Hoch auf dem leeren Wagen

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Taranis
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Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Sa 4. Jan 2020, 20:01

[Eine kurze Vorgeschichte]

Als Taranis noch klein gewesen war, ein Elfenjunge mit lebhaftester Phantasie, der noch nicht viel mehr tun durfte als nach den Vorstellungen die Requisiten zu schrubben, war alles anders gewesen. Die fahrenden Künstler, mit denen er und seine Zwillingsschwester umherzogen, waren seine Familie. An seinen Vater hatte er nur eine sehr verschwommene Erinnerung - ein großer, dunkelhaariger Mann mit tiefer Stimme und diversen Stichwaffen, der während eines Überfalls starb -, und seine Mutter stand ihm noch deutlich vor Augen. Eine überirdisch schöne Hochelfe mit blonden Haaren und hellgrauen Augen, von sanftem Wesen und mit einer Stimme gesegnet, die jedes Herz anrühren konnte.

Amitielle, seine Schwester, war ein Ebenbild ihrer Mutter, abgesehen von den schwarzen Haaren, die sie beide von ihrem Vater geerbt hatten - das Bühnentalent jedoch hatte nur Taranis geerbt. Während Amitielle auf den Brettern herumstakste wie eine Holzfigur, konnte man dem Jungen schon als Kind Aufgaben geben, die auch erfahrene Schausteller selten bewältigten. Er war nicht nur geschickt mit Händen und Füßen, was ihn zu einem hervorragenden Tänzer, Jongleur und Trickkünstler machte, sondern auch wandelbar im Äußeren wie niemand sonst auf dem Wagen. Er konnte als Orc in Kampfmontur das Publikum in Angst und Schrecken versetzen, nur um eine halbe Stunde später in zarten Sandalen und mit einem fließenden Kleid eine Königin zu sein, vor der alle auf die Knie gehen würden.

Seine Schwester war aus Tradition Teil der Wagenfamilie und erfüllte ihren Anteil Arbeit durch Kampfkraft: Sie beschützte den Wagen, wie es ihr Vater früher getan hatte. Taranis hingegen war ein Naturtalent.

Onkel wußte das. "Onkel" war der Mann, der den Wagen führte. Taranis und Amitielle nannten ihn ihren Onkel, weil es ihnen als Kind so beigebracht wurde, und irgendwann waren auch die anderen Musiker und Schausteller dazu übergegangen. Irgendwann interessierte sein richtiger Name nicht mehr, er war "Onkel". Onkel machte die Auftritte aus, plante die Wegrouten und die viel zu seltenen freien Tage. Onkel sammelte das Geld ein und entschied, was damit geschah. Onkel heuerte an und feuerte gnadenlos, wenn ihm jemand nicht paßte. Und Onkel war es auch, der die Nebeneinkünfte in den Wagen brachte, und zwar, als er Taranis heranwachsen sah.

Der Junge wurde immer wandelbarer; man konnte ihn als praktisch alles verkleiden und er füllte jede Rolle so perfekt aus, daß jeder ihm glaubte. Onkel begann, ihn heimlich auszubilden. Taranis wurde ein geschickter Taschendieb, ein Trickbetrüger, und im Laufe der Jahre ein Spion. Er lernte höfische Verhaltensregeln und Straßenslang, er lernte alles über Politik und die Unterwelt, was man lernen konnte. Onkel verdiente sich etwas dazu durch Aufträge von 'der Familie', wie er es nannte, und Taranis war seine Geheimwaffe.

Als er vom Kindes- ins Mannesalter überging, erfuhr Taranis zwei grundlegende Veränderungen seiner Welt: Er entdeckte die Freuden intimer Körperlichkeit, und er begann, skurril und sehr intensiv zu träumen. Ersteres sorgte dafür, daß er bald den geringsten Teil seiner Nächte auf dem Wagen zubrachte, und letzteres bemühte er sich zunächst zu ignorieren.

Während Taranis zunehmend die Bühnenshows genoss, in denen er bald ausschließlich Hauptrollen spielte, und in der damit verbundenen Aufmerksamkeit badete, die ihm von Frauen und Männern aller Völker gleichermaßen geschenkt wurde, passierte das Gegenteil mit seiner Schwester: Sie hasste die Aufmerksamkeit, die ihr, obwohl sie nur gerüstet und bewaffnet neben dem Wagen stand, zuteil wurde. Sie mußte Grapscher und Pöbler abwehren und verabscheute die Männer zutiefst, die glaubten, ein Anrecht auf den Körper der schönen Elfe zu haben, denn schließlich hatte man ja Eintritt für die Show bezahlt. Und es wurden immer mehr.

An jenem Abend, als sie spät noch in das kleine Dorf in Durotar einrollten, in dem sie die nächsten beiden Tage verschiedene Shows vorführen würden, hatten sie kaum den Stellplatz bezogen, als bereits ein volltrunkener Orc in einer einfachen Peon-Hose im Vorbeigehen anzüglich herüberlallte. Amitielle, die dergleichen gewohnt war, ignorierte den Mann zunächst, doch Ignoriertwerden gefiel ihm so wenig, daß er herüberstapfte und sie grob an der Schulter herumriss. Sie ohrfeigte ihn mit der Rückseite ihres Kettenhandschuhs, und damit brachte sie den Orc zum Ausrasten. Er schubste sie gegen den noch ungesichert stehenden Wagen, brüllte Beleidigungen und zerrte an ihrer Kleidung.

Jedes einzelne Mitglied der Truppe rannte alarmiert herbei, Taranis erreichte sie zuerst - und jetzt passierte es. Als er sich zwischen den Orc und seine Schwester warf, spürte er ein WUMMERN hinter der Stirn und in den Händen. Eine Macht, eine unbekannte Kraft wummerte durch seinen ganzen Körper. Der Zorn und Hass auf diesen fremden Orc brachte diese Kraft zum Erscheinen und Ausbrechen und der Faustschlag, den Taranis ihm versetzte, wurde begleitet von einem Funkenregen und führte dazu, daß der Orc etliche Meter weiter flog, als es Taranis mit reiner Muskelkraft möglich gewesen wäre.

Er starrte noch völlig schockiert auf den Orc, als hinter ihm panische Schreie losbrachen. Er fuhr herum und konnte im letzten Moment dem schweren, voll beladenen und noch nicht im Boden verkeilten Wagen ausweichen, der durch das Gerüttel und Geschubse ins Rollen gekommen und nun nicht mehr zu stoppen war. Taranis warf sich zu Boden.

Im Fall sah er Amitielle. Amitielle, die viel näher am Wagen gestanden hatte und nun nicht mehr wegspringen konnte. Er sah ihr überraschtes Gesicht, als sie rückwärts umgeworfen wurde, und den kurzen, aber entsetzlichen Schmerz in ihrer Miene, als das linke Vorderrad über ihren Brustkorb rollte. Er sah das Licht in den Augen seiner Schwester erlöschen.

- Ein Tag danach -

Sie hatten alle um das Grab gestanden und Abschied genommen. Jetzt stand da nur noch er. Es gab keinen Grabstein, kein Lichtsymbol, nichts. Das Grab würde für immer anonym bleiben, sie würden weiterziehen, sie würden Shows machen, irgendwer anderes würde mit dem Schwert Wache halten. Taranis wußte das alles und fühlte nichts. Doch er hatte ihr etwas mitgebracht.

Im Sonnenuntergang zerrte er die schwere Leiche des Orcs vom Vortag aus dem Gebüsch, in dem er ihn erstochen hatte. Er legte ihn exakt ausgerichtet über seine Schwester. Er winkelte ihm die Arme an. Dann sprang er mit Wucht auf die Kniescheiben des Orcs, bis sie brachen, und schlug mit schweren Steinen weiter auf seine Schenkel ein. Als alles hinreichend flexibel war, bog er die Orcbeine nach außen aufwärts, so daß sie mit Armen und Rumpf gemeinsam ein Symbol des Lichts ergaben.

Als er fertig war, richtete er sich auf und sah mit einem Blick voller Hass, Verachtung und doch tiefer Befriedigung auf sein schreckliches Werk. "Licht sei mit dir", flüsterte er, drehte sich um und kehrte nie wieder hierher zurück.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Sa 4. Jan 2020, 22:36

In den Wochen danach gingen sie alle, einer nach dem anderen. Der Koch, das Schneider-Ehepaar. Der Goblin, der sich um das ganze blinkende Zeug und die Verteilung der Handzettel gekümmert hatte. Manche von ihnen hatten ihr gesamtes Erwachsenenleben mit dieser Truppe verbracht, Jahrzehnte auf dem Wagen gelebt, und dennoch... sie gingen alle, und jeder von ihnen wirkte dabei nervös.

Taranis war über Nacht zu einem völlig anderen Mann geworden. Auf der Bühne war er ein Gott. Er konnte alles, nichts misslang ihm jemals. Seine Konzentration war beinahe übermenschlich, sein Lachen breiter als je zuvor, sein Flirten mit dem Publikum vollkommen hemmungslos, seine Fröhlichkeit manisch.

War die Vorstellung vorbei, fiel jeder Ausdruck von ihm ab. Einfach jeder. Er fühlte nichts mehr, er bewegte sich wie eine Maschine, er tat, was nötig war. Er war vollkommen leer.

Doch das war es nicht, was die Wagenfamilie auseinandertrieb. Es war...

"Vielen Dank, verehrtes Publikum, wir haben Euch sehr gern erfreut, und wollt Ihr es uns vergelten, werft doch ein paar kleine Gaben in den Strohhut meiner bezaubernden Schwester hier."

...dieser Wahn. Taranis hörte einfach nicht auf, seine Schwester in die Vorstellung mit einzubeziehen. Anfangs dachten sie, er müsse einfach seine Trauer bewältigen. Jeder von ihnen hatte irgendwann schon Verrücktes getan. Doch nach einigen Monaten stellten sie fest, daß Taranis das zu glauben schien, was er sagte. Er redete von seiner Schwester, als sei sie noch da. Er sagte ihr gute Nacht. Er hielt ihr einen Platz am Tisch frei. Oder mit anderen Worten: Der Mann war vollkommen durchgedreht.

Der letzte, der ging, war Onkel, und er weinte beinahe, als er auf den Jungen einredete, ihn anflehte, das Geschehene zu akzeptieren und weiterzuleben, doch Taranis war nicht mehr zugänglich. Er begriff nicht einmal, was Onkel von ihm wollte. Und deshalb blieb er allein auf dem Wagen, allein mit seiner explosiven Energie in den Vorstellungen, allein in der Nacht. Er suchte sich Gespielen und Gespielinnen, gestohlene Stunden körperlichen Vergnügens, und verließ sie stets, bevor sie das erste persönliche Gespräch beginnen konnten.

Er kasteite sich. Er aß wenig, schlief so wenig wie möglich - denn da waren ja auch noch die Träume. Manchmal vermeinte er sogar tagsüber die Stimmen zu hören, die er geträumt hatte, doch das schob er weit von sich, bis zu dem Moment, als die 'Eingebungen' begannen. Er hatte festgestellt, daß die Leute an allen Orten ganz wild auf Orakel und Vorhersagen waren und wollte sein Programm dementsprechend erweitern - das würde nicht weiter kompliziert sein für jemanden, der Personen gut einschätzen konnte wie er. Doch dann begannen seine Vorhersagen einzutreffen. Er selbst begann, wirklich in sein Inneres zu hören, bevor er etwas sagte, und es stellte sich oft als überraschend wahr heraus. Nach einem Jahr wurde das Trommelorakel, wie er es nannte, der Höhepunkt jeder seiner Vorstellungen.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » So 5. Jan 2020, 19:15

[15 JAHRE SPÄTER - HEUTE]

Vierzehn Jahre lang war er durch alle Länder und über alle Kontinente gezogen. Er hatte seine Habseligkeiten drastisch reduziert - da es ihm ohne Mannschaft ohnehin nicht möglich war, ganze Theaterstücke aufzuführen, entsorgte er viele Requisiten und behielt nur das Nötigste: Eine Harfe und eine Trommel, die er beide mit besonderer Hingabe pflegte und übte, einige Kleidungsstücke für jedes Klima, ein zweites Zuggeschirr für die beiden Ochsen, die den Wagen zogen. Ja, er entsorgte sogar den ursprünglichen Wagen und ersetzte ihn durch ein wesentlich leichteres Fuhrwerk, das gerade lang genug war, um als erwachsener Hochelf ohne Probleme darin lang ausgestreckt schlafen zu können.

Sein kleiner Wagen war bunt, aber dennoch von einer gewissen extrovertierten Eleganz, die dunkelblaue Plane gesäumt mit Troddeln und Glöckchen, das Holz bemalt mit Himmelssymbolen. Die Ochsen hatte er durch zwei starke Zugpferde ausgetauscht und seine Bühne war ein kleines Podest von etwa einer Manneslänge im Quadrat. Auf diesem Podest konnte er mit der Harfe sitzen und lyrische Balladen singen, er konnte tanzen und trommeln, er konnte mit Hilfe eines Hockers und eines Hutes Zaubertricks vorführen, und er konnte natürlich weissagen.

Mindestens zweimal in jedem Jahr war er auf dem Dunkelmond-Jahrmarkt, bisher der einzige Fixpunkt auf seinen Reisen.

Doch in diesem Jahr hatte er eine Saison-Spielerlaubnis im Ressort. Das bedeutete, sie hatten es geschafft. Sie waren für ganze vier Monate am Stück im Ressort gebucht. An jedem Abend mußten sie eine Vorstellung geben - niemals dieselbe Vorstellung an zwei aufeinanderfolgenden Abenden -, und den Rest der Tage hatten sie frei. Sie konnten schwimmen gehen im See, am Ufer in der Sonne liegen, sie bekamen sogar eine Massage im Monat kostenfrei (er hatte heftig mit der Goblinmasseuse flirten müssen, um sie so weit zu bringen).

Von den Einnahmen durften sie 30% behalten, was für Goblinverhältnisse ungewöhnlich viel war (ja, Taranis hatte sich ins Zeug gelegt bei den Verhandlungen), und zu ihrem Glück gehörte es unter den meisten Ressortgästen zum guten Ton, sich gegenseitig mit Trinkgeldern auszustechen. Taranis war sehr zufrieden. Seine Schwester hatte endlich einmal etwas Zeit und Muße zum Ausspannen. Und er selbst konnte wöchentlich neue Kontakte zur Oberschicht Azeroths knüpfen, was er auch fleißig tat. Er ließ sich für private Feste buchen und für höfische Tänze, sogar für heimliche Treffen mit der gerade abwesenden Verwandtschaft von Leuten, die wollten, daß ihre Cousine auch einmal in den Genuss einer seiner Vorhersagen kam.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mo 6. Jan 2020, 00:55

Er traf die Leerenelfen am Ende des dritten Monats im Ressort. Zu fünft standen sie da, vier Männer und eine Frau, und sahen ihm zu, wie er sang und trommelte, dazu auf seinem Podest steppte und das von der Sonne faule Publikum zum Mittanzen zu animieren versuchte.

Als letzten Punkt, als Höhepunkt dieser Vorstellung hatte er wieder das Orakeln gesetzt. Das tat er nur einmal alle 7 Tage hier, damit die Gäste wechselten - üblicherweise am Abend vor dem Abreisetag, damit ersparte er sich Nachfragen.

"UND DER HÖHEPUNKT DES HEUTIGEN ABENDS, MEINE DAMEN UND HERREN, VEREHRTE ZWITTER UND UNENTSCHLOSSENE, IST DAS EINZIGARTIGE TRRRROOMMMMMMEL-ORAKEL! KOMMT UND STAUNT! HÖRT, WAS DIE ZUKUNFT FÜR EUCH BEREITHÄLT! DIE MUTIGSTEN ZUERST, DENN DIE VERBORGENE WAHRHEIT IST NICHTS FÜR FEIGLINGE!"

So schrie er seine üblichen Ankündigungen hinaus, während er die Zuschauer taxierte. Wer war gutgläubig, wer war misstrauisch? Wer war neugierig oder ängstlich? Wer sah am eigenen Partner vorbei zu einer Ressort-Bekanntschaft?

Die bezaubernde Leerenelfe des Grüppchens jubelte ihm schon während des Tanzens begeistert zu und insistierte danach, daß jedes einzelne Mitglied ihrer Gesellschaft sich einen Orakelspruch von ihm abholte. Zu Taranis' Überraschung erkannte er gleich den ersten.

"Lichterspiel", begrüßte er ihn mit leichter Überraschung und einem hintergründigen Lächeln. Es war schon eine Weile her, seit er den Mann getroffen hatte, aber es war eine ausgesprochen angenehme Begegnung gewesen, sowohl was den gut bezahlten Nebenauftrag, als auch was das... private Nebenher anging.

"Nachtschimmer", nickte ihm der andere mit dem ihm eigenen anzüglichen Zwinkern zu.

"Also schön", sagte Taranis, und dann wieder lauter: "AAAAH, DER ERSTE MUTIGE HAT SICH EINGEFUNDEN! NUR EIN SCHLAG AUF DIE TROMMEL BITTE, WERTER HERR; WENN ICH ES SAGE."

Er reichte seine Rahmentrommel an Jeremiel Lichterspiel, richtete sich auf und schloß die Augen. Er konzentrierte sich, atmete einmal ein und wieder aus, stellte sich sein Gegenüber vor, das er besser kannte als die durchschnittlichen Ressortbesucher, und sagte leise, aber deutlich: "Jetzt."

Jeremiel schlug einmal auf die Trommel. Funken stoben von Taranis' Handflächen und die Stimmen wurden lauter, die verwirrenden Bilder in seinem Kopf deutlicher, bis sich eins herauskristallisierte.

"Ihr werdet die wahre Liebe finden", sagte er. "Ihr werdet aber Geduld haben müssen."

"Geduld, soso", erwiderte Jeremiel Lichterglanz und lächelte skeptisch. Taranis neigte liebenswürdig den Kopf und der nächste trat nach vorne.

Einem nach dem anderem aus der Gruppe gab Taranis eine Vorhersage ab, immer mal unterbrochen von anderen Ressortbesuchern. Nur bei dem knurrigen Elf mit den hellen Haaren - Anastrius nannten die anderen ihn -, bekam er kein Gefühl für irgendetwas. Darum Plan B: Er sagte das Offensichtliche. "Ihr werdet bald aus einer Situation befreit werden, in der Ihr nicht gern seid." Anastrius starrte ihn entnervt an und Taranis lächelte höchst charmant.

"UND NUN, HÖCHST VEREHRTES PUBLIKUM, WENN ES EUCH GEFALLEN HAT, ZEIGT ES UNS, INDEM IHR ES IM STROHHUT MEINER REIZENDEN SCHWESTER HIER KLINGELN LASST!"

Er beendete seine Vorstellung, trat von seinem kleinen Podest und trank durstig aus einem Wasserschlauch, den irgendjemand heranbrachte. Münzen klimperten in dem großen Strohhut, er hörte es mit großer Zufriedenheit.

Die hübsche Elfe aus der Gruppe, Emiriel, trat heran und lud ihn mit unwiderstehlichem Lächeln ein, sich ihnen für den Abend doch anzuschließen - man wolle baden gehen. Taranis sagte gerne zu, sie waren ihm sympathisch und wer wußte, was der Abend noch bringen würde.

Wenig später plantschten sie ausgelassen im See - Emiriel, Iudicael, Jeremiel und Taranis. Anastrius und Ilassan hingegen blieben auf Strandhandtüchern am Ufer liegen und unterhielten sich. Je weiter der Abend fortschritt, desto wohler fühlte Taranis sich in der neuen Gesellschaft. Sie schwammen um die Wette, plantschten sich gegenseitig an, und irgendwann gesellten sie sich zu den beiden am Ufer und unterhielten sich in der untergehenden Sonne über alles Mögliche.

Als Taranis nach der Leere fragte und danach, wie es sich anfühlte, boten gleich zwei aus der Gruppe - Iudicael und Ilassan - an, ihn das für einen Moment fühlen zu lassen. Das ginge, sagten sie, durch eine kleine Leerenheilung, ohne daß es irgendwelche Konsequenzen für ihn hätte. Zutiefst neugierig stimmte Taranis sofort zu. Die Leerenelfen lachten unbeschwert und schlossen sich zusammen (mit Ausnahme Anastrius'), um eine Art kleiner Leerenwolke in ihrer Mitte zu erschaffen. Fasziniert streckte er eine Hand aus und berührte die Leerenenergie.

Es durchzuckte ihn schockartig. Es war eiskalt, aber das war nicht das Wesentliche für Taranis. Seine Aufmerksamkeit wurde davon gefesselt, was diese Berührung mit seinem Geist anstellte: Er konnte plötzlich klarer hören. Er hörte die wispernden Stimmen in seinem Kopf nicht mehr nur wispern, er hörte sie reden. Sie sprachen klar und deutlich, auch wenn es viele hundert zu sein schienen, die durcheinander redeten. Er sah klarere Bilder von den vielen verschiedenen Zukünften verschiedener Personen, die er kannte, und seines eigenen Lebens. Er hatte das Gefühl, eine Tür, die seit so vielen Jahren verschlossen gewesen war, und auf deren anderer Seite er immer Leute reden gehört hatte, die er nicht erreichen konnte, sei plötzlich mit einem Ruck aufgestoßen worden. Er erhob sich und trat mitten in die Leerenblase hinein.

Kälte umschwappte ihn, und Klarheit. Er lachte ungläubig, griff mit beiden Händen um sich, um das fassen zu können, was er hier fand, und fragte sich, wie er mehr davon in sich aufnehmen konnte.

Er öffnete seinen Geist. Weit, weit offen stand er in der kleinen Leerenblase und saugte sie auf wie ein Schwamm.

Er bemerkte nicht die entsetzten Rufe der Leerenelfen um sich herum. Er bemerkte nicht, wie sie versuchten, ihm die Leere wieder zu entziehen. Er bemerkte ihre verstörten Schreie und Gesichter nicht. Er badete in dieser neuen Klarheit, die so vieles in seinem Leben rückwirkend zu erklären schien. Er absorbierte sie mit höchstem Genuss, er trank diese Kraft, jede Faser seines Geistes klammerte sich an diese Offenbarung. Ohne es zu wissen, stammelte er "Mehr! Ich möchte mehr davon!", er schubste die Elfen von sich, als sie ihn zu greifen versuchten, und sein Lachen bekam einen besessenen Ton.

Als es den Elfen schließlich gelang, die Verbindung zu unterbrechen, stand er zwischen ihnen, völlig euphorisch, und hörte noch immer nicht, wie sie stritten, sich gegenseitig anschrien, einander Vorwürfe machten, an sich selbst verzweifelten und die gesamte Situation nicht begreifen konnten - er war völlig klar im Kopf. Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren. Er hob eine Hand in Richtung Iudicael, der völlig verzweifelt zu sein schien.

"Es ist nicht Eure Schuld", sagte er, und das schien den Leerenelfen nur noch mehr ins Unglück zu stürzen.

"Hört ihr das?", schrie er seine Begleiter an, "Er klingt wie wir! WIE WIR! Wie ist das möglich? Das dürfte gar nicht sein! Ich habe nur eine kleine Leerenheilung gewirkt, die HEILT Lichtverdammtnochmal!"

Auch Jeremiel scheiterte vollkommen an dem Versuch, das Geschehene zu begreifen. "Das dürfte nicht sein! Das KANN nicht sein! Das entbehrt jeglicher Logik!"

Anastrius faltete die anderen Elfen zusammen, was sie sich dabei gedacht hätten, und verließ die Gruppe, nicht ohne Taranis eine sehr klare Drohung auszusprechen: "Nur ein Schritt über die Grenze - nur ein Moment, in dem du keine Kontrolle über dich hast, und ich schwöre, ich bringe dich eigenhändig um."

Emiriel tänzelte verzweifelt zwischen allen anderen umher und versucht, zu schlichten, wo es ging.

Iudicael bekam einen fanatischen, irren Blick und baute sich vor Taranis auf. Irgendetwas tat er, das an Taranis zog und zerrte, vielleicht eine priesterliche Fähigkeit? Es wurde schnell schmerzhaft, es fühlte sich an, als würde ihm ein Teil seiner Eingeweide herausgerissen. Er keuchte schmerzerfüllt auf und fauchte "Hört auf! Ihr zerreißt mich! Es ist ein Teil von mir! Wenn Ihr es herausreißt, bringt Ihr mich um!"

Iudicael hörte tatsächlich auf, wenn auch wohl eher, weil Ilssan ihn unterbrach. "Hört auf", sagte dieser mit überraschender Autorität, "alle!" - und jeder fühlte sich angesprochen. Für einen Moment standen sie alle betroffen herum und vermieden es, einander anzusehen.

