Asche

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Ashamshiel
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Asche

Beitrag von Ashamshiel » Di 28. Jan 2020, 12:20

Das Gute an Dalaran, fand Ashamshiel, war diese fast schon sterile Sauberkeit. Kein Sand, kein Sturm, kein Regen außerhalb der Blumenbeete. Die Kirin Tor hielten ihre Stadt in einem Zustand permanenter Perfektion - selbst die Temperaturen waren gleichbleibend mild.

Oder anders ausgedrückt: hier konnte einem Mann von Welt nicht der Lidschatten verschmieren, ohne daß er es merkte.

Das Schlechte an Dalaran war, nun ja, Dalaran. Er war hier aufgewachsen, seine Eltern lebten hier in ihrer seit Jahrzehnten vor gegenseitiger Verachtung triefender Welt, seine ältere Schwester lebte in einer Realität, zu der niemand Zugang hatte und sprach mit unsichtbaren Personen, und obwohl er selbst, Ashamshiel, so viele Jahre fort gewesen war, hatte es nach seiner Rückkehr keine Woche gedauert, bis alle in dieser arroganten Stadt ihn wieder mit dem Spottnamen seiner Kindheit ansprachen. Asche.

Nur seine Schwester nannte ihn Shame, und aus ihrem Mund war das eine Zuneigungsbekundung.

Ja, er war die Schande im glanzvollen Leben seiner hochbegabten Familie gewesen, von Anfang an. Nicht den Hauch einer magischen Begabung hatte er erkennen lassen, wie sehr sie ihn auch triezten, wie hart sie ihn im Unterricht auch anfassten. Und sie konnten sehr hart sein, erinnerte er sich - mit Worten und Händen, sogar mit Nahrungsentzug. Er hatte sich seine gesamte Kindheit über gefragt, ob jemand ihn als Baby heimlich vertauscht hatte, da er so gar nichts leisten konnte, was für alle anderen im Hause selbstverständlich war.

Da das Universum ihn mit einem pragmatischen, recht sonnigen Gemüt gesegnet hatte, ertrug er alles mit einem fest nach vorn gerichteten Blick. Der Hunger hatte noch immer irgendwann aufgehört, spätestens, wenn seine Eltern Gäste hatten und die Kinder mit zu Tisch mußten. Die Schläge mit dem Gürtel mußte er nur durchstehen, um danach zwei Tage erholsam ignoriert zu werden. Und eines Tages würde er groß sein und Dalaran verlassen - dieses Haus verlassen.

„Asche“ nannten ihn zuerst Gleichaltrige Kinder der anderen Kirin Tor, nachdem es in dem Unterrichtsraum, in welchem sein Vater seit Stunden Feuerzauber mit ihm übte, zu einem Vorfall kam. Es funktionierte einfach nicht, er fühlte kein Kribbeln, keine Wärme, keinen Energiefluß, und nach einer Ohrfeige zuviel griff Ashamshiel in hilflosem Aufbegehren nach der Fackel an der Wand und schleuderte sie mit einem Brüllen quer durch den Raum.

Die zarten, kostbaren Teppiche an der Wand entzündeten sich sofort. Das Mobiliar ging innerhalb von Sekunden in Flammen auf. Rauch stieg für die ganze Stadt sichtbar aus dem hohen Turmfenster. Sein Vater verließ wortlos den Raum. Ashamshiel blieb stehen, starrte auf das, was er angerichtet hatte, und erst als Amaryl, seine Schwester, hineinstürmte und mit einem flächigen Eiszauber das Inferno beendete, bemerkte er, daß er heftig hustete.

Amaryl nahm ihren kleinen Bruder an der Hand, führte ihn aus dem Turm und durch die Stadt in ein öffentliches Badehaus, denn nach einem Blick auf ihren Sohn hatte ihre Mutter zu ihr gesagt, das da käme ihr nicht ins Haus, sie möge es bitte erst reinigen.

Ashamshiel war grau von all den Ascheflöckchen in seinem Haar und auf seiner Kleidung, und das Geschehen im Turm war in der Stadt nicht unbemerkt geblieben. Gaffend standen sie da, als Amaryl ihn an der Hand die Straße entlang zog, lachten, johlten, und sein neuer Name war geboren. Asche war er.

Er las, so viel er konnte. Natürlich arkane Literatur, wie es verlangt wurde. Aber da hielt er nicht an - er las alles, jedes Buch, jede Schriftrolle, wie unverständlich ihm die Themen in seinem jungen Alter auch waren, er verschlang es.

Er lernte nicht nur Schreiben, sondern auch Kalligraphie und versuchte, Bilder aus Büchern nachzuzeichnen. Er konnte Stunden damit verbringen, wieder und wieder dasselbe Bild abzumalen, bis es wie das Original aussah.

Er sah sich Konzerte und Theatervorführungen an. Alles, was ihm einen Moment der Realitätsflucht ermöglichte, nahm er wahr. Seine Eltern sprachen kein Wort mehr mit ihm nach dem Brandtag. Nicht nur für einen Tag oder eine Woche - nie wieder. Er erhielt keinen Unterricht mehr. Er war aus ihrer Welt endgültig ausradiert. Er war es ihnen nicht einmal mehr wert, geschlagen oder mit bitterem Zynismus beleidigt zu werden.

So hielt er seine Kindheit und Jugend aus, bis zu jenem Tag, an dem auch in seinem jungen Erwachsenenleben die Magie begann: Der Wagen hielt in Dalaran.

Ein junges Elfenpaar, Brinde und Maurion Nachtschimmer, betrieb ein gut gehendes Geschäft als fahrende Künstler. Sie waren beide magisch ebenso gebildet und talentiert wie das durchschnittliche Kirin Tor Mitglied, doch sie hatten sich entschieden, ein Leben als freie Künstler zu führen. Asche hatte von ihnen gelesen, und als der Wagen der Nachtschimmers tatsächlich für längere Zeit in Dalaran hielt, war er nicht mehr von dort wegzubewegen.

Anfangs schlich er um das Gefährt und die kleinere Wagenkolonne dahinter herum, beobachtete die beiden Elfen und ihr bunt gemischtes Häufchen Freunde und Kollegen aller Spezies, wie sie eine Bühne aufbauten, wie aus schlichten Holzbrettern mit ein wenig Geschick ein eleganter Boden wurde, wie sie Illusionen übten. Ab und an winkte ihm jemand fröhlich zu, und als er vorsichtig näher trat, wurde er sofort eingeladen, mit anzupacken.

„Ich... ich kann aber keine Magie...“ stammelte er, und der Menschenmann, der ihm gerade einen Hammer in die Hand gedrückt hatte, lachte.

„Ich auch nicht, Junge, ich auch nicht. Hau einfach da drauf, bis es sich ordentlich verkeilt hat und fest sitzt.“

Zu Ashamshiels großer Überraschung arbeiteten alle mit, niemand stand nur herum und gab Anweisungen. Es schien keine Herren und keine Diener zu geben - Brinde und Maurion selbst hatten die Ärmel hochgekrempelt und schleppten, hämmerten und schoben Dinge durch die Gegend mit allen anderen.

Als sie fertig waren, nickte Maurion ihm anerkennend zu. „Anpacken kannst du, das gibt es nicht oft bei unseresgleichen. Wie heißt du denn?“

„Asche“, antwortete Asche leise.

„Asche, hm?“ Der um einige Jahe ältere Elf musterte den Jüngeren nachdenklich. Asche war eindeutig erwachsen, wenn auch nur gerade so. Er war klein für sein Volk und blass, als würde er viel Zeit drinnen verbringen. Er hatte beim Aufbau der Bühne völlig selbständig gearbeitet und nicht gehört, wie Passanten, die ihn offenbar kannten, ihn dafür verspottet hatten. Doch er, Maurion, hatte es bemerkt.

„Was kannst du gut, Asche?“ fragte er daher. Dieser zuckte die Schultern.

„Lesen“, flüsterte er mit leicht hochgezogenen Schultern.

Maurion Nachtschimmer lachte leise. „Also auch Schreiben?“, fragte er nach. Asche nickte.

„Und schreibst du auch gern Geschichten?“

Der kleine, blasse Elf sah auf. „Woher wisst Ihr...?“

„Nun, ich erkenne ein Talent, wenn ich eins vor mir habe“, zwinkerte der Ältere.

Asche starrte nur. In seinem ganzen Leben war ihm nichts so sehr vorgehalten worden wie das völlige Nichtvorhandensein irgendwelcher Talente.

„Lasst mich mit Euch kommen“, platzte es aus ihm heraus. „Bitte, ich... ich tue alles! Nur lasst mich mit Euch...“

„Schön, daß du fragst“, erwiderte der Schauspieler, „denn genau das wollte ich auch vorschlagen.

Und so fand Asche ein Feuer.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Mi 29. Jan 2020, 03:09

Es dauerte nur wenige Wochen, bis Asche begann, aufrechter zu gehen. Nach einigen Monaten bat er um Pergament und Tinte, und binnen eines Jahres war er ein nicht wegzudenkender Teil der Wagenfamilie, schrieb gemeinsam mit Brinde kleine Sketche, Theaterstücke und Bühnenfassungen bekannter Epen, und vor allem war er ein enthusiastischer Bühnengestalter geworden. Mit einem Blick für Details und einem gut geführten Pinsel bemalte er tragbare Bühnenwände, handhabte die Requisiten und schminkte die Schauspieler.

Er war selbst kein schlechter Darsteller, mochte es aber mehr, ein Auge auf die Gesamtabläufe zu haben und alles zu koordinieren.

Er wuchs in dieses Leben so schnell hinein, als habe er nur auf den Wagen gewartet und dieser auf ihn. Er liebte Brinde und Maurion abgöttisch, sie waren trotz des geringen Altersunterschieds die Eltern, die er nie gehabt hatte, und die Freunde, die er nie zu finden vermocht hatte.

Sie akzeptierten ihn so rückhaltlos, daß er aufblühte wie ein seit Jahrzehnten vergrabenes Samenkorn, das zum ersten Mal einen Regen abbekommt. Er probierte sich aus. Er versuchte unter ihrer unermüdlichen Ermutigung viele verschiedene Dinge, um seine Begabungen herauszufinden. Er spielte regelrecht verschiedene Rollen, um herauszufinden, welche Art Mann er sein wollte. Das Paar lachte jedes Mal, wenn ihm etwas neues einfiel und er einige Tage wie ein Holzfäller herumstampfte, wie ein Blutritter stolzierte oder wie ein Tänzer durch die Gegend hüpfte.

Er war neugierig, reflektiert und hatte keine Scheu vor Blamagen. Er war begierig auf jede Art von Lebenserfahrung, ohne Rücksicht darauf, was andere von ihm denken mochten. Er wollte sich selbst und das Leben mit allen Mitteln kennenlernen, und er hatte die perfekten Bedingungen dafür gefunden.

