immer eine Gänsehaut wenn sie an jenen Abend dachte. Wie aufgewühlt der Herzog gewesen war und wie sehr die Ereignisse Vialena verletzt hatten. Rhia hatte es irgendwie geschafft den Herzog davon zu überzeugen ein Bündnis mit den beiden verräterischen Frauen in den Pestländern schließen zu wollen.
Erleichtert atmete die einstige Piratin aus als die weiße Wölfin nirgends mehr zu sehen war und eilte weiter zum Dienstboteneingang der Burg, hinaus auf die Straßen von Neu-Alterac.
Der Schnee glitzerte im Sonnenlicht und verlieh der wiederaufgebauten Stadt einen besonderen Glanz. Trotz der ständigen Kälte herrschte Leben in den Straßen. Seit der Herzog angekündigt hatte das man Frieden mit den Töchtern der Nacht geschlossen habe und diese bald hier eintreffen würden war die Stadt in Aufregung. Getuschel und Gerüchte machten die Runde und wurden an jeder Straßenecke ausgetauscht.

"Na Samira, wohin des Wegs," riss die Stimme des jungen Horst sie aus ihren Gedanken. "Hast heute ja gar nicht die Nase in einem Buch," witzelte er, während er ein Netz voll Fische in Richtung des Dienstboteneinganges trug.
"Nein, heute nicht. Ich will runter zum Markt. Sind die Tuskarr schon da?" fragte Samira den gutgebauten jungen Mann.
"Ja, sind schon hier. Hab dich lange nicht mehr in der Schmiede gesehen. Könnten ja heute gemeinsam hin," zwinkerte ihr Horst zu.
"Tut mir leid, aber ich...ich hab keine Zeit, ich muss lernen," antwortete Samira ausweichend. "Lernen, hä? Hältst dich wohl jetzt für was besseres. Das eine Mal am Steg unten hat dir doch auch gefallen," spottete er, während er sich das Netz über die Schulter warf.
Zorn stieg in Samira auf. "Das war eine einmalige Sache und jetzt lass mich in Ruhe!" fauchte sie den jungen Mann an und ging schnellen Schrittes die Straße hinunter.
"Du bist echt seltsam geworden!" rief ihr Horst nach.

Eine Gruppe Menschen stand vor dem Eingang der Schmiede an der Samira auf ihrem Weg vorbei musste. Zwei große Fässer mit Bier wurden lachend zum Eingang gerollt und das laute Hämmern von Gunhilds Hammer war zu hören. Ein Karren auf dem Erzbrocken geladen waren versperrte ebenfalls die Straße und zwang Samira kurz innezuhalten und dem Gespräch der Gruppe von Menschen zu lauschen.

"Habt ihr´s schon gehört? Das Schiff soll bald hier sein."
"Dann kommt also die wahre Tochter des Herzogs bald an!"
"Wieso wahre Tochter?"
"Na seine leibliche Tochter eben."
Langsam wurde der Karren über die Straße gezogen. So das die Brocken möglichst einfach zu entladen waren.
"Sie hat zugestimmt einen der Vrykul zu heiraten, deshalb hat ihr der Herzog vergeben."
"Sag mal bist du jetzt schon am helllichten Tag besoffen?"
"Nein, die soll ein Scheusal sein!"
"Ich hab gehört sie sei hübsch, ganz wie ihre Schwester"
"Die sind doch nicht verwandt, du Elch. Also nicht richtig jedenfalls!"
"Ach und warum kommt dann auch gleich eine Priesterin mit, wenn nicht zur Trauung?"
Endlich war der Weg frei und Samira eilte kopfschüttelnd die Straße hinunter zur Markthalle. Die Mensch gestalteten sich immer ihre eigene Wahrheit. Warum sollte das hier anders sein als in den restlichen Teilen der Welt.