Der erste, der wieder sprach, war Jeremiel. "Glaub nicht, daß du Sperenzien machen kannst", knurrte er. "Ich habe kein Problem damit, dir den Schädel vom Kopf zu schlagen, wenn du Probleme machst. Das hätte alles nie passieren dürfen!" Dann stürmte auch er davon.

Iudicael stapfte wortlos weg, mit einem Gesicht, als wäre seine Welt zusammengestürzt.

Zuletzt standen da Taranis, immer noch halb euphorisiert, Ilassan, mit strenger Miene, und Emiriel, die versuchte, irgendetwas Positives an dem Ganzen zu erkennen.

Ilassan sah Taranis sehr ernst an. "Ich werde Euch unter meine Fittiche nehmen, Barde. Ich werde darauf achten, daß Ihr niemandem Schaden zufügt. Ich werde Euch unterrichten. Und das wird kein Spaß für Euch. An die Morddrohungen werdet Ihr Euch wohl gewöhnen müssen. Wir", er deutete auf sie drei, wie sie da standen, "versuchen jetzt erst einmal, Euren Kopf wieder klar zu bekommen."

"Es wird schon wieder", wiederholte Emiriel immer wieder. "Es wird schon wieder. Ihr schafft das schon. Ojeoje."

Eine Menge hektischer Gespräche später fand sich Taranis von einem äußerst mürrischen Iudicael, einer nervösen Emiriel und einen zielstrebigen Ilassan flankiert und an den Rand des Ressorts eskortiert. Sie hatten erlaubt, daß er einige Dinge zusammenpackte und sich von seiner Schwester verabschiedete, die früher schlafen gegangen war. Und nun brachten sie ihn fort. Er wußte nicht, was auf ihn wartete. Er wußte nur, er wollte mehr von dieser Klarheit. Er wollte mehr von diesen Stimmen. Er gierte förmlich danach, und wenn es nötig war, in Telogrus zu lernen, damit umzugehen, dann würde er das jetzt sofort tun. Er würde es lernen und zu seinem Leben zurückkehren - nur daß es dann besser sein würde, klarer, bewußter, vollständiger. Er würde alles tun, um dahin zu kommen. Dann würde er zu seiner Schwester zurückkehren und alles würde gut sein.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mo 6. Jan 2020, 16:21

Grelldunkel war es

leiselaut war es

kaltheiß war es, eiskaltheiß

Schreienflüstern, leiselaut...

Immerniemals konnte er sie verstehen, die Stimmen, die Stimmen, sie schrien ihn unendlich leise an, Stimmenstimmenstim...


"Hier bleibst du vorerst. Einer von uns wird immer auf dich ach..."

Suchen, lauschen. Schweigenredenschweigen, suchen, irren. Fragensagen, leiselaut, blendend dunkel.

Kalt.

KALT.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 9. Jan 2020, 00:44

Tage - Wochen? Wer konnte das hier schon sagen - vergingen. Es war Taranis lange unmöglich, sich selbst und die Leere voneinander zu trennen. Er war die Kälte, er war die Dunkelheit, er war das Nichts in sich.

Er selbst war die Leere und die Leere war er.

Leider war dies nicht die Klarheit, die er sich erhofft hatte. Stattdessen war es ein Sichverlieren in einem unbekannten, kalten Ozean reiner Dunkelheit. Ein irrendes Schwimmen ohne Richtung und Ziel. Er erkannte kein Oben und kein Unten, kein Innen und kein Außen; überall umgab ihn das Meer der Leere ohne Pol und ohne Schwerkraft, überall flüsterten, schrien und sangen die Stimmen, überall fluteten ihn Bilder und Visionen.

Es war eine Vision seiner Familie, die ihn schließlich zu sich zurück führte.

"Zwillinge?", fragte sein Vater, das Gesicht leuchtend vor ungläubiger Freude. "Es sind zwei?" Er stürmte in das Zelt neben dem Wagen, in dem seine Frau auf Fellen lag, erschöpft und mit zwei winzigen, identischen Elfenbabies in den Armen. "Sie sollen..." flüsterte sie, der Tradition ihrer Familie folgend, nach der die Mutter die Namen der Kinder wählte, "sie sollen Amitiel heißen."
Der Vater stutzte. Die Mutter wiederholte mit hauchfein unterschiedlicher Betonung des Namens: "Amitiel", und hielt das eine Baby etwas höher, "und Amitielle", und hielt das andere hoch. Sie atmete ein wenig erschöpft durch und fuhr fort: "Ich habe all die Monate nur einen Herzschlag gespürt. Sie sind zwei Seiten einer Persönlichkeit. Ein Mädchen und ein Junge. Eins ist ein Kämpfer, eins ein Visionär. Eins ist bodenständig, eins ein Träumer. Gemeinsam werden sie unerschütterlich sein."
"Ich werde das Orakel anrufen", sagte ihr Mann mit einer Stimme voll der tiefsten Liebe.


Taranis blinzelte verwirrt, als er aus seinem Leerenmeer auftauchte. Er hatte seine Eltern bereits in früher Kindheit verloren. Ihre Gesichter vor seinem Geist auftauchen zu sehen erinnerte ihn daran, daß er jemand war, und daß dieser Jemand Eltern hatte. Und es erinnerte ihn an seine Schwester.

Von welchem Orakel hatte sein Vater gesprochen? Er hatte immer angenommen, er sei der einzige gewesen, der orakelt hatte - und das auch nur für die Show. Und der Name? Er hatte einen anderen Namen gehabt? Er würde darüber nachdenken müssen.

Und nun begannen die Tage, in denen er wieder reden und zuhören konnte. Es kostete ihn unendlich viel Konzentration, doch er konnte die Stimmen in seinem Kopf so weit zurückdrängen, daß es ihm möglich war, mit Iudicael und Ilassan zu reden. Er lernte sogar weitere Leerenelfen kennen. Er nahm die Mahlzeiten mit den anderen ein. Er täuschte Normalität vor, so gut es ging - er wollte schließlich so schnell es ging zurück zu seiner Schwester. Doch er konnte nicht so tun, als fiele es ihm leicht: er zitterte vor innerer Kälte tagelang, bis Iudicael sich erbarmte und loszog, um eine Wärmekugel für ihn zu beschaffen. Taranis klammerte sich regelrecht an diese Kugel, die durch einen einfachen Sprachbefehl aktiviert wurde. Auch die Kraft, die es ihn kostete, eine Unterhaltung zu führen, merkte man ihm an. Aber er war fest entschlossen, daran zu arbeiten.

Er würde alles lernen, was es zu lernen gab. Er würde meditieren, sich ablenken und weiterhin die vielen Fragen stellen, die er hatte. Er würde es hier rausschaffen als ein besserer Mann, ein informierterer Mann als der, der reingekommen war, und es würde ihm und seiner Schwester das Leben erleichtern, davon war er fest überzeugt.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Fr 10. Jan 2020, 11:44

Er machte Fortschritte; langsam, aber doch.

Ilassan hatte leise gelacht am Ende ihrer letzten Stunde, in der es um die Stimmen in der Leere gegangen war. Taranis war insbesondere davon fasziniert, daß sie einem mögliche Zukünfte einflüsterten - nicht nur EINE mögliche Zukunft, sondern alle. Und er hatte trocken festgestellt: „Dann sind wir also wie alle anderen - nur besser informiert“, was Ilassan sehr amüsiert hatte.
„Ich mag, wie Du denkst“, hatte er gegrinst.

Emiriel hatte begonnen, ihm immer mehr von Telogrus zu zeigen. Er fand es von überwältigender Schönheit, was er ihr auch sagte. „Die meisten mögen es hier nicht“, erwiderte sie. „Die Zerrüttung, dort drüben zum Beispiel...“ - sie zeigte auf einen deutlich sichtbaren Planeten am Himmel, der derartig von der Leere zerfressen war, daß ihre Tentakel sich von der Oberfläche ins Universum räkelten. „...und daß sie einfach überall ist, diese allgegenwärtige Dunkelheit und Bedrohung.“ Sie unterbrach sich kurz und ein Schmunzeln huschte über ihr herzförmiges Gesicht. „Aber ich sehe es wie du“, fuhr sie fort. „Ich finde es wunderschön.“
Er lächelte und berührte sie leicht am Arm. Das genügte, um wieder ein klares Bild in seinem Geist erscheinen zu lassen, für den Bruchteil einer Sekunde oder für Stunden, er wußte es nicht: er sah die Elfe vor den Toren Orgrimmars. Er sah sie schreiend darauf zustürmen und dann tot am Boden liegen. Er sah sie auf einem Wagen voller Kisten sitzen und mit gerunzelter Stirn durch Durotar fahren. Er sah sie mit sich ringen und fühlte ihre Unentschiedenheit. Er sah sie lebendig bei einer Siegesfeier, er sah sie tot im Grab.

Er blinzelte und fand ins Hier und Jetzt zurück (wo und wann auch immer das sein mochte).

„Nein“, sagte er heiser.
„Hmm?“ machte Emi.
„Die Antwort auf Eure Frage... lautet ‚Nein‘. Ihr solltet nicht in den Krieg ziehen.“ Er schloß kurz die Augen, in der Hoffnung, er würde alles noch einmal klarer sehen, aber nichts erschien. „Ihr solltet mit der Nachhut reisen“, ergänzte er. Dann wurde ihm plötzlich schwummerig und die Bilder verschwanden völlig aus seinem Gedächtnis.

Emiriel starrte ihn einen Moment an. Dann lächelte sie ein breites, herzliches Lächeln, nahm Taranis beim Arm und führte ihn wie einen verwirrten Alten zurück zu den Unterkünften, während er sich leise murmelnd fragte, was gerade passiert sei.

Und dann, von einem Tag auf den anderen, waren sie auf einmal weg - alle, oder fast alle. Zu Taranis Bewachung war Jeremiel Lichterspiel in Telogrus geblieben, was aus mehreren Gründen eine gute Wahl war. Und der private Unterricht begann.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Sa 11. Jan 2020, 14:42

"Konzentrier Dich!"

Wohl zum hundertsten Mal sagte Jeremiel diesen Satz, in gleichbleibender, stoischer Ruhe. Er war wie ein Stein, einfach unverrückbar. Taranis, der sich selbst durchaus verrückbar, wenn nicht bereits verrückt fühlte, hasste und dankte ihm dafür gleichermaßen. Er hasste es, weil es ihm so schwer fiel, die Stimmen in seinem Kopf zurückzudrängen - denn das war die Übung, die sie seit einer gefühlten Unendlichkeit durchführten. Und er war dankbar für den stabilen Anker, den die Stimme des anderen Elfen ihm bot, diesen Orientierungspunkt, den er trotz seiner hinter geschlossenen Lidern flatternden Augen, trotz seiner rasenden Gedanken immer wahrnehmen konnte.

Von außen war es ein Bild des Friedens: zwei Elfen saßen auf einem Stein und sahen schweigsam ins Universum.

Doch tatsächlich kämpfte Taranis einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft in seinem Kopf, und Jeremiel versuchte, sich in seinen Geist einzufühlen, um Hilfestellung zu geben, wann immer es nötig war. Beide waren hochkonzentriert und inzwischen schon ziemlich erschöpft.

Taranis' Gedanken schweiften ab. Er erinnerte sich, wie er Jeremiel Lichterspiel kennengelernt hatte. Es war ein Gastspiel in Silbermond gewesen; der rothaarige Elf stammte aus irgendeinem Dorf im Immersangwald, war im Laufe seines Lebens zu einem Magister der magischen Künste aufgestiegen und unterrichtete mit großer Hingabe in der Hauptstadt Eismagie.

Heute war sein rotes Haar dunkler, fliederfarben; die Leere hatte ihn innerlich und äußerlich verändert. Geblieben war sein Selbstbewußtsein, und daran hielt Taranis sich jetzt fest.

"Konzentriere dich", wiederholte Jeremiel zum x-ten Mal. "Bleib ganz bei dir. Fühle den Stein, auf dem du sitzt. Denk an Dinge, die du anfassen kannst. Ziehe eine Linie zwischen den Stimmen und der Realität, und dann lass die Linie zu einem Graben anwachsen. Ganz langsam, immer breiter. Konzentriere dich. So ist es gut. Bleib konz... hey!"

Jeremiel unterbrach sich überrascht. Ein Energiestoß war durch Taranis' Körper gegangen und hatte mit leisem Knistern die Härchen auf den Unterarmen beider Männer sich aufstellen lassen. Taranis versuchte, die Konzentration zu wahren, doch Jeremiel wurde plötzlich viel munterer und musterte den anderen neugierig. "Hattest du das schon immer in dir?", fragte er dann.

Taranis öffnete die Augen. "Was meinst du?", erwiderte er. "Diese Welle? Diese Energie? Das konntest du auch spüren? Ich habe das öfter, aber ich wußte nicht, daß es wirklich da ist. Ich dachte immer, mir wird nur schwindlig."

Jeremiel hob die Brauen. "Das ist arkane Energie. Magie, Taran."
Taranis mußte unwillkürlich lächeln, als er die Abkürzung seines Namens hörte, die schon 15 Jahre niemand mehr benutzt hatte. Jeremiel lächelte nicht. "Junge, du bist eine tickende Bombe, wenn diese Energie unkontrolliert in dir herumfließt und sich entlädt, wann immer es ihr paßt. Wir müssen das unter Kontrolle bringen - unter deine Kontrolle."

Taranis gestattete sich ein frustriertes Seufzen.

"Arkane Macht, hmm?", brummte er dann müde. "Ich nehme an, du bist dir da sicher?" Er warf Jeremiel einen wenig hoffnungsvollen Seitenblick zu. Der sah Taranis nur mild an. Natürlich war er sich sicher. Taranis ließ den Kopf hängen und massierte sich eine verspannte Schulter.

"Das ist jetzt etwas viel, ich weiß", sagte Jeremiel ruhig. "Mit der Leere umgehen zu müssen, verbraucht schon praktisch deine gesamte Kraft, und jetzt mußt du auch noch Magie bändigen - aber du wirst das schaffen." Und sehr nüchtern fügte er hinzu: "Denn wenn nicht, bringt es dich um."
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » So 12. Jan 2020, 23:50

Sie trainierten hart, Tag um Tag. Irgendwann ging Taranis auch das letzte Kleingeld aus, das er noch in der Hosentasche hatte, und ohne es zu erwähnen, hörte er auf, im Gasthaus zu essen, und trainierte weiter. Er mußte es schaffen, sich zu kontrollieren.

Kontrolle lag ihm. Kontrolle war die Basis von allem, was er tat, sei es trommeln, tanzen, Zaubertricks - spionieren, wahrsagen und nicht zuletzt mit wenig Gold über den Winter zu kommen. Wenn Taranis etwas im Übermaß hatte, war es Selbstbeherrschung. Doch äußere Umstände zu erdulden war etwas völlig anderes, als mit inneren Umständen dieser außergewöhnlichen Art umgehen zu müssen.

Er hatte seit zwei Tagen nichts gegessen und sein Magen knurrte vernehmlich, als er mitten in einer Meditation von einer Vision durchschossen wurde: Amitielle, wie sie von einem riesigen Wagen überrollt wurde. Er zuckte zusammen.

"Alles gut?" fragte Jeremiel.
"Was? Ja... Alles gut", erwiderte Taranis.
Jeremiel hm-te leise. In den letzten Tagen hatten sie vorsichtig und oberflächlich über ihre Vergangenheiten, ihre Familien geredet - vielleicht hatte er inzwischen etwas mehr Offenheit von Taranis erwartet.
"Ich werde nicht nachbohren", setzte er geduldig nach, "aber du kannst mit mir über alles reden." Dann legte er seine Hand auf Taranis' Knie und fragte schmunzelnd: "Kann es sein, daß du Hunger hast?"

Taranis nickte mit einem halben Lächeln. Jeremiel streckte die Hand aus und half ihm auf. "Dann lass uns zu mir gehen."

Jeremiels Zelt sah von außen unspektakulär aus. Sobald er jedoch die Eingangsplane hob, änderte sich dieser Eindruck. Es gab einen Gästebereich mit Sitzkissen in verschiedenen Farben und Größen. Shishas, Laternen und Kerzen zauberten heimeliges, warmes Licht. Typisch elfische Tischchen standen hier und da, auf denen sich Obstschalen und eine Kanne mit elfischen Ornamenten fanden. Zarte Stoffbahnen und Tücher waren am Zeltdach drapiert und verliehen dem Raum eine luftige Atmosphäre. Von diesem Hauptbereich gingen drei durch Stoffbahnen getrennte andere Bereiche ab, die man von hier nicht einsehen konnte.

Taranis blieb beeindruckt am Zelteingang stehen. "Das ist unglaublich!" Sein Blick wanderte langsam durch das Zelt, das wie eine lebendige Wiederauferstehung glücklicherer, längst vergangener Orte im Immersangwald wirkte.

Jeremiel lächelte erfreut und ließ die Plane hinter sich herabfallen. "Ich habe Brot, Käse und Obst - Tee, Wasser, Wein oder lieber Kaffee?"

Taranis' Augen leuchteten auf. "Du hast Kaffee?! Das ist ein wirklich seltener Genuss für mich; ich hätte sehr gerne einen Kaffee...", sein Magen knurrte erneut deutlich hörbar, "...und etwas zu essen scheint auch willkommen zu sein."
"Ich kann im Gasthaus auch eine anständige Mahlzeit ordern", bot Jeremiel an, doch Taranis schüttelte den Kopf.
"Brot, Käse und Obst klingen mehr als anständig, finde ich", erwiderte er. Eigentlich klang es sogar fürstlich. "Ich esse üblicherweise in den Spelunken der Dörfer, in denen ich auftrete. Das ist nicht einmal annähernd so glamourös, wie ich zu sein vorgebe. Mir haben schon freundliche Wirte Kleintiere direkt am Tisch geschlachtet, wenn du verstehst. Ein Käsebrot ist also fast schon nobel."

"Dann mach es dir bequem, Taran", sagte Jeremiel und strich ihm leicht über den Rücken, "ich bin gleich wieder da." Er verschwand hinter einem der Vorhänge. Im Hinausgehen berührte er eine Harfe sanft mit der Hand, die daraufhin scheinbar von allein eine heimelige, elfische Melodie zu spielen begann.

Taranis ließ sich im Schneidersitz auf eines der Kissen sinken und hörte der Musik zu. Er konnte nicht anders, als sich ein wenig zu entspannen, denn die überraschend schöne Wirklichkeit nahm ihn hier so sehr ein, daß die Stimmen in seinem Kopf zurückgedrängt wurden.

Als Jeremiel wiederkehrte, hielt er ein Tablett in den Händen, auf dem mehrere mit verschiedenen Käsesorten belegte Brote waren, köstliche kleine Käseecken, Trauben, ein aufgeschnittener Apfel, zwei Bananen. Hinter ihm schwebte eine Kanne, aus der es herrlich nach Kaffee duftete.

Taranis schnupperte. "Toller Trick", sagte er mit Blick auf die schwebende Kanne. "Kannst du mir das beibringen?"
Jeremiel lächelte. "Sobald du die Grundlagen beherrscht", sagte er und stellte das Tablett auf einem niedrigen Tischlein ab. Er schenkte Taranis einen Kaffee und sich selbst einen Tee ein.

"Fühlst du dich hier wohl?", fragte Taranis und deutete einmal ringsherum. "Bist du zufrieden mit deinem Leben? Dein Zelt, weißt du, das strahlt solche Zufriedenheit aus. Als wäre es für dich in Ordnung, hier zu leben. Seit ich hier bin, habe ich Telogrus mehr als eine Art... Werkstatt betrachtet, in der ich repariert werden muß, damit ich korrekt funktionierend wieder in die richtige Welt darf. Aber das hier?" Er sah sich noch einmal um. "Das wirkt wie ein richtiges Zuhause."

Jeremiel neigte leicht den Kopf. "Nun", erwiderte er langsam, "es gibt Schlimmeres. Ich hätte nichts gegen mein früheres Erscheinungsbild. Telogrus hat schöne Seiten, und andere... naja. Aber insgesamt geht es. Ich habe nette..." er lächelte, "sehr nette Bekanntschaften geschlossen. Außerdem habe ich sonst niemanden mehr und hier befindet sich fast alles, was ich besitze. Und nicht zu vergessen: Hier in Telogrus ist es, wo die Forschung zur Leere stattfindet. Das ist sehr wichtig. Weg kann ich schließlich jederzeit." Lächelnd zuckt er mit den Schultern.

"Forschung an der Leere", wiederholte Taranis murmelnd. "Das klingt wirklich faszinierend. Ich wünschte, ich hätte Zeit dafür - wenn ich irgendwann wieder fähig dazu wäre."

"Ich glaube, derzeit hast du genug zu tun, und das wird sich auch so schnell nicht ändern", warf Jeremiel ein.

Taranis nickte. "Nicht nur jetzt - jetzt habe ich natürlich mehr als genug mit mir selbst zu tun. Aber auch später, wenn ich wieder - normal bin, werde ich auf dem Wagen sein und nicht Teil einer Forschungsgruppe." So sehr er seine Schwester vermisste, und so sehr er das eben als umherziehender Musiker gewohnt war, in diesem Moment, hier mit seinem neuen Lehrer in diesem verrückten Abstecher seines Lebens, bedauerte er es.

"Ich habe deine Schwester noch nie getroffen, hm?", fragte Jeremiel und nahm sich eine Traube.

Taranis schüttelte den Kopf und pustete sanft über seinen Kaffee. "Nein, wohl nicht - sie ist eher introvertiert. Sie wollte nie Teil der Vorstellung auf der Bühne sein, vermeidet Mengen und hat gerne ihre Ruhe."

Als Jeremiel sich seine Traube in den Mund schob und sein eigener Magen schon wieder knurrte, linste er begehrlich auf den Teller. Jeremiel lehnte sich zurück und forderte ihn auf: "Iss ruhig! Ich kann jederzeit mehr holen."

Taranis rang kurz mit sich, dann begann er zu essen, und griff herzhaft zu. Noch kauend, doch erst, als der schlimmste Hunger gestillt war, sagte er: "Ich muß Arbeit finden. Ich brauche hier übergangsweise eine Beschäftigung. Ich habe die Kasse bei Ami auf dem Wagen gelassen, und die Münzen aus meiner Hosentasche sind restlos verbraucht." Er sah abwägend auf den Rest Obst und entschied sich für eine Banane, die er mit großer Vorfreude schälte, bevor er fortfuhr: "Hast du eine Idee, wo ich mich hier nützlich machen könnte?"

Jeremiel, der sich das alles besah, sah ihn an. "Wie wäre es mit folgendem Deal -", er lehnte sich leicht vor und schenkt Taranis einen freundschaftlichen Blick. "Du bist erst einmal mein Gast hier, bis du soweit wieder klar bist, daß du überhaupt etwas tun kannst?" Er lächelte. "Und nein, das muß dir nicht unangenehm sein."

Taranis runzelte die Stirn. Müssen hin oder her - es war ihm unangenehm.
"Ich hasse Schulden, Jeremiel. Ich hatte viele, damals, als.. als alle weggingen. Ich bleibe niemandem mehr etwas schuldig. Wenn du wirklich meinst, ich sei im Moment zu nichts zu gebrauchen, muß ich dir das glauben. Aber wenn ich an deinem Tisch essen darf - und das würde ich sehr gerne -, dann mache ich auch deinen Abwasch. Oder deinen langweiligen Schreibkram. Oder - egal was. Aber bitte gib mir keine Almosen."

Jeremiel blickte ihn lange an. "Du kennst Freundschaften nicht wirklich, hm?" fragte er dann, fast rhetorisch. Seine wachen Augen musterten Taranis. "Ich habe noch nie Almosen gegeben. Es ist alles eine Frage der Betrachtung, Taran. Glaube mir, es gibt durchaus Leute, die geben gerne und erwarten nichts dafür."

Taranis sah aus, als würde er nicht begreifen, was der andere sagte. "Nun - danke. Schätze ich."
Seiner Erfahrung nach gab es immer einen Preis zu bezahlen, ob Gold oder Gefallen - unabhängig davon, wie anders der Anschein war, wenn einem etwas angeboten wurde. Er stellte das Konzept nicht in Frage, so war die Welt einfach, und er würde bereit sein, zu bezahlen, was immer Jeremiel ihm in Zukunft in Rechnung stellen würde.

"Wenn du nicht durchdrehst und keine Gefahr mehr für dich selbst und andere bist, ist das doch schon Dank genug."

Während Jeremiel sich eine Tasse Tee nachschenkte, brummte Taranis nachdenklich, was Jeremiel dazu brachte, schelmisch lächelnd zu statuieren: "Dann ist das ja geklärt. Und wenn du möchtest, reise ich in das Ressort und sehe mal nach, ob deine Schwester schon abgereist ist."