Als Brinde schwanger wurde, war er der erste, dem sie und Maurion davon erzählten. Sie baten ihn, Patenonkel für ihr Kind zu werden, und es heranzuziehen, falls ihnen etwas zustieße. Asche fühlte sich viel zu jung für diese Aufgabe, war jedoch gleichzeitig fasziniert von der Vorstellung, ein Kind aufwachsen zu sehen. Er liebte Kinder, seit er mit der Wagenfamilie unterwegs war - sie waren die ehrlichsten, authentischsten Personen in der Welt.

Kurz vor der Niederkunft nahm Maurion ihn beiseite. Sie sprachen über die Erziehung des Kindes hier auf dem Wagen; die werdenden Eltern hatten sich viele Gedanken darüber gemacht, wen sie wie darin einbeziehen wollten. Und sie sprachen über Religion.

„Unsere Familie“, sagte Maurion, „gehört zu den wenigen, die nicht die Sonne oder das Licht im Namen tragen, und das hat einen Grund, den außer Brinde und mir wahrscheinlich niemand mehr weiß: wir waren einmal eine Dynastie von Elfen, die Elune anbeteten. Das ist lange vorbei. Aber was nicht vorbei ist, ist eine Besonderheit meiner Vorfahren - wir hatten immer eine besondere Affinität zur Nacht, zum Mond, zur Dunkelheit. Denn im Dunkeln haben wir gesehen.“

Asche sah seinen älteren Freund aufmerksam an, bis dieser fortfuhr: „Wir hatten immer Mitglieder in unserer Familie, die Visionen hatten. Wir... konnten eine Art von Zukunftssicht hervorrufen. Diese war nicht immer, aber oft zutreffend. Einige meine Vorfahren waren Berater mächtiger Leute. Andere wurden aufgrund ihrer Vorhersagen umgebracht. Ich selbst habe ebenfalls diese Veranlagung, doch ich habe mich entschieden, sie zu ignorieren.“

„Wie funktioniert das?“, fragte Asche fasziniert. „Was mußt du tun, um in die Zukunft sehen zu können? Meditieren? Irgendwas rauchen? Oder überkommt es dich einfach?“

Maurion lachte leise. „Es ist schwer zu erklären... hmm. Ich habe ein ganz bestimmtes Gefühl, wenn ich bereit bin. Oder wenn mein Geist bereit ist, eine Information aufzunehmen, sollte ich wohl sagen. Dem Gefühl folgt eine Art... Strom durch mein Inneres, als wäre ich ein Flussbett. Durch dieses Flussbett fließt die Nacht, schwarz und glänzend, und wenn ich in ihre Wässer blicke, sehe ich die Zukunft - oder mehrere mögliche Zukünfte.“ Er zuckte mit den Schultern. „Tut mir Leid, diese Beschreibung hilft dir bestimmt nicht weiter, aber besser kann ich es nicht ausdrücken. Es spielt auch keine große Rolle, ich habe schon seit Jahren diesen Nachtfluss nicht mehr gespürt. Ich hoffe, daß es mit mir endet und mein Kind damit nicht zu tun haben wird, denn es kann sehr verwirrend und erscheckend sein.“

Doch der Tag kam, an dem Brinde entband. Sie saß in einem Zuber mit warmem Wasser, Maurion war bei ihr, atmete mit ihr, schrie mit ihr, hielt ihre Hände und sorgte dafür, daß sie alles hatte, was sie brauchte. Als das Kind kam, war er die reine Glückseligkeit. Und als das zweite Kind kam, trat er vor die Zeltplane, die um den Zuber gespannt war, sah Ashamshiel mit einem sehr seltsamen Blick an und sagte nur: „Es ist wieder da.“

Sobald Brinde und die Babies versorgt und eingeschlafen waren, rannte der junge Vater, um einen Ort zum Alleinsein zu finden, doch Asche nahm er mit sich. Er wolle das Orakel befragen, sagte er, die Augen in irgendeine nicht erkennbare Ferne gerichtet. Er setzte sich auf einen Findling außerhalb der Sicht- und Hörweite des Wagenvolks, schloß die Augen und begann mit einem erwartungsfrohen Lächeln zu meditieren.

Nur Minuten später riß er die Augen auf, das Gesicht nun besorgt, wenn nicht sogar verstört. Lange saß er grübelnd auf dem Stein, bevor er sich erhob, Ashamshiel die Hände an die Oberarme legte und sagte: „Mein guter Freund, es ist möglich, daß die Zukunft unserer Kinder in deinen Händen liegt. Es ist aber auch möglich, daß meine Aufregung mir in dieser Vision Streiche gespielt hat. In jedem Fall ist es gut, daß sie dich haben, Onkel Asche.“
Dann wandte er sich ab, als wolle er mit etwas nichts zu tun haben, und ging mit raschen Schritten zu seiner Frau zurück.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Do 30. Jan 2020, 19:31

Brinde starb früh, an einer seltenen Erbkrankheit. Maurion litt entsetzlich darunter, ließ es aber die Kinder nicht spüren, sondern versuchte im Gegenteil, ihnen Vater und Mutter zugleich zu sein.

Asche beobachtete es fasziniert. Er kannte elterliche Liebe nicht, und er lernte sie von Maurion - ein wenig für sich selbst, vor allem aber, um diesen beiden kostbaren Wundern gerecht werden zu können, die er aufwachsen sah.

Als auch Maurion bei einem der nicht seltenen Überfälle auf den Wagen zu Tode kam, brach es Asche das Herz. Er hatte seine besten Freunde verloren, und die Kinder, die er mehr liebte als seine eigene Familie, waren nun Vollwaisen. Es war eine schwere Zeit, in der sie alle lernen mußten, mit einer klaffenden Lücke in ihren Leben zurechtzukommen: Ohne Vater, ohne besten Freund. Ohne den Hauptdarsteller, ohne den Ideengeber des Wagens. Ohne das Lachen und die gute Seele, die alles bisher vorangetrieben hatten.

Es gab nur eine Lösung: Er selbst mußte all das werden. Ein Vater, ein Onkel, ein Freund. Ein Regisseur, ein Schauspieler, ein Bühnenbildner und Agent. Ein Spielgefährte, ein Lehrer.
Und Asche erkämpfte es sich und seiner kleinen Wagenfamilie, bereit, jeden Preis zu zahlen, der nötig war, wenn nur 'seine' Kinder das freie Leben leben konnten, das sie kannten, liebten und verdient hatten und das ihre Eltern ihnen gewünscht hatten.

Während Ami wie ein Holzklotz auf der Bühne stand, war Taranis der geborene Künstler. Er hatte von seinen Eltern tanzen gelernt, und zu ihrer beider Amüsement hatte Onkel Asche oft mit ihm geübt. Während Taran ein Instrument nach dem anderen zu spielen lernte, schaffte es Onkel Asche gerade, einige einfache Lieder aus einer Tenorflöte zu locken, und doch begeisterte er den Jungen damit. Während Asche sich mit Mühe seine Bühnentexte zu merken und gleichzeitig sämtliche Abläufe der Vorstellungen im Kopf zu halten versuchte, flogen dem Jungen die Texte nur so zu - vorausgesetzt, er mochte das Stück. Was Taranis nicht mochte, lernte er nicht, da konnte Asche sich auf den Kopf stellen.

Der Junge konnte alles darstellen, was er wollte - oder was jemand anderes wollte. Asche sagte oft lachend, das sei seine Garantie für ein ewiges freies Leben auf dem Wagen: Er würde an jedem Tag in jedem Ort der Welt ein warmes Bett bekommen, weil man ihn einfach überall liebte. Gelegentlich ließen sie das Publikum entscheiden, was Taranis spielen sollte, und er spielte ein stampfendes Kodo, eine zarte Prinzessin, ja einmal sogar einen Kürbis, der zerplatzen sollte. Die Zuschauer lachten und johlten begeistert, und Taranis nahm jede Herausforderung an.

Ein wenig wie Asche selbst, der sich erst umfangreich hatte ausprobieren müssen, bis er wußte, wer er war - doch Taranis hörte einfach nicht auf damit. Manchmal schien es, als würde er immer brillanter in den Illusionen und immer weniger er selbst, doch Asche ließ ihn machen; immerhin war er ein sehr junger Mann und vermutlich begierig auf neue Erfahrungen.

Je älter die beiden wurden, desto mehr Aufgaben nahm Taranis ihm auf der Bühne ab, für die er geboren schien, während Amitielle ihn immer mehr hinter der Bühne unterstützte: Das Mädchen hatte einen sehr pragmatischen Kopf, war gut organisiert und hatte einen harten rechten Haken. Oft saßen Asche und Ami abends zusammen auf dem Kutschbock, starrten in die Sterne und warteten, daß Taranis von irgendeiner Dorfliebelei zurückkehrte.

Die beiden fühlten sich seelenverwandt: zwei Kinder magisch hochbegabter Familien, in denen nicht der Hauch eines magischen Talents zu erkennen war. Zwei bodenständige Personen, die versuchten, mit einem funkelnden Freigeist mitzuhalten. Sie trainierten gemeinsam, sie tauschten heimliches Augenrollen, wenn Taranis wieder zu essen vergaß, weil er "erst dieses Lied zu Ende schreiben" mußte, was manchmal mehr als einen Tag dauerte, und sie genossen beide die Stille, wenn alle anderen schliefen.

Sie beide liebten Taranis über alles, und wann immer er bemerkte, wieviel Alltag sie ihm wieder abgenommen hatten, damit er Harfe üben oder Pirouetten trainieren konnte, und sie fragte, womit er sie zum Dank glücklich machen könne, antworteten sie stets wie aus einem Munde: "Tanze, Taranis, tanze!"

Taranis war ein nur durchschnittlich attraktiver, fast erwachsener Elf, aber sobald er zu tanzen begann, strahlte er mehr aus, als Ashamshiel zu fassen vermochte. Er wurde zur Verkörperung reiner Schönheit. Er wurde wirbelndes Leben, fließende Güte, strahlende Kraft. In seinem Tanz war er ganz er selbst. Er tanzte manchmal zu seiner eigenen Trommel, manchmal spielten die Wagenleute, manchmal tanzte er auch zu einer Musik, die nur er in seinem Kopf hörte.

Bis zu dem Tag, an dem seine Schwester starb.

Der Hilfsarbeiter, der volltrunken nach ihr grapschte, der noch ungesicherte Wagen, der plötzlich ins Rollen kam, der letzte Blick, den die Geschwister tauschten, es hatte sich alles in entsetzlicher Detailtreue in Asches Gehirn gebrannt. Es verging keine Nacht mehr, in der er nicht davon träumte. Davon... und von der Nacht nach Amitielles Tod.

