Chronik der Herrscherfamilie

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Andranoth
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Chronik der Herrscherfamilie

Beitrag von Andranoth » Di 25. Jun 2019, 18:35

Ihre Finger glitten sanft über das Papier. Er hatte es ihr vorher gegeben, es war noch keine zehn Minuten her. Wortlos hatte er es ihr in die Hand gelegt und war dann ohne ein weiteres Wort wieder gegangen. Sie hatten alles besprochen. Jedes notwendige Wort war gesagt worden und keiner von ihnen gebrauchte jemals Worte über Gebühr.

Das war nicht immer so gewesen. Aber sie beide hatten viel erlebt und viel durchmachen müssen. Vialena hätte es sich leicht machen können. Sie hatte die Wahl – der Direktor oder der Kult. Bei ersterem fürte sie ein Leben, das sich nur schwerlich von dem einer Sklavin unterschied. Und anfangs war sie das ja auch gewesen. Er hatte sie bei einem Spaziergang gefunden, überrumpelt und mitgenommen – sie gefiel ihm, wie er sagte. Sie war interessant für ihn. Er hatte eine gewisse Vorliebe für Elfen, wahrscheinlich insbesondere Elfenfrauen, das hatte sie bemerkt. Sie war ein Geschenk gewesen. Als Vialena das Papier in ihren Händen hielt glaubte sie die schweren Ketten wieder zu fühlen, die er ihr angelegt hatte. Sie hatte so verloren ausgesehen, in Eisen geschlagen, hilflos und ohne Orientierung. Sie wusste nicht einmal mehr, warum sie damals diesen Weg ging, was sie in diesen unwirtlichen Ländern verloren hatte, den Pestländern, die man früher die Nordlande nannte.

Sie musste sich beweisen, musste manche Prüfung bestehen, um im Ansehen zu steigen – nicht er hatte sie befreit. Nicht er hatte ihr die Ketten abgenommen. Das war jene Frau, die sie heute so sehr hasste. Jeder Gedanke an sie versetzte ihr einen Stich, und doch war sie es gewesen, die ihr einst die Möglichkeit gegeben hatte, zu brillieren. Brilliert hatte Vialena nicht. Sie war bestenfalls mittelmäßig – und doch hatte der Direktor Augen für sie bekommen. Immer öfter war er zu ihr gekommen oder hatte veranlasst, dass sie zu ihm gebracht wurde. Sie durfte an der Schule lernen, durfte hier ohne Kosten ihr Wissen erweitern und sah alsbald eine Welt, die sie für unsäglich fern, ja nicht existent gehalten hatte. Vialena hatte genug gesehen in ihrem Leben, das das eines Menschen schon bei Weitem überstieg. Sie hatte den Untergang ihrer Heimat gesehen, die Schrecken der Geißel – und war doch bei all diesen Verdammten, diesen Untoten, diesen verrückten Magiern geblieben. Welche Wahl hatte sie auch? Sie hatte sich daran gewöhnt, und es war heute noch erschreckend, wie schnell sie sich gewöhnt hatte.

Dann brach alles zusammen. Zuerst war Vialenas Beziehung zu Khelperetocs durch das schändliche Verhalten ihrer Angetrauten vernichtet worden. Ein Verrat, der niemals zu sühnen war. Dann war das Reich zusammengebrochen und Vialena hatte die Wahl – die Entscheidung war damals schnell gefallen. Nie und nimmer wollte sie mit der schändlichen Khelperetocs zusammenarbeiten, die ihren eigenen Ziehvater hintergangen hatte. Vialena hatte nie vergeben. Dies war die härteste Zeit ihres Lebens gewesen. Sie war verschwunden, hatte sich im Verborgenen Fähigkeiten angeeignet, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte. Vialena war gefährlich geworden, sie war fähig, wusste, wie man ein Schwert führte. Sie hatte sich gestählt und eine vorübergehende Heimat gefunden – die Geisterlande.

Dort fand sie Umbric, einen missverstandenen Magier, von dem sie viel lernte. Sie glaubte, dass sie dort vielleicht bleiben konnte – doch dem war nicht so. Umbric wurde von seinem eigenen Volk verstoßen, und auch Vialena ging in die Verbannung. Sie verband sich mit der Leere, einem Einfluss, den sie schon viel früher gespürt hatte und der seitdem nur immer stärker geworden war. So fand sie zur Allianz – oder besser: zum Territorium der Allianz. In ausreichender Entfernung, im finsteren Dämmerwald, mietete sie sich ein und baute sich eine kleine Existenz als eine Art Söldnerin auf. Sie beseitigte, was das Landvolk quälte. Doch in all der Zeit ging der Gedanke nie verloren, dass sie es zu etwas bringen hätte können. Tief in ihr wusste sie, dass sie zurück wollte. Zurück zur Glorie des Schattenreiches, zurück zu wehenden Bannern. Sie erkannte, was sie verloren hatte – ihre Heimat.