"Das würdest du tun?" Taranis nickte lebhaft. "Sie war noch nie alleine unterwegs, weißt du, und ich mache mir wirklich Gedanken... obwohl sie natürlich die Stärkere von uns ist. Das wäre wirklich sehr freundlich von dir."

Jeremiels Blick glitt über Taranis. "Wie wäre es damit: Du holst deine Sachen, richtest dich hier ein und nimmst ein Bad, und in der Zwischenzeit sehe ich, was ich über Amitielle in Erfahrung bringe?"
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mi 15. Jan 2020, 00:41

Nach Jeremiels Rückkehr hatten sie keine Gelegenheit, über das von ihm im Ressort Vorgefundene zu sprechen, denn er fand Taranis frisch gebadet, eingeschlafen und offenbar in einem furchtbaren Albtraum gefangen. Selbst nachdem er geweckt worden war, schien der Traum so real, daß er sich einfach nicht daraus befreien konnte - Amitielle war tot, schrien die Stimmen, es war seine Schuld, kreischten sie, und er wurde fast wahnsinnig vor Angst und Schmerz um sie.

Es gelang Jeremiel auf seine Art, Taranis aus dieser geistigen Falle zu befreien und ihn von den Stimmen abzulenken, doch über seine Schwester redeten sie an diesem Abend nicht mehr.

Als Taranis am nächsten Tag erwachte, fühlte er sich deutlich besser. Er linste durch den Vorhang seines Raums, was das wohl für ein Scheppern gewesen war, das ihn geweckt hatte, und sah zwei Katzen einander jagen: Jeremiels Esme spielte mit dem kleinen Kater von Iudicael, den er hiergelassen hatte. Von Jeremiel war keine Spur, doch Radueriel, der Elf, der im Gasthaus arbeitete und vor Schüchternheit niemandem in die Augen zu blicken wagte, saß da ganz entspannt und aß eine Banane. Taranis ließ den Vorhang wieder fallen, wusch und bekleidete sich und tat dann hinaus in den Gästebereich.

Sofort stand Radueriel auf, zog den Kopf leicht zwischen die Schultern und starrte beim Reden auf Taranis‘ Brusthöhe. „Der edle Herr bat mich, hier zu bleiben, bis er wiederkommt, um Euch Gesellschaft zu leisten. Er entschuldigt sein Fortsein, aber er wollte Einkäufe in Sturmwind erledigen.“ Er deutete auf einige Kisten, die eindeutig Taranis‘ Habseligkeiten aus dem Wagen beinhalteten. „Er sagte, daß Euch das sicher freut.“

Nein, tat es nicht. Mit Bestürzung sah Taranis auf seine Sachen. Wenn diese hier waren, waren sie nicht dort, wo sie sein sollten. Was war passiert? Was war mit dem Wagen, mit seiner Schwester geschehen? Er raufte sich die Haare und starrte auf die Kisten, die in ihrer Schäbigkeit so gar nicht in diese schöne Umgebung zu passen schienen.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 16. Jan 2020, 10:51

Beim Anblick von Taranis‘ Bestürzung bemühte Radueriel sich, ihn zu beschwichtigen: „Alles wird gut, hat der Herr Jeremiel gesagt, soll ich Euch ausrichten... oh... das hätte ich gleich sagen müssen... es tut mir Leid!“ Und seine eigene Bestürzung übertraf die von Taranis.

Dieser atmete einmal tief durch.

„Wo ist er eigentlich? Jeremiel?“

„Er bittet sein Fortsein zu entschuldigen, er wollte einige Besorgungen in Sturmwind machen und bat mich, Euch solange Gesellschaft zu leisten“, spulte Radueriel dienstbar herunter.

„Nun, wenn das so ist - meint Ihr, es gibt noch Kaffee?“ Taranis nahm auf einem der Sitzkissen Platz und betrachtete die auf dem Tischchen stehenden Kannen. Radueriel deutete auf eine und blieb mit hinter dem Rücken verschränkten Händen kerzengerade stehen.

„Lasst es Euch munden, Herr“, sagte er.

Taranis stoppte seine Tasse kurz vor dem Mund. „Erwartet Ihr noch jemanden?“
- „Nein, Herr. Wieso?“
- „Ihr seht so aus, wie Ihr da so steht - bitte setzt Euch doch wieder, es war nicht meine Absicht, Euch hochzujagen.“

Radueriel setzte sich gehorsam und mit gesenktem Blick. „Habt Ihr Euch schon etwas eingelebt, Herr?“
- „Ich bin ja erst seit ges... ach in Telogrus, meint Ihr?“ Er pustete nachdenklich über den heißen Kaffee in seiner Tasse. „Nun, ‚eingelebt‘ ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich habe hier keinen Ort, an den ich gehöre, keine Person und keine Tätigkeit. Ich bin einfach da, besetze Gästebetten und halte Leute wie Euch von ihrem Leben ab, weil irgendwer ständig auf mich aufpassen muß.“
Ein unzufriedenes Lächeln verzog seinen linken Mundwinkel. „Ich begreife die Notwendigkeit, aber es gefällt mir nicht. Dieses Eingesperrtsein, die Unselbständigkeit, die Abhängigkeit... und das Gefühl, jedem um mich herum etwas zu schulden, weil sich alle wirklich um mich bemühen... ich bin das nicht gewohnt.“

Gismo, Radueriels kleiner Marsuul, hüpfte auf dessen Schoß und gurrte leise. Dann kletterte er hinüber auf Taranis, legte ihm mit seelenvollem Blick die Pfötchen auf die Brust und begann zu schnattern. Taranis, der nie ein Haustier besessen hatte, weil es ihm zuviel persönliche Bindung bedeutet hätte, war fasziniert.

„Du bist ja bezaubernd“, flüsterte er lächelnd, „was möchtest du denn? Etwas zu knabbern vielleicht?“ Vorsichtig streckte er einen Finger aus und streichelte Gismos fedriges Fell am Hals. Der Marsuul quatschte munter weiter, bis Radueriel unterbrach: „Lass ihn in Ruhe, Gismo, er versteht dich nicht!“
Gismo boxte ermutigend gegen Taranis‘ Brust, und als der immer noch nicht verstand, seufzte der Marsuul leise und verließ den Schoß, um sich den spielenden Katzen anzuschließen.

„Tut mir Leid“, sagte Taranis, „ich habe ihn wohl enttäuscht, aber ich verstehe ihn wirklich nicht.“
- „Schon gut“, lächelte Radueriel. „Ich weiß auch nicht, ob ich ihn wirklich verstehe, oder ob es nur die Stimmen sind.“

Eine Weile und ein wenig Smalltalk später tranken sie schweigend Kaffee, entspannt vereint im Warten auf den Zeltbesitzer. Plötzlich fuhr Taranis heftig zusammen. Die Tasse entglitt ihm, der Kaffee ergoss sich über den Boden. Bilder schossen durch seinen Geist, Geräusche, Gefühle - und zum ersten Mal konnte er die Vision ganz klar als Vision erkennen und benennen. Gefangen in den Bildern versuchte er sich Radueriel mitzuteilen:

„Dunkel... dunkel... keine Luft... Angst! Schmerzen... dunkel...“ Er keuchte einige Sekunden schweigend, dann sagte er „... so still...“ und verfiel in eine Art Starre. Es dauerte einige Minuten, bis er bemerkte, daß der andere Elf ihn schüttelte und anrief. Er packte Radueriel am Oberarm - „Ilassan!“ keuchte er, bevor die Vision von seltsamen Nebeln überlagert wurde. „Es ist Ilassan! Er ist - jetzt - ist es weg...“

Er ließ Radueriels Arm los; im selben Moment verschwand auch der Nebel. War das ebenfalls eine Vision gewesen? Verwirrt stand er auf und begann fahrig, da von ihm verursachte Durcheinander aufzuräumen. Die Tassen, die sie beide hatten fallen lassen, stellte er wieder auf den Tisch, dann holte er ein Handtuch und wischte den Boden, schrubbte ihn übermäßig gründlich, weil es ihm half, seine Gedanken klar zu kriegen.

„Wißt Ihr...“, erzählte er Radueriel nebenbei im Tonfall eines Selbstgesprächs, „ich habe es immer für Einbildungen gehalten... ich dachte, es sei Zufall, wenn meine Vorhersagen eintrafen... selbst, als sie alle eintrafen...“ Er wischte und schrubbte und überhörte Radueriels leisen Protest. „Aber seit ich hier bin, sind die Bilder so stark, so konkret geworden - besonders, wenn mich jemand berührt, und Ilassan hat mich berührt...“

„Bitte, Herr...“ Radueriel klang inzwischen regelrecht jammernd. „Bitte, Herr, nicht - laßt mich! Ihr seid zu edel. Bitte laßt mich das tun...“

Taranis lachte wenig humorvoll auf.

„Edel, jaja. Ein Vagabund bin ich, Herr Radueriel, ein umherziehender Musiker, ein Kartentrickser - ich bin ein Nichts hinter einer edlen Illusion. Und ich kann meinen Dreck wahrhaftig selbst wegwischen. Ihr seid nicht mein Diener, wie immer Ihr Euch sonst entschieden habt zu leben.“

Radueriels verzweifelter Blick verschwamm, als sein Gesicht von dunklen Schwaden reiner Leere überzogen wurde. Taranis rutschte erschrocken zu dem anderen hinüber.

„Oh nein - was habe ich getan? Habe ich Euch verärgert, beleidigt?“

Etwas unbeholfen legte er den Arm um die Schulter Radueriels und versuchte, ihn zu beruhigen, so wie Jeremiel es in den letzten Tagen des Öfteren mit ihm getan hatte. Er hörte nicht auf, mit ihm zu reden, falls seine Stimme ein Anker in der Realität war. Er umarmte ihn fester, falls es das Körpergefühl war. Doch was letztlich half, war Gismo: das Tier sprang auf die Schulter seines Herrchens, kletterte von dort gegen seine Brust und begann ihn heftig an den Haaren zu ziehen und ins Ohr zu kreischen.

„Gi... smo“ stöhnte Radueriel, und der kleine Marsuul leckte ihm mit rauer Zunge das Gesicht ab. Das schien dem Elfen zurück ins Hier und Jetzt zu helfen: er atmete ruhiger, streichelte Gismo und versicherte ihm, daß er ihn nie verlassen würde.

Taranis zog sich auf sein Sitzkissen zurück, um dem anderen etwas Zeit zu geben, zu sich zu finden. Als dies geschehen war, begann Radueriel sofort, sich zu entschuldigen, doch Taranis schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr Radueriel, mir tut es Leid, falls ich das irgendwie ausgelöst habe... ich hoffe, es geht Euch gut?“
- „Nennt mich bitte nicht ‚Herr‘“, kam es beinahe flehend zurück.
Taranis schaffte es irgendwie, ernst zu lächeln. „Ich werde gerne darauf verzichten - wenn Ihr mir dieselbe Freundlichkeit erweisen wolltet?“
- „Das... ich...“
Mit einem vorsichtigen Lächeln streckte Taranis die Hand aus - ein Angebot, keine Forderung. „Bitte - Taranis. Einfach nur Taranis. Ich schwöre Euch, ich war noch nie ein ‚Herr‘, immer nur ein Heimatloser. Und ich denke, Ihr müßt Euch vielleicht an den Gedanken gewöhnen, daß nicht jeder außer Euch ein Herr ist.“

Doch Radueriel schüttelte den Kopf. „Nicht...“ sagte er abwehrend und fast flehend. Taranis ließ die Hand aufs Kissen und die Zurückweisung im Inneren sinken und brachte gerade noch ein betretenes „Verzeihung.“ heraus, als just in diesem Moment ein unglaublich fröhlicher Jeremiel mit einer Duftwolke frischer Brötchen ins Zelt stürmte.

„Hallo hallooooo“, singsangte er, „da bin ich wieder!“
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mo 20. Jan 2020, 00:09

Nachdem er sich von Taranis hatte beschreiben lassen, was dieser in seiner Vision gesehen hatte, war Jeremiel erst minutenlang hektisch auf und ab gegangen, hatte begonnen, Sachen zu packen, dabei Berechungen vor sich hingemurmelt und schließlich völlig frustriert alles über den Haufen geworfen.

"Ich kann nichts tun!" entfuhr es ihm und er ließ Schultern und Ohren hängen.
"Nicht für Ilassan, nein", stimmte Taranis ihm leise zu. "Aber hier." Er deutete über die Schulter in die Richtung, in die Radueriel gegangen war, und mit einer Andeutung eines Lächelns auf sich selbst. Jeremiel nickte, raufte sich die kurzen Haare und atmete tief durch.

Im Laufe der nächsten Tage arbeiteten sie intensiv. Nach und nach wurde es für Taranis selbstverständlicher, die innere Barriere zwischen sich und der Leere aufrecht zu erhalten. Im Grunde war es auch nur eine weitere Barriere, die er zwischen seinem (ziemlich tief vergrabenen) gesunden Kern und jeglichem Einfluss von außen aufrecht zu erhalten hatte, auch wenn ihm das nicht bewußt war.

Während das Gebrüll der inneren Stimmen täglich etwas weiter abnahm, schälte sich eine einzelne Stimme heraus. Diese eine konnte er nicht ausblenden - je mehr er es versuchte, desto präsenter wurde sie. Und sie kam ihm vage vertraut vor. Eine Frauenstimme, eine singende Frauenstimme. Eine Melodie, die sich ständig wiederholte. Worte, die sich nach und nach offenbarten. Taranis erzählte seinem Lehrer nichts davon, doch ab und zu verharrte er mitten in einer Tätigkeit, um zu lauschen.

Jeremiel ließ Taranis den Raum, den er brauchte, ermunterte ihn, wo es nötig war, und hielt ihn von seinem Büro fern - seit Taranis einen Blick hineingeworfen und eine schier unglaubliche Menge magischer Spielzeuge und BÜCHER gesehen hatte, war er nur schwer davon fernzuhalten. Doch ihn zusätzlich noch in eine anstrengende Magierausbildung zu werfen, obwohl die dringend nötig war, war einfach zuviel, hatte Jeremiel erklärt, und Taranis hatte sich widerstrebend in einen längeren Ausbildungszeitrahmen gefügt.

Heute saß er auf einem Sitzkissen und meditierte, während Jeremiel, der Kissenhüllen nähte, ihn entspannt beobachtete. "Such dir einen Ankerpunkt, der dich im Hier und Jetzt hält", hatte Iudicael vor seiner Abreise gesagt. "Eine glückliche Erinnerung." Diese glückliche Erinnerung suchte Taranis noch immer vergeblich. Doch jetzt war da die Stimme, die ein Gefühl friedlicher Vertrautheit in ihm hervorrief.

Ohne es zu merken, begann er in seiner leichten Trance, die melancholische Melodie mitzusummen. Es wurde konkreter. Er verstand immer mehr, er hörte immer klarer, bis er das Gefühl hatte, die Sängerin stünde direkt neben ihm. Woher kannte er nur diese Stimme?

"...tanzen und singen und kreischen...
drei Kinder frieren heut Nacht...
...hmmmm hmm hm hmm...
...hmmm Gesang hat sie gelockthmmm...
...hab Euch den Tod gebracht..."

Erst murmelte er den Text nur bruchstückhaft mit, doch nach und nach wurde seine Stimme kräftiger, der Text vollständiger:

"In Orgrimmars Tiefen schlafen sie in stiller Wacht,
Seht nur her, ich hab Euch den Tod gebracht.
Das Feuer, ein Messer, und ein Feind unter Streitern -
Der Tod, er wird Euch alle läutern."

Ruckartig schlug er die Augen auf, ohne etwas zu sehen.

"Taran? Was singst du da?" drang Jeremiels Stimme zu ihm durch.

Er konzentrierte sich, um sowohl Jeremiel als auch die schöne Stimme im gedanklichen Fokus zu behalten, und erwiderte extrem angespannt: "Nicht ich, sie - Emiriel! Sie singt. Wunder...schön... nicht wahr?" Er atmet angestrengt. "Sie... klingt... wütend? Glaube ich?"
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Sa 25. Jan 2020, 01:22

Immer besser kam Taranis mit der Bändigung der Stimmen in seinem Kopf und diesem verlockenden Sog in seinem Geist zurecht. Und immer schlechter mit Jeremiels Gesellschaft. Nicht, weil er den Mann nicht mochte - ganz im Gegenteil. Sondern weil er einfach da war. Je länger er Zeit mit ihm verbrachte, desto komplizierter wurde es.

Wenn er genau darüber nachdachte... je länger er Zeit mit irgendwem verbrachte, desto komplizierter wurde es. Genau das war ja auch der Grund, warum er das normalerweise vermied. Leider war nichts Normales an dieser Situation, in der ein fähiger Magier sich bereit erklärt hatte, auf einen frisch von der Leere überfluteten Elfen aufzupassen, damit der keine Gefahr für die Allgemeinheit wurde, während sich alle anderen Leerenelfen, die hätten helfen können, in einem Krieg mit unklarem Ausgang befanden.

Sie mißverstanden sich immer öfter, waren gekränkt und schwiegen einander an. Taranis war das beinahe lieber, als dauerhaft erraten zu müssen, was der andere gerade meinte oder fühlte. Er war seit Onkels Weggang immer allein gewesen - mit seiner Zwillingsschwester, mit der er jeden Gedanken zu teilen vermeinte, ohne daß sie es jemals aussprechen mußten; sie zählte also nicht als zwischenmenschliche Herausforderung.

Aber niemals hatte er mehr als einige Stunden mit einer anderen Person verbracht, und das aus gutem Grund. Personen bedeuteten immer Probleme. Er verstand viel zu häufig Witze nicht. Ebenso verstand er viel zu häufig nicht, warum jemand gekränkt war. Andere Leute verstanden nicht, warum er selbst in vielen Fällen nicht gekränkt war, warum nicht brüskiert, warum er nicht lachte oder zornig wurde, warum er ihre unausgesprochenen Erwartungen nicht erahnte - er konnte es einfach nicht, denn diese Tänze tanzte er schon sehr lange nicht mehr.

Solange er über Belanglosigkeiten reden konnte, oder über Musik, über Orte, die er besucht hatte, so lange war alles in Ordnung. Doch wurde es persönlich, verschloss er sich völlig, lenkte mit breitem Lächeln Gespräche in andere Richtungen oder verabschiedete sich einfach.

Und jetzt saß er hier fest UND ES GING EINFACH ALLES NICHT SCHNELL GENUG. Er fühlte sich wie ein Tier im Käfig. Er wollte raus, er hatte Ami nie so lange alleine lassen wollen, er wurde fast wahnsinnig vor Angst um sie, und alles, was er tun durfte, dauerte unendlich lange. Er durfte noch immer kein verdammtes Buch über Magie lesen, obwohl das halbe Zelt voll davon war - „Die Kunst des Flötenspiels“ hatte Jere ihm mit einem vergnügten Lachen hingeworfen, doch als Taranis es ernsthaft studiert hatte, war es irgendwie auch nicht recht gewesen.

Meditation war zu einer Hassliebe geworden. Er hasste anfangs die scheinbare Inaktivität dabei - er wollte gerne etwas tun, etwas vorwärtsbringen, etwas ausprobieren! Aber nein. Meditieren sollte er, wieder und wieder meditieren. Und nach und nach erschloß sie sich ihm - die Schönheit intensiver Meditation, die Aktivität eines ruhigen Geistes in einem ruhigen Körper.

Je öfter er meditierte, je besser er sich in der chaotischen, leeren-vollen Landschaft seines Geistes zurechtfand, desto häufiger wurden die Stimmen vertraut. Es waren nicht selten Erinnerungen dabei, als wolle die Leere ihn durch Onkels Stimme ein weiteres Mal erziehen:

Jede Person, die uns jemals begegnet, ist ein Kunde, Taranis, manche wissen es nur noch nicht. Und wir müssen sein, was der Kunde verlangt, bevor er es ausspricht. Egal was es ist - sei, wie sie dich haben wollen. Wollen sie lachen? Spiel Komödien! Wollen sie weinen? - Lies traurige Lyrik. Wollen sie sich amüsieren? - Tanze, Taranis, tanze!

Er hatte das perfektioniert. Jahrelang war er gewesen, wie man ihn haben wollte. Doch immer nur für einige Stunden, dann ging es weiter, und DAS war der eigentliche Preis für sein freies Leben.

Tanze, Taranis, tanze!

Und so setzte er sich auch heute wieder hin, machte es sich bequem und versenkte sich routiniert in seine meditative Stille. Er wollte noch einmal nach Emiriels Stimme suchen, die er vor einigen Tagen gehört hatte. Es kam ihm zu ungewöhnlich vor, um darüber hinwegzugehen, und außerdem hatte er tagelang versucht, nach Amitielle zu suchen, und nichts gefunden außer wieder und wieder dieser Horrorvision, in der sie von einem Wagen überrollt wurde. Dieses Bild war offenkundig ein Ausdruck seiner Angst um sie, daher schob er es radikal beiseite.

Freundschaft ist Illusion, Junge. Du bist ein Dienstleister und alles, was du tust, als Musiker und als Mann, ist eine Dienstleistung.

Er hörte die Kakophonie der Stimmen nicht nur, er sah sie auch. Jede einzelne war wie ein Strang, dem er in die Vergangenheit oder in eine mögliche Zukunft folgen konnte.

Versager! Versager! VERSAGER!

Da! Ihre Stimme! Unendlich leise schwebte sie unter den tausenden anderen, die ihn anschrien, kreischten, bettelten oder zu verführen versuchten.

Alles muß und wird bezahlt werden, auf die eine oder andere Art. Wenn du ein warmes Feuer am Abend willst, sei so, daß sie dir eins geben wollen.

Vorsichtig nahm er jeden einzelnen Strang und schob ihn beiseite.

Musst du schon gehen?

Dick und schwer waren einige. Die Stimmen aus seiner Kindheit ließen sie fast nicht bewegen. Doch da, da fand er ein Echo von Emiriel und schob mit aller Macht Onkels Lebensanweisungen beiseite. Er wollte ihn jetzt nicht hören - etwas an den vertrauten Sätzen fühlte sich heute falsch an, und gerade hatte Taranis keine Zeit und Kraft, darüber nachzudenken. Er wollte die Elfe finden.

Tanze, Taranis, tanze!

Er stellte sich ihr hübsches, herzförmiges Gesicht vor. Übermütige Grübchen, Augen, in denen ein großer Vertrauensvorschuss für jeden zu stehen schien, dunkles Haar, ein fröhliches, natürliches Lachen. Er suchte und lauschte und tauchte immer tiefer in die Leere, ohne daß sie ihn übernahm. Allerdings auch ohne daß er es bemerkte.
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Emiriel
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Emiriel » Sa 25. Jan 2020, 10:45

Am Anfang ist da nur Stille. Er sieht ihr Gesicht und ihre Lächeln aber es wirkt nicht real...eher so als würde sein Gedächtnis ihm etwas längst Vergangenes zeigen. Dann spürt er Wut...wie sie abflaut und zu Nachdenklichkeit und unterdrückter Angst wird. „Er wird zu euch zurück kommen.“

Dann wieder Stille. Er hört seinen Namen und wie sie sagt. „Er kann das er weiß die Leere zu deuten wie kein anderer. Wir brauchen ihn...“ wieder die Stille ein Nebel der sich wie dicke Watte auf seine Vision legt und ihm schwer auf der Seele liegt. „Gehen wir nach Telogrus und holen ihn...“ aber es geschieht nichts.

Niemand erhebt sich oder geht. Dann spürt er Angst und Tatendrang etwas in ihr hat sich verändert. Sie will etwas Großes wagen...etwas das sie beherrscht und das ihr doch Angst macht. Er sieht das Gesicht von Iudicael und eines Menschen sie nicken und stimmen zu. Und dann hört er langsam wie sich ihre Stimme wieder zu einem Lied formt. Sie will jemanden rufen...leise tun ihre Gedanken das schon...sie werden lauter und kräftiger und zum Ende hin schreit sie schon fast. Sie ruft nicht nach ihm, aber er kann sie bereits hören. Sie sucht jemanden in der Leere...will ihn zu sich rufen und holen. Dann bricht alles ab...Dunkelheit...er kann sie nicht mehr erreichen.


**********
Viele haben Angst, ihren Geist leer zu machen. Sie fürchten in die Leere zu fallen, und wissen nicht, dass ihr eigener Geist die Leere ist.

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Sean » Mo 27. Jan 2020, 14:55

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Taranis
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mo 27. Jan 2020, 15:00

Mit einem leichten Zusammenzucken erwacht er aus seiner Trance.

Was um alles in Azeroth war das gewesen? Es war beinahe, als hätte er Emiriel besucht. Er hatte sie klar gesehen, er hatte sogar Iudicael und seinen Bruder gesehen - und einen Menschenmann mit Haaren wie ein brennender Sonnenuntergang. Wer war das? Warum brauchten die Elfen ihn und was hatten sie überhaupt getan?