Er war Taranis gefolgt, als dieser den Orc aufgesucht hatte. Als er ihn verprügelt hatte - Taranis, der Tänzer, der in seinem ganzen Leben noch nicht handgreiflich geworden war, der nicht einmal Tiere essen wollte, weil sie ihm Leid taten. Dieser Taranis tötete einen Mann. Er schlug auf ihn ein, bis er tot war, und dann hörte er immer noch nicht auf. Er schleifte die Leiche, die sicher das Doppelte seiner selbst wog, zum Grab seiner Schwester. Er brach ihm sämtliche Knochen im Leib. Er bog ihn zurecht wie ein Lichtsymbol, flüsterte etwas, das Asche, der in einiger Entfernung stand, nicht hören konnte, und ging dann fort.

Vor diesem Mord war Taranis ein Trauernder gewesen, aber danach war er zerrüttet. Er war nicht mehr er selbst. Er tanzte nicht mehr außerhalb der Vorstellungen. Er lachte nur noch, wenn es im Skript stand oder wenn das Publikum es erwartete. Er war eine Hülle ohne Seele, und wie lange Asche auch wartete, diese Seele schien für immer fort, sie kehrte einfach nicht wieder.

Asche sah einen nach dem anderen den Wagen verlassen, versuchte verzweifelt, die Familie zusammenzuhalten, doch es gelang ihm nicht. Als sie nur noch zu zweit waren und wochenlang kein echtes Gespräch miteinander geführt hatten, versuchte er es ein letztes Mal.

"Taran, mein Junge... wir sind alleine."

"Wir sind zu dritt, das reicht doch. Vielleicht sollten wir einen kleineren Wagen wählen."

"Wir sind zu zweit, Taran. Du stehst auf der Bühne und ich mache alles andere, und lange geht das nicht m..."

Taranis explodierte. Wenn er, Asche, seine Schwester weiter verleugnen wolle, nur zu, dann möge er das aber bitte außerhalb ihrer Hörweite tun, und damit meine er, Taranis, außerhalb seines Lebens. Er forderte Onkel Asche auf, zu gehen.

Er hatte versagt. Als Vaterersatz, als Freund, als Leiter der Truppe, als Lehrer und Patenonkel. Er konnte Taranis nicht helfen, und dieses Elend noch länger mit ansehen konnte er auch nicht.

Und Asche ging.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Sa 1. Feb 2020, 05:01

Nun also... Dalaran, die übermäßig reine Stadt der Kirin Tor. Er war damals hierher zurückgekehrt, nicht um seine Eltern, sondern um seine Schwester zu sehen, und weil ihm erstmal nichts Besseres eingefallen war. Da seine Eltern ihn nach wie vor nicht zu kennen vorgaben und er selbst nicht das geringste Interesse daran hatte, ihnen ein Sohn zu sein, suchte er sich bezahlte Arbeit als Skriptor für die Archive der Kirin Tor.

Seine Belesenheit, seine klare Handschrift und sein zeichnerisches Talent waren für ihn von Vorteil, so daß er bald vom einfachen Kopisten zum Skriptor und schließlich zum Chronisten befördert wurde, was bedeutete, daß man ihn gelegentlich entsandte, um Ereignisse zu dokumentieren, die sich möglicherweise als geschichtsträchtig oder gar weltbewegend herausstellen konnten.

Heute saß er im öffentlichen Bereich des Archivs hinter einem filigranen Paravent an einem Schreibpult und kopierte eine wertvolle alte Handschrift, deren Pergament zu zerfallen drohte, als sich neben ihm jemand räusperte. Er sah auf.

„Bal‘a dash, schöne Frau“, sagte er freundlich zu der jungen Leerenelfe, die ihn anlächelte. „Womit kann ich dienen?“

„Ich suche Bücher darüber, wie man magische Barrieren brechen kann“, antwortete sie mit liebreizendem Lächeln, „und Euer Kollege da hinten hat mich an Euch verwiesen.“

Asche nickte sofort. „Selbstverständlich, hier entlang bitte.“ Er erhob sich, schloß das Tintenfass und wies der Besucherin den Weg. „Um welche Art Magie handelt es sich? Eine Eisbarriere? Ein Feuerwall?“

„Eine antimagische Barriere - Magie dringt von außen nicht durch.“ Die Elfe folgte ihm und fragte weiter: „Arbeitet Ihr immer hier?“

„Ja, im Moment arbeite ich immer hier. So, da wären wir - dies hier sind Bücher über das Brechen von Barrieren allgemein. Dort drüben sind Werke pber das Erschaffen von Barrieren. Falls Ihr hier nicht fündig werdet, empfehle ich Euch wärmstens, drüben weiter zu suchen. Oft hilft ein Verständnis für die Ursache erst bei der Lösung eines Problems. Wenn ich es richtig verstehe, handelt es sich um eine magische antimagische Barriere? Also Magie hält Magie ab?“

Sie nickte, sah auf die Masse Bücher und lachte leise. „Ja, das habt Ihr richtig verstanden. Und es sieht so aus, als würde ich gut zu tun haben.“

„Ich helfe Euch gern, falls noch weitere Fragen auftauchen. Ihr wißt ja, an welchem Pult Ihr mich findet - sich sitze dort bis Sonnenuntergang.“

Sie sah ihn an und schmunzelte. „Wie darf ich Euch denn nennen? Falls Ihr gerade woanders seid, muß ich doch wissen, nach wem ich fragen soll.“

Er breitete die Arme in einer eleganten Geste aus wie ein Künstler, zwinkerte ihr zu und setzte an: „Asham...“

„Asche!“ knarrte es hinter ihm aus einem Gang. „Du wirst hier nicht für‘s Anbändeln bezahlt.“

In gespielter Empörung verdrehte Asche die Augen. „Ihr habt es gehört, Schönste. Ich darf mich vorerst zurückziehen, stehe aber ungeachtet dieses Sklaventreibers hier gerne zu Eurer Verfügung!“

Die Elfe zwinkerte keck und erhob die Stimme, um über ihn hinweg zu rufen: „Und Ihr nicht für‘s Herumschreien! Ich versuche hier zu lesen, der Herr!“

Asche riß beeindruckt die Augen auf und formte mit den Lippen ein lautloses, anerkennendes „Uuuh!“

Stunden später trat sie wieder vor sein Pult. „Also Asham... habt Ihr Zeit für eine kurze Pause? Ich kann keine Magie mehr lesen, ohne daß mein Schädel platzt.“

Er lächelte herzlich, kreiste die verspannten Schultern und korrigierte sie: „Ashamshiel heißt es richtig - wenn Euch das zu lang ist, nennt mich ruhig Asche, wie alle anderen. Eine Pause klingt ganz hervorragend.“

„Asche... ein ungewöhnlicher Name. Ich bin Emiriel Sonnenblut - aber wenn Euch das zu lang ist“, zitierte sie ihn zwinkernd, „nennt mich Emi.“

Sie streckte ihm höflich die Hand hin. Dabei fiel ihr Blick auf seine linke Kopfseite. „Hübsch...“ murmelte sie und legte neugierig den Kopf zur Seite.

Asche, der oft wegen seiner seit einigen Jahren rasierten und mit einem weitgehend unbekannten Wappen tätowierten Kopfhälfte angestarrt wurde, verstand sie absichtlich falsch, drehte eine kleine Pirouette und lächelte verschmitz. „Freut mich, wenn ich Euch gefalle! Ihr seid ebenfalls ein ausgesprochen erfreulicher Anblick.“

Sie lachte und deutete auf die Seite seines Kopfes. „Ich bilde mir fast ein, das schon einmal gesehen zu haben... aber davon könnt Ihr mir ja bei einem Glas Wein erzählen, nicht wahr?“

„Oh, aber sehr gerne.“ Sehr gentlemanlike bot er ihr einen Arm an und geleitete sie schlendernd durch die Straßen Dalarans zur nächsten Taverne.

Noch unterwegs griff sie das Thema wieder auf, als sie grübelnd fragte: „Ein Familienwappen... ich habe erst kürzlich davon gelesen... Nachtschimmer, richtig?“

Asche stoppte abrupt und sah sie verwundert, sogar etwas alarmiert an. „Was wißt Ihr über Haus Nachtschimmer?“

„Ich habe etwas in der Chronik von Silbermond gelesen. Ich hatte.. für... einen Freund Recherchen über Familien angestellt.“

„Für einen Freund? Wer interessiert sich denn ausgerechnet für Haus Nachtschimmer? Soweit ich weiß, sind sie...“ Er unterbrach sich und sah sie fragend an.

„Ich habe einen Freund, der wohl zu diesem Haus gehört“, erwiderte sie, „wenn der Name denn nicht häufiger vorkommt.“

Ashamshiel sah sie einigermaßen fassungslos an, wandte sich für einen Moment ab, um sich zu fangen, und fragte dann bemüht ruhig: „Ich nehme an, das bedeutet, Ihr habt Taranis kennengelernt?“ Seine Augen brannten von irgendeinem intensiven Gefühl, das er selbst nicht näher bestimmen konnte.

Sie nickte, wegen seines Ausdrucks etwas verunsichert. „Ja... ist das etwa schlecht?“

Langsam, wie in Zeitlupe, schüttelte er den Kopf. „Nein. Nein, das ist nicht schlecht. Es bedeutet, er lebt noch - und das ist gut. Das... ist gut.“ Nach einer Sekunde setzt er nach: „Ich könnte jetzt wirklich einen Wein gebrauchen.“

Er nahm sie ohne Umstände am Arm, führte sie in die Taverne und setzte sich mit einem Wink zum Kellner an den erstbesten Tisch. Sie ließ sich anstandslos mitziehen, setzte sich und fragte: „Ihr wollt ihm nichts Böses, oder? Er ist mein Freund, ich möchte nicht, daß ihm etwas geschieht. Aber wenn Ihr seine Familie seid...“ sie nickte leicht in Richtung seines Tattoos, „dann könnt Ihr vielleicht helfen,“

Ashamshiel lächelte unglücklich. „Ich war einmal seine Familie. Er ist der letzte Mann in Azeroth, dem ich je etwas Böses wünschen könnte. Was ist mit ihm? Ist er... gesund?“ E musterte Emi bei der letzten Frage eindringlich.

„Ja“, erwiderte sie, „körperlich schon, aber... er ist von der Leere betroffen, wie wir...“

„Er ist was?! Nein, das kann nicht sein! Er war nicht dort! Ich... ich hätte gewußt, ich meine, ich hätte ihn gefunden, wenn er dort gewesen wäre...“ Unbewußt legte er eine geballte Faust an seine Brust.

Emiriel schüttelte leicht den Kopf. „Nein, er war nicht dort. Bei ihm war es anders, und noch wissen wir nicht genau, warum es geschehen ist. Ich vermute, daß er bereits eine gewisse Beziehung zur Leere besaß... und daß das Treffen von so vielen von uns irgendwie das Übrige getan hat. Was genau passiert ist, weiß ich nicht, obwohl ich direkt daneben saß.“ Leise fügte sie hinzu: „Er ist noch in Telogrus, doch ich fürchte, wir können ihn nicht mehr lange dort halten.“

Ashamshiel schwenkte langsam seinen Wein im Glas, nahm einen Schluck und sah eine ganze Weile grübelnd vor sich hin. Schließlich fragte er: „Welchen Eindruck habt Ihr von ihm?“

„Ich will ehrlich sein“, antwortete Emi, „er ist niemand, der auf seinen Freiraum verzichten kann, aber er hat eine große Seele. Er ist mir verbunden... spürt und hört und sieht, wenn ich ihn brauche oder rufe, auch über weite Entfernung. Abr er glaubt auch noch, daß seine Schwester am Leben ist - und eines Tages wird er daran zerbrechen. Denn seit er bei uns ist, sieht er sie nicht mehr. Wir und die Leere haben ihn aus seiner kleinen Blase gerissen und nun... droht er irgendwie zu ertrinken.“

„Oh, Ihr wißt es also.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl nach hinten und nahm einen großen Schluck Wein. Dann holte er tief Luft und erzählte Emiriel, einer jungen Elfe, die er gerade erst kennengelernt hatte, von Taranis’ Leben auf dem Wagen, von seiner Rolle als Patenonkel, von diesem entsetzlichen Tag. „Ich hätte nicht gehen sollen, obwohl er gebrüllt hat, ich solle es tun“, schloß er. „Ich hätte ihn niemals alleine lassen dürfen.“

Sie betrachtete seine Züge, hörte zu und lächelte vorsichtig, als er fertig war. „Was passiert ist, war nicht Eure Schuld. Und manchmal muß man gehen, um wieder zueinander finden zu können. Ich denke, Ihr steht kurz vor diesem Punkt Eures Weges.“

„Ihr meint, ich solle Euch nach Telogrus begleiten? Seid Ihr sicher, daß ihm das helfen würde?“

„Ich meine, daß er jetzt seine Familie braucht, und ich habe es nicht geschafft, diese Lücke in ihm zu füllen. Er sucht etwas anderes.“ Sie legte ihm behutsam die Hand auf den Oberarm. „Nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht, um zueinander zurückzufinden. Eure Familie mag klein geworden sein, aber sie ist noch da. Ich verstehe, wenn Ihr darüber nachdenken müßt, aber glaubt mir, er braucht Euch.“

Sie nahm ihre Hand wieder weg.

„Ich kann kaum glauben, daß er Freunde hat“, brummte Asche leise. „Eine richtige Verbindung zu jemandem. Ich dachte, er würde so etwas nie wieder zulassen.“

„Oh, nun“, sagte Emiriel mit andeutungsweisem Grinsen, „er wehrt sich auch jetzt noch dagegen und möchte niemanden nahe um sich habe. Aber ich bin wie eine Fliege - schlag nach mir, ich komme doch immer wieder.“ Sie lachte leise. „Nur nicht so häßlich, hoffe ich.“

„Also gut.“ Ashamshiel straffte sich, legte beiläufig eine Münze auf den Tisch und stand auf. „Ich werde mindestens heute noch zur Vorbereitung meiner Abreise brauchen, aber ich werde nach Telogrus kommen.“

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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » So 2. Feb 2020, 11:27

Er eilte zurück ins Archiv und hatte Glück: der leitende Magister war anwesend und hatte Zeit für ihn. Ashamshiel erklärte seine Absicht, Dalaran und das Archiv auf unbestimmte Zeit verlassen zu wollen. Er wolle die Forschungen in Telogrus erneut beobachten, da er inoffizielle Berichte über Fortschritte in der Raumforschung durch seine Schwester erhalten habe.

Zu seiner Erleichterung bekam er die Erlaubnis, sich sofort auf den Weg zu machen.

Sein nächster Weg führte ihn in das kleine Mietzimmer, in dem er wohnte. Der schmucklose Raum enthielt ein Bett, einen winzigen Tisch und einen Hocker als einzige Möbelstücke. An den Wänden stapelten sich Bücher, an geschwungenen Haken hingen einige Kleidungsstücke. Auf dem Tisch stand ein Spiegel.

Asche griff sich mit Bedacht seine beiden alten Reisesäcke. Mit diesen war er damals vom Wagen fortgezogen. Nun zog er mit ihnen zurück. Er befüllte sie bis zum Rand mit allem, was er besaß.

Als alles gepackt war, stand nur noch ein kleines Holzköfferchen neben dem Tisch. Er setzte sich auf den Hocker und öffnete den kleinen Koffer. Durch Scharniere mit dem Deckel verschraubte Fächer und Ablageebenen entfalteten sich, auf denen kleine und größere Pinsel lagen, Tiegel mit verschiedenfarbenen Cremes, Döschen, Stiften, Rasierklingen und sonstige Schminkutensilien.

Er griff nach einer Klinge und einem Schleifleder, schärfte sie sorgfältig, legte sie auf den Tisch.

Er rührte aus einem Pülverchen und etwas Wasser Rasierschaum in einer kleinen Schale an.

Er wählte einen mittelgroßen Pinsel, drehte sich mit der linken Seite zum Spiegel und rasierte in langsamen Zügen den Schädel nach. Dann wusch er die Rasiercremereste ab und betrachtete das Tattoo.

Bild

Er wusch den Pinsel und die Schale aus, legte sein Rasierzeug zurück in das Köfferchen und atmete einmal tief durch. Ihm schlug das Herz im Hals, er atmete, bis er wieder eine ruhige Hand hatte.

Dann griff er zum Kajal. Die Augen wurden sorgfältig umrandet. Dann ein kleines Pinselchen und - Sekunden schwebte seine Hand über den verschiedenen Tiegeln - dieser Lidschatten.

Als er fertig war, betrachtete er sein Kunstwerk im Spiegel. Er hatte immer ein etwas androgynes, ausgesprochen hübsches Gesicht gehabt, das insbesondere, wenn er geschminkt war, im Widerspruch zu seinem eher direkten, bodenständigen Wesen zu stehen schien. Es hatte ihn einige Jahre gekostet, herauszufinden, wie er sich selbst wahrnahm und sehen wollte, und er war zufrieden damit. Doch heute konnte er die Nervosität nicht wegmalen, sie blieb.

Dennoch, dachte er und räumte das Köfferchen ein, schloß es ab und hängte es sich über die Schultern, einer unbekannten und besorgniserregenden Situation begegnete man am besten ganz im Reinen mit sich und gut gerüstet - und das war er nun.

Er griff sich die beiden schweren Reisesäcke und mit einem Gefühl, als würde er nach vielen Jahren in ein lang vermisstes Zuhause zurückkehren, machte er sich auf den Weg in die Graufangenklave zum Sturmwindportal.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Di 4. Feb 2020, 22:57

Er war seit dem Vorfall nicht mehr in Telogrus gewesen - besser gesagt, seit man ihn damals stabilisiert hatte. Bei ihm war das schneller gegangen als bei vielen anderen, und er vertrat die Theorie, daß es die Leere mit Köpfen wie seinem, denen es einfach an Kreativität mangelte, schwerer hatte. Es war sicher viel leichter, einen Kopf voller Horrorfantasien zu foltern und zu übernehmen, als jemanden, der so schlicht geradeaus dachte wie er. Aber da er nie an der Leere geforscht hatte, blieb das eben nur eine Theorie.

Die Kälte, die sofort durch jeden seiner Knochen zog, nachdem er durch den Riss getreten war, hatte er nicht vermißt, soviel stand fest. Er hievte die Reisesäcke bequemer auf die Schultern und stapfte langsam vorwärts. Es hatte sich einiges verändert hier - mehr Elfen waren überall, nicht nur Leerenelfen. Und sie alle wirkten sehr viel organisierter als damals. Er fand das irgendwie beruhigend. Auch als Kirin Tor war man durchaus nicht gern gesehen, wenn man plötzlich blau war, und er hoffte, daß sich die Anwesenheit der Leerenelfen nach und nach weiter normalisieren und sie selbstverständlicher anerkannt würden.

Da er nicht wußte, wohin er gehen mußte, ging er sehr langsam und sah und hörte sich aufmerksam um. Als er das Lachen einer flüchtig bekannten Stimme aus einem Zelt hörte, steuerte er darauf zu.

"Hallo?", fragte er höflich am Zelteingang. "Fräulein Sonnenblut?"

Sie steckte ihren Kopf durch die Eingangsplane. Er machte einen so formvollendeten Knicks, wie es für einen eher kleinen, mit seinem gesamten Besitzstand beladenen Elfen möglich war, und sie verfiel sofort in Aktionismus: "Oh, wie schön, bitte kommt herein! Macht es Euch bequem! Ich versuche schnell, die anderen zu holen!" und sie wirbelte davon.

Er stellte sein Gepäck in eine Ecke, sah sich um - viele Bücher, ein paar Kissen, nichts Unerwartetes -, ohne etwas anzufassen, und wippte dann nervös auf den Füßen, bis eine Stimme vor dem Zelt rief: "Emi, bist du da?"

Er trat nach draußen und sah sich einem Elfen mit grauen Haaren gegenüber, der nicht viel größer war als er selbst. Ein weiterer, ebenfalls nicht sehr hoch gewachsener Elf mit schwarzem Haar und blauen Augen eilte heran. Sie stellten sich als Malyrius und Iudicael vor, noch bevor Emiriel zurückkehrte, um zu sagen, daß sonst gerade niemand kommen könne. Sie scheuchte die drei Männer in ihr Zelt, ließ die Plane wieder fallen und servierte geschäftig Wasser, Wein und selbstgemachten Honigkuchen.

Asche beobachtete die anderen sehr aufmerksam. Er wollte wissen, wie sie miteinander funktionierten; er wollte wissen, was das wohl für Leute waren, die sich einen Taranis aufgeladen hatten. Malyrius wirkte gestresst und angespannt, geradezu schreckhaft, wie jemand, der kürzlich Schlimmes durchgemacht und damit noch nicht abgeschlossen hatte. Iudicael hatte einen Fleck auf der Nase, von irgendeiner alchimistischen Arbeit, von der er sich hatte fortholen lassen, und tupfte sich den mit einem zarten Spitzentaschentuch ab. Er schien einigen Dingen überdurchschnittlich, anderen unterdurchschnittlich viel Bedeutung beizumessen und wirkte wie ein freundlicher Mann mit einem stahlharten Rückgrat. Emiriel war viel verträumter als noch gestern in Dalaran, ein wenig geistesabwesend, sehr liebenswürdig und hatte eine Aufmerksamkeitsspanne von nur Sekunden.

Alle zusammen waren offenbar sehr vertraut miteinander - ein gutes Zeichen. Asche setzte sich schon etwas weniger nervös.