Sie war wirklich spät dran und durfte die Tuskarr auf keinen Fall verpassen. Wer weiß wann sie das nächste Mal zum Handeln kamen. Ihr Herz pochte schnell in ihrer Brust als sie daran dachte, das sie heute Abend vielleicht Vialena würde überraschen können. Die junge Frau Schlitterte um eine Kurve und kam gerade noch so vor einer kleinen Gruppe Blutelfen-Soldaten zum Stehen, angeführt von ihrem Hauptmann.

"Pass doch auf du, Dummes Ding," herrschte sie ein Soldat an, die Hand bereits für eine Ohrfeige erhoben.
"Verzeiht," erwiderte Samira mit zusammengebissenen Zähnen, den Schlag des Elfen erwartend. Der Blutelf sah sie naserümpfend an und die junge Frau war sich sicher, wäre sie nicht die Schülerin des Herzogs, hätte sie die Ohrfeige auch kassiert.
"Geh aus dem Weg!" entgegnete der Soldat und betrachtete sie mit missbilligendem Ausdruck in den Augen. Samira blieb nichts anderes übrig als zur Seite zur treten und die Elfen passieren zu lassen. Der Rest der Sindorei nahm sie nicht einmal wahr und sie führten Ihr Gespräch einfach fort.
"Und so ist Vialena die glückliche die ich heiraten werde, das schönste Mädchen der Stadt," sprach Sorièn zu einem seiner Gefährten.
"Leerenelfe hin oder her, als Tochter des Herzogs ist sie die beste Partie," sprach ein hochgewachsener Blutelf.
Sorìen lächelte überheblich: "Und ich verdiene nur das Beste. Der Herzog weiß dies und ihre Schönheit hat durch die Leere nicht gelitten."

Die Truppe bog in die nächste Straße ab und Samira blieb mit einem Klos im Hals zurück. Sie hasste den General der Blutelfen. Nicht nur wegen seine Arroganz, nein noch viel mehr weil er der Verlobte von Vialena war. Die Frau, die ihr Herz höher schlagen lies, die ihr den Kopf so verdreht hatte wie niemals jemand zuvor. Sie hasste es wie er sie ansah, als würde sie ihm gehören, als wäre die schöne Elfe eine Jagdtrophäe. Dabei kannte er sie nicht einmal wirklich, hatte nicht einmal Interesse daran sie kennenzulernen. Sie ballte ihre Hände zu Fäuste und vergrub sie in den Taschen ihrer Robe. Doch das Wort des Herzogs war Gesetz und er hatte diese Verlobung ausgehandelt, Vialena hatte dabei kein Mitspracherecht. Doch selbst wenn es nicht Sorìen wäre, würde es wohl irgendeine andere hochgestellte Person sein. Jemand würdiges für die Gräfin und sicher kein Mädchen aus der Gosse. Samira wusste das sie einem Traum nachhing und doch war er zu schön um damit aufzuhören.