Er mußte nachdenken. Doch stillsitzen ging nicht, er wollte gehen, sich bewegen, er mußte die überschüssige Energie aus seinem Körper lassen. Er erhob sich in einer fließenden Bewegung und trat durch den Vorhang, der seinen Raum vom Rest des Zelts trennte. Niemand war hier zu sehen. Wo Jere wohl steckte? Wieder in Sturmwind? Oder in seinem magischen Arbeitszimmer?

Taranis trat an den Vorhang zum Arbeitszimmer und hatte schon die Hand danach ausgestreckt, als er sie mit einem Kopfschütteln wieder zurückzog. Falls sein Lehrer nicht in diesem Raum war und sah, wie er hineinging, würde alles nur noch unangenehmer werden, als es ohnehin gerade war. Also egal, dann ging er eben, ohne sich abzumelden - gegen einen Spaziergang alleine war vermutlich nichts einzuwenden, schließlich wurde er auch im Schlaf nicht mehr beaufsichtigt und Himmel, es war schließlich auch Jeremiel gewesen, der sich vorhin zurückgezogen hatte - das hätte er nicht getan, hielte er Taranis für zu unberechenbar, um alleine zu bleiben.

Er trat hinaus und sah sich um. Wohin wollte er gehen? Er hatte noch nie in Ruhe mit einem anderen Elfen geredet, die hier lebten und arbeiteten. Dabei interessierte er sich brennend für die Tätigkeiten der Risswächter und der Forscher, er war unendlich neugierig auf die vielen Möglichkeiten, die die Leere neben all ihren Gefahren bot.

Doch jetzt gerade war nicht der Zeitpunkt dafür. Jetzt wollte er allein sein.

Er spazierte auf den Leerenriss zu, den Emiriel ihm an seinem ersten Tag hier gezeigt hatte, und trat hindurch. Auf der anderen Scherbe von Telogrus, auf der er nun stand, war bereits deutlich weniger Betrieb. Auch hier wurde ausgebildet und gearbeitet, doch weniger Personen insgesamt waren zu sehen. Er ging eine ganze Strecke, bis er eine Klippe fand, in deren Nähe niemand war.

Er sah das Universum in all seiner Pracht und Schrecklichkeit von hier. Er legte den Kopf in den Nacken und ließ den Anblick der Sterne, Meteoriten, Planeten und Leerententakel, der tiefen Dunkelheit und der kleinen Glanzlichter lange auf sich wirken. Er ließ sich davon durchströmen. Er fühlte, daß Leere ihn durchströmte, aber er fühlte auch, daß er es kontrollieren konnte. Und Leere war nicht das Einzige: er fühlte Musik. Seit seinem heftigen Zusammenprall mit der Leere in Feralas hatte er sie nicht mehr gespürt.

Nein, dachte er - das war nicht ehrlich. Er hatte schon seit Monaten, wenn nicht Jahren, Schwierigkeiten, Musik zu fühlen. Er war brillant auf beinahe jedem denkbaren Instrument, als Sänger und als Tänzer, und er wußte es. Doch er wußte auch, daß ihm etwas abhanden gekommen war, das er als Junge im Übermaß besessen hatte, vor langer Zeit. Musik brauchte mehr als technische Brillanz. Musik brauchte Hingabe, ein perfekt ausgewogenes Verhältnis von Kontrolle und Kontrollverlust, und sie brauchte Inspiration, dieses unerklärliche Wunder des Universums.

Mit bloßer Virtuosität konnte er Laien täuschen, doch nicht sich selbst. Er hatte sich leer gefühlt, lange bevor die Leere zu einem Teil seines Körpers geworden war. Er hatte sein Leben nicht gelebt, wurde ihm jetzt klar. Er hatte es absolviert. Wann war es nur dazu gekommen?

Und nun stand er hier, am Rand der Leere, nur einen Schritt davon entfernt, hineinzufallen.

Er schloß die Augen und hob den rechten Fuß. Er breitete die Arme aus, die Handflächen nach oben. Er formte ein Mudra mit den Fingern, hob sich auf die linken Zehenspitzen, stand einige Sekunden so, auf den Zehen nur eines Beins, und dann begann er seinen Tanz. Von den Füßen aufwärts erspürte er jedes Glied seines Körpers lange und ausgiebig. In langsamen Kreisen drehte er sich auf der Klippe. Er sprang, er landete. Er stampfte. Er wirbelte und verharrte. Er kauerte sich zusammen und streckte sich in einen Spagat im Sprung.

Tanze, Taranis, tanze!

Zum ersten Mal seit seiner Kindheit tanzte er für sich, nur für sich allein. Er wußte nicht, wie lange er dort auf der Klippe war. Er vergaß Zeit und Ort, sah nicht, ob jemand ihn bemerkte, er vergaß sich selbst und fühlte nur noch einen Kern seiner Persönlichkeit - diesen tief, tief in sich verborgenen Kern, der heilen wollte, und der es auch noch konnte. Den authentischen, aufrichtigen Kern, der nicht von Berufs wegen lächelte, der nicht plauderte, der nicht gehorchte, der nicht diente, der sich nicht anpasste.

Er fühlte den Tanz selbst, der er war.

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Ashamshiel
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Ashamshiel » Do 30. Jan 2020, 16:13

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Taranis
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 30. Jan 2020, 16:20

Sie kehrten alle mehr oder weniger unversehrt aus dem Krieg zurück - nur nicht Ilassan. Taranis hatte es nicht anders erwartet, und doch zog es schmerzhaft wie ein Riß durch sein Herz, als er sie alle so mitgenommen sah, erschüttert vom Erlebten, verwundet und in höchster Sorge um den Freund. Auch er selbst sorgte sich um Ilassan, doch als Emiriel ein wenig hyperaktiv sofort nach ihrer Rückkehr begann, alle für ein Treffen zusammenzutrommeln, traf er eine Entscheidung.

Ilassan hatte hier eine ganze Gruppe fähiger Personen, die ihm helfen würde. Er selbst, Taranis, war wahrscheinlich ohnehin überflüssig - Jeremiel ließ ihn ohnehin nichts anderes tun als meditieren, und damit hatte noch niemand einen Gefangenen befreit. Er war sehr zuversichtlich, daß falls es überhaupt jemandem gelingen konnte, den Elfen aufzuspüren und zu retten, es diese kleine Gruppe eingeschworener Freunde sein würde. Diese Gruppe, zu der er nicht gehörte und nichts beitragen konnte.

Amitielle auf der anderen Seite war völlig allein, und außer Taranis schien das niemanden zu kümmern. Nach wie vor wußte er nicht, was in Feralas passiert war; auch der Brief nach Dalaran war entweder nicht beantwortet worden oder die Antwort war eine weitere Sache, die man vor ihm geheimhielt - wie auch immer, er hatte sich entschieden, und nun, da alle sich auf ihre Besprechung vorbereiteten, schlüpfte er in sein Gästezimmer in Jeremiels Zelt, packte ein paar Habseligkeiten in einen leichten Reisesack, warf einen langen, bedauernden Blick auf seine Harfe, die hierbleiben mußte, wandte sich dann entschlossen ab und verließ Telogrus unbemerkt.

Es war Abend in Sturmwind. Die Sonne ließ das Wasser im See rötlich schimmern, ein leichter Wind ging kühl durch die Baumwipfel. Bäume! Zu den Dingen, die Taranis in Telogrus am meisten vermisste, gehörten Bäume und Regen.

Er wandte sich zunächst zur Botschaft. Lange erklärte er dort, was passiert war, und man sicherte ihm Hilfe zu, hatte aber hier keine Elfe gesehen, die aussah 'wie ich, nur weiblich, mit normaler Gesichtsfarbe und einem ziemlich großen Schwert'. Er wurde an die Stadtwache verwiesen und befragte jede einzelne Wachperson, die er finden konnte. Er fragte in Wirtshäusern, in Lebensmittelgeschäften. Niemand hatte hilfreiche Hinweise - nach Sturmwind schien sie also nicht gelangt zu sein.

'Wie auch, eine Hochelfe ohne Begleitung, ohne den Wagen und mit einem Schwert', dachte er. Sie wäre nicht einmal in die Nähe der Stadt gekommen.

Da es langsam dunkel wurde, machte er sich auf den Weg zurück zur Botschaft, wo man ihm für eine Nacht eine Schlafgelegenheit geben würde - er hatte ja kein Gold mehr für ein Zimmer -, und lief drei bekannten Gesichtern in die Arme. Amandriel und Emiriel schienen miteinander verabredet zu sein und saßen plaudernd am See. Amandriels Bruder, Iudicael, fing Taranis ab und sah ihn mit einem freundlichen und doch eindeutig inquisitorischen Blick an - diesem Iudicael-Blick, der wortlos sagte "Pack alles aus, was ich wissen will".

"Sie - sie ist meine Schwester!", brach es aus Taranis heraus. "Ich muß das tun. Alle, die wir kannten, sind tot oder weggegangen. Sie ist alleine, ohne daß ich ihr erklären konnte, was passiert ist. Ich habe mich um sie gekümmert, und sie war immer für mich da. Ich kann jetzt nicht einfach gemütlich herumsitzen und MEDITIEREN, SIE IST MEINE SCHWESTER BEIM VERDAMMTEN LICHT, MEINE SCHWESTER! MIR REICHT ES!"

"Dein Schreien zeigt mir nur deine Verzweiflung", erwiderte Iudicael. "Aber überlege bitte mal. Sie war ihr Leben lang unterwegs. Sie kennt die Welt. Und sie wird sicher im Ressort gefragt haben, wo du abgeblieben bist."

"Ich muß etwas tun", rief Taranis.

"Ich könnte versuchen, sie gedanklich zu erreichen", meinte Iudicael. "Wenn du etwas hast, das ihr gehört. Oder mit dir als Anker."

Taranis starrte den Priester an. War das nur eine weitere Hinhaltetaktik? War das nur wieder ein Versprechen, das nicht fruchten würde, ihn aber zurück unter die Aufsicht der anderen und damit wieder ins Gefängnis der Tatenlosigkeit treiben würde?

"Was bedeutet das?", fragte er mißtrauisch. "Mit mir als Anker? Sie hat mit der Leere nichts zu tun."

"Sie ist deine Schwester", erklärte Iudicael, "und damit mit dir verbunden. Wenn ich deine Hand nehme, kann ich die Verbindung nutzen - ich benutze nicht die Leere, ich benutze meine Gedanken."

"Muß sie dafür offen sein?", fragte Taranis. "Muß sie erwarten, daß du kommst? Sie ist nicht wie ich, weißt du... sie ist unsere bodenständige, sichere Hälfte. Ich war immer der Wind und sie der Baum..."

Iudicael lächelte leicht. "Das klingt sehr schön. Aber sie muß nur wach sein, um mich hören zu können - vielleicht wundert sie sich anfangs, vielleicht dauert es bei ihr ein bißchen länger, aber es kann funktionieren."

Hin- und hergerissen starrte Taranis auf den Boden. Es war eine Chance. Vermutlich eine ebenso große wie die, einfach quer durch Azeroth zu stürmen, um eine einzelne Elfe zu finden. Andererseits war Iudicael gerade erst heute aus dem Krieg zurückgekommen und hatte beim Licht eigene Sorgen und Probleme. Doch wiederum machte er nicht den Eindruck, als würde er Taranis so einfach gehenlassen.

"Was kostet dich das?", fragte er also. Wenn es einen absurden Aufwand für den Priester bedeutete, würde das Angebot dankend ablehnen - Iudicael würde bereits mit der Suche nach Ilassan genug zu tun haben.

"Konzentration", antwortete der andere schlicht.

"Das ist alles? Kann ich irgendwie helfen? Also über das Händchenhalten hinaus?"

Iudicael legte den Kopf schief und überlegte. "Ja, ich denke, du könntest fest an sie denken und mit deiner Konzentration meine unterstützen."

Taranis nickte ernst. Sein Widerstand brach langsam, aber sicher zusammen. "Und... was kostet es mich?"

Iudicael blinzelte verständnislos. "...wie?"

Taranis richtete sich kerzengerade auf und wiederholte es in anderen Worten: "Ich möchte wissen, was du als Gegenleistung verlangst."

"Nichts...?" Iudicael schien immer noch nicht zu verstehen. "Ich bin ein Priester, das gehört zu meinen Aufgaben. Außerdem sehe ich unsere Gruppe als einen Teil meiner Familie an, und in einer Familie hilft man sich."

Jetzt war es Taranis, der nicht verstand. Natürlich half man sich in einer Familie. Aber er und Iudicael kannten sich kaum - er war doch nicht Teil dieser Familie. Seine Familie bestand nur noch aus einer Person, und die war verschwunden. Und unter keinen Umständen wollte er jemandem, der ihn kaum kannte, etwas schuldig bleiben.

"Ich finde das inakzeptabel", sagte er daher etwas steif. "Ich... möchte bitte eine Gegenleistung erbringen."

"Du bist hier kein Barde mehr, der sich ein warmes Bett mit einer Gegenleistung erkaufen muß!"

Taranis ballte unbewußt die Fäuste, um Beherrschung bemüht. "Da hast du Recht, ich bin hier kein Barde mehr. Ich könnte mir kein Bett erspielen, wenn ich müßte. Ich bin nur noch ein Bettler, ein Schmarotzer - ich bin in allem abhängig von Euch." Nur seine steinharte Miene ließ erahnen, wie sehr es in ihm brodelte. "Ich verabscheue diesen Zustand."

"Du bist doch immer noch du", sagte Iudicael. Dann sah er Taranis einige lange Sekunden intensiv an. "Oder... hast du vergessen, wer du bist, weil du so darauf bedacht bist, für jeden der zu sein, den er vermeintlich haben will?"

Für einen Moment entgleisten Taranis' Gesichtzüge völlig. "Woher...?" brachte er gepreßt heraus. Leere zog an ihm, Erinnerungen, lockende, vertraute Stimmen.
Tanze... "N-nein...", stöhnte er. Der Priester sagte irgendetwas, das er nicht hörte, weil es in seinem Kopf schrie.
Was immer sie sehen wollen, du kannst es sein! "Hör auf, bitte..." Er hob die Hände an die Schläfen. "Ich will doch einfach nur frei sein... unabhängig, kein Schuldner..."

Erst als Iudicael ihn am Arm berührte, hörte er auch dessen Stimme wieder. "Ist nicht leicht zu unterscheiden, was man hört und was man sich selbst zubrüllt, hm?", fragte der Inquisitor freundlich. "Du bist frei. Du mußt dich nur unter Kontrolle bringen. Und es gibt keine Abkürzung auf diesem Weg. Je eher du das akzeptierst, desto eher wirst du in dir ruhen. Und dann geht es auch tatsächlich schneller."

"Und bis dahin werde ich weiter Euer Essen essen, Eure Betten besetzen und Eure Zeit rauben - das sind tolle Aussichten", murmelte Taranis frustriert.

"Es wird nicht besser, wenn du dich dauernd in dieser vermeintlichen Unbill wälzt und herumlamentierst."

"Ich VERSTEHE dich nicht!" rief Taranis, und er verstand es wirklich nicht. Warum wollten diese Leute ihn um jeden Preis dabehalten und auch noch rund um die Uhr für ihn sorgen? Wo um alles in der Welt war nur der Haken, warum konnte er ihn nicht sehen? "Warum SAGT Ihr mir nicht einfach, was Ihr wollt? Ich kann doch nicht raten, was ich Euch schulde - oder soll ich für den Rest meines Lebens Gefallen abarbeiten?"

Auch Iudicael verstand umgekehrt das Problem nicht, und explosiv rief er "Licht noch eins, dann sag ich dir eben, was du als Bezahlung verstehen kannst: Sei du! Werde wieder du!"

"Ich weiß nicht, was das bedeutet!" Erst als das aus ihm herausbrach, begriff Taranis, daß es so war: Er wußte nicht, was es bedeutete, er zu sein. Er war immer ein Bedürfniserfüller gewesen, unendlich wandelbar und anpassungsfähig. Wer war er eigentlich?

"Darf ich?", fragte Iudicael und deutete an, seine Hand nehmen zu wollen. Taranis zuckte andeutungsweise mit den Schultern und reichte dem Priester die Hand. Nach Sekunden fühlte er Wärme fließen, dann noch etwas mehr, eine Art wohltuender Energie. Er war am ganzen Körper angespannt und konnte noch nicht loslassen, doch er fühlte den Fluß.

"Du hast in deinem Leben so viele Masken getragen, daß du fast selbst vergessen hast, wie du aussiehst. Und du hast so viele Mauern errichtet, daß niemand auch nur eine Chance hat, dich wirklich zu sehen. Das ist auf Dauer nicht gesund für die Seele."

"Wer mich sehen will", flüsterte Taranis, "Will mich so sehen, wie er es wünscht. Und das kann ich liefern. Das ist meine Aufgabe in der Welt."

"Ich will dich sehen", widersprach Iudicael sanft. "Und die anderen auch, nehme ich an. Dich. Nicht das, was jemand erwartet. Du bist ein Seher - ist das nicht auch eine Aufgabe in der Welt?"

Verwirrt schüttelte Taranis den Kopf. "Ich weiß nicht, was das bedeutet. Oder was ein Seher ist. Oder was ich eigentlich will..."

"Du hast so viel gespielt, daß du das auch nicht mehr weißt, hm? Taranis... jede Seele hat es verdient, daß sie sich so zeigen kann, wie sie ist. Und so gemocht zu werden, wie sie ist. Auch du. Und wenn du dich nicht mehr kennst, dann gehen wir dich eben suchen."

Er sah dem Priester in die Augen, mit einer Mischung aus Überforderung und einem Hauch Hoffnung. "Du solltest noch etwas wissen", sagte er dann, um Iudicael einen Grund zu geben, sein Hilfsangebot doch noch zurückzuziehen. "Ich hatte auch einmal eine Familie. Ich hatte Eltern. Freunde vom Wagen. Onkel. Onkel war nicht unser Onkel, wir nannten ihn nur so... jedenfalls... sie sind alle gegangen. Einer nach dem anderen hat uns verlassen. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß das an meiner Person liegt. Wahrscheinlich ist Ami nur deshalb all die Jahre bei mir geblieben, weil wir unserem Vater versprochen hatten, zusammenzuhalten." Mit betont neutralem Ausdruck fügte er hinzu: "Ich denke, wenn du herausfindest, wer ich wirklich bin, bin ich möglicherweise schrecklich."

"Wenn das so ist, ist es nicht ohne Grund so", antwortete Iudicael geduldig. "Eine Seele, die 'schrecklich' ist, wurde oft verletzt oder hat gelitten, und auch da kann man helfen zu gesunden, zu heilen. Ich helfe dir dabei. Es wäre doch schade, wenn du irgendwann feststellst, daß du ein Leben gelebt hast, das gar nicht deines ist."

"Ich möchte das", flüsterte Taranis. "Bitte versprich mir nur - such wirklich nach meiner Schwester. Und wirf mich raus, falls ich dir unerträglich werde."

"Ich sage dir schon, wenn du scheiße bist", erklärte der Priester lapidar, und Taranis mußte ein bißchen lachen; mehrere Echos lachten mit ihm.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Sa 1. Feb 2020, 19:44

Er war zurückgekehrt. Und nun tat er das, was er am besten konnte: sein, was man von ihm erwartete. Er war also anwesend, aufmerksam und lernbegierig, er meditierte ohne Murren, er arbeitete mit größter Zielstrebigkeit an seiner Selbstoptimierung. Wenn es ihm nur helfen würde, seine Schwester zu finden, er würde alles tun.

Die Meditationen verliefen immer klarer und doch auch wilder: er unterschied inzwischen gekonnt Leere und Wirklichkeit, er erkannte auch immer besser, ob ihn die Stimmen nur beschimpften oder ob sie ihm eine Erinnerung zeigten, und ständig wurde sein Gedankenfluss unterbrochen von aufblitzenden Bildern, die nichts mit ihm tun hatten.

Er sah andere Leute; er sah, was andere Leute sahen.

Er sah Emiriel in einem hohen Raum voller Bücher im Gespräche mit jemandem, den er nur von hinten sah. Der Elf kam ihm vage bekannt vor und seine Körperhaltung löste ein vertrautes, schmerzhaftes Ziehen in Taranis‘ Brust aus.

Die Stimmen flüsterten, schrien, flüsterten wieder, auch wenn er nicht meditierte, waren sie allgegenwärtig. Und einmal wurden sie plötzlich komplett still. Er hörte gar nichts mehr. Dann:

...kann nicht mehr... hört mich jemand?... Hilfe...

Ihm wurde leicht schwindlig, er setzte sich, wo er gerade war, einfach auf dem Boden und hörte nach innen. Die Stimme war eindeutig weiblich. Sein Blick verschwamm in einer Vision - er sah Telogrus, doch nicht von der Position aus, auf der er gerade saß. Während er sich noch darüber wunderte, nahm er am Rand seines Sichtfelds wahr, wie Magister Umbric Alleria einen Würfel vorführte, welcher sich kurz darauf öffnete, woraufhin unglaubliches Chaos losbrach.

Er keuchte erschrocken auf - er sah zum ersten Mal den „Unfall“, wie es gern genannt wurde, er geriet in Panik, als Netherprinz Durzaan und seine Warpwirker angriffen und alle um ihn herum von der ausbrechenden, um sich greifenden Leere wie gelähmt waren. Schockartig endete die Vision, schweißgebadet schreckte er hoch, einmal noch hörte er ein Echo jener weiblichen Stimme...

...Hilfe?...
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Di 4. Feb 2020, 10:43

Jeremiel hatte es kommentarlos eingestellt, ihn zu unterrichten, und Taranis hinterfragte das nicht. Genaugenommen hatte Jeremiel es eingestellt, überhaupt noch ein Wort mit ihm zu wechseln, soweit er es vermeiden konnte. Doch auch das hinterfragte Taranis nicht. Seiner Erfahrung nach war der Umgang mit Leuten ohnehin meistens verwirrend, und da er die meisten nur kurze Zeit kannte, lohnte es sich nicht, allzu lange darüber zu grübeln.

Er hoffte, daß Iudicael bald Zeit haben würde, seine spezielle Gedankensuchaktion mit ihm durchzuführen, und bis es soweit wäre, bis er seine Schwester wiederfand, wollte er mit aller Macht die Kontrolle über seine Gedankenwelt zurückerlangen.

Er verbrachte wesentlich mehr Zeit meditierend als schlafend. Er blendete die äußere, ihn anstrengende Welt manchmal so sehr aus, daß er gar nichts mehr hörte. Er tauchte in das Flüstern und Schreien ein, in die Dunkelheit, ohne sie wegzuschieben - im Gegenteil, er suchte die Konfrontation.

Tot, tooot

Was habt ihr gesagt?

Tooooot, sie ist toooot, du hast sie sterben sehen, sieh sie noch einmal

Sieh sie noch einmal

Sieh sie noch einmal

Sieh sie

AUFHÖREN

noch einmal sterben, sieh dich noch einmal sterben, verlier dich wieder, verlier dich an uns, komm zu uns, gib dich hin


Er sah immer wieder diesen Albtraum, in dem seine Schwester starb, noch einmal und noch einmal, und wieder und wieder schob er ihn beiseite, bis er es irgendwann nicht mehr tat.

Er suchte die Konfrontation, doch er hatte auch Angst davor. Es lockte ihn, es war verführerisch. Die Leere war erholsam unkompliziert; sie stellte keinen zwischenmenschlichen Erwartungen an ihn, sie nahm ihn, wie er war, und wollte ihn einfach nur besitzen.

Doch er wollte nicht besessen werden. Selbst hier, allein in seinem eigenen Geist, wollte er keine Abhängigkeiten.

Er erinnerte sich, wie er als noch vorpubertärer Junge eine Wette angenommen hatte, ob er auf einem Seil über einen tiefen Canyon laufen würde. Wie er nicht nur gelaufen war, sondern mitten auf dem Seil getanzt hatte, einen langsamen, schwankenden Tanz. Er erinnerte sich an seine Todesangst, und wie er dennoch nicht hatte ablehnen können, weil das Außergewöhnliche dieser Idee, die Ästhetik der Gefahr, einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn ausgeübt hatte, und weil der grenzenlose Künstler in seinem Herzen immer der stärkere Persönlichkeitsanteil gewesen war. Er hatte tanzend die andere Seite erreicht, dort einen Salto auf dem sicheren Boden geschlagen - es war Angeberei, die er vortäuschte, weil er den Salto brauchte, um die Anspannung in seinen Muskeln herauszustampfen - und dann war er ohne Schnickschnack über das Seil zurückgerannt, so schnell und sicher er konnte.

So, genau so fühlte sich Meditation jetzt für ihn an. Es war ein Tanz ohne Boden unter den Füßen, der Abgrund war riesig und dunkel, und er selbst unendlich klein.

Damals hatte Onkel ihn erwischt. Leichenblass unter seinem Make-up hatte er Taranis, kaum daß dieser wieder festen Boden unter den Füßen hatte, an beiden Armen gepackt, ihn von den jubelnden Goblin-Teenagern, mit denen der Junge gewettet hatte, weggeschoben und erst außer Sichtweite geflüstert: „Bist du vollkommen wahnsinnig? Wie kannst du Amitielle das antun? Wie kannst du mir das antun?“

Mehr hatte er nicht gesagt, doch es hatte Taranis tief beschämt. Es stimmte - er war nicht nur ein Künstler, er war auch ein Familienmitglied. Dies bedeutete zwar eine Einschränkung seiner Freiheit, doch er liebte Ami und Onkel mehr als Freiheit um jeden Preis; von da an besprach er jeden aberwitzigen Einfall zuerst mit den beiden und mußte feststellen, daß sie oft gute Vorschläge hatten, auf welche Art man die Sicherheit in der Show gewährleisten konnte, ohne den Effekt zu schmälern.

Doch heute, da er über dem Abgrund der Leere tanzte, war da niemand, der ihn bei den Armen packte. Niemand mehr, der ihm ein Sicherheitsnetz spannen konnte. Er war allein, und er wollte genauso sehr in diesen Abgrund stürzen, wie er es nicht wollte.

Heute hatte er auf dem von ihm kürzlich entdeckten Felsvorsprung meditiert, auf dem er auch beinahe unbeobachtet tanzen konnte. Ein kleines Stück fast privater Welt, das er sehr genoss. Nach der Meditation, aus der er etwas verstört auftauchte, streckte er sich, dehnte die Muskeln, zog sein Hemd aus und begann zu trainieren. Es war schon viel zu lange her, daß er Grundlagentraining gemacht hatte - zuviel war zu tun gewesen während seiner Reisen, er schaffte es gerade, die Vorstellungen am Laufen zu halten, wie sie waren, ohne neue Ideen.

Doch nun hatte er ja nichts Besseres zu tun, also begann er wie damals als Kind.
Gerade stehen und die Fußsohlen spüren.
Auf einem Bein stehen, das andere Knie bis zur Brust hinaufgezogen, und dann noch langsam den Fuß in den Himmel strecken, bis es ein perfekter Spagat wurde. Halten. Die andere Seite. Halten. Atmen, den Schmerz der vernachlässigten Muskeln spüren, atmen.
Eine Hand im Rücken, die andere über dem Kopf, rückwärts zum Boden biegen, bis er auf Zehen- und Fingerspitzen eine perfekte Brücke bildet. Halten, atmen. Schwung holen. Aus der Brücke in den Handstand. Halten, atmen.

In einiger Entfernung stand ein Elf, der zwei ziemlich schwere Säcke zu schleppen schien, und beobachtete ihn lange; er ging jedoch weiter, bevor Taranis ihn bemerken konnte.

Minutenlang stand er auf den Händen, bis ihm die Arme zitterten. Dann setzte er die Füße wieder auf und stand hoch aufgerichtet, bis sein Atem und seine Muskeln wieder ruhig waren. Er griff nach seinem Hemd und machte sich auf den Rückweg.

In Jeres Zelt angekommen wusch er sich und fiel erschöpft direkt ins Bett. Doch auch hier ließ der Abgrund ihn nicht allein.

Im Traum öffnete er die Augen und sah sich um. Es war dunkel und moderig, doch fühlte sich der Boden ähnlich dem auf Telogrus an. Langsam blinzelte er, die Augenlider schwer, der Versuch, sich die Augen zu reiben scheiterte, denn ihm fehlte jegliche Kraft.

Als sein Blick sich langsam aufklarte, sah er sich um und bemerkte einen Warpwirker; er stand da und flutete Taranis’ Körper, der sich irgendwie fremd anfühlte, mit Leere.
In dem Moment hörte er wieder die weibliche Stimme:
"Es schmerzt..."
Einen Bruchteil des Brennens der Leere erspürte er in seinem Traum, die Stimme schienen kurz zu schreien, vage Ausrufe ohne viel Inhalt.

Eine Pfütze, eine spiegelnde Fläche auf dem Boden, sorgte für etwas Ablenkung, da ihm selbst die Kraft zum Schreien fehlte. Als die Oberfläche nicht mehr vibrierte, verließ er den Körper, der nicht der seine war, und erwachte ruckartig.

Er setzte sich auf, fuhr mit beiden Händen durch das Haar und schüttelte den Kopf, wie um das seltsame Traumbild abzuschütteln. Auf dem Nachttischchen stand wie immer eine Karaffe mit Wasser, und er goß sich ein Glas ein. Als er das Glas hob, um zu trinken, sah er für einen kurzen Augenblick eine Reflexion im Wasser: eine Leerenelfe, gefangen in einer dunklen Gruft. Als ihre Augen die seinen trafen, zog sie kurz hoffnungsvoll die Brauen zusammen.

Die Spiegelung endete und er sah wieder nur ein Wasserglas. Was blieb, war der Gesichtsausdruck der Elfe in seinen Gedanken und ihre stechenden bernsteinfarbenen Augen.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Fr 7. Feb 2020, 15:22

"Hast du noch Fragen?"

Iudicael wirkte sehr entspannt, wie er da auf seinem Kissen lümmelte, das bequeme Hemd bis zum Bauchnabel offen, die Füße in Pantoffeln, eine filigrane Teetasse in der Hand. In seinem Zelt schufen Buntglaslaternen flackernd Atmosphäre, aus der Teekanne auf dem Tisch duftete es, irgendwo im Zelt verräucherte der Priester Weihrauch und Styrax.

Endlich war es soweit. Endlich würden sie einen ersten Schritt tun, um Amitielle zu finden.

Taranis schüttelte den Kopf. "Wenn ich nichts weiter tun kann, als mich auf sie zu konzentrieren, dann habe ich keine Fragen. Genaugenommen kann ich mich ja kaum noch auf irgendetwas anderes konzentrieren," fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu und nahm einen Schluck aus seiner Teetasse. Er bemühte sich um äußerliche Ruhe, konnte jedoch nicht verhindern, daß sein Daumen nervös auf der Tasse trommelte. "Mußt du denn noch etwas über sie wissen, um sie zu finden?"

"Ich kenne ihren Namen und ich kann deiner Verbindung folgen; ich denke, das sollte reichen. Ich... kann mich auf dem Weg zu ihr auch durchfragen."

Taranis blinzelte verwirrt. "Durchfragen? Wen erwartest du denn alles zu treffen?"

"Auf der Ebene, auf der ich mich bewegen werde, kann ich auch die Seelen Verstorbener hören oder antreffen." Iudicaels Tonfall macht deutlich, daß das für Priester normal sei.

"Aber... woher sollen Verstorbene denn meine Schwester kennen? Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie keinen Draht zu sowas hat."

"Man muß auch keinen Draht haben, um von ihnen gesehen zu werden."

Iudicael sah auf den trommelnden Daumen, stellte seinen Tee ab und rutschte auf das Kissen direkt neben Taranis. "Also gut, dann starten wir jetzt gleich - da wird man ja kribbelig."

Auch Taranis stellte seine Tasse ab. Iudicael ergriff seine Hände, sah ihn ernst an und sagte: "Das kann jetzt recht langweilig werden. Dann bleib bitte trotzdem konzentriert. Oder wibble zumindest nicht herum, so daß du mich zurückholst. Ich werde jetzt gleich mit meinem Geist unterwegs sein."

"Ich verstehe", antwortete Taranis. Es mußte eine Form der Meditationsreise sein. "Ich werde dich nicht stören." Um größtmögliche Ruhe bemüht, atmete er langsam aus und entspannte seine Muskeln, so gut er konnte. Er dachte an seine Schwester. Ihr Bild stand ihm klar vor Augen, ihre Augen, ihr dunkles Haar, ihre burschikose Art. "Wo bist du?" dachte er immer wieder.

Iudicaels Körper blieb unbewegt, die Augen geschlossen, die Hände in denen Taranis' wirkten federleicht. Er suchte...

Da war jemand. In Taranis' unmittelbarer Nähe fühlte er eine Seele. Er konzentrierte sich voll auf sie, und ein Gesicht fast exakt wie Taranis' wurde sichtbar, ein Mann, der ihm so ähnlich sah, daß jeder Zweifel ausgeschlossen war. Iudicael nickte Maurion Nachtschimmer zu.

"Die ewige Sonne mit Euch. Ich bin Iudicael Sonnentanz. Ihr... wißt wahrscheinlich, was ich hier mache?"

Maurion lächelte ein breites, herzliches Lächeln. "Ihr helft meinem Kind", sagte er, ohne die Lippen zu bewegen.

Iudicael lächelt ebenfalls und nickt. Offenbar wußte Maurion, was er vorhatte. "Ich versuche es jedenfalls. Ist sie... zu sprechen?"

Maurion verblasste ein wenig, schien zu flimmern. Als er wieder substanzieller wurde, ist er nicht mehr allein. Brinde und Amitielle Nachtschimmer flankierten ihn. Iudicael winkte erleichtert ein "Hallo" zu den beiden neuen Seelen, und alle drei verneigten sich höflich vor ihm.

"Was braucht Ihr von mir?" Amitielles Stimme klang freundlich und klar.

"Ich... weiß nicht, ob ich es ihm jetzt beibringen kann, daß Ihr verstorben seid." Selbst auf seelischer Ebene wollte der Priester sich durch die Haare wuscheln.

"Was würde Euch helfen?"

"Eure Einschätzung. Würde er es vertragen? Oder wende ich meine Kraft besser darauf an, ihn Euch sehen zu lassen, so daß Ihr sprechen könnt?"

Die drei sahen einander an und schienen stumm zu kommunizieren, bevor Brinde sich an Iudicael wandte: "Wir haben oft versucht, Taran zu erreichen. Wir sehen sein Leid, wir fühlen es. Aber er hat damals einen kleinen Teil von sich in eine sichere, unangreifbare Blase gesetzt und alles andere ausgeblendet. Er ist nicht einmal halb der Mann, der er war, solange er nicht von selbst da herauskommt. Mau ist bei ihm geblieben, all die Jahre, doch auch er hat nicht mehr erreicht, als den Jungen sehen zu können. Wir kommen nicht durch."

Ihre Tochter warf ein: "Aber wir hatten noch niemals Hilfe von einer lebendigen Seele - vielleicht mit Eurer Hilfe...?" Sie sah zwischen ihren Eltern und diesem lebendigen Besucher hin und her.

Iudicael nickte. "Wenn ich die Verbindung stelle, könnte es klappen?"

"Ja!", rief Amitielle, "Vorausgesetzt, er will uns überhaupt sehen, dann muß es einfach klappen."

"In jedem Fall will er um alles in der Welt Euch sehen, Amitielle."

Ihr Geist schien sich zu straffen, sie trat vor. "Führt mich."

Iudicaels astrale Hand streckte sich nach ihrer aus. "Nehmt meine Hand."


Und er führte sie, wie durch Schleier hindurch. Er konzentrierte sich darauf, die Zwillingsverbindung zu nutzen, um die Schleier vor Taranis' Wahrnehmung zu lüften. Halb wieder im Zelt angelangt, öffnete er ein Auge, schloß es wieder, und es wurde kurz hell im Zelt, als er Amitielle weiterführte.

Amitielle trat an ihren Bruder heran, strich ihm zart einige Haarsträhnen aus der Stirn, so wie Onkel es früher immer mit ihm gemacht hatte gegen Lampenfieber. Obwohl seine Haare sich unter ihrer geisterhaften Geste nicht bewegten, erschauerte er und öffnete unwillkürlich die Augen. Er sah seine Schwester, die neben dem hochkonzentrierten Iudicael stand, und fuhr erschrocken zusammen.

"Ami - Ami! Wie ist das möglich? Du bist hier!" Er machte Anstalten, seine Hände aus Iudicaels zu lösen, um seine Schwester zu umarmen.

"Nicht... los... las... sen..." kam es gepresst von dem Priester, der seine Hände wie ein Schraubstock umklammert hält, höchste Konzentration im Gesicht.

"Aber sie ist HIER, sie ist..." Taranis brach mitten im Satz ab, als er schockiert bemerkt, daß er durch seine Schwester hindurchsehen kann. "W-was ist das? Bist du eine Projektion?" Er fragte es fast bittend, als würde er die Wahrheit ahnen.

Sie schüttelte sanft den Kopf und legte eine ihrer Hände auf seine und kniet sich neben Iudicael.

"Weißt du es wirklich nicht, Taran? Hast du solche Angst, dich zu erinnern?"

Sie legte ihm die andere Hand auf die Stirn. "Es tut mir Leid", flüsterte sie. Dann wurde ihr Blick unnachgiebig, bohrte sich in seinen und erneut erlebte er den Tag ihres Todes - jedoch durch ihre Augen. Er sah sich selbst mit unkontrollierter Magie den Orcpeon wegschubsen. Er fühlte im Rücken den Stoß des rollenden Wagens, unter dem sie begraben worden war. Er dachte ihren letzten lebendigen Gedanken mit ihr gemeinsam.

Leb für uns beide.

"Nein", flüsterte er, "nein, nein, bitte bitte sei nicht tot, Ami, ich kann nicht ohne dich sein, bitte geh nicht weg, ich habe niemanden, ich schaffe das nicht, bitte sei nur ein böser Traum aus der Leere..."

"Schhhh", machte sie sanft. "Du mußt mir jetzt zuhören, Taran. Ich bin schon sehr lange nicht mehr da. Du hast dich über 15 Jahre lang allein durchgeschlagen. Das hatte zwar nicht sein müssen - aber da es nun einmal so war, weißt du auch, daß du es schaffen kannst, denn du hast es schon geschafft. Allein zu sein wird dich niemals unterkriegen, hörst du?"

Sie wartete, bis er nickte - ein Signal, daß er sie nicht als bloße Fantasie abtat. "Außerdem - ganz allein warst du nie und wirst es auch nicht sein."

Fragend sah sie zu Iudicael - ob der Priester wohl mehr als eine Verbindung schaffte? Er nickte ihr zu. "Wer?" fragte er, ohne die Lippen zu bewegen. - "Papa", antwortete sie.

Iudicael nickte, schloß die Augen und konzentrierte sich kolossal, um die eine Verbindung zu halten und gleichzeitig eine astrale Hand nach Maurion auszustrecken. Dieser machte es ihm leicht, er schien nur darauf gewartet zu haben. Als er für Taranis sichtbar neben Amitielle auftauchte, wehrte sich dieser allerdings dagegen, schloß die Augen, drehte den Kopf weg und wiederholte wie ein Mantra "das ist nicht real, das ist nicht real..."

"AMITIEL!" donnerte Mau schließlich streng seinen Geburtsnamen, wie früher nur, wenn der Junge wirklich Mist gebaut hatte. Als Taranis ihn erschrocken ansah, wiederholte er weicher: "Amitiel... es ist an der Zeit. Du mußt aufstehen und gehen. Geh aus dieser Gefängniszelle, die du deinem Geist gebaut hast. Laß dich frei. Denn wir sind schon längst nicht mehr am Leben, und uns ist es eine Qual, dich das Leben verweigern zu sehen."

"Aber ich lebe doch", flüsterte Taranis, "ich mache doch alles wie früher."

Synchron schüttelten sein Vater und seine Schwester den Kopf. "Wann hast du das letzte Mal komponiert, Taran?", fuhr Maurion fort. "Wann das letzte Mal eine ganz neue Show entworfen? Wann hast du dein letztes Gedicht geschrieben? Wann hast du das letzte Mal ein offenes Gespräch geführt, wann wolltest du zuletzt jemanden besser kennenlernen? Wann hast du..."

"Schon gut, schon gut!", rief Taranis, "Es ist ewig her, alles davon, ich weiß, aber zu zweit ist so ein Geschäft einfach sehr viel Arbeit..."

"Allein noch viel mehr", warf seine Schwester ruhig ein.

"Es ist an der Zeit", wiederholte Mau nachdrücklich. "Tritt durch die Tür nach draußen." Er streckte eine Hand nach seinem Sohn aus.

Unsicher, was nun kommen würde, aber voller Sehnsucht nach seinem Vater ergriff Taranis die Hand. Wie schon zuvor durch Amitielle sah er dadurch Szenen seiner Vergangenheit. Er sah sich alleine durch die Gegend kutschieren, übernächtigt und hungrig. Er sah sich mit aufgesetzt guter Laune Selbstgespräche führen und die peinlich berührten Blicke der Passanten. Er sah, wie sein Vater vergeblich versuchte, zu ihm durchzudringen.
Er sah den Tag, an dem er Onkel Asche weggeschickt hatte - fortgejagt, regelrecht. Er sah nun den unendlichen Schmerz in Onkels samtschwarzen Augen, den er damals unter seinem eigenen überwältigenden Schmerz nicht hatte erkennen können, und er begann zu weinen wie ein Kind.

"Seid ihr hier...", schluchzte er, "um... ist das alles wahr? Habe ich das wirklich..."

"Du hast dich vor einem übergroßen Schmerz in Sicherheit gebracht, Taran", sagte Mau warm, "aber jetzt bist du sicher. Du kannst wieder herauskommen. Und das solltest du auch. Das solltest du."

Er verblasste. Auch Amitielle begann durchsichtiger zu werden. Bevor sie endgültig verschwand, flüsterte es in Taranis' Kopf noch leise "Leb für uns beide, Taran - leb!"

Taranis sackte unkontrolliert zitternd in sich zusammen, landete mit dem Kopf auf Iudicaels Knie und weinte hemmungslos. Seine Haare schienen intensiver dunkelblau zu wabern, doch diesmal schaffte es die Leere nicht, ihn zu übernehmen - zu sehr war er auf seine Familie konzentriert. Aus seinem unkenntlich geschnieften Gestammel kristallisierte sich irgendwann ein "was habe ich getan, was habe ich nur getan" heraus, während er die Pluderhose des Priesters, der ihn einfach nur festhielt und ihm schweigend über den Rücken strich, nassweinte.

Taranis brauchte lange, um sich soweit zu beruhigen, daß er sich aufrichten und fragen konnte: "Hast du das geahnt?"

Iudicael nickte langsam. "Sowohl Emi als auch ich wußten, daß sie tot ist. Sie wollte es dir gleich sagen, aber..." Er wischte Taran die Tränen aus dem Gesicht und strich ihm durchs Haar. "Ich hatte große Angst, daß es dich völlig aus der Bahn wirft, wenn du es so... von uns... erfährst. Ich wollte sie um Hilfe bitten."

"Das war also wirklich sie? Das war wirklcih mein Vater? Ich habe mir nicht nur gewünscht, sie zu sehen?"

"Das waren sie. Ich habe auch deine Mutter gesehen."

"Unglaublich... wie hast du das nur gemacht?"

Iudicael rieb sich mit Daumen und Zeigefinger eine Schläfe und grinste schief. "Priesterzeug... ich habe eine Seelenreise gemacht."

"Ich habe dich erschöpft." Taranis betrachtete seinen Gastgeber besorgt. "Es hat dich angestrengt - es tut mir L..." Er unterbrach sich. "Nein, es tut mir nicht Leid, sondern ich danke dir. Ich danke dir sehr."

Der Priester lächelte. "Gerne. Wenngleich... es nichts Schönes war."

"Es ist niederschmetternd", bestätigte Taranis leise. "Ich habe offenbar alles zerstört, was gut war in meinem Leben. Jede Freundschaft..." Er dachte an seine lange verlorene Wagenfamilie, an ein paar samtschwarzer Augen, deren Besitzer er radikal und ohne zurückzublicken aus seinem Leben gestrichen hatte, und ballte die Fäuste. "Und nicht nur in meinem eigenen Leben. Ich werde viel Abbitte leisten müssen - falls das überhaupt möglich ist."

"Iiiich... habe da jemanden kennengelernt..." sagte Iudicael etwas verlegen und wuschelte sich erneut die Haare. "Also es ist jemand hier eingetroffen, der dich gerne sehen möchte, und auch Angst davor hat. Ihr habt Euch sicher viel zu sagen."

Taranis blinzelte verwirrt. "Mit mir sprechen? Aber - ich kenne doch niemanden?"

"Ihn kennst du. Dein Onkel ist hier."

"Du - das - das kann nicht sein... hier in Telogrus?" Nach der gerade gemachten Erfahrung schien es kaum möglich, daß er von noch intensiveren Gefühlen übermannt wurde, doch genau das geschah. Onkel Asche, hier?

"Hübscher Mann", beschrieb Iudicael genauer, "Kennt sich gut mit Schminke aus. Ich mag ihn gar nicht Asche nennen. Er ist wie wir..." Er drückte Taranis' Hände. "Wenn ich ihm nahe bin, spüre ich eine warme, schöne und auch verletzte Seele. Er will dich sehen. Er hat Angst, daß du es nicht möchtest."

Taranis mußt einige Minuten an die Zeltdecke starren, bis er sich sicher war, nicht gleich wieder loszuweinen. Wann war er so anfällig für Gefühle geworden? Warum kamen die jetzt alle gleichzeitig hoch? Eine verletzte Seele, natürlich - er selbst hatte Onkels Seele verletzt. Und dennoch wollte er mit ihm sprechen?

"Es ist alles ein bißchen viel gerade", krächzte er heiser. "Ich hatte gehofft, du erfühlst einen Ort, an dem Ami sein könnte, aber das - DAS ist wie ein Erdbeben in meinem Kopf. Sie ist tot! Sie ist tot und ich habe es fünfzehn Jahre verdrängt. Wer tut so etwas? Sie ist tot und hat dennoch mit mir gesprochen. Ist sowas überhaupt möglich? Und Onkel Asche soll hier sein? Ist das alles real? Bin ich wirklich zu dir gegangen oder ist das alles nur einer meiner Leerenträume? Vielleicht wünscht sich nur ein kranker Teil meines Gehirns, nicht mehr unterwegs sein zu müssen, vielleicht..." Er schluckte hart, "Vielleicht werde ich jetzt endgültig verrückt..."

"Soll ich dir eine knallen?"

"Im Ernst, wie kann ich meinem Kopf noch vertrauen? Er hat mich 15 Jahre lang angelogen. Wie stelle ich sicher, daß die Realität real ist?"

Iudicael holte aus und wemmste kräftig zu. "Na? Wach?" fragte er dann liebenswürdig.

"Hng", machte Taranis, sich die Wange reibend. "Ich gebe zu, ein derartig schlagkräftiger Priester wäre meiner Fantasie wahrscheinlich nicht entsprungen."

"Ich bin immer gern zu Diensten."

"Himmel, ich fühle mich wie ein Mann, der nur einen Nagel in die Wand schlagen wollte, und über dem das ganze Haus zusammengebrochen ist. Ich schätze, ich muß sehr, sehr viel nachdenken. Ich lasse dich dich mal ausruhen, hm?"

"Glaubst du ernsthaft, daß ich dich jetzt alleine irgendwohin gehen lasse?"

"Nicht?"

"Nein."

"Hmm."

"Möchtest du zum Nachdenken noch einen Tee?"

.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Fr 14. Feb 2020, 12:38

Es gab Neuigkeiten über Ilassans Verbleib! Iudicael hatte ihm angeboten, mit ihnen ins Brachland aufzubrechen und Taranis hatte sich nicht zweimal bitten lassen. Was die ‚tickende Bombe‘, wie Jeremiel die unausgebildete arkane Kraft in ihm nannte, anging, war er offen gewesen - und er durfte dennoch mit.

Er hatte Jeremiel, der zurückbleiben wollte, ein Kästchen in die Hand gedrückt, für den Fall, daß ihm etwas passierte (zum Beispiel, daß die erwähnte Bombe hochging). In diesem Kästchen befanden sich zwei Dinge: das Tagebuch seines Vaters, Maurion Nachtschimmer, und ein Brief, den Taranis in der Nacht vor ihrem Aufbruch an Onkel Asche schrieb.

Onkel,

Es ist viele Jahre zu spät für das, was ich dir zu sagen habe, doch es soll auch nicht mehr ungesagt bleiben.


Nun flogen sie zu fünft - Iudicael und sein Bruder Amandriel, Malyrius, der spontan doch noch aufgetauchte Jeremiel und er selbst - über das Schlingendorntal nach Beutebucht, von wo sie mit dem Schiff nach Ratschet übersetzen wollten.

Alles, was ich dir sagte, ja, alles, was ich glaubte, war falsch.

Und seit Jeremiel bei seinem Auftauchten beiläufig erwähnte, er habe das Falls-was-passiert in gute Hände abgegeben, nämlich ausgerechnet in Onkels, konnte Taranis nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken.

Ich habe mich in einen verzweifelten Traum verrannt, einen Wahn, aus dem ich nicht mehr hinausfand, trotz all deiner Rufe. Ich klammerte mich an diesen Wahn wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz, ich empfand jeden, der mir widersprach, als Bedrohung, die mir das Treibholz wegnehmen wollte. Auch dich.

Sie landeten mit zwei kurzen Zwischenstops in Fort Livingston, wo sie übernachten wollten, bevor sie am nächsten Tag nach Beutebucht weiterflögen. Während die anderen vier sich ans Lagerfeuer setzten, warf Taranis sein Gepäck ins Zelt und suchte sich ein abgeschiedenes Plätzchen hinter den Toilettenhäuschen.

Und das ist mir heute, seit ich mit Iudicaels Hilfe begriffen habe, daß Ami wirklich tot ist, daß das alles nur ein Wahn war, wie unvorstellbar weit ich an der Realität vorbeigelebt habe, unerträglich. Dich, den Mann, der mich mit großgezogen hat, der mich besser als jeder andere kannte, habe ich weggestoßen, fortgejagt sogar.

Hier war ein ungenutztes kleines Stück Rasenfläche, verhältnismäßig eben und blickgeschützt, und der Geruch von den Toiletten war aushaltbar. Er zog sein Hemd aus, legte es an die Palisade, wärmte sich auf und begann zu tanzen - genaugenommen eine Mischung aus tanzen und Onkels Kampftechniken.

Dir als Einzigem hätte ich vertrauen können, und ich hätte es müssen. Ich war egoistisch in meinem Schmerz und feige. Ich schäme mich über alle Worte hinaus. Bitte vergib mir.


Tanz half gegen die Stimmen in seinem Kopf - er hatte Emiriel auf einer Eule fliegen sehen und die bernsteinäugige Gefangene schien ihn inzwischen sogar körperlich berühren zu können -, gegen den Druck der ungewohnten Gesellschaft mehrerer Leute, gegen die Angst und Scham. Tanz brachte ihn ins Jetzt.

Bitte vergib mir.

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Di 18. Feb 2020, 11:01

Der Flug am nächsten Morgen nach Beutebucht war überwiegend ereignislos gewesen und sie hatten sich sofort nach der Landung aufgeteilt. Amandriel war direkt zum Pier geeilt, um Schiffspassagen für sie alle zu buchen, Iudicael und Jeremiel gingen anderen Dingen nach; nur Malyrius und Taranis schlenderten ohne Aufgabe langsam durch die Stadt auf den Hafen zu.

Es war ausgerechnet Malyrius, der grummlige, schweigsame Mann, der Taranis auf die Magie ansprach. Der ihn fragte, wie m Experimentieren mit der Leere stünde, und ob die Leere oder die arkane Energie in ihm überwöge. Taranis konnte es nicht genau sagen - früher hatte nichts überwogen, da er beide Kräfte nur spielerisch verwendet und ansonsten weitgehend ignoriert hatte. Doch mit seinem speziellen Eintreten in die Leere überwog natürlich im Moment diese.

„Wenn das hier vorbei ist“, knurrte Malyrius, „können wir uns das ja mal ansehen.“

Taranis mußte an sich halten, dem anderen nicht um den Hals zu fallen. Er würde Unterricht bekommen. In Magie.

„Unser Schiff ist die ‚einbrüstige Nixe‘“, verkündete Amandriel, als sie alle bei ihm zusammentrafen, „und ich habe nur zwei Kabinen und eine Hängematte bekommen - schlagt Euch drum!“

„Hängematte!“ sagte Taranis sofort. Eigentlich brauchte er nicht einmal diese - er würde ganz sicher nicht schlafen. Er liebte Schiffe und wollte jeden Moment dieser Überfahrt auskosten. Genaugenommen wollte er jeden Moment seines Lebens voll auskosten - jetzt, da er wußte, daß er es allein würde leben müssen, jetzt, da das fahrende Künstlerleben am Ende schien, jetzt wollte er alles so bewußt wie möglich erleben, wollte jede Erfahrung machen.

Sie hatten eine Stunde bis zum Ablegen und nutzten diese Zeit, um sich einzurichten. Taranis warf seine Taschen in den Frachtraum und sah sich ausgiebig erst unter, dann über Deck um, bevor er sich an die Reling stellte und darauf wartete, daß die ‚Nixe‘ ablegte. Dr Wind war bereits im Hafen deutlich aufgefrischt, und entwickelte sich in den ersten zwei Stunden ihrer Fahrt zu einem kräftigen Sturm.

„Aus dem Weg!“ schrie ihn ein Deckmatrose an, der sich schräg im Wind an ihm vorbeikämpfte. „Passagiere unter Deck!“

Taranis gehorchte mit großem Bedauern - nicht, weil er sich nicht zutraute, sicher an Deck zu bleiben, sondern weil er niemandem im Weg stehen wollte, zumal wenn die Arbeit der Besatzung so gefährlich war wie gerade. Er wartete im Eingang des Frachtraums den gröbsten Sturm ab, sich mit dem Schiff wiegend und die festgezurrten Kisten im Blick. Als das Schaukeln der ‚Nixe‘ sich normalisierte und er wieder aufs Oberdeck ging, war es bereits dunkel draußen und sie segelten unter aufreißenden Wolken unter einem Sternenhimmel dahin.

Er lehnte sich wieder an die Reling und genoss die Nacht.

„Herr!“ sprach ihn jemand überrascht an. Er sah sich fragend um. „Herr?“ wiederholte der junge Mann neben ihm fragend. Er war ein Mensch, vielleicht Mitte 20, mit feinem, dunkelblondem Haar und einer mäßig kräftigen Statur. Etwas an ihm kam Taranis bekannt vor.

„Ich bin es - Jason“, sagte der Mann, „ich war Schiffsjunge auf der ‚Wellenreiter‘ vor fünfzehn Jahren, erinnert Ihr Euch? Ihr habt für uns gesungen und getanzt und...Eure Vorhersagen! Sie sind alle eingetroffen! Der erste Maat hat wirklich sein Bein verloren, er ist jetzt Käpt‘n und noch ein größerer Tyrann als vorher...“

Der junge Mann sprudelte förmlich über. Taranis erinnerte sich. Er hatte den Wagen verkauft, dessen wichtigste Inhalte in Kisten verladen lassen und war von Theramore aus in die östlichen Königreiche gereist, wo er sich einen kleineren Wagen zugelegt hatte. Asche war noch bei ihm gewesen. Er hatte die Mannschaft amüsiert, sie hatten ihnen den Preis für die Überfahrt erlassen und nur den Transport der Fracht berechnet, und Jason, der damals 12jährige Schiffsjunge, hatte ihm in der Nacht ein Geschenk gemacht.

„Ich erinnere mich!“ sagte er jetzt mit leuchtenden Augen. „Du bist nur - so erwachsen, ich habe dich nicht gleich erkannt. Hast du Dienst? Oder hast du ein wenig Zeit?“

„Ich bin im Ausguck heute, wie damals“, grinste Jason. „Wollt Ihr wieder mit hoch?“

„Sie haben dich damals fast vom Schiff geworfen deshalb...“ zögerte Taranis. Und doch, dies war ein unvergessliches Geschenk gewesen. Der Schiffsjunge war mit ihm durch die Takelage geklettert zweit hatten sie sich in den Korb für den Ausguck gedrängt. Dort oben war jedes Schwanken verstärkt, der Wind riß einem fast die Haare vom Kopf und man fühlte sich frei wie ein Vogel.

„Fast“, grinste Jason, fasste den Elfen an der Hand und zog ihn mit sich. Behende kletterten sie beide die Seile und Masten empor, bis sie am Ausguck ankamen. Dieser Korb sah wesentlich stabiler aus als der damalige, und sie passten besser hinein. „Ist ein größeres Schiff und auch die dicken Matrosen müssen mal hier hoch“, lachte Jason.

Sie redeten eine Weile, schwiegen eine Weile und sahen weit über das Wasser, in dessen Mitte sie sich unendlich kein fühlten.

„Könnt Ihr... das noch, was Ihr damals gemacht habt?“ fragte Jason irgendwann zurückhaltend.

„Was - singen?“ fragte Taranis überrascht.

„In die Zukunft sehen“, antwortete der Matrose, sich ein Herz fassend. „Wißt Ihr, ich habe ein Mädel in Beutebucht, und sie war etwas seltsam bei diesem Landgang... ich meine nur, wenn es Euch nichts ausmacht, wüßte ich gern, ob sie die Richtige zum Heiraten ist, das hatte ich nämlich vor...“

Taranis lächelte leicht amüsiert und ein wenig gerührt. „Ich kann es versuchen“, sagte er. „Gib mir mal deine Hand.“

Er fühlte sich vorsichtig in Jasons Leben, in seine Energie ein. Er dachte an den Graben, den Jeremiel ihn hatte üben lassen - auf der einen Seite ist die Leere, auf der anderen sind deine Gedanken. Dann überschritt er den Graben gezielt und mit Konzentration auf den Mann neben sich. Er blendete alle anderen Stimmen aus, soweit er konnte. Er sah Augen, bernsteinfarbene, samtschwarze, hellblaue. Da, die hellblauen. Oho, kein Wunder, daß Jasons Mädel ‚etwas seltsam‘ war... Taranis tastete alle Zukünfte ab, die er erkennen konnte. Dann öffnete er die Augen.

“Nun“, sagte er und ließ die Hand seines Nachbarn los. „Sie ist ganz bestimmt die Richtige zum Heiraten.“ Er sah Jason mit einem warmen Lächeln an. „Du wirst dich in nächster Zeit gut um sie kümmern müssen, Herr Jason, zukünftiger Vater einer ziemlich wilden Tochter. Ich habe keine Zukunft gesehen, in der Ihr nicht glücklich miteinander wart.“

Er hatte Zukünfte gesehen, in denen dieses Glück nicht lange dauerte, aber Jason wußte sicher, worauf er sich mit der Tochter eines Freibeuters einließ. Jetzt sein überglückliches Gesicht zu sehen war mit Sicherheit eines der schönsten Dinge, die Taranis seit Monaten erlebte. Er lehnte den Kopf an den Mast und sah in die Sterne.

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » So 23. Feb 2020, 12:35

In Beutebucht fanden sie ohne größere Probleme die gesuchte Zauberbrecherin, die offenbar jemand anderen erwartet hatte, aber dennoch kooperierte. An einem Tisch im „geborstenen Kiel“ beschnupperten und besprachen sie sich, und hier passierte es: die fremde Elfe in seinem Kopf nahm wieder Kontakt zu ihm auf. Er fühlte sie, er bemerkte auch, daß sein Körper begann, für alle sichtbar leicht von Leere umwabert zu werden, und sofort flüsterte er „Sie ist wieder da“, damit Iudicael wußte, was passierte.

„Sollen wir kurz rausgehen?“ schlug der Priester vor und brachte Taranis aus dem Gastraum voller besorgter Blicke. Sie gingen ein paar Schritte die Klippe hinauf und blieben stehen, als sie sich allein genug fühlten.

Taranis hatte die Elfe in den letzten Tagen und Wochen so oft und intensiv wahrgenommen und ihre Angst gespürt, daß er jetzt Iudicael alles darüber erzählen wollte. Er sprach von der Stimme, von ihrer Entführung während des Unfalls in Telogrus, von ihrer Gefangennahme durch jemand Unbekannten, der sie seither permanent mit Leere flutete. Er beschrieb die Höhle, in der sie festsaß, die Kristalle an den Wänden. Er erzählte, wie er sie neuerdings sogar körperlich spüren konnte und endete mit der Frage: „Ist das real? Du warst doch auch schonmal in meinem Kopf... spazieren - denkst du auch, daß es sie wirklich gibt und sie wirklich Hilfe braucht?“

Iudicael hörte sich das alles aufmerksam an und schnaubte bei der Frage. „Ich war nicht spazieren... Hmm. Hast du je versucht, ihr zu antworten?

Taranis schüttelte den Kopf. „Nein. Ich - ich hatte Angst, daß es ein Wahn sein könnte, wie Amitielle. Ich wollte nicht wieder anfangen, mit unsichtbaren Leuten zu sprechen.“

„Und wenn du es jetzt versuchst? Frag sie irgendwas. Frag sie, wie sie hier sein kann, wenn sie kein Geist ist.“

‚Du hast es gehört‘, dachte Taranis. ‚Wie kannst du hier sein? Wie heißt du überhaupt?‘

Kein Geist, wisperte die Stimme. Ich bin hier, weil du hier bist. Ich kann durch dich sprechen.

Taranis wiederholte das für den Priester.

„Du hältst sie also irgendwie hier fest?“ grübelte Iudicael.

„Es ist eher so, als würde sie sich an mir festhalten“, sagte Taranis. „Ich tue ja nichts dazu, sie ist einfach da.“

„Das klingt nicht gesund“, murmelte Iudicael.

‚Kannst du ihm auch erscheinen?‘ fragte er die Elfe, ‚damit er dich besser erkennt?‘

Berühr ihn, antwortete sie, und Taranis berührte einmal beiläufig Iudicaels Hand. Sofort fühlte er einen stärkeren Sog der Leere in seinem Inneren und sah, wie sich eine zarte Silhouette in der Luft formte.

Er hörte das Gespräch nicht, das der Priester mit dr Erscheinung führte, aber er sah, daß Iudicael nicht hundertprozentig zufrieden mit der Situation war. Einerseits schien er ebenfalls keine direkte Gefahr zu sehen, andererseits fürchtete er um Taranis‘ Kraftreserven und geistige Kapazitäten.

„Dennoch“, sagte Iudicael nach einiger Zeit laut, „das muß aufhören. Du kannst ihm nicht einfach jeder Zeit erscheinen; es macht den Leuten Angst, wenn einer von uns plötzlich von Leere durchflossen im Gasthaus sitzt.“

Taranis nickte. ‚Es wäre zumindest gut, wenn du es einige Zeit einstellen könntest - bis wir unseren Freund Ilassan gefunden haben? Ich verspreche dir, ich werde nach dir suchen, wenn das vorbei ist. Ich will dich da rausholen.‘

Sie nickte zustimmend und legte ihm die Hände auf die Ohren. Ich kann sogar machen, daß die Stimmen weg sind. Dauerhaft. Soll ich das tun? Und tatsächlich, das Leerenwispern und -schreien wurde einfach stumm. Wie war das nur möglich?

‚Aber nicht für immer‘, dachte er an sie gewandt, ‚ich will die Leere - ich brauche sie. Mit der Leere kann ich Freunde erfühlen, manchmal sogar erreichen...‘ Er dachte an Emiriel. Er sah zwar nur Blitzlichter ihrer Reise, doch zumindest wußte er, daß es ihr gut ging. Und er dachte an das Gefühl, das ihn beim ersten Kontakt mit der Leere völlig überwältigt hatte.
Ja, sie Leere konnte Leute in den Wahnsinn treiben. Ja, die Stimmen waren gefährlich. Ja, auch er mußte sich Tag für Tag wieder aktiv von ihr abgrenzen, um ein normales Leben führen zu können. Und doch... sie vervollständigte ihn. Er hasste sie nicht. Es war, als wäre die Leere der gruselige Keller einer großen Villa, in der sie alle lebten, und er sei der Einzige, der die dortige Architektur zu schätzen wußte. Die Leere war ein Teil von ihm gewesen, bevor er das Konzept überhaupt begreifen konnte, und er wollte sie nicht verlieren.

Die Erscheinung ließ ihre Hände auf seinen Ohren liegen und verschwamm nach und nach, auch für Iudicael sichtbar, in Taranis‘ Körper. Während der Priester wiederholt murmelte „das kann nicht gesund sein“, sprach sie zu Taranis: Die Stimmen werden fort sein, solange du es willst. Aber bedenke: was du nicht hörst, das höre ich.

Und sie verschwand, bevor er protestieren konnte - DAS hatte er nun nicht gewollt, daß sie ihm seine Last trug.

Jetzt war es still. Als er später eine wutentbrannte Standpauke von Amandriel erhielt, war es still. Er konnte den Vorwurf, er habe sich nicht im Griff, völlig aufrichtig mit „Doch“ beantworten, denn er hörte absolut nichts in seinem Kopf. Kein Leerenelf hatte sich vermutlich je so sehr im Griff gehabt wie er, denn er mußte sich gegen gar nichts zur Wehr setzen. Er fühlte sich seltsam alleine.

Es war immer noch still, als sie eine Informantin befragten, indem sie alle drei der als Prostituierten arbeitenden Dame in ihr Zimmer folgten und anderes vortäuschten, als tatsächlich stattfand: der Magierin und dem Priester war es sichtbar peinlich, als sie das Zimmer wieder verließen, während Taranis nicht umhin konnte, die beiden amüsiert zu beobachten.

Und es war auch noch still, als sie am nächsten Morgen auf die Männer von der Bruderschaft des Lichts trafen und über die Geschehnisse des Vorabends informierten. Ilassan war offenbar von mehreren Personen auf ein Schiff elfischer Bauart verbracht worden. Er hatte einen Brief geschrieben - genaue gesagt, es war ein Brief in seiner Handschrift aufgetaucht, über dessen Inhalt sich alle einig waren: so hätte Ilassan sich niemals ausgedrückt.
Man grübelte gemeinsam über mögliche versteckte Codewörter und kam überein, daß er wahrscheinlich irgendwo in Immersang war, und - Taranis erinnerte sich an die Vorhersage, die er damals im Ressort für Ilasan gemacht hatte - daß es jemand aus seiner Vergangenheit war, der ihn festsetzte. Nach Malyrius‘ Meinung war dies am wahrscheinlichsten Ilassans Vater.

Er sah und hörte den anderen, die Ilassan viel besser kannten als er, beim Denken zu, und es war still in seinem Kopf.

Womöglich würde er das Misstrauen und die Ablehnung anderer Ren‘Dorei für immer in Kauf nehmen müssen, womöglich würde seine Art, die Leere zu spielen wie ein Instrument, immer bei einigen zu Angst und Zurückweisung führen. Doch er wußte nun, was er war. Es war still in seinem Kopf und er fühlte sich nicht frei, sondern eines Sinnes beraubt. Er war ein Seher und die Leere war sein Auge.

Er würde diese Suche und hoffentlich Befreiung ihres Freundes in Stille begleiten, doch danach wußte er, was er tun wollte.


Jetzt jedoch... war es still.

Still.

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 27. Feb 2020, 01:46

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück versammelten sie sich vor dem Gasthaus - Leerenelfen und Menschen, denn die drei Männer von der Bruderschaft des Lichts waren ebenfalls am Vorabend eingetroffen und man setzte sie nun über alles in Kenntnis und besprach sich dann miteinander. Lange und ausgiebig wurden diverse Pläne entworfen und Eventualitäten gewälzt. Irgendwann rief Amandriel dazu auf, daß jeder seine Meinung zum besten weiteren Vorgehen sagen sollte, damit man zu einer Lösung käme.

Einer der Brüder, ein rothaariger Mann, der vorhin im Halbschlaf „Tee..., Tee...“ murmelnd durch die Gaststube gewankt war und dabei Taranis angerempelt hatte, schien inzwischen (zwei Tassen starken Tees später) fähig, sich zu artikulieren, und er hatte eine Idee, die Taranis schon wegen ihrer Dreistigkeit sehr gefiel: wenn man Ilassan auf magischem Weg nicht aufspüren, geschweige denn befreien konnte, warum klopfte man dann nicht einfach direkt an die Tür? Falls es einen unter den Elfen gab, den Ilassans Vater nicht kannte, könnte man ihn eventuell verkleiden, so wie Amandriel es während des Orgrimmarfeldzugs hatte tun müssen, damit man die bläuliche Hautfarbe nicht so sah, und schon konnte ein guter Spion direkt vor Ort nach Informationen suchen.

Taranis stellte in den Raum, daß Schauspielern sein Beruf war, und fügte hinzu, daß er im Moment das Glück hatte, von keinen Leerenstimmen abgelenkt zu sein - das wußte schließlich nur Iudicael, und seiner Meinung nach konnte man die derzeitige völlige Abwesenheit unwillkommenen Leerenwaberns zum eigenen Vorteil nutzen. Er war mehr als bereit, im Immersangwald die Show seines Lebens hinzulegen.

Doch er hatte die Rechnung ohne die anderen Elfen gemacht. Während er selbst in der Kommunikation mit der fremden Elfe in seinem Kopf nie ein Problem gesehen hatte - nur vielleicht anfangs das, daß er nicht wußte, ob er seiner Wahrnehmung trauen konnte und sie wirklich da war -, waren alle anderen schlagartig mißtrauisch. Woher kam dieser geistige Kontakt? War er überhaupt geistig oder vielmehr seelisch? Tat diese Person nur so, als sei sie eine gefangene Elfe, während sie gleichzeitig durch Taranis‘ Augen und Ohren spionierte? Steckte Ilassans Vater dahinter?

Taranis war sich zwar sicher, daß das nicht der Fall war, doch er hatte keine Belege dafür, nur sein Bauchgefühl. Darum bot er selbst an, sich von dieser Besprechung zu entfernen, um im schlimmsten Fall nicht für noch mehr Informationsbeschaffung verantwortlich zu sein. Er spazierte die Klippen über Ratschet hinauf, genoß die Wärme der Sonne auf dem Rücken und sah über das Meer im Osten.

Lange stand er dort, während unten weiterdiskutiert wurde, und dachte an dies und jenes und immer wieder an die fremde Elfe. Das Gefühl eines freien Geistes, das er jetzt hatte, war ihm ungewohnt. Daß seine Gedanken die einzigen waren, die er gerade hören konnte, machte beinahe, daß er sich ein wenig allein fühlte. Vielleicht war es aber auch die Erinnerung an frühere Vorstellungen in Ratchet, die er noch nicht allein gemacht hatte. Er atmete tief durch und schüttelte die aufkommende Melancholie ab.

Bist du eine hinterhältige Spionin?, dachte er bei sich. Habe ich mich so in dir getäuscht?

Blitzartig sah er Bilder vor seinem inneren Auge aufflackern: eine runde Höhle, Telogrus, ein riesiger Warpwirker, wieder die runde Höhle, darin eine zarte Elfenfrau.

Er blinzelte. Natürlich, sie war noch da. Wenn er sich konzentrierte, konnte er sogar das Gefühl ihrer Hände auf seinen Ohren erspüren, als könne sie die Leere damit aus seinem Geist fernhalten. Noch während er versuchte, zu erfühlen, ob es ihr gut ging und ob sie vertrauenswürdig war, hörte er sie flüstern - doch es war zu schwach und zerrissen, um es zu verstehen. Dann wieder Bilder.

Jemand diskutierte mit Menschen in roten Rüstungen.
Jemand kämpfte... in Lederrüstung.

Barriere... flüsterte es in seine Kopf.
...Scherben...
...Verwundet...
...Brief schreiben...
Die Macht kehrt zurück...


Stille. Doch Taranis hatte kaum angefangen, diese seltsamen Bruchstücke zu sortieren, da flüsterte es noch einmal.

Emiriel!

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Di 10. Mär 2020, 01:49

Sie hatten die frisch zusammengeführte Gruppe noch am selben Tag wieder aufgelöst, erfuhr Taranis, als seine Isolation mit dem Ende der Besprechung der anderen ebenfalls endete. Die Mitglieder der Bruderschaft des Lichts reisten ab, bevor er sie noch einmal sehen konnte, und die Leerenelfen waren wieder für sich. Wie sich herausstellte, geschah dies, weil sich die anderen schweren Herzens einig geworden waren, zuerst nach der Elfe zu suchen, die Taranis‘ Geist belagerte, bevor sie den Spuren ihres Freundes Ilassan weiter folgten.

Da es keine konkreteren Anhaltspunkte für den Ort ihrer Gefangenschaft gab als die kristalldurchsetzte Höhle, die er gesehen hatte, und einen Peiniger, der womöglich ein Astraler war, beschlossen sie, nach Telogrus zurückzkehren und ihre Suche dort zu beginnen. Es mochte sehr unwahrscheinlich sein, daß die Elfe die ganze Zeit direkt vor ihren Füßen verborgen gewesen war, doch sie wollten zunächst das Offensichtlichste abklopfen und bei dieser Gelegenheit auch noch einmal einen Blick in Ilassans Zelt werfen.

Jeremiel nahm Taranis an der Hand, um ihn durch einen Leerenriss zurückzuführen, denn selbst konnte dieser noch keinen Riss formen. In Telogrus angekommen teilten sie sich in mehrere Gruppen: Iudicael ging nach Sturmwind, um Anastrius zu suchen, sein Bruder tat dasselbe auf Telogrus. Jeremiel wollte seine Bücher nach Ortungszaubern durchforsten.

Taranis begleitete Malyrius, der die zweite Scherbe langsam abschritt und magisch abtastete. Zwischendurch erklärte er Taran, was er tat, und fragte immer mal wieder „Spürst du was?“, doch er spürte gar nichts bis - bis sie den Rand der Scherbe erreichten und auf die dritte größere Scherbe blicken konnten. Sie sahen einander an.

„Spürst du was?“ fragte Malyrius erneut. Und da war etwas. Taranis nickte, als ein Bild sich in seinem Geist formte.
„Sie ist nicht hier“, antwortete er dann, „aber dort drüben - dort ist es passiert. Dort ist sie entführt worden.“

Da sie weiter nichts herausfanden, gingen sie zu Jeremiels Zelt, dem vereinbarten Treffpunkt. Den Besitzer konnte man in seinem Büro hemmungslos fluchen hören, Amandriel und Iudicael saßen unzufrieden schweigend in den Sitzkissen, auf dem Tisch lagen neben einer dampfenden Kanne Kaffee zwei Briefe.

Amandriel schenkte Malyrius eine Tasse Kaffee ein und zeigte auf die Briefe.

„Einer ist von Emi für alle“, erklärte er. „Den anderen... hab ich bei Ilassans Lager gefunden. Hab ihn noch nicht aufgemacht, ich wollte euch alle fragen, ob wir das Briefgeheimnis wahren sollten.“

„Ist das ‚ne Beichte? Ist Ilassan Priester?“ Iudicael wedelte mit der Hand. „Nee.“

„Mach ihn auf“, tönte es aus Jeremiels Studierzimmer und auch Malyrius nickte.

Amandriel öffnete den Brief, auf dem kein Siegel war, entfaltete ihn und las vor. Zunehmend ungläubig hörten sie ihm zu. Er war an Ilassan adressiert und stammte aus der Feder von Anastrius. Anastrius, der sich vorwarf, den Unfall nicht verhindert zu haben, der die Ren‘Dorei hervorgebracht hatte, der sich danach geschworen hatte, seine Freunde, seine Familie vor weiterem Leid zu bewahren und sogar von der Leere befreien zu wollen. Anastrius, der davon schrieb, „an diesem einen Abend erneut versagt“ zu haben und der deshalb Ilassan bat, Schutz und Führung „dieser Kinder“ an seiner Stelle zu übernehmen. Er war gegangen, er hatte sie verlassen.

Taranis begriff erst, daß er selbst der Grund für Anastrius’ Verschwinden war, als Iudicael ihn lange undurchdringlich ansah und sich schließlich mit einem „Ich brauche frische Luft“ abwandte und an den Zelteingang trat.

Es passiert wieder, dachte er erschüttert. Meine eigene Familie ist an mir zerbrochen, nun tut es diese. Es passiert wieder.

Nur mit Mühe widerstand er dem Drang, einfach aufzustehen und wegzulaufen; kaum hörte er, wie die anderen sich unterhielten. Anastrius wußte ja nichts von Ilassans Entführung, von der unsichtbaren Elfe... man brauchte ihn, dringender denn je! Sie entschieden, ihm zu schreiben. Amandriel übernahm das und verließ dafür das Zelt. Es dauerte keine 30 Sekunden, bis Taranis aufsprang und ihm hinterherrannte.

„Amandriel!“ rief er, als ihn etwas hart im Rücken traf, die Welt und sein Körper gleichzeitig zu explodieren schienen und er mit dem Gesicht dicht über dem Boden liegend landete. Vor ihm waren riesige Füße.

„Eine... Schildkröte?“ hörte er Amandriels Stimme von sehr weit oben.

„Ich dachte, er will abhauen“, antwortete Malyrius‘ Stimme aus ähnlicher Entfernung.

„Niedlich“, sagte wieder Amandriel.

„Ich kann das rückgängig machen“, meinte der Magier. Taranis strampelte mit einem Bein. Das aus einem Panzer ragte. Jedoch nicht lange: Malyrius machte es sofort rückgängig. Einen Moment lang mußte Taran sich besinnen, welche Gliedmaßen wohin gehörten, und er hatte einen kurzen Heißhunger auf Salat. Dann ließ er sich von Amandriel aufhelfen.

„Was gibt‘s denn?“ fragte dieser, als sei nichts Besonderes geschehen.

„Ich... wollte dich sprechen, bevor du diesen Brief schreibst... Moment mal...“ Taranis wandte sich, immer noch leicht benommen, zu Malyrius um. Eine Schildkröte war langsam und träge, aber... „Kannst du Leute auch in andere Tiere verwandeln? In schnellere, wehrhaftere Tiere? In Tiere, die im Immersang heimisch sind? Und falls ja - würdest du diesen Gedanken mit den anderen besprechen, während ich...“ er deutete auf Amandriel.

Dieser hieß Taranis, ihn in sein Zelt zu folgen, während Malyrius wieder zurückging. Er warf sein Gepäck dort ab und forderte ihn mit einem „Dann leg mal los“ zum Reden auf, und Taranis redete nicht drumherum:

„Ich denke, ich sollte gehen. Schnellstmöglich.“

„Aha - und wieso denkst du das?“

„Ich denke, ich verursache zu viele vermeidbare Probleme.“ Sein Ausdruck war sachlich. „Anastrius hat Euch meinetwegen verlassen. Diese fremde Elfe macht mich zu Unzeiten auffällig und hält Euch jetzt auch noch von der Suche nach Ilassan ab. Ich... habe viel aufgewühlt, das sich wieder beruhigen sollte, und ich stehle Euch zu viel Zeit und Kraft. Ich kann Jeremiels Rat folgen und versuchen, einen Platz an einer Universität zu erlangen. Ich hoffe, daß Anastrius vielleicht eher zurückkehrt, wenn er mich dann nicht mehr ständig vor Augen hat, und ich wollte dir das sagen, bevor du ihm schreibst.“

Amandriel sah ihn an. „Also willst du die Elfe töten?“

„Was? Nein!“ Schockiert blinzelte Taranis. „Ich wollte durch sie selbst ihren Aufenthaltsort herausfinden und dann...“ er zuckte etwas hilflos mit den Schultern, „...mein Bestes versuchen, um ihr zu helfen.“

„Alleine.“ Amandriel sah ihn immer noch an. „Und du glaubst ernsthaft, daß du alleine etwas gegen einen Astralen ausrichten kannst, der eine wohl recht fähige Ren‘Dorei in seiner Gewalt hält?“ Er hob eine Braue. „Faszinierend.“ setzte er trocken nach.

„Ich habe nicht gesagt, daß ich alleine da reinstürmen werde - ich sagte, ich würde mein Bestes versuchen. Wie genau das aussieht, kann ich jetzt noch nicht abschätzen.“ Er atmete einmal tief durch. „Ich möchte nicht, verantwortlich dafür sein, daß eure... Familie zerbricht, nur weil ihr euch mit Problemen herumschlagen müßt, die ihr ohne mich gar nicht hättet.“

Amandriel antwortete ruhig. „Ich weiß nur durch Erzählungen, wie du zum Ren‘Dorei wurdest und ja... das heiße ich nicht gut. Ich sehe aber auch, daß du Probleme mit dir schleppst, die du alleine nicht bewältigen kannst. Du stellst dich gegen jede Hilfe, die man dir bietet, und willst sofort die Flucht antreten... nur um niemanden zu belästigen.“ Sein Blick war fest. „So läuft das hier aber nicht. Alle, die dabei waren, als du deiner Gier verfallen bist, fühlen sich schuldig und würden dich nicht in Ruhe lassen, denn sie erachten es als ihre Schuld. Wenn du gehst, ist das das Todesurteil für die Elfe. Nichts gegen dich, aber hier geht es nicht um dich. Hier geht es um Gemeinschaft und Zusammenhalt, und wir lassen einander nicht einfach so im Stich.“

„Aber genau das meine ich doch“, rief Taranis verzweifelt. „Es sollte überhaupt nicht um mich gehen, und doch tut es das ständig... ich will doch nur das Problem aus der Gleichung entfernen.“ Er starrte unglücklich einen unbestimmten Punkt an der Zeltwand an. „Verdammt“, flüsterte er dann, „Was die Elfe angeht, hast du wahrscheinlich Recht.“ Er ballte eine Faust. „Der Zeitpunkt, überhaupt irgendetwas geradezurücken, ist wohl schon lange vorbei.“

„Richtig“, erwiderte Amandriel ruhig und wiederholte: „Es geht auch nicht um dich, Taranis. Es geht um eine Hilfebedürftige, die verzweifelt den Strohhalm gegriffen hat, den sie erreichen konnte, und das bist du. Hier geht es um jemanden, der Angst hat und stirbt, wenn wir nicht helfen. Wenn du gutmachen willst, was du getan hast... dann mach die stolz, die du missbraucht hast, um deine Gier zu stillen.“

Zutiefst getroffen stand Taranis einige Sekunden starr da. So sahen sie ihn also. Das war er für sie. Für ihn war es ein Nachhausekommen gewesen, eine regelrechte Erleuchtung, ein Begreifen der dunkelsten Tiefe seiner Seele. Für die anderen war er ein Monster, das sie angefallen und ihnen Leere entzogen hatte, und damit nicht genug - er hatte sie zur vermeintlich schlimmsten Tat gezwungen. Sie hatten ihn zum Ren‘Dorei werden lassen, gegen ihren Willen, gegen ihre erbitterte Gegenwehr.
Diese Leute sollte er stolz machen? Stolz? Es war unvorstellbar, daß jemand jemals auf einen Gewalttäter in seinem Leben stolz wurde. Das war eine unbegleichbare Schuld.

Er nickte verkrampft und drehte sich um, um das Zelt zu verlassen.

„Taranis“, hörte er hinter sich. „Du tust es schon wieder.“ Amandriel seufzte. „Lass mich eines klarstellen: jeder von uns hat schon Scheiße gebaut, baut Scheiße und wird Scheiße bauen. Wir sind alle lebendige Wesen und die Leere ist nicht immer hilfreich. Ich habe keine Ahnung, wieso du denkst, es würde sich immer um dich drehen. Ich vermute, in deinem Leben war das immer so, bewußt oder unbewußt. Versuch einfach, dich in diese Gemeinschaft zu integrieren. Ich hatte übrigens nicht vor, Anastrius wissen zu lassen, daß wir seinen Brief kennen.“

„Verzeihung“, erwiderte Taranis steif, der jede Mauer in seinem Inneren nicht nur wieder hochgezogen, sondern dreifach verstärkt hatte. „Ich wollte nur gehen, um dich nicht länger in Anspruch zu nehmen. Ich werde mich um Integration bemühen. Danke, daß du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast, und danke für deine Meinung; sie ist mir viel wert. Darf ich mich entfernen?“

Amandriel seufzte erneut. „Sicher, ich halte dich nicht auf.“

Taranis stakste zurück zu Jeremiels Zelt und seine Gedanken rasten chaotisch. Er wollte helfen, er wollte alles wieder gutmachen, das wollte er mehr als alles andere. Doch gleichzeitig mußte er unsichtbar sein. Es durfte nicht mehr um ihn gehen, er machte sie alle wütend und schuldig und genervt und das mußte aufhören. Er mußte verschwinden. Aber er mußte auch hierbleiben.

Als er leise durch den Zelteingang schlüpfte und sich wieder auf sein Sitzkissen setzte, wünschte er sich für einen Moment, er wäre eine Schildkröte geblieben. Er zog die Knie an die Brust und legte die Stirn darauf ab.

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 12. Mär 2020, 22:29

Diesmal war es anders. Sein Körper saß weiterhin in Jeremiels Zelt zwischen den anderen, die Stirn auf den Knien abgelegt. Doch als die Elfe ihn dieses Mal sprechen wollte, hörte er sie nicht als zusätzlichen Teil dieser Realität. Nein, sie zog ihn fort. Er verspürte einen deutlichen, von ihr ausgehenden Druck und sein Geist geriet an einen anderen Ort, wo sie ihn haben wollte.

Es war der Immersangwald. Er erwachte mit dem Kopf in ihrem Schoß, sie strich ihm durch das Haar wie eine Mutter ihrem Kind.

„Sei ruhig, ich bin hier“, sagte sie warm. „Hör nicht auf die Stimmen, die dir einen falschen Wert zuordnen wollen. Setze dich nicht auf die unteren Stufen, Taranis. Glaube an dich.“

Er fuhr auf, hektisch, nicht verstehend, wie er hierhergeraten war und was sie sagte. „Welche Stufen? Wer bist du?“ Dann fiel ihm etwas ein: „Das muß aufhören, sofort! Laß mich gehen - die anderen hassen es, wenn ich so wegtrete...“

„Beruhige dich -“

„Nein! Wer bist du? Bist du... sie? Wie machst du das?“ Er deutete auf den Wald um sie herum, der nicht nur visuell vorhanden war: deutlich waren Vogelstimmen zu hören, das leise Rauschen der alten Bäume, die Wärme des Sonnenlichts war spürbar auf seiner Haut. „Sag mir, wie wir dich finden, dich befreien können! Was hilft dir?“

„Ja, ich bin die, die dir das Flüstern nimmt.“ Sie erhob sich ebenfalls, trat an ihn hran und strich ihm über die Wange. „Du hörst mich. Du bist der einzige, der mich bisher gehört hat. Du glaubst nicht, wie dankbar ich jetzt schon bin.“

„Das ist nicht mein Verdienst. Es ist das Erbe meiner Familie oder deine Fähigkeiten oder beides zusammen - aber was es auch ist, du kannst da nicht länger bleiben, und wir wissen nicht weiter.“

„Du hast doch Verbindung zu mir. Ein Riss reicht vielleicht schon aus.“ Warm lächelnd breitete sie die Hände aus, wie um ihn zu umarmen.

„Nein, ich kann das nicht“, flüsterte er, trat einen Schritt zurück und umarmte statt ihrer sich selbst. „Leute in meiner Nähe werden verletzt...“ Er schämte sich angesichts ihres enttäuschten, traurigen Blicks,

sei, wie sie dich haben wollen...

fragte aber weiter: „Gibt es etwas Konkreteres? Einen Ort, einen Weg?“

„Es gibt ein Buch, das die Streitkräfte der Allianz im Draenorfeldzug vom Schattenmondclan erbeutet haben. Darin wird beschrieben, wie man ein Leerenwesen herbeibeschwört.“ Sie wirkte etwas bedrückt bei diesen Worten. „Damit könntet Ihr mich vielleicht zu Euch ziehen.“

Er dachte kurz darüber nach, schüttelte jedoch schnell den Kopf. „Ihr seid, wie gefoltert auch immer, dennoch kein Leerenwesen, sondern eine Elfe aus Fleisch und Blut. Das wäe Wahnsinn. Das würde im schlimmsten Fall Eure Seele in Stücke reißen.“

Die Elfe machte mit angestrengtem Ausdruck eine knappe Geste, und das Flüstern in Taranis‘ Kopf versiegte wieder.

„Calendriel Nachtsänger ist mein Name“, stellte sie sich endlich vor.

„Was für ein wunderschöner Name. Es ist mir eine Ehre“, erwiderte er. „Ich bin Taranis Nachtschimmer.“ Er streckte die Hand zum Gruß aus. „Könnt Ihr mir etwas über Euren Entführer sagen?“

Sie ergriff seine Hand und hielt sie mit ihren beiden Händen fest. „Der Astrale, der mich entführt hat, heißt Razoul.“ Sie atmete angestrengt und schien den nächsten Satz mit Mühe hervorzubringen. „Wo, kann ich schlecht sagen, aber es scheint auch eine Scherbe einer von der Leere zerfetzten Welt zu sein.“

Taranis wiederholte den Namen für sich, um ihn sich zu merken. „Und wißt Ihr, was er mit Euch vorhat? Was er überhaupt bezweckt?“

„Nein, aber er flutet mich mit Leere und ich habe ziemlich mit den Auswirkungen zu kämpfen...“

Sie trat dichter an Taranis heran, schloß die Augen, und als sie sie wieder öffnete, waren es bernsteinfarbene Augen mit schlitzförmigen Pupillen, wie die eines Dämons. Aus einem rann langsam ein Tropfen Blut. Im Bruchteil einer Sekunde verschwanden die gelben Augen und Calendriel sah wieder aus wie sie selbst.

Er will sie in ein dämonisches Wesen verwandeln?, dachte er schockiert. Statt auf den schrecklichen Anblick dieser Augen näher einzugehen, fragte er deshalb:

„Darf ich Euch um etwas bitten? Gebt mir meine Leerenstimmen wieder zurück. Ich denke, Ihr werdet noch all Eure Kräfte brauchen... und ich habe die Leere nie als Feindin betrachtet. Über kurz oder lang komme ich damit zurecht. Bitte tragt nur noch die nötigsten Lasten - Eure eigenen.“

Lächelnd nickte sie, machte eine weitere Geste mit den Händen und wie ein näherkommender Sturm nahmen die Stimmen wieder ihren Platz in Taranis‘ Geist ein.

„Ich vertraue dir“, flüsterte sie, und schlagartig war er wieder in seinem Körper auf Telogrus.

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 19. Mär 2020, 01:36

Nach dieser letzten Vision begannen die Ereignisse, ihn zu überrollen. Er erzählte den anderen davon, was zur Konsequenz hatte, daß er sich mit Malyrius, Iudicael und Jeremiel an genau dem Abgrund wiederfand, wo Malyrius und er eine Spur ihrer Präsenz, ihrer Entführung erspürt hatten. Sie nahmen Kontakt auf: Taranis suchte einen Weg zu Calendriel, und Iudicael ließ seine Priestersinne arbeiten und übertrug die Bilder an die beiden Magier. Ziemlich schnell stellte sich dieser Kontakt als Falle heraus - sie verließen den geistigen Kontakt eilig und Iudicael zog eine Barriere in Taranis‘ Geist hoch, damit Razoul nicht ungefragt auf ihn zugreifen konnte.

Sie erschraken alle vier über diese Manipulation und wollten sich beratschlagen. Während die anderen drei sofort zurück zum Zelt gingen, blieb Taranis noch ein wenig an der Klippe stehen, um sich zu beruhigen, als ihn jemand von hinten ansprach - mit seinem Geburtsnamen, den er seit seiner frühen Kindheit nicht mehr gehört hatte.

„Amitiel?“

Als er herumfuhr, stand er da... Onkel Asche. Er trug die Haare anders - links rasiert, um einem auffälligen Tattoo am Schädel Raum zu geben, und rechts etwas über nackenlang -, und in seinen Augen hatte sich irgendetwas verändert, aber doch, das war Onkel Asche. Er hielt Taranis‘ falls-ich-sterbe-Kästchen in der Hand und sah ihn aus großen Augen an.

„Amitiel“, wiederholte er schließlich und machte einen Schritt vorwärts, „ich bin so froh, dich wiederzus...“

„Nein!“ rief Taranis heftig und sprang beinahe rückwärts. „Bleib weg von mir!“ Und er lief zurück zu Jeremiels Zelt, ängstlich, ob dieser Razoul wohl durch seine Augen sehen konnte, ob er Onkel gesehen hatte, ob diesem erneut durch ihn, Taranis, Leid zugefügt werden würde... nein, er mußte sich fernhalten, so weit es ging, damit Asche nur nichts passierte.

Als er Jeremiels Zelt wieder erreicht hatte, kehrte Ilassan zurück - er stand einfach so vor ihnen, in einem nassen Kapuzenmantel, scheinbar er selbst, und doch... es wurde recht schnell hitzig zwischen ihnen allen. Er erzählte während einer langen Gesprächsrunde, in der man sich gegenseitig über alles Vorgefallene informierte, daß er geflohen war, daß man ihn vorher mit Manadisteln gefügig gemacht hatte und war unnatürlich nachgiebig... besonders Iudicael eskalierte an diesem ersten Abend völlig in seiner Angst um den Freund.

Nachdem sich alle beruhigt und teilweise zurückgezogen hatten, nahm Jeremiel Taranis beiseite und er bekam den ersten ganz konkreten magischen Unterricht, denn wie Jeremiel völlig richtig sagte: „ein, zwei Grundlagenzauber solltest du wenigstens kennen, um dich zu schützen, wenn wir Calendriel suchen.“ Er lernte, eine arkane Schutzblase um sich zu ziehen. Er konnte sie zwar noch nicht lange aufrechterhalten, und er schaffte es auch nur, wenn er sonst an nichts denken mußte, aber immerhin - da war eine Schutzblase.

Am kommenden Tag ging Taranis los, einen sehr frühen mehrstündigen Spaziergang über Telogrus machen. E schlief ohnehin schlecht, wie immer, und wollte die Zeit nutzen, nach Echos der lebendigen Calendriel zu spüren, wie sie vor ihrer Entführung hier präsent gewesen war. Er fand tatsächlich hie und da an verschiedenen Orten Reste ihrer Energie, Echos ihrer Persönlichkeit, doch gerade, als er stolz auf sich werden wollte, lachte es plötzlich hämisch in seinem Kopf.

„Danke“, amüsierte sich Razoul köstlich, „daß du das für mich gesammelt hast...“ Ein kleiner Leerenriss öffnete sich direkt vor ihm und die Energien entfernten sich aus Taranis‘ Zugriff.

„Schnell, hier, nimm dies, bevor er mir das auch noch nimmt“, hörte er Calendriels Stimme in seinem Geist, und der Leerenriss spuckte ein bißchen reiner Leere aus. Dann riss die Verbindung ab. Schockiert erfühlte Taranis dieses Leerendingsda - es fühlte sich an wie eine Feder. So, wie es war, konnte er es den anderen nicht zeigen, also spannte er seine Sinne an und versuchte, die Leere zu verdichten, sie substanzieller zu machen, ertastbar, sichtbar. Ja, da erschien eine winzige, violett wabernde Feder.

Und dann arbeiteten sie alle zielstrebig zusammen. Jeremiel fand einen Weg, über die Leere an den Standort der Elfe heranzukommen, was ihn extrem auslaugte, da der Ort „räumlich und zeitlich weit entfernt“ war, wie er sagte: das alte Draenor. Sie wälzten Ideen und Sternkarten. Malyrius untersuchte Taranis auf eventuelle magische Anker und fand einen von Calendriel gesetzten. Taranis nahm erneut Kontakt mit ihr auf, um sie zu bitten, an ihrem Aufenthaltsort einen weiteren Anker zu setzen - die beiden ausgebildeten Magier in der Gruppe waren der Meinung, damit müsse man sie erreichen können. Dann rüsteten sie sich (Taranis, der weder Rüstungen noch Waffen besaß, bekam eine magisch verstärkte Kampfrobe von Jeremiel geliehen) und brachen auf.

Das aufwändige, Raum und Zeit durchquerende Portal stellte Malyrius her, doch die nötige Kraft dafür hatte er nur, weil Jeremiel ihn unterstützte. So schnell nacheinander wie möglich taten sie hindurch, doch als sie drüben ankamen, fehlte einer: Jeremiel war nicht da.

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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » So 22. Mär 2020, 11:11

Sie standen vor einer Höhle. Die Umgebung war von Leere verseucht, selbst die Tiere litten darunter. Sie orientierten sich, so schnell sie konnten, als sie auch schon Schreie aus dem Höhleneingang hörten. Und die schreiende Stimme kam ihnen entsetzlich bekannt vor.

„Du... wirst mich nicht... aaargh...“

Amandriel. Er hatte Amandriel! Der hatte doch nur kurz weg gewollt und war nicht wieder aufgetaucht, bis sie ihr Portal stellten - war dieser Razoul so mächtig, daß er einfach Leute von überallher kidnappen konnte? Sie verteilten sich - Emiriel und Iudicael gingen in einem Bogen auf die andere Seite des Höhleneingangs, Taranis sollte mit Malyrius hierbleiben und Ilassan wartete keine Anweisung ab. Die Geisterklinge schlich mittig auf den Eingang zu, solange der Entführer abgelenkt schien.

Sie gingen vorsichtig näher. Razoul war riesig, sein Rücken war ihnen zugewandt und Amandriel zappelte unter Schmerzen wenige Meter vor ihm, gefangen von einer unsichtbaren Hand.

„Ta...ra...nis...“, röchelte Amandriel, als sein Blick auf ihn fiel.

„Aaah,“ lachte Razoul. „Endlich bist du da, kleiner Taranis. Und du hast Freunde mitgebracht?“

Ohne weiter nachzudenken, rannte Taranis vor und baute sich zwischen Amandriel und Razoul auf. „Lass! Ihn! In! RUHE!“ brüllte er, den Kopf in den Nacken gelegt. Razoul lachte erneut, ehrlich amüsiert, und kam einige Schritte auf ihn zu. Taranis breitete die Arme aus und ging rückwärts auf Amandriel zu, als mit einem Schlag Razoul vor ihm sich auflöste. Auflöste? Nein, er wurde nur kleiner... die Gestalt einer knieenden Elfe erschien an seinem Platz. Während er noch überrascht ‚Calendriel‘ dachte, wurde er von hinten gepackt.

Da war kein Amandriel, war nie ein Amandriel gewesen. Sie waren auf eine Illusion hereingefallen. Und Razoul lachte, lachte... Er drang in Taranis Geist ein, isolierte ihn von allen anderen, lockte und quälte ihn abwechselnd, glücklich über sein neues Spielzeug. Taranis wehrte sich, so gut er konnte - ‚die Leere ist mein Freund‘, dachte er immer wieder fiebrig, ‚mein Freund, ich kann sie nutzen‘ und das versuchte er. Welche Gedanken waren überhaupt noch seine? Welche waren Razouls? Welche waren der reine Wahnsinn? Er wußte es nicht, kämpfte sich blind durch ein schmerzhaftes Meer, bis der Griff um seinen Geist sich plötzlich lockerte.

Luft einsaugend wie ein fast Ertrunkener stolperte er zur Seite und sank auf die Knie. Was hatte Razoul abgelenkt? Ilassan. Die Geisterklinge hing am Astralen, einen Dolch in dessen Rüstung gerammt, und versuchte, sich daran hochzuziehen.

Iudicael und Emiriel waren näher gekommen. Der Priester starrte wild auf den Kopf des Astralen, schien einen geistigen Gegenangriff zu versuchen, während Emi untypisch zornig und hoch aufgerichtet da stand und Feuer kanalisierte. Plötzlich prasselte der reine Schmerz vom Himmel. Tausende winziger, eiskalter Eissplitter bohrten sich in Taranis‘ geliehene Kampfrobe. Ilassan fiel keuchend von Razoul ab und blieb blutend liegen. Emiriel hatte es irgendwie geschafft einen Schutzschild vor sich zu ziehen und Malyrius... stand da, die Hände erhoben, das Gesicht konzentriert und gleichzeitig erschrocken. Sein Eissturm hatte alle erwischt.

Taranis rappelte sich auf. Sie kämpften weiter, jeder, so gut er konnte, doch sie waren deutlich unterlegen. Razoul spielte mit ihnen, lenkte die Angriffe von einer Seite auf einen anderen Elfen ab, wechselte immer wieder blitzschnell seine Position und schien sie nicht einmal wirklich ernst zu nehmen. Taranis war völlig nutzlos - er hatte nie kämpfen gelernt, nicht einmal mit den Fäusten, er konnte die Leere nicht gegen einen Astralen einsetzen, der ihm darin unendlich überlegen war, und seine arkane Veranlagung war gänzlich unausgebildet.

Nein, Moment - er hatte gestern gelernt, einen Schutzschild um sich zu ziehen. Konnte er damit auch seine Freunde (er bemerkte selbst nicht, daß er diese Bezeichnung für die anderen dachte) schützen? Ilassan sah besonders angeschlagen aus, blutete am ganzen Körper und taumelte nur noch durch die Gegend, immer noch verzweifelt darum bemüht, dem Astralen die Rüstung zu zerreißen, die alles war, was den Astralleib in Form hielt. Taranis formte die Runen mit den Fingern, konzentrierte sich auf Ilassan, sprach die Worte - und Plopp!, entstand ein Schutzschild, allerdings nicht um die Geisterklinge, sondern um ihn selbst. Er hätte schreien mögen vor Frustration.

„Alle zusammen“, schrie er stattdessen. „Laßt uns gleichzeitig angreifen, er kann doch nicht alles gleichzeitig blocken...“

Und dann kam ihm eine weitere Idee. Eine wilde, wahnsinnige Idee. Sollte er sie überleben, würde Jeremiel ihn wahrscheinlich dafür umbringen.

Er HATTE Zugang zu arkaner Macht. Und unausgebildet oder nicht, dies war eine verzweifelte Situation, in der das Leben aller am seidenen Faden hing. Er würde diesen Zugang nutzen. Er würde diese Macht einsetzen.

Randvoll mit Zorn schloß er die Augen und fand die Ströme der Magie in sich. Er sammelte und konzentrierte sie. Mehr. Noch mehr. Er vibrierte am ganzen Körper vor arkaner Macht, wie eine lebendige Bombe - nein, dachte er. Wie ein lebendiges Kanonenrohr. Er öffnete die Augen, zielte und schleuderte einen gewaltigen Ball arkaner Energie auf Razoul, angefüllt mit dem Hass, der Angst, der Wut die er in sich trug.

Im Bruchteil der Sekunde, die die magische Kanonenkugel brauchte, um ihr Ziel zu erreichen, griff ein Leerenarm nach Iudicael und Razoul hielt ihn wie einen Schutzschild vor sich und er flüsterte hämisch in ihrem Geist

Ist er euch wirklich so wenig wert?

Entsetzt sah Taranis seine Bombe in Razouls Brust einschlagen, sah, wie Iudicaels Kopf zurückgeschleudert wurde, wie er fallengelassen wurde, dann stieß eine gewaltige Welle Leerenenergie sie alle mehrere Meter zurück und Razoul verschwand.

Seine Ohren klingelten, sein gesamter Körper schien aus Strom zu bestehen, als er auf Händen und Knien zu Iudicael kroch. Er lebte. Er lebte! Taranis sah sich um. Ilassan lag reglos, Emi humpelte gerade zu ihm. Malyrius rüttelte Calendriel an der Schulter und sagte mehrmals „Kannst du uns hier wegbringen? Ich schaffe kein Portal zurück. Kannst du uns hier wegschaffen?“

Calendriel konnte. Sie schleppten sich zum Leerenriss und hindurch, und fielen, blutend, zerschlagen und geistig erschüttert, aber lebendig auf telogrischen Boden.

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Mancher Mensch hat ein großes Feuer in seiner Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen. (Van Gogh)

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Taranis
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 9. Apr 2020, 01:57

Sie hatten sich einige Tage erholt. Sie hatten die magische Akademie in Dalaran für einige Stunden aufgesucht, Jeremiel hatte Taranis herumgeführt, während Iudicael sein von Taranis' Arkanschlag teilweise gelähmtes Gesicht behandeln ließ. Auf dem Rückweg hatte Jeremiel Bücher für ihn mitgebracht - Bücher! Endlich! Taranis war ab diesem Zeitpunkt praktisch nicht mehr ansprechbar. Er las und lernte, oder er tanzte.

Als einige weitere Tage später Asche am Zelt auftauchte und sagte, Jeremiel würde sich gerade daran machen, mit Andilien und Malyrius den Wagen aus Feralas zurückzuholen, konnte er seine Vorfreude kaum zügeln. Der Wagen war natürlich nicht mehr der Wagen seiner Kindheit - er hatte ja nach dem Zusammenbruch der Wagenfamilie abgerüstet. Dennoch waren die Möbel noch Möbel seiner Eltern, die Kostüme und Requisiten, die bereits hier lagen, Stoffe und alltägliche Gebrauchsgegenstände... und es war sein Wagen. Sein Zuhause, sein Leben. Er würde seine Lebensgrundlage zurück erhalten, wenn auch nur physisch.

Ohne zu zögern trat er durch das Portal, das ins Ressort führte, und sofort huschten seine Augen suchend umher. "Dort drüben", sagte er zu niemand bestimmtem und zeigte in die entsprechende Richtung. "Dort müßte er sein, wenn sie ihn nicht bewegt haben..." Erinnerungen stiegen auf - nicht nur an seinen letzten Tag hier, der ihn zum Ren'Dorei gemacht hatte, sondern an die Jahre vorher. Fünfzehn einsame, verblendete Jahre, die ihn körperlich und psychisch an die Grenzen des Aushaltbaren getrieben hatten. Erst jetzt konnte er ihre Last spüren; doch jetzt war keine Zeit dafür. Er fokussierte sich und schiebt jedes unliebsame Gefühl beiseite - jetzt würden sie den Wagen finden und er würde zusehen dürfen, wie er magisch nach Telogrus transportiert würde. Alles andere mußte weg. Konzentration.

"Sicher, daß den keiner geklaut hat?" fragte Andilien. "Ich hätt's getan."

"Zerlegt vielleicht..." murmelte Taranis.

"Ich hatte eigentlich mit der Ressortleitung vereinbart, daß er sicher verwahrt bleibt", warf Jeremiel ein.

"Wie weit vertraust du denen?" fragte Taranis mit Blick in die Richtung, in der der Wagen hätte stehen müssen.

"Nun, ich denke, meine Botschaft war klar - und als ich letztes Mal hier war, stand der Wagen übrigens beim Lager da drüben." Jeremiel ging voran zum Büro der Ressortleitung, und sie folgten ihm. Taranis nahm die ihm von den Mitarbeitern zugeworfenen Blicke, die deutlich 'Ah, der Irre ist da' sagten, zwar wahr, ignorierte sie aber mit stoischem Ausdruck, etwas dunkleren Ohren und geballten Fäusten.

Eine weibliche Stimme rief sie nach ihrem Anklopfen ins Büro, und die anwesende Goblindame verlor bei Jeremiels Anblick sofort ein wenig Gesichtsfarbe. "Ah... Magus Lichterspiel..." Sie rang die Hände und wurde noch blasser, als sie Taranis im Hintergrund wahrnahm.

"Ich hoffe, der Wagen des Herrn ist unversehrt und vollständig, wie abgemacht. Wir wollen ihn abholen." Jeremiel lächelte.

"Ich hoffe, Ihr habt ihn sicher bewegt?" warf Taranis von hinten ein. "Der Wagen war zumindest nicht zu sehen..." und er befürchtete das Schlimmste.

"Wo ist das Ding denn jetzt?" warf Andilien ein, eine Hand in der Tasche und einen besonders unschuldigen Ausdruck im Gesicht.

"Gazzle!" schrie die Ressortleiterin im Befehlston und schnippte mit den Fingern. Ein muskulöser Goblin kam eilig angerannt. "Führe die Herrschaften ins Lager!" befiehlt sie ihm.

"Ins Lager? Aber..." sein Blick huschte zu Taranis und zurück zu seiner Chefin.

"Zum Wagen!" konkretisierte sie und starrte ihn nieder.

"Aber Chefin, der Wa..."

"JETZT SOFORT!" brüllte sie, mit einer Faust auf ihren Schreibtisch schlagend, und er knickte ein.

"Hier entlang bitte", lispelte er und eilte voran, wobei er sich immer mal ängstlich umsah. Während sie ihm folgten, war aus dem Büro der Leiterin das entfernte Knallen der Hintertür zu hören.

Andilien drehte sich nach dem Geräusch um. "Ich glaube, da möchte wer verschwinden", grinste er.

"Ich hasse Wortbrecher", knurrte Jeremiel.

Am Lagerhaus angekommen fummelte der Goblin umständlich an einem riesigen Schlüsselbund herum und brabbelte vor sich hin. Als er schließlich den Schlüssel ins Tor steckte und es öffnete, geschah das hektisch und mit einem "Bitte, die Herrschaften" machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Der Lagerraum war für jemanden, der kein Goblin war, nicht sehr hoch, wohl aber weitläufig. Tageslicht fiel in ungleichmäßigen Strahlen durch eine löchrige Decke. Im Dämmerlicht erkennbar waren Strandkörbe, Sonnenschirme, Bänke und Klapptische, aufblasbare Tierfiguren, Gerätschaften für Reparaturen, Mülleimer, Regale mit Fundsachen, ein alter Grill, verschlissene Kellnerinnenkleidung und Stiefel... und einige sehr massive Bretterwände, die schräg an die gegenüberliegende Wand gelehnt waren. Auf der vordersten erkannte man eine Zeichnung: ein achtstrahliger Stern, in dessen Zentrum eine Mondsichel lag, über der sich eine Pupille wölbte. Wortlos stolperte Taranis durch die Lagerhalle, hier und da etwas umreißend, auf seinen zerlegten und geradezu ausgeweideten Wagen zu.

"Tja, hätten wir das mal gewußt. Da können wir ja gleich einen neuen bauen." Andilien durchstöberte das Lager, gleichermaßen interessiert an eventuellen Schätzen und angewidert von Goblingelumpe.

Jeremiel hmmte, drehte sich um und ging wieder zurück ins Ressortzentrum, dicht gefolgt von Malyrius.

An der Rückwand angekommen durchsuchte Taranis fiebrig alles, was dort zu finden war. Der gesamte Unterbau stand da, inklusive aller vier Räder, aufrecht an die Wand gelehnt. Von den beiden Seitenwänden fehlte eine, aber die Vor- und Rückwand waren vorhanden, und sogar der gesamte Kutschbock! Damit hatten sie wahrscheinlich nichts anfangen können. Die Dachplane allerdings fehlte und alle Möbel. Einfach alle Möbel. Die Zuggeschirre fehlten ebenfalls, und von den noch vorhandenen Seitenwänden waren etliche Metallteile entfernt worden. Er durchsuchte alles systematisch, mit steinerner Miene, bis er genau wußte, was noch zu ersetzen oder zu reparieren war. Dann hielt er inne, mit beiden Handflächen gegen die bemalte Wand gelehnt.

"Scheiße, hm?" Andilien hatte scheinbar seinen Streifzug beendet und stand nun neben Taranis.

Der nickte sehr langsamm, angestrengt vom Sich-zusammenreißen. "Ja, große Scheiße. Die Basis ist noch da und drei Wände. Wir müssen sie vorsichtig bewegen, aber man kann sie wieder zusammensetzen. Ein Dach..." er lachte humorlos. "...braucht man ja auf Telogrus nicht wirklich, das hat Zeit. Himmel, was bin ich dankbar, daß Jeremiel damals die Kisten geholt hat - Requisiten sind zwar nichts, was ich gerade brauche, aber - ich hätte sehr ungern alles verloren."

Andilien legte ihm die Hand auf die Schulter. "Willst du schreien? Weinen? Ich kann solange rausgehen. Und ich könnte mir vorstellen, daß Jeremiel und..." er schaute sich um - genau, keiner mehr da, "...Malyrius schon unterwegs sind, Kompensation zu fordern. Oder Disziplinierung, aber das eine schließt ja das andere nicht aus."

"Nein", lehnte Taranis mit zusammengebissenen Zähnen ab. "Nein... Disziplin." Es klang, als würde er das mehr sich selbst befehlen. Er atmete einige Male tief durch und sprach dann etwas kontrollierter weiter. "Ich bin erst vier Monate ein Ren'Dorei, und ich bin ein Magier ohne Ausbildung. Wenn du mich jetzt zum Schreien allein läßt und ich hier meiner ganzen Wut Raum gebe, fliegt hier alles in die Luft. Lass uns stattdessen zusehen, wie die beiden mit Goblins reden - das ist sicher auch sehr befriedigend zu beobachten."

"Wär das so schlimm? Ist doch nur ein Haufen Müll hier. Klar, die Reste deines Wagens..."

"Und ich selbst..."

"Vier Monate?"

"Ja, mehr oder weniger."

Andilien legte den Kopf schief. Er runzelte die Stirn und schien zu überlegen, was Taranis gemacht hat, entschied dann aber offenbar, daß das jetzt egal ist. "Darf ich den Herrn dann zu den Kollegen geleiten?" bot er ihm galant den Arm.

"Er darf", lächelte Taranis und hakte sich unter. "Geleite er mich."

Draußen sahen sie Malyrius in eine Richtung laufen, die aus dem Ressort hinausführte und aus der Reste eines ersterbenden Motorenknatterns zu hören waren, ganz leise unter der von den Strandbars heraufschallenden Musik. Ein leises Wummern aus derselben Richtung fühlte sich wie eine arkane Explosion an, doch hier im Ressort schien niemand in Panik zu sein oder überhaupt etwas mitzukriegen. Taranis blieb wie angewurzelt stehen. "Das - war doch - arkane Energie, oder?"

"Hmm, jo - Kaffee?" fragte Andilien.

"Kaffee?!"

"Möcht' verhindern, daß du da drüben in was reinarkanst."

"Guter Gedanke", mußte Taranis zugeben. "Also dann Kaffee."

Sie gingen an eine der Imbissbuden am Strand. Andilien holte ihnen zwei Becher schwarzen Kaffees und machte eine Bemerkung über die nach wie vor Taranis anstarrenden Goblins, sie tranken und fühlten sich nur mäßig wohl, bis irgendwann aus der Richtung, in der sie Jeremiel und Malyrius vermuteten, ein ohrenbetäubender Krach zu hören war, auf den hin nun sowohl Ressortangestellte als auch Gäste erschrocken aufsahen.

Zuerst kehrte Malyrius zurück. Mit schwachem Lächeln hielt er Taranis eine Schildkröte hin. "Die gehört dir. Die hatte versprochen, auf deinen Wagen aufzupassen."

"Oh, Fräulein Roststand", begrüßte Taranis grimmig lächelnd die Schildkröte in seiner Hand, die vor Kurzem noch ein Büro besessen hatte. "Wie nett, daß Ihr bei mir einziehen wollt." Er setzte sie auf dem Tisch ab. "Wie lange halten deine Verzauberungen, Malyrius?"

"Nicht ewig. Vielleicht noch 'ne Stunde oder so."

Bedauernd nickte Taranis - so kurz! -, da kam Jeremiel mit zwei wadenhohen Säcken heran, aus denen es klirrte und klimperte und die ein erhebliches Gewicht aufzuwiesen schienen. "Äh - hast du einen Tresor gesprengt?"

Jeremiel schüttelte den Kopf, und Malyrius erklärte: "Sie wollte mit ihrem Ersparten gerade eine kleine Rundreise machen."

Und nun tauchte hinter Jeremiel noch ein Goblin auf, der sich deutlich von allen anderen Personen hier unterschied, schon allein durch den perfekt sitzenden Nadelstreifenanzug. "Die Herrschaften, dürfte ich wohl stören?", trat er heran.

Taranis lehnte sich auf der Holzbank zurück, die rechte Braue erhoben, eine Hand trommelte einen schnellen Rhythmus auf dem Panzerrücken der Schildkröte, die wütend in die Luft schnappte. "Das tut Ihr schon."

"Ich bin Mekkzl Dampfdruck, der Eigentümer dieses Ressorts - und mir wurde zugetragen, daß Minkle Roststand, die ehemalige Leiterin", hier zog die Schildkröte den Kopf ein, "wohl einigen Unmut verursacht hat. Bitte laßt Euch versichern, daß wir für jede Unannehmlichkeit aufkommen werden. Ich habe einige sehr fähige Ingenieure an der Hand; falls Euch das eine Hilfe wäre, könnten sie Euren Wagen in den Originalzustand zurückversetzen", sagte der Goblin und bildete mit den Händen eine Raute vor dem Bauch. "Und natürlich dürft Ihr das", er nickte in Richtung der klimpernden Säcke, "behalten. Dafür wird jemand anderes aufkommen." Schildkrötenmminkle zog Kopf, Beine und Hintern ein.

"Heute noch?"

"Herr Nachtschimmer, Ihr verlangt Unmögliches! Ihr wollt doch einen funktionierenden Wagen?"

"Was ist denn in Euren Augen ein realistischer Zeitrahmen?" Taranis beugte sich leicht vor, inzwischen mit den Knöcheln auf der Schildkröte herumtrommelnd. Es fiel ihm immer schwerer, seinen Zorn und Frust zu unterdrücken, und geldgierige, schmierige Goblins machten es nicht leichter.

Mekkzle Dampfdruck wintke befehlsgewohnt in die Luft und sofort kam eine junge Goblinfrau mit Schweißerbrille auf dem Kopf angerannt. Sie flüsterten. "Zwei Tage", sagte er dann und sah Taranis dabei an. "Und er wird Euch vor die Tore Sturmwinds gebracht."

"Übermorgen also", lehnte Taranis sich wieder zurück. "Und ich bleibe hier. Falls Eure Ingenieure Fragen haben."

"Sicher. Euch wird eine Suite fertiggemacht."

"Dann schlage ich vor, Ihr macht Eurem Namen Ehre." Er warf dem Goblin die Schildkröte zu. Dieser fing sie geschickt auf und reichte das heftig strampelnde Tier im Weggehen einem bulligen Goblin, der aus dem Schatten der Imbissbude trat. Taranis seufzte leise in seinen Kaffeebecher.

"Also ich bleibe nicht hier", rümpfte Andilien die Nase. Jeremiel, der schon die ganze Zeit erstaunlich still war, schüttelte ebenfalls den Kopf.

"Natürlich nicht", sagte Taranis. "Ich bin Euch dankbar, daß Ihr das alles auf Euch genommen habt. Ich will diese kleinen Goldgeier einfach nicht noch einmal aus den Augen lassen. Wenn sie den Wagen nach Sturmwind bringen können, dann auch mich - also dürfte ich übermorgen wieder bei Euch eintreffen. Hast du da eigentlich jemanden drin entführt?" Er nickte zum zweiten Sack, den Jeremiel immer noch schweigend umklammert hielt.

Der Gefragte schüttelte den Kopf, brummte irgendwas und tockte mit dem Finger gegen den Sack, aus dem es ebenso klimperte wie aus dem ersten. Langsam machte Taranis sich Sorgen.

"Geht es dir gut, Jeremiel? Du bist so... schweigsam..."

Auch Malyrius sah zu Jeremiel und erhob sich. "Ich denke, wir sollten aufbrechen. Brauchst du noch was, Taranis?"

"Nein, ich brauche nichts", antwortete er, ohne darüber nachzudenken.

"Nimm dir ein paar Münzen hier raus." Malyrius trat gegen einen der Säcke. "Ist eh alles deins."

"Ich... was? Das..." Er starrte auf die wadenhohen Geldsäcke. Er war schon sehr lang arm gewesen, jetzt aber mangels Auftrittsmöglichkeiten seit Monaten pleite. Vollkommen blank. Er lebte von Jeremiels Gastfreundschaft und hatte mit und ohne diesen bereits verschiedene Möglichkeiten gewälzt und verworfen, wie er es schaffen konnte, seine anstehende Ausbildung zu finanzieren. Er strebte ein Stipendium an, doch selbst wenn er eines erlangte, würde er Ausgaben haben, die er decken mußte, und zwei prall mit Gold gefüllte Säcke zu sehen, die seine sein sollten, überforderte ihn massiv. Erst als Jeremiel ihm zunickte, griff er zögernd in einen hinein und entnahm eine Gold- und mehrere Silbermünzen.

Malyrius legte Jeremiel eine Hand auf die Schulter. "Wir legen es zu deinen Sachen in Jeremiels Zelt", sagte er.

"Danke", murmelte Taranis, und sah Jeremiel wieder besorgt an. Auf dessen Stirn standen Schweißtropfen.

"Das wird wieder", versuchte Malyrius ihn zu beruhigen, als er den besorgten Blick sah. Damit schob er Jeremiel weg und Andilien schloss sich den beiden sofort an.

Taranis sah den dreien nach. Was hatten sie nur getrieben, das Jeremiel derartig ausknocken konnte? Nun, die anderen kannten einander länger und besser - er würde Malyrius vertrauen, daß er wußte, was zu tun war.

In den nächsten beiden Tagen wurde er im Ressort regelrecht hofiert. Er hasste es. Übertriebene, aufgesetzte Unterwürfigkeit hatte ihm noch nie jemanden sympathischer gemacht. Andererseits half es ihm, daß er hier war, die durch seinen Zorn in ihm schreiende Leere im Zaum zu halten: er hatte gut zu tun.

Die an der Rekonstruktion seines Wagens beteiligten Goblins waren jedoch wirklich ausgesprochen fähig. Was sie an verscherbelten Einzelteilen nicht zurückkaufen konnten, ersetzten sie stilgerecht, worauf er auch vehement bestand. Möbel wollte er sich von ihnen nicht bauen lassen, denn bei dem Gedanken, täglich in von Goblins designte Möbel sehen zu müssen, wurde ihm übel. Die Dachplane konnte wieder aufgetrieben werden, wurde wieder in einen halbrunden Himmel gespannt und als besonderes Gimmick konnte er sie jetzt mit einem Knopfdruck auf- und zufahren.

Nach zwei Tagen wurden sie fertig und er hatte einen sicheren, stabilen (vielleicht mehr als vorher) und vollkommen leeren Wagen zu seiner Verfügung. Mehrere Goblinmagier taten sich zusammen, um ein Portal vor die Tore Sturmwinds zu erschaffen, durch das sie ihn auf die Reise schickten.

Als er vor Sturmwind, auf seinem Kutschbock sitzend, aus dem Portal ploppte, konnten auch die sofort aus allen Richtungen auf ihn gerichteten Schwerter der Stadtwachen seiner Zufriedenheit keinen Abbruch tun. Er wartete mit erhobenen Händen, bis sie den leeren Wagen gründlich durchsucht hatten und die Waffen senkten, bis er sagte: "Meine Damen und Herren, ich entschuldige mich für den ungewöhnlichen Transport - wie Ihr seht, mangelt es mir derzeit an Pferden."
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Mancher Mensch hat ein großes Feuer in seiner Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen. (Van Gogh)

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