"Asche?", fragte Malyrius, nachdem sie sich alle Wasser genommen hatten. "Wie Verbranntes?"

"Wie Verbranntes", bestätigte Asche.

"Und Du bist also ein Bekannter von Taranis?"

"Ich war ein Teil seiner Familie. Der Wagenfamilie. Ich war eng mit seinen Eltern befreundet; sie machten mich zum Taufpaten ihrer Kinder." Asche faßte die Geschichte kurz für die Anwesenden zusammen. "Emiriel war der Meinung, Taran könne mich jetzt gebrauchen - darum bin ich hier", schloß er. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich von Nutzen sein kann. Aber ich habe viel über Taranis nachgedacht, und würde Euch meine Gedanken gerne darlegen."

Fragend sah er in die Runde und einer nach dem anderen nickten sie aufmerksam, also fuhr er fort:

"Es ist so, daß ich bereits bei Maurion Nachtschimmer, seinem Vater, beobachten konnte, wie die Magie in dieser Familie wirkt. Ich bin in Dalaran aufgewachsen", seine Nase kräuselte sich für einen Sekundenbruchteil in leichtem Abscheu, "und obwohl ich selbst nicht das geringste arkane Talent besitze, habe ich doch ein gewisses Grundverständnis davon, wie Magie wirkt und was sie mit Zaubernden machen kann. Aber Mau - er beschrieb etwas Ungewöhnliches. Er würde zu einem Kanal werden, durch den 'die Nacht' flösse, wie er sagte, und dies würde ihn befähigen, in die Zukunft zu sehen."

Er räusperte sich und trank einen Schluck Wasser.

"Nach dem Tod seiner Schwester habe ich an Taranis etwas beobachtet, das ich weder vorher noch danach je sah. Seine Augen verdunkelten sich, wenn er Visionen hatte. Anfangs waren das nicht viele, aber nach und nach... Er hatte helle Augen, wie Nebel, und dann wurden sie plötzlich dunkelblau wie die Nacht. Was ist, wenn das eine körperliche Auswirkung dieses 'Nachtflusses' ist, von dem sein Vater sprach? Was ist, wenn der 'Nachtfluss' schon immer die Leere war? Vielleicht war das das Erbe von Haus Nachtschimmer - daß einige von ihnen Leere kanalisieren und den Stimmen tatsächlich einen Sinn entnehmen konnten?"

Er beugte sich leicht vor und sah von einem zum anderen. "Womöglich - und ich sage das durchaus mit Vorbehalten - war Taranis auch nie verrückt, sondern er hat tatsächlich seine Schwester gesehen, als einen Teil der Leere? Auf diesen Gedanken kam ich erst, als meine eigene Schwester Amaryl mir sagte, die Stimmen würden sich auch vor ihren Augen manifestieren."

Er wiegte leicht den Kopf. "Meine Schwester ist zwar brillant, aber auch, nun, speziell. Unter anderem deshalb habe ich mich von Emiriel überzeugen lassen, herzukommen - ich möchte Amaryl zu diesen Manifestationen befragen."

Er trank sein Wasserglas aus und stellte es ab. "Die Schwierigkeit, die ich dabei sehe, ist allerdings meine Person. Ich befürchte, Taranis... wird mich nicht sehen wollen. Es war kein schöner Abschied damals. Ich habe Sorge, daß ich ihn sogar noch instabiler machen könnte, einfach nur durch meine Anwesenheit und all die Erinnerungen."

Emiriel legte ihm leicht die Hand auf den Arm und sagte, sie sei froh, daß er gekommen sei, bevor sie in die Küche eilte.

Iudicael nickte langsam. "Möglich", meinte er. "Es klingt nach einem Bild für die Leere. Ich könnte mir vorstellen, daß jeder den Kanal anzapft, dem er am ehesten verbunden ist. Und es ist schlicht so, daß die Leere viel Wahres zeigt."

Er strich sich die Haare zurück und nahm einen Schluck Wasser. "Ich wage mal die Behauptung", fuhr er fort, "es hat ihm nicht gut getan, den Tod seiner Schwester so lange zu verleugnen. Aber ich möchte auch nicht, daß Ihr, Ashamshiel, glaubt, daran die Schuld zu tragen. Er hat so hohe Mauern um sich gebaut, daß er eigentlich nicht mehr zu erreichen ist, wenn er es nicht will oder die traumatisierte Seele es sich selbst verwehrt. Und das große Problem dabei ist, daß er nicht einmal weiß, wer er ohne Mauern und Masken überhaupt ist."

Lange sah Ashamshiel Iudicael an. "Ich hätte ihn damals besser auffangen müssen", sagte er dann brüchig. Er straffte sich und sagte mit etwas festerer Stimme: "Nun, das ist lange vorbei. Was kann ich jetzt tun? Was ist Eure Meinung? Kann man... kann man ihm überhaupt noch helfen? So wie Ihr das beschreibt, klingt es, als hätte Taran sich selbst eingesperrt und den Schlüssel weggeworfen... Und wie kam es überhaupt dazu, daß er ein Ren'Dorei wurde?"

Iudicael lehnte sich zurück, sein Ausdruck wenig begeistert. "Lustige Geschichte..." sagte er, als würde er das Gegenteil meinen. "Wir trafen ihn im Ressort in Feralas. Er trat dort unter anderem mit seinem Trommelorakel auf. Wir kamen ins Gespräch und luden ihn in unsere Runde ein - er kannte Jeremiel schon. Das Gespräch kam auf die Leere und er wollte wissen, wie es sich anfühlt. Ich schickte ihm dann etwas Leerenheilung, Jeremiel formte eine kleine Leerenkugel zum Anfassen. Ich weiß nicht, was sonst noch geschah. Er warf sich da hinein wie ein Bekloppter, wenn ich das so sagen darf - scheißegal, ich sag's so. Gefühlt hat er uns regelrecht ausgesaugt und war dann selbst... beleert."

"Puh...", Asche machte große Augen. "Das muß... erschütternd für Euch gewesen sein. Schockierend."

"Euphemistisch ausgedrückt, ja. Wir haben uns im Schock ziemlich gestritten."

"Ihr beeindruckt mich. Die meisten hätten ihn direkt zur Hölle geschickt. Stattdessen habt Ihr ihn hierher in Sicherheit gebracht." Asche sah die beiden Elfen dankbar an. "Mich beeindruckt auch, daß er immer noch hier ist. Er hat damals jede persönliche Bindung gekappt, und soweit ich weiß, geht er auch keine mehr ein. Er hat Angst davor. Aber an Euch muß etwas sein, dem er vertrauen möchte."

Iudicael lächelte schief. "Er wirkt immer noch nicht wie ein Bindungstyp. Aber er will lernen, das hält ihn ein wenig - wenngleich wir ihn dieser Tage erst eingesammelt haben, als er mit geschnürtem Ranzen seine Schwester suchen wollte."

"Ja, das klingt nach Taran", seufzte Asche. "Erst die Aktion, dann das Überlegen. Wenn meine Leerentheorie stimmt, dann muß dieser Tag in Feralas für ihn gewesen sein, als käme er nach Hause. Die Leere muß sich für ihn anders angefühlt haben als für uns: nicht wie eine fremde Macht, die ihn überwältigen will, sondern wie ein lang vermisster Freund... jedenfalls wenn er noch wüßte, was Freunde sind. Und Vermissen."

Er selbst wußte beides noch sehr gut. Um seine aufsteigende Traurigkeit zu unterdrücken und seinen deutlich knurrenden Magen zu beruhigen, nahm er sich ein Stück Honigkuchen, bevor er fortfuhr: "Wer weiß, vielleicht ist das sogar hilfreich. Vielleicht lernt er schneller, mit der Leere umzugehen, weil er sie so umarmt und sie ihm so vertraut ist."

Eine Weile schwiegen sie, eine Weile redeten sie weiter. Asche erklärte, daß sein offizieller Grund, hier zu sein, sein Arbeitsauftrag von den Kirin Tor war, die hiesige Arbeit zu dokumentieren. Er wollte sich bei seiner Schwester einquartieren, sich erstmal einen Überblick verschaffen und dann weitersehen. Sie verabschiedeten sich für's erste, und er hievte die beiden Reisesäcke wieder auf die Schultern und trug sie auf den Riss zu, der zur nächsten Scherbe von Telogrus führte.

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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Mi 5. Feb 2020, 16:35

Er trat durch den Riss, hinüber auf die andere Scherbe Telogrus'. Auch hier standen Zelte, war Unterricht, wurde gelernt und gearbeitet, geforscht oder einfach spazierengegangen. Er orientierte sich kurz, erinnerte sich, wo das Zelt seiner Schwester stand und ging los. Er bemerkte, daß er angesehen wurde, wegen seines auffälligen Tattoos ebenso wie wegen des Wappenrocks der Kirin Tor, und er grüßte höflich in alle Richtungen. Auf halbem Weg dünnte sich die Anzahl der Elfen nach und nach aus, und als es nicht mehr weit bis zu Amaryls Zelt war, war kaum noch jemand zu sehen.

Nur dort rechts, auf der Klippe, stand ein Mann. Er war zu weit entfernt, um ihn genau zu erkennen, und er stand gerade auf den Händen, doch Asche würde auch nach Jahrhunderten diese Körperhaltung unter allen Elfen Azeroths sofort erkennen. Still blieb er stehen und beobachtete Taranis beim Training. Langsam und fließend machte er seine Bewegungen, fast ein wenig zögerlich, so als hätte er lange nicht trainiert. Der Oberkörper war nackt, die leichte Pluderhose rutschte ihm im Handstand die Beine hinauf. Er beugte die Ellbogen, bis seine Nase fast den Boden berührte, und stemmte sich wieder hoch. Er ließ sich auf die Unterarme hinunter, um größere Stabilität zu haben, und machte dann einen seitlichen Spagat in der Luft. Als er Anstalten machte, sich aufzurichten, wandte Asche sich ab und ging weiter.

Beim gesuchten Zelt angekommen, kam er nicht einmal dazu, zu klopfen, denn Amaryl streckte sofort den Kopf heraus und knarzte mit einer Stimme, die so tief war wie die eines Mannes: "Ich habe dich vor 2 Stunden erwartet!" Damit verschwand sie wieder im Zelt. Er hob die Brauen und ging ihr nach. Ihr Zelt war von innen deutlich größer und vor allem bequemer, als es von außen den Anschein hatte, und wieder einmal beneidete er das magisch begabte Volk aus vollem Herzen.

"Wer hat dir gesagt, daß ich kommen würde?" fragte er und ließ seine schweren Taschen fallen.

"Na wer wohl", erwiderte sie und tippte sich an die Schläfe. "Hab dir einen Raum erschaffen. Da drüben. Ist nichts drin - sag mir, was du brauchst, du bekommst es."

Asche sah seine Schwester mißtrauisch an. "Wer bist du und was hast du mit der bösen Hexe gemacht, die mit mir verwandt ist?"

Amaryl lachte aus voller Kehle - es entblößte mehrere spitz zulaufende Zähne und klang wie ein sehr böser Raucherhusten in einem hohen Canyon voller Echos. "Schande, ich habe etliche mögliche Zukünfte in der Leere gesehen, und in keiner davon hast du dich vertreiben lassen, also was sollte ich tun?" Sie wies mit dem Kinn in Richtung seines Gepäcks. "Ist das alles?"

Als er bestätigte, ging sie mit ihm in den noch leeren Raum. Er hatte seit seiner Kindheit nicht mehr so viel Platz gehabt - der Raum maß sicher zehn Schritt in jede Richtung, er war fünfeckig, weil seine Schwester eine gewisse Zahlenneurose hatte, und die Zeltwände schienen zu schimmern. Am Eingang stand ein schlanker, geschwungener Holzpfeiler, der sich auf Brusthöhe zu einer filigranen Schale formte. In diese legte Amaryl eine schwarze Kugel. Sobald die Kugel das Holz berührte, schimmerte auch sie.

"Hand!", forderte Amaryl, und neugierig reichte Asche ihr seine Hand. Sie legte sie auf die Kugel und bewegte sie vor und zurück. Mit jeder Bewegung wurden sowohl das Licht an den Zeltwänden als auch das von der Kugel ausgehende intensiver oder gedämmter.

"Ich hasse dich", sagte Asche fasziniert und neidisch. Seine Schwester lachte ihr häßliches Lachen und rammte leicht seine Schulter mit ihrer - mehr Begrüßung und mehr Zuneigung konnten sie beide nicht ausdrücken.

Im Laufe der nächsten Stunde packte er seine Reisesäcke aus, während sie sich alles besah und die passenden Regale und Vitrinen dafür erschuf. Zuletzt zauberte sie ein bequemes, etwas zu großes Bett mit einem stabilen, hölzernen Kopfende.

"Ruhe", sagte sie danach in ihrer einsilbigen, bellenden Art und verließ kommentarlos den Raum. Er sah ihr nach. Sie nahm sich draußen eine Karaffe Wasser, sank erschöpft auf einen Diwan und stürzte das Wasser hinunter, ohne sich die Mühe eines Umwegs über ein Trinkglas zu machen. Als sie seinen Blick bemerkte, hob er kurz das Kinn ("Alles in Ordnung? Ich bin dir sehr dankbar.") und sie verzog einen Mundwinkel und winkte ab ("Nur erschöpft, lass mich in Ruhe, Kleiner."). Er ließ also den Vorhang fallen und sah sich in seinem neuen Reich um.

Ein ausgesprochen großer Arbeitstisch stand an einer der Wände, elfisch-elegant wie die gesamte Einrichtung und auf einer Seite mit einer schrägen Schreib- oder Malfläche versehen. Tintenfässchen und Federn hatte er bereits darauf verteilt, ein schlichter Holzstuhl stand davor. Auf dem Bett waren mehrere bequeme Samt- und Seidenkissen gestapelt, die zarten Regale überall waren mit all seinen Büchern und Dingen gefüllt, doch hatten noch freien Platz. Seine beiden Kurzschwerter lagen in einer offenen Vitrine, ebenso der Kampfstab. Für seine Kleidung gab es einen Schrank, der etwa so hoch war wie Asche selbst, ein Diwan und ein bequemer Sessel standen auf einem weichen Teppich.

Er ließ sich auf das Bett sinken, wippte zweimal auf der Matratze und legte sich dann auf den Rücken.

Die Decke des Raums war weinrot und hatte zarte, goldene Fäden eingestickt.

Gleich würde er wieder zurück auf die erste Scherbe gehen, zurück zu den neuen Bekannten, vielleicht mit ihnen zu Abend essen.
Vielleicht wäre Taranis da.

Vielleicht wäre Taranis da.

Vielleicht...

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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Sa 8. Feb 2020, 19:43

Telogrus. Ashamshiel rümpfte die Nase, als er seine erste ausgiebige Runde beendete. Kaum begreiflich, dachte er sarkastisch, warum die anderen Elfenrassen mit den Ren'Dorei solche Probleme hatten - Telogrus war wie ein bis zur Unkenntlichkeit perfektioniertes Dalaran. Es war so rein, daß keine Pflanze wuchs, kein Regen fiel und nicht einmal ein Tag-Nacht-Rhythmus existierte.

Er hasste es.

Andererseits war er nun nicht mehr den Straßen Dalarans ausgesetzt, wo seine ehemaligen Peiniger nun als anerkannte Mitglieder der Gesellschaft ein bequemes Leben führten, wo seine biologischen Eltern ihm unverhofft begegnen und sich demonstrativ abwenden konnten, wie sie es immer taten, und wo sein Sozialleben sich auf Bücher und gelegentliche Archivbesucher beschränkte, die noch nicht wußten, daß man mit Asche nicht redete, wenn man hier zur Oberklasse gehören wollte.

Hier hatte er Amaryl, die über eine ausgesprochen erratische Persönlichkeit verfügte, zu unvorhersehbaren Zeiten wach war oder schlief, und ein wenig zu sehr am Chaos geschnüffelt zu haben schien, die aber unerschütterlich loyal war, was ihn, ihren kleinen Bruder, anging. Er war nicht nur mehrere Jahrzehnte jünger, sondern auch jetzt noch, als Erwachsener Elf, einen halben Kopf kleiner als sie und als die 'Missgeburt' ohne Fähigkeiten, wie seine Mutter es einst ausgedrückt hatte, hatte er stets einen starken Beschützerdrang in Amaryl ausgelöst. Seine Liebe zu seiner Schwester, die sich niemals gegen ihn gestellt hatte, obwohl das der für sie leichtere Weg gewesen wäre, war der Fels in seinem brandungsreichen Leben.

Er warf seine Umhängetasche auf den riesigen Schreibtisch, den seine Schwester ihm erschaffen hatte, und sank selbst auf den Stuhl davor. Er hatte sich heute mit den Leitern und Lehrern der verschiedenen Forschungsgruppen in Verbindung gesetzt. Sie alle begrüßten die indirekte Anerkennung ihrer Arbeit durch die Kirin Tor; er würde keine Schwierigkeiten haben, die Informationen zu sammeln, die er brauchte.

Er goss sich ein Glas Wasser ein, das in einer Karaffe bereitstand, entkorkte ein Tintenfäßchen, holte sein Notizbuch aus der Tasche und machte sich daran, das winzige Gekritzel in vollständigen Sätzen und sehr sorgfältig in das erste offizielle Archivbuch zu übertragen. Er ließ einige Seiten frei, auf denen später das Inhaltsverzeichnis nachgetragen werden würde, und begann mit einer Auflistung der verschiedenen Forschungsgebiete inklusive einer jeweiligen kurzen inhaltlichen Zusammenfassung der Forschungsziele und der leitenden Persönlichkeiten.

Er schrieb flüssig, in seiner wunderschön geschwungenen und doch leicht leserlichen Handschrift, die ihm seinen Posten und damit finanzielle Unabhängigkeit eingebracht hatte. Dem ersten Buchstaben jedes neuen Themas gönnte er eine Achtelseite sowie eine aufwändige Verzierung, die er mit viel Liebe zum Detail dazu malte.

Zwei Stunden später rollte er mit den Schultern und beendete seine Arbeit für heute. Er würde noch mehr, sehr viel mehr zu schreiben haben, aber es mußte nicht heute sein. Es war, soweit man das auf Telogrus überhaupt sagen konnte, Nacht, und er wollte laufen gehen. Laufen klärte seinen Geist, es trainierte und lockerte seine Muskeln, Laufen gab ihm die Gelegenheit, nachzudenken und das gute Gefühl, voranzukommen oder weglaufen zu können - je nachdem, was er gerade brauchte. Laufen konnte er alleine, ohne Trainingspartner, und das war nicht zu unterschätzen. Er hatte viele Nachtstunden damit verbracht, durch die Straßen Dalarans zu rennen, Runde um Runde, wenn niemand sonst mehr unterwegs war.

Er zog sich seine speziell besohlten Laufschuhe an, verließ das Zelt und lief los, langsam und gemütlich zunächst, bis er aufgewärmt war, dann schneller und schneller, über die erste Anstrengung hinaus, bis sein Atem und seine Körperbewegungen eine Einheit wurden, bis er vergessen konnte, daß sein Körper sich bewegte, und automatisch lief.

An diesem Punkt begann seine Freiheit. Er lief leicht und schwungvoll, und seine Augen und Gedanken konnten wandern.

Er hatte Taranis auch jetzt, nach zwei Tagen, noch nicht gesehen, abgesehen von seiner tanzenden Silhouette am Rand der Scherbe. Gestern Abend jedoch hatte er einen Ausflug nach Sturmwind gemacht, um dieser violetten Hölle hier zu entfliehen und über Gras gehen zu können, und hatte dort überraschend Emiriel und Iudicael getroffen. Außerdem hatte er dort eine sehr sympathische neue Bekanntschaft gemacht - ein Mensch namens Patrick. Auch dieser schien ein Freund dieses Ilassan zu sein, den seine neuen Bekannten hier gerade so verzweifelt suchten. Asche hatte seine Hilfe erneut angeboten - nicht, daß er viel in die Waagschale zu werfen hatte, aber für die Leute, die sich seines Patensohns angenommen hatten, ohne ein zweites Mal nachzudenken, würde er jederzeit dies und noch viel mehr tun.

Jetzt, beim Laufen, ging ihm Iudicaels Frage noch einmal durch den Kopf.

Tragt Ihr die Schminke, um Euch zu verstecken?

Er sah tief, dieser Priester, dachte Asche. Er trug sein Make-Up nicht, um sich zu verstecken, sondern weil er gern mit Farben spielte, aber er mußte zugeben, daß es sich gelegentlich anfühlte wie ein Schutzschild. Wie Kleidung. Er ging ja auch nicht nackt durch Telogrus, obwohl es kein Wetter gab, gegen das er sich hätte schützen müssen.

Warum Asche? hatte Iudicael weitergefragt. Ihr seid so hübsch, ich mag Euch gar nicht so nennen, zumal Ashamshiel ein so schöner Name ist. Versteckt Ihr Euch dahinter? Fühlt Ihr Euch wie Asche?

Das allerdings tat er. Er hatte sich immer wie ein Häufchen Asche gefühlt. Auf dem Wagen war es besser gewesen, doch selbst dort konnte er nicht umhin, in ehrfürchtiger Bewunderung auf die begnadete Familie Nachtschimmer zu sehen. Als Taranis noch ein Junge war, war ihr Verhältnis noch gut ausbalanciert, doch je älter er wurde, desto mehr erlernte und beherrschte er, für das Asche ihn einfach nur bewundern konnte, und er zog sich innerlich zurück in die zweite Reihe. Da ihm die erste ohnehin nicht lag, bemerkten sie es beide nicht. Erst nachdem Taran ihn weggeschickt hatte, bedauerte Asche, nicht mehr Autorität gewesen zu sein, nicht mehr Einfluss gehabt zu haben.

Und heute trug er seinen Spitznamen mit einem gewissen trotzigen Stolz. Er mochte Asche sein, aber auch Asche hatte ihren Wert - so hatte er es auch Iudicael gesagt. Er hatte etwas aus seinem Leben gemacht - etwas Kleines, aber es gefiel ihm. Und schließlich konnte nicht jeder ein Leuchtfeuer sein.

Er beendete seine Laufrunde veschwitzt und befreit, wusch sich im Zelt die Schminke herunter, nahm ein ausgiebiges Bad und ging ins Bett. Morgen würde er

er ist nicht hier, nicht hier

bei den Risswächtern beginnen, hatte er sich vorgenommen, da seine Schwester ihm als

und will dich ohnehin nicht sehen

Risswächterin gegebenenfalls bei Nachfragen helfen konnte.

Er hat dich weggeschickt, warum bist du wieder hier?

Warum läufst du ihm nach, Hündchen?

Aschehündchen...

Aschehündchen...


Er preßte die Hände auf die Ohren, um das irre Lachen der ihn verhöhnenden Stimmen in seinem Kopf ausblenden zu können. Das war noch etwas, das er an Telogrus verabscheute - es war einfach zu intensiv.
Er kroch wieder aus dem Bett, nahm sich ein Blatt Papier und einen Kohlestift und begann zu malen. Dies war seine Geheimwaffe gegen irre Gedanken, und er hatte viele, viele Bilder gemalt in den letzten zwei Jahren.

Aschehündchen!

Vielleicht stimmte es ja, was sie ihm zuriefen, vielleicht wollte Taranis ihn nicht sehen. Vielleicht war er immer noch so zornig wie an jenem Tag. Vielleicht glaubte er für immer, daß seine Schwester noch lebte. Doch das Leben ging weiter, immer weiter.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Di 11. Feb 2020, 00:19

Ein täglicher Ausflug nach Sturmwind machte einem Telogrus auf jeden Fall erträglicher, befand Asche, als er vor der Botschaft auf den Leerenriss starrte, unzufrieden mit der Aussicht, nun wieder zurück in die sterile violette Hölle zu müssen.

"Na? Manschetten?" fragte eine Stimme neben ihm. Ein Mann, kaum größer als er selbst, ein Leerenelf in eleganter Robe, sah ihn fragend an.

"Nein, Widerwillen", erwiderte Asche.

"Hilft nicht", meinte der andere lakonisch.

"So ist es leider", bestätigte Asche. "Müßt Ihr auch da rein? Wollt Ihr Euch mir anschließen? Geteiltes Leid und so..."

"Und wir gehen Arm in Arm durch diesen Riss?" fragte der Fremde.

Asche mußte schmunzeln. "So sehr hasse ich Telogrus auch wieder nicht, daß ich mich bei Euch festhalten müßte, aber andererseits ist das ein sehr charmantes Angebot." Er streckte amüsiert einen Arm aus, und tatsächlich, der andere ergriff ihn und hakte sich unter.

"Auf drei?"

"Auf drei!"

"Eins - zwei - drei!" Und sie traten vor und gingen gemeinsam durch den Leerenriss.

Als sie hindurch waren und sich das Indigo, Purpur und Mitternachtsblau der Leere überall um sie herum schloß, fragte der Fremde: "Na, noch alles dran?"

"Aber ja", versicherte Asche, "und besser gelaunt habe ich diesen Ort noch nie betreten."

"Wenn das an meinem Arm lag, sollte ich ihn hoch versichern lassen."

"Ich denke, es lag an dem Kopf, der die Idee hatte. Der kommt mir übrigens vage bekannt vor - lest Ihr gerne?" Asche kniff die Augen zusammen. Doch, er war sich fast sicher, diesen Mann hatte er schon im Archiv gesehen.

"Das tue ich - sehe ich danach aus?"

"Ihr seht aus wie jemand, der über sechs Wochen 'Feuermagie im Wandel der Zeit' entliehen hatte..." Asche erinnerte sich jetzt. "Ja, Ihr müßt Magister Andilien sein. Es ist mir eine Ehre." Er verbeugte sich tief vor dem Magister, der halbseitig lächelnd die Verbeugung erwiderte.

"Und Ihr seid derjenige, der das Buch nach mir leihen wollte und stets vertröstet wurde?" fragte Andilien.

"Nein", stellte Asche richtig, "Ich bin derjenige, der nach Eurer Rückgabe das Buch kopieren mußte, um eine solche Situation in Zukunft zu vermeiden. Und dem der Vertröstete die ganze Zeit im Nacken saß." Doch der war ohnehin ein typischer Dalaraner Unsympath gewesen, dachte er bei sich.

"Oh", Andilien legte beide Hände auf die Brust, "Es tut mir aufrichtig Leid. Ich hatte darin einen Querverweis suchen wollen und habe das Buch dann auf meinem Schreibtisch bei den anderen Büchern vergessen..."

"Vergessen?!" Asche riß gespielt entsetzt die Augen auf. "Also das habe ich jetzt nicht gehört. Ich habe Stein und Bein geschworen, der Erfolg Eurer Forschung hinge einzig von diesem Buch ab."

"Oh nein", lachte Andilien leise, "Wie stehe ich denn jetzt da?"

"Wie ein Mann, der an viele Dinge gleichzeitig denkt", antwortete Asche zwinkernd.

"Oder jemand, der sich an ein Grundlagenwerk klammert."

"Ohne Grundlagen ist alles nichts", zitierte Asche seinen früheren Freund Maurion.

"Andilien Morgennebel", bestätigte Andilien seinen Namen. "Und Ihr seid? Ihr heißt ja sicher nicht Kopist."

"Oh, für manche Leute schon." Asche grinst humorlos. "Mein Name ist Ashamshiel. Die meisten nennen mich Asche."

"Aaah... ja... den Namen habe ich schonmal gehört. Allerdings nicht ganz den Namen, eher so 'Aaaaschöööö!'"

"Japp", bestätigte Asche, "in verschiedenen Genervtheitsgraden."

"Freut mich, daß Ihr dem entstiegen seid."

"Entkommen, eher - für den Moment jedenfalls." Schon lächelte Asche wieder unbeschwert. "Ich muß noch hinüber auf die nächste Scherbe - habt Ihr auch noch ein Stück zu gehen?"

"Ja, ein Stückchen noch zum Gasthaus, ich habe noch etwas abzuholen. Und dann werde ich von einem Freund und seinem hungrigen, kleinen Marsuul erwartet. Mit Obst." Der Magister ahmte mit seinen Händen winzige Marsuulpfötchen nach, die nach etwas griffen, und Asche mußte kichern.

"Da habt Ihr scheinbar einen schönen Abend vor Euch."

"Wenn Gismo das Obst gefällt, dann ja. Ansonsten werde ich geschnitten."

"Nun, Ihr seid doch Feuermagier, nicht wahr? Ihr könntet Euch im Notfall wehren?"

Mit einer eleganten Geste ließ Andilien Morgennebel eine feurig wabernde Blase um sich herum erstehen, und nickte. "Allerdings."

Asche stubste die Blase mit einem Finger und einem neidischen Seufzen an. "Das ist wunderschön", sagte er verträumt.

"Nicht wahr? Und ein bißchen wie ein Kamin."

"Beneidenswert, wie so viele magische Errungenschaften."

"Es gibt derlei auch für die Hosentasche - soll ich mal nachschauen, was sich in den Schatzkammern meiner Reisetaschen befindet?"

"Ich denke, was sich darin befindet, werdet Ihr selbst irgendwann brauchen, Magister."

"Nicht zwingend", sagte Andilien leichthin. "Es sammelt sich so viel an, liegt oft so tief unten und irgendwann finde ich es und denke 'Was wollte ich damit nochmal anfangen?'"

"'Wollte ich es vielleicht in eine Bibliothek zurückbringen?'" ergänzte Asche unschuldig.

"Ertappt!" Andilien schnippte mit den Fingern und Asche grinste höchst vergnügt, als der Magister gespielt zerknirscht die Augenlider niederschlug.

"Na dann wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr an mich dächtet, falls unter den Socken oder wo auch immer ein magischer Kamin auftaucht."

"Ich werde auf Schatzsuche gehen", verkündete Andilien. "Braucht Ihr noch einen Arm für das nächste Portälchen?"

Theatralisch rezitierte Asche: "Ich kann nicht ablehnen, wahrhaftig, da mir der Kopf zum Arm so gut gefällt."

Andilien legte ebenso theatralisch einen Handrücken an die Stirn, beugte den Kopf leicht nach hinten und erwiderte: "Ooooh, das ist zu gütig."

"Ihr kennt Theater!" rief Asche, über alle 4 Backen strahlend. "Es ehrt und freut mich WIRKLICH, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben!"

"So strecket mir Euren muskulösen Arm entgegen, auf daß ich weichen Knies Euch zum Portal geleite, mein Ritter", erwiderte der Magier und zwinkerte dem Chronisten zu.

Asche streckte wie geheißen den Arm aus, Andilien hakte sich damenhaft ein.

"Auf drei, Mylady?", fragte er ritterlich.

"Auf drei, Mylord!" nickte 'Mylady' Andilien.

Als sie auch den zweiten Riss durchschritten hatten, verbeugte sich Asche tief vor seinem neuen Bekannten und sagte bühnenhaft akzentuiert: "Möge die Gunst des Marsuul mit Euch sein."

"Ich danke Euch", erwiderte Andilien.

"Und ich Euch - für diesen überaus vergnüglichen Spaziergang. Schlaft gut!" Er verbeugte sich ein letztes Mal.

"Ihr auch, Ihr auch, mein Held", zwinkerte Andilien und stolzierte gemächlich zurück zum 'Portälchen'.

Es war nicht alles schlecht an Telogrus, dachte Asche, als er glücklich grinsend zum Zelt lief. Oder an Dalaran. Es gab vereinzelte Lichtblicke.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Mi 12. Feb 2020, 23:57

In der frühesten Morgenstunde klopfte es ans Zelt. „Ashamshiel?“

Amaryl riss von innen die Eingangsplane auf, die Haare wirr, in einer Hand den schweren Vorhang, in der anderen ein Reagenzgläschen haltend und mit wildem Blick.

„Was?“ bellte sie.

Jeremiel, der geklopft hatte, lächelte freundlich. „Ich möchte zu Ashamshiel.“

Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Freund oder Feind?“

„Freund“, versicherte Jeremiel mit einem weiteren Lächeln.

Die Zeltbesitzerin beugte sich ganz nah an ihn heran und sagte leise: „Daß Ihr lächelt, beweist nur, daß Eure Gesichtsmuskeln intakt sind.“ Mit einem Rucken ihres Kopfes gestattete sie ihm, einzutreten, und ging ihm voran zu Asches Zimmer. Auch dort hob sie den Eingangsvorhang an - und blieb im Durchgang stehen wie eine Statue. Wen sie noch nicht kannte, dem vertraute sie nicht, und gleich doppelt nicht, wenn er etwas von ihem kleinen Bruder wollte.

„Habt Ihr die Muskelprobe schonmal gemacht?“ fragte Jeremiel charmant, als er an ihr vorbeitrat, doch Wachhund, der sie war, sprang sie nicht darauf an.

Jeremiel trat ans Bett, in dem Asche noch fest schlief. Er hatte sich unter einem Decken- und Kissenberg in eine so kleine Kugel zusammengerollt, daß er nur einen Bruchteil des Platzes vom Bett beanspruchte. Jeremiel stubste ihn leicht an. „Ashamshiel?“ Doch der schnuffte nur leise und verschwand vollständig in seinem Deckenberg.

Jeremiel stubste erneut und versuchte es lauter: „Ashamshiel!“

„Wwsss?“ kam es leise aus einem Kissen und ein sehr verschlafener Kopf schob sich hervor. Sein überaus hübsches Gesicht war ungewohnt ungeschminkt. Er blinzelte aus einseitig verworrenen Haaren hervor. „Jeremiel? Ist was passiert?“

Asche setzte sich auf. Die herabrutschende Decke gab den Blick auf einen sehr flauschigen blauen Schlafanzug frei, dessen Muster aus vielen kleinen Bären bestand, die viele kleine Honigtöpfe umarmen.

Jeremiel lächelte beruhigend. „Alles gut“, sagte er, „es ist nur so, daß wir für eine gewisse Zeit aufbrechen...“

„Wir?“ Asche rieb sich die Augen.

„Eine Gruppe von Leuten, Taranis wird auch mitgehen, und bevor du jetzt ganz viel fragen willst -“ er hielt ihm Taranis‘ Kästchen entgegen, „das ist sein Falls was passiert und ich dachte, es ist bei dir am Besten aufgehoben.“

„Ein Falls was passiert? Aber... ist das denn wahrscheinlich?“ Asche wischte sich die Haare aus den Augen. „Ist er überhaupt fit für - Moment mal, geht Ihr Ilassan suchen?“

„Ja“, sagte Jeremiel, „und er wollte unbedingt mit. Aber ich habe nicht mehr viel Zeit...“

„Gut, dann geh - aber bitte stellt sicher, daß ich sofort erfahre, falls ich das...“ er nickt zum Kästchen, „brauche. Himmel, ich bin gerade erst hergekommen. Seinetwegen! Und prompt haut er ab. Der Junge ist schlüpfriger als ein Irrwisch!“ Stirnrunzelnd schüttelte er den Kopf. „Ich wünsche Euch den besten Erfolg und vor allem Sicherheit und Gesundheit. Falls ich etwas für Euch oder Eure Mission tun kann, laßt es mich bitte wissen, dieses Angebot hat sich nicht geändert.“

„Ich merke es mir“, erwiderte der Magier und nickte ihm zu. „Tut mir Leid, daß ihr euch jetzt gar nicht mehr sehen konntet.“ Er legte Asche kurz die Hand auf die Schulter und drückte sie.

„Nun, ich hoffe, es kommt noch dazu“, murmelte Asche schwer besorgt.

„Aber sicher doch“, sagte Jeremiel mit einem Lächeln. „Immer positiv bleiben!“ Mit einem leichten Klaps auf die Schulter stand er auf und ging zum Ausgang. Dort blieb er stehen und drehte sich nochmal um. „Übrigens... hübscher Schlafanzug und...“ er deutete auf Asches Gesicht, „hübscher ohne den ganzen Kram.“ Er zwinkerte einmal, winkte der eisern wartenden Amaryl zu und verschwand.

Asche zog die Knie an, legte die Ellbogen darauf und stützte den Kopf in die Hände. Er hörte den Vorhang leise rascheln, als Amaryl ging, und dachte angestrengt nach. Doch es gab nichts, das er tun konnte. Taranis, der gerade so mit der Leere zurecht kam, eine geballte Ladung ungezügelter arkaner Energie mit sich herumtrug und auch noch Visionen hatte, zog aus auf eine Rettungsmission. Es klang wie der Anfang eines sehr billigen Heldenromans, wie ihn Dreizehnjährige lasen.

Andererseits konnte man davon ausgehen, daß ein erfahrener Magier wie Jeremiel auch nicht sterben wollte und im Fall der Fälle intervenieren konnte und würde. Und vielleicht waren noch weitere Elfen im Team, die Taran auffangen konnten, falls seine Selbstbeherrschung, die zugegebenermaßen enorm war, nicht reichte. Das war beruhigend. Und dennoch machte er sich Sorgen und umklammerte mit einer Hand das Falls-was-passiert-Kästchen.

Der Vorhang raschelte erneut. Als er aufsah, stand dort wieder seine Schwester, diesmal mit einem Buch in der Hand.

„Mal mir ein Buch“, sagte sie leise und legte es auf seinen Schreibtisch. Einige lange Sekunden sahen sie einander an und dachten beide an einen Tag vor langer Zeit, an dem sie dasselbe gesagt hatte. Damals hatte es ihm das Leben gerettet.

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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Do 13. Feb 2020, 20:37

OOC:
TRIGGERWARNUNG
Bei dem folgenden Text handelt es sich um einen Rückblick in Asches nicht so rosige Jugend. Bitte lest ihn nicht, wenn Ihr von Gewalt gegen Jugendliche getriggert werdet.
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MAL MIR EIN BUCH

Asche trug längst seinen Spitznamen, mit Grimm und einer gewissen Schicksalsergebenheit. Er war ein Heranwachsender, nicht Kind, nicht Mann.
Er war längst ein Junge ohne Eltern - sie hatten ihm eine winzige Kammer bei den Dienstboten zugewiesen und erstarrten jedes Mal, wenn er einen Fuß ins obere Haus setzte.
Er erhielt keinen Unterricht, denn zur Magie taugte er nicht und zum Kämpfen war er zu klein und dünn. Also half er sich selbst: jahrelang war er Dauergast in jedem öffentlichen Archiv, in jeder Buchleihe Dalarans. Er las alles, was er finden konnte und saugte Wissen auf wie ein Schwamm. Er nahm nur selten Bücher mit nach Hause - zu sehr gefielen ihm die hohen Hallen mit den von Regalen bedeckten Wänden voller Bücher und Schriftrollen, und zu gut gefiel es ihm auch, sich hier rasch verstecken zu können, wenn es sein mußte.

Er sah sie immer kommen, die talentierten Kinder der Stadt, wenn sie für ihren Unterricht Standardwerke entleihen mußten, und verschwand immer rechtzeitig aus der Sicht. Die Studenten der Universität kamen am häufigsten, immer in Gruppen, oft mit verächtlichem Spott über ihre Lehrer oder das Unterrichtsthema auf den Lippen.
Bel'osh war einer von ihnen. Er war groß gewachsen, trug sein langes blondes Haar in einem Pferdeschwanz, der von einer auffälligen rot-goldenen Klammer gehalten wurde, und hatte immer mindestens ein Mädchen im Arm. Wenn er lächelte, lachten alle anderen. Wenn er etwas sagte, nickten alle um ihn herum. Wenn er irgendwohin wollte, lief ihm ein Pulk eifriger Jünger nach, und sowohl für ihn als auch für seine Freunde schien das normal zu sein.

Asche nahm auch an sich selbst wahr, wie er dem Studenten nachlaufen wollte, wie er von ihm bemerkt werden, angelächelt werden wollte. Irgendetwas war an ihm, dem man schwer widerstehen konnte, und Asche beobachtete es mit ironischer Faszination, bis es dazu kam.
Die Nase bereits in das Buch versenkt, das er eben aus dem Regal geholt hatte, ging Asche den Gang entlang zu den Leseecken, als jemand in ihn hineinrempelte. Automatisch entschuldigte er sich, und als er im Aufsehen erkannte, daß es Bel'osh war, sah er außerdem noch panisch um die Ecke, ob es gleich Häme von einem Pulk Studenten gäbe - doch da war niemand. Und der blonde Elf lächelte ihn an.

"Schon gut, ich bin zu schnell um die Ecke gekommen", sagte er mit wohlklingender Stimme. Asche starrte ihn an, als sei er ein Geist, und der andere lachte. "Habe ich dich so sehr erschreckt?" Asche schüttelte mit offenem Mund den Kopf. "Ich bin Bel'osh", stellte er sich vor, "und dich habe ich hier noch nie gesehen."

"Das ist, weil ihr Magier immer nur euch selbst seht", entfuhr es Asche, bevor er seinem Mund Einhalt gebieten konnte.

"Oho, ein Magierhasser. Was tut einer wie du in einer Bibliothek?"

Asche kniff die Augen zusammen. "Einer wie ich? Einer, der lesen kann, meinst du?" Er richtete sich auf, womit er seinem Gegenüber immerhin bis an die Schulter reichte.

Bel'osh grinste. "Du liest freiwillig? Nicht für einen Lehrer? Kein Wunder, daß du so ein zartes Pflänzchen bist, wenn du dein Leben hier drin verbringst. Du solltest mal an die frische Luft." Er griff nach Asches Armen. "Hier, dünn wie bei einem kleinen Mädchen. Das passt natürlich zu deinem hübschen Gesicht." Er nickte ihm spöttisch zu, griff seine Bücher und verschwand.

Und kehrte wieder, Tag für Tag, immer zu Zeiten, in denen kein anderer Student in der Nähe war. Er fragte nie nach Asches Namen, aber er erkannte sehr schnell, daß der hübsche, dünne Junge praktisch alles wußte. Asche seinerseits war es so wenig gewohnt, gewaltfreie Aufmerksamkeit zu bekommen, daß er sich gerne instrumentalisieren ließ. Er half Bel'osh bei seinen Hausaufgaben und Arbeiten, diktierte sie teilweise sogar, und fühlte sich wie auf Wolke sieben, wenn der andere ihm ab und an anerkennend zunickte. Sobald der Student mit Kommilitonen auftauchte, war Asche unsichtbar und beide taten, als kannten sie einander nicht.

Eines Abends kam Bel'osh sehr spät und sie arbeiteten bis in die Schließzeit des Archivs hinein. Als Asche mit ihm aufstand, weil auch er hinaus mußte, fragte Bel'osh: "Wohin des Wegs, kleiner dünner Magierhasser?" und Asche nickte unbestimmt in Richtung eines Hauses am anderen Stadtrand mit