„Du stehst da und rührst keinen Finger. Was haben wir nicht besprochen? Etwas rührt dein Herz, Vialena, und ich verlange, es zu wissen.“
Die Stimme des Grafen hatte eine sanfte Bestimmtheit. Es war eine sonderbare Art, zu sprechen, wie er sie nur bei ihr gebrauchte. Jetzt, seit diesem Abend. Die vorigen Tage über hatte er sie ignoriert oder angeschrien. Es war, als wisse er nicht, wie er mit ihr umgehen sollte.
„Ich…“ Sie lehnte sich an die Wand und starrte die Decke an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Ihr Kinn wurde von seinem Daumen und Zeigefinger ergriffen und in einer bestimmten Behutsamkeit herabgeschoben. Sie sah ihn an, sah in seine gelblichen Augen. Selbst der giftige Stich darin konnte das Gefühl nicht verhehlen, das diese tiefen, erfahrenen Augen ausdrückten – diese unglaublich belasteten Augen. Sie hatte das Gefühl, dass er um ein Jahrzehnt gealtert war.
„Wenn du das willst – wenn du es wirklich willst, dann hast du eine Verpflichtung. Wenn du es verschweigst…Vialena.“
Sie hatte nicht bemerkt, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie wollte es sagen, ja, wollte es ihm ins Gesicht schreien. Er hatte sie missachtet, obwohl sie alles zu opfern bereit gewesen war. Sie hatte so viel gesehen und ertragen, hatte ihr Leben so viele Male aufs Spiel gesetzt.
Er wischte über ihre Wangen. Man erzählt sich, dass die Hände von Nekromanten so kalt seien wie das Grab. Doch seine waren warm.
„Mein Vater war ein guter Mann, auch wenn er nur ein einfacher Zimmerer war. Dies‘ letzte Jahr wird nicht verhüten, dass ich meinerseits Anstrengungen unternehme, dir etwas zu bieten. Doch Ehrlichkeit muss stets in deinem Herzen ruhen. Du darfst nicht lügen, Vialena, das ist die Wurzel allen Unbills.“
Sie ballte ihre Fäuste, spannte ihren gesamten Körper an. Dann wich jeder Widerstand und sie ließ ihre Schultern hängen. Vialena hatte alles von ihrer Resolution, all ihren Trotz, verloren.
„Als du mich damals gefunden hast, da habe ich dich gehasst und gleichzeitig meine Hoffnungen in dich gesteckt. Ich wollte, dass dieses fade Leben endet, und ich dachte, dass du das tun wirst, auf die ein oder andere Art. Ich war zerstört, als man dich von mir nahm. Ich habe dich geliebt, denn du warst gerecht trotz all dieser Wahnsinnigen. Dann fand ich dich und du hast mich keines Blickes gewürdigt. Sag mir, warum.“
Sie weinte, und sie ertrug es. Es war Zeit, den Gefühlen Raum zu machen, die sich in all der Zeit angestaut hatten. So oft hatte sie es vermieden, ihr Innerstes preiszugeben. Warum sollte sie sich vor ihm verstecken, der durch sie blicken konnte wie durch Glas.
Er legte seine Arme an ihre Schultern. „Ich habe dich kaum wiedererkannt. Ich wollte, dass du lernst, deinen Platz in der Welt zu finden. Ich wollte, dass du stark wirst, denn du warst meine Kreation. Doch dann hat das Schicksal mir dich entrissen und du hast dich sehr verändert. Vialena…in all dem Grauen, in all der Kälte der Kriege und Machtkämpfe, die ich in meinem Leben schon ertragen habe, habe ich mich nach etwas Reinem gesehnt. Du warst rein, Vialena. Ich habe es gespürt. Du warst…unschuldig. Doch nun…“
„Ich bin nicht mehr rein“, wisperte sie.
„Nein, das bist du nicht.“
Sie schlug die Augen nieder.
„Also warum das hier?“ Sie hob das Pergament schwach an.
„Weil ich mein Vertrauen in die einzig wahre gesetzt habe, die es je verdient hat, mein Fleisch und Blut genannt zu werden. Weil deine Treue die Treue eines liebenden Herzens ist. Und Liebe habe ich nicht verlernt.“
„Dann liebst du, Vater?“
„Ja.“
Sie sah ihm in die Augen. Auch er hatte seine Härte verloren. All die Kälte, mit der er anderen begegnete, war wie fortgewaschen. Sie sah einen Mann mit klaren Augen, frei von Hass und Schmerz.
„Und liebst du mich?“, fragte sie.
„Mehr als alles andere auf dieser Welt.“ Mit diesen Worten drückte er ihre Schultern, wandte sich zur Seite und ging.
Sie hob das Pergament und presste es an ihre Brust.