Eine kleine Menschentraube hatte sich vor der Markthalle gebildet. Da waren die Leute aus Moosgrund, einige Blutelfen die unter sich blieben, und die Seeleute die sich dem Herzog angeschlossen hatten.
"Hast du Sorìen vorhin gesehen?" sprach eine junge Frau.
"Ich könnte ihn den ganzen Tag ansehen, welch Glück unsere schöne Gräfin doch hat!" erwiderte eine andere.
Samira drehte sich der Magen um und sie schob sich weiter durch die beisammen stehenden Menschen.
"Der Herzog wird, wie immer, das beste für sein Volk tun, er hat uns diese Heimat geschenkt. Es braucht keiner beunruhigt sein wenn dieses Schiff ankommt," hörte sie eine laute Männerstimme.
"Genau! Ehre dem Raben!" sprach eine andere Stimme und das Geräusch von Becher die aufeinander stießen drang aus einer Ecke.
Endlich war Samira bei den beiden Tuskarr angekommen, die ihre Wahren tauschten. Samira hatte sie beim letzten Mal als sie hier waren um etwas ganz spezielles gebeten. "Hast du es dabei?" fragte sie sofort das seltsame Wesen. "War nich´ einfach, aber die Nachtelf´n hab´n mir etwas davon verkauft," erwiderte der Tuskarr gut gelaunt. Samira zog ihr Fernrohr aus der Tasche. "Das is´ etwas wenig dafür," meinte der Händler während er das Fernrohr betrachtete. "Komm schon, wem willst du das Zeug sonst verkaufen?" entgegnete Samira mit ihrem schönsten Lächeln. “Ihr zum Beispiel, dieser Blutelfe dort drüben.“ Samira blickte sich um und musste lachen. “Das ist Leutnant Ral´Arahn, einer von Sorìens Soldaten.“ „Was, ehrlich? Die seh´n alle irgendwie gleich aus. Was ist mit dem hübschen Kompass den du letztes Mal dabei hattest?" fragte der Händler. "Der ist nicht verkäuflich!" sprach Samira entschieden.
Sie feilschten eine Weile mit dem Walrossmann und musste sich wirklich ins Zeug legen, doch schlussendlich nahm der Tuskarr ihr Fernrohr und überreichte Samira ein kleines Päckchen. Glücklich steckte sie es in ihre Tasche und verließ die Markthalle. Sie ging zu einer der Klippen, am Rande Neu-Alteracs und blickte auf das Meer hinaus. Früher hatte sie immer die Sehnsucht gepackt wenn sie die salzige Luft roch und das Rauschen der Wellen hörte. Heute erfüllte sie auch Sehnsucht, doch nicht nach der See. Sie zog den silbernen Kompass aus ihrer Tasche und öffnete ihn. Eindringlich betrachtete sie die wunderschöne Haarsträhne die an der Innenseite des Deckels befestigt war und roch lächelnd daran.
Bilder der vergangenen Abende zogen durch ihre Gedanken, Vialena in einem Hauch von Nichts... die weichen Hände, die so zart und gleichzeitig fordernd sein konnten, auf ihrer Haut. Ein Gefühl wie sie es noch niemals zuvor verspürt hatte durchströmte die junge Südländerin dabei. Konnte das wirklich Liebe sein, fragte sie sich während sie ihren Blick auf den Horizont richtete. Fühlte Vialena tatsächlich das selbe oder war sie nur ein flüchtiges Abenteuer für die Tochter des Herzogs? Nein, Vialena hatte ihr gesagt wie sehr sie sich wünschen würde das sie offen zueinander stehen konnten. Doch wie? Vialena war die Tochter des Herzogs, eine Gräfin! Und sie war nur....eine Piratin die durch Zufall die Schülerin des Herzogs geworden war. Das war es! Samira begann zu lächeln. Sie würde niemals jemand von hoher Geburt sein, aber sie würde dem Herzog beweisen wie viel in ihr steckte. Sie würde studieren, lernen und eine der mächtigsten Magierinnen von Azeroth werden, ging es ihr euphorisch durch den Kopf. Dann würde der Herzog sehen das sie würdig wäre mit seiner Tochter zusammen zu sein.
Sie musste Vialena diesen Abend sehen! Es würde ein besonderer Abend werden. Sie würde alles vorbereiten, aufräumen, Kerzen anzünden und ihr von ihrem Plan erzählen wie sie den Herzog beeindrucken wollte damit ihr und Vialena nichts mehr....war das da ein Schiff am Horizont? Samira verengte die Augen und starrte auf den Punkt in der Ferne. Ja, Eindeutig! Ihr Herz, das gerade noch Höhenflüge gemacht hatte, wurde schwer und Samira hatte das Gefühl als würde sie aus dem Krähennest auf´s Deck stürzen. Der Traum des kommenden Abends zerplatzte wie eine Seifenblase, während die junge Frau das Schiff in der Ferne beobachtete. Sie wusste das dieser Abend etwas "besonderes" werden würden, wenn auch in keinster Weise so wie sie sich es vor wenigen Momenten noch erträumt hatte.

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