Unter Feinden

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Andranoth
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Unter Feinden

Beitrag von Andranoth » Sa 31. Aug 2019, 11:27

Wir bitten dich, erhöre uns...

Das kleine Idol war so fehl am Platze wie seine Besitzerin. Es mochte unterschiedliche Bedeutungen in unterschiedlichen Kulturen haben. Was ihre betraf, so war es ein Symbol des heiligen Lichtes. Ein Relikt aus alter Zeit. Und doch ... seine Anziehungskraft war nicht geschwunden.

»... und auch wenn ich durch die dunkelste Nacht wandern muss, erbitte ich deinen Schutz...«

Die Flagge der weißen Wölfin wehte vor der kleinen Hütte auf dem Hof der Darrowehr. Es war keine sonderlich kunstvolle Hütte, unwürdig im Grunde genommen, betrachtete man den Stand, den die Frau innehatte. Schwarz war das Wappentuch, ein roter Streifen quer von rechts oben nach links unten, darauf eine weiße Wölfin, die die Klauen drohend hielt.

»... achte auch auf die Kinder, die aus deinem heiligen Schein entrissen wurden und führe sie zurück in den Glanz deiner Herrlichkeit...«

Sie spielte ihnen etwas vor. Adalheidis nannte sie sich, seit sie dem Kult beigetreten war, aus Gründen der Notwendigkeit. Allein wäre sie nicht überlebensfähig gewesen. Für eine ihrer Art geziemte es sich nicht, in Lande der Menschen zu ziehen, denen sie entwachsen war. Sie wäre verstoßen, verfolgt und verdammt. Und dabei war es nicht ihre Schuld. Nichts von alledem war ihre Schuld. Das Schicksal war grausam zu ihr gewesen, ganz besonders grausam, wenn man bedachte, was aus ihr geworden war.

»... manchmal müssen wir Dinge tun, die uns nicht gefallen. Sie prüfen unseren Willen, unseren Geist, unsere Seele. Durch dich werden wir stark im Angesicht großer Widernisse...«

Die Dunkelmeisterin Shiar Khan selbst gewährte ihr ihren persönlichen Schutz und ihre Gunst. Die kleingeistige Malicia würde ihr nicht gefährlich werden, wenn sie sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnte. Und sie konnte sehr weit gehen, das war gestern klar geworden. Die Dunkelmeisterin war genauso verstockt und kurzsichtig wie die meisten Anhänger dieses verdammenswürdigen Totenkultes, in dem sie so etwas wie eine Heilige darstellte. Ein Akt, beispielloser Ketzerei und Häresie, ein geradezu unglaublicher Frevel. Selbstverständlich würde sie eines Tages dafür sorgen, dass dieser Kult vernichtet wurde, und wenn sie selbst dabei ihr Leben ließ, dann mochte das die Sühne für das sein, was sie war.

»... Du bist mein Schild und Schutz in diesen finsteren Stunden, o heiliges Licht, o Schild der Sterblichen, o Erlöser der Armen und Schwachen...«

Sie würde in den kommenden Tagen ernsthaft an der Verteidigung dieses Kaffes arbeiten, während sie ausreichend Informationen beschaffte, die man später verwenden konnte. Dann würde sie auf dem schnellsten Weg nach Stratholme reisen. Und dort würde sie auf sie treffen...

»... und gib mir die Kraft, nicht Rache noch Ränke zu wollen, keinen Hass zu fühlen auf die, die mir Unrecht taten, auf dass ich ihnen die Herrlichkeit deiner Freude überreichen kann...«

Khelperetocs. Dieser Name ließ ihr altes Blut kochen und in Wallung geraten, ließ wilde Bilder grausamen Todes vor ihren Augen auflodern. Sollte sie sie strangulieren? Ihr die Augen ausstechen und die Zunge herausschneiden? Sollte sie sie in einem mörderischen Spießrutenlauf zu Tode schinden? Die Fantasien waren grenzenlos und kamen oft uneingeladen. Sie persönlich wollte der Frau nichts Schlimmes. Khelperetocs war schlichtweg ein dummes und ungebildetes Wesen, das nicht wusste, was es tat. Damit konnte man Mitleid haben. Gnade walten lassen. Doch nicht, wenn Dummheit Leben kostete. Und Khelperetocs Kurzsichtigkeit hatte so viele Leben verschlungen. Sie hatte alle Ordnung ins Wanken gebracht.

»... gib mir die Kraft, keine Idole außer dir zu verehren und nur dich zu meinem Heilsbringer zu haben. Gib mir die Stärke, alles fahren zu lassen, was dich und deine Herrlichkeit erzürnt...«

Und dann war da ihr Vater. Hoch im Norden saß er, weit von ihr entfernt, wusste wahrscheinlich nicht einmal, wo sie war und was sie da tat. Sah er nur die Äußerlichkeiten ihrer Taten, so konnte er sie glatt für eine Verräterin halten. Eine Verräterin, wie all die anderen, die sich hier auf diesem Spielplatz der Wahnsinnigen tummelten. Ob freiwillig oder nicht, sie war jetzt ein Teil davon. Und zum Glück war sie so etwas wie ein Meisterwerk für diese Schwachköpfe. Sie konnte sich so viele Fehltritte leisten, und doch würde ihr niemand jemals ein Haar krümmen können. Sie würde die Dinge wieder ins Lot bringen. Die Zeit war gekommen, diese Farce zu beenden und Ordnung einkehren zu lassen – die einzige Ordnung, die sie akzeptieren konnte, denn es war die einzige Ordnung, in der sie Akzeptanz fand.

»... hilf diesem dunkelsten deiner Kinder in seiner größten Not. Darum bitte ich dich, durch deine Gnade, deine Gerechtigkeit, deinen Frieden. Es sei.«

Sie schob das Idol zurück unter die Platten ihrer Rüstung, wo es sicher und verborgen vor den Blicken ihrer Feinde war und doch direkt über dem nicht mehr schlagenden Herzen lag. Sie war Rhia Liutkardis Morgenlied. Durch Schicksal von der Priesterwürde in den Sklavenstand unter Ignaz Waldemar Zimmerer abgestiegen war sie emporgewachsen zu seinem Kind, seiner meisterlichen Kreation. Sie war seine einzige, wahre Tochter. Seine Todesritterin. Und doch, das hatte sie sich fest geschworen, würde sie in alle Ewigkeit ein Kind des Lichtes bleiben. Und mit ihrem Herz aus Stein gab es keine Gewissensbisse bei dem Gedanken, dass sie diese unheiligen Ausgeburten der Finsternis eines Tages bis auf den Letzten auslöschen würde.

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