Andranoth
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Re: Chronik der Herrscherfamilie

Beitrag von Andranoth » So 14. Jul 2019, 14:21

»Wann hattest du vor, es mir zu sagen?«, sagte er, und die Enttäuschung drang kühl wie der Stahl eines Dolches in ihre Brust, hüllte ihre Lungen und ihr Herz in Eis.
»Ich...« Vialena strich mit zittrigen Fingern über ihre Stirn, wischte mit einer fahrigen Bewegung eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht und ließ sie gleich darauf wieder hinunterfallen. Sie hätte es lieber gehabt, wenn noch mehr Strähnen ihr Gesicht verborgen hätten, verborgen vor seinem stechenden Blick. Vor der Schmach.
»Du?« Es lag eine eisige Geduld in seiner Stimme. Das hatte er schon immer gekonnt. Sie wusste, dass in seinem Inneren ein Sturm wogte, ein Sturm der Wut und der Enttäuschung. Sie hatte geschworen, stets die Wahrheit zu sagen. Was war daraus geworden?
»Ich wollte dich beschützen«, hauchte sie, und erkannte, wie fadenscheinig ihr Argument war. Was brauchte ein Mann wie er ihren Schutz?
Er verengte seine Augen, sodass die kleinen Fältchen an der Außenseite seiner Augenhöhlen sichtbar wurden.
»Eine Lüge«, sprach er scheinbar gleichgültig.
Sie schlug die Augen nieder.
»Erkläre es mir. Was, glaubst du, ist so pikant, dass du es vor mir verbergen müsstest? Du solltest wissen, dass ich Geheimnisse nicht gut leiden kann, insbesondere wenn wir bedenken, was zuletzt passiert ist, als ich zu viele Geheimnisse in meinem Umfeld zugelassen habe.«
Ja, wie sollte sie es ihm erklären? Wie sollte er verstehen, dass es sie allein war, die diesen Kampf in ihrem Kopf fechten musste? Wie konnte sie ihm bewusst machen, dass sein Wissen oder Nichtwissen an der Tatsache nichts geändert hätte, dass sie damit alleine war? Welche äußerliche Macht konnte ihre Gedanken abschirmen? Dazu war nur sie allein imstande und sie wusste, dass sie sich darum kümmern musste, ehe die ständigen Attacken noch schlimmer und regelmäßiger wurden.
»Es ist etwas, auf das du keinen Einfluss nehmen kannst, Vater. Das ist der Grund, warum ich dich damit nicht belastet habe. Es betrifft nur mich, mich ganz allein.«
»Das ist falsch, Vialena, und du weißt es genau. Galbert will nicht dich, sie will mich. Sie spioniert für diese Zirkelhure und für die Schule«, sagte er entschieden.
Und genau das war das Problem. Er hatte sich entschieden, die Sache so zu werten, wie sie ihm am realistischsten erschien. Natürlich musste er viel über das Wohl aller nachdenken, die ihm jetzt untertan waren, und er hatte sich große Pläne für die Zukunft gemacht, die er nicht gefährdet sehen wollte. Vialena verstand all das. Sie verstand es nur zu gut. Aber sie sah auch, was es mit ihm machte. Er fühlte sich im Zentrum aller Aufmerksamkeit. Er glaubte, dass sich alles auf ihn konzentrieren würde - meist im negativen Sinne.
»Vater, du weißt nicht, was sie eigentlich will. Nicht einmal ich weiß es. Ich versuche, mit ihr in Kontakt zu kommen.«
Sein Blick wurde wachsam.
»Nur, um herauszufinden, wie man sie aufhalten kann!«, beteuerte sie rasch. »Vater, bitte. Ich muss es wissen. Sonst wird es nie aufhören.«
Er wandte sich ab. »Es ist Khelperetocs, jede Wette. Sie steckt hinter alledem. Dieses von allen guten Geistern verlassene Luder, diese Schnepfe, Fluch über sie!«
Es durchzuckte Vialena wie ein Blitz, als sie mit einem Ruck aufstand und die Hände zu Fäusten ballte.
»Nein, Vater, es ist nicht Khelperetocs! Und mit großer Wahrscheinlichkeit ist es nicht einmal diese Hexe! Von ihr haben wir ohnehin die längste Zeit nichts mehr gehört! Wer sagt, dass sie überhaupt noch am Leben ist?!« Sie erschrak über ihre eigene Lautstärke.
»Wir wissen das, weil Unkraut nicht vergeht«, säuselte er und wandte sich mit pikiertem Blick zu ihr um. Seine gelblichen Iriden, verdorben durch das Kanalisieren brutaler Schattenmacht, funkelten giftig. »Vialena, bei allem Heldenmut, den ich dir ohne Überlegen zuspreche, deine Naivität hast du dir behalten. Was ist Gutes von unseren Feinden zu erwarten? Hast du das Wesen der Schattenwirker noch immer nicht verstanden, jetzt, wo du so lange von ihnen umgeben bist?«
Vialena fühlte Zorn. Sie hatte es sehr wohl verstanden. Schattenwirker, das waren diese unbelehrbaren Egoisten, diese Narren mit Scheuklappen und einem Spiegel daran, sodass sie stets sich selbst und sonst niemanden sehen konnten.
Dann schämte sie sich. Wie dachte sie über ihren Vater? Wie dachte sie über den, der sie zur Gräfin gemacht hatte, der ihr einen festen Platz gegeben hatte – wieder einmal.
»Es tut mir leid«, hauchte sie. »Hör zu, ich dachte einfach, dass es besser wäre, diesen Kampf für mich zu entscheiden und nach getaner Arbeit von meinem Sieg zu berichten. Ich wollte dir nicht mehr Sorgen aufbürden, als du ohnehin schon hast.«
»Aber ich habe dir gesagt, dass es sein muss. Ich muss es wissen, kompromisslos. Nur so kann ich reagieren.«
»Aber verstehst du denn nicht, dass du darauf nicht reagieren kannst? Was willst du tun? Nur ich scheine für diese Einflüsterungen empfänglich. Sie will uns etwas sagen, Vater, ich weiß es. War sie nicht immer die Loyalste?«
Nun war er es, der die Augen niederschlug.
»Das war sie«, sagte er leise. Dann blickte er Vialena stur an. »Aber am Ende hat sie mich auch verraten. Sonst wäre sie hier oder nicht mehr am Leben. Sie hat sich entschieden, Tochter. Was könnte sie jetzt noch sagen, das ihren offensichtlichen Eidbruch rechtfertigt? Sie hat geschworen – und mich verlassen. Dafür gibt es keine Entschuldigung.«
Da klopfte es. Ohne auf eine Antwort zu warten wurde die Tür geöffnet und darin stand der hagere Vladimir Zilvalkar, die Augen rot wie Blut, auf dem dünnen Mund ruhend der dichte Oberlippenbart.
»Gräfin von Stratholme, Ihr entschuldigt«, säuselte er. »Mein Freund, deine Anwesenheit ist dringend vonnöten. Wir werden bald Nordend erreichen und es gilt, die Anlandungspläne noch einmal durchzubesprechen.«
Ignaz nickte. »In zwei Minuten.«
Vlad schloss die Tür ohne ein weiteres Wort.
Ihr Vater kam auf sie zu, nahm sie an den Schultern und blickte ihr tief in die Augen. »Kein Verbergen mehr, Tochter. Kein Lügen. Nie wieder, hast du das verstanden?«
Es war endgültig. Sie wollte nicht wissen, was passierte, wenn sie ihm noch einmal etwas verheimlichte. Sie nickte und er ging. Vialena setzte sich und starrte zur schwankenden Decke. Sie verstand, warum ihr Vater alles von ihr wissen wollte, was es zu wissen gab. Sie wusste aber auch, dass ein solcher Wissensdurst zur Besessenheit führen konnte. Sie wusste, dass es ungesund war. Aber sie wusste nicht, wie sie es ihm beibringen sollte. Wie konnte man einem Fürsten, der früher einmal Schuldirektor war, überhaupt etwas beibringen? Und mehr noch – Vialena wollte kein offenes Buch sein. Sie wollte ihm nicht alles erzählen. Am Ende war das hier immer noch ihr Leben, ihr eigenes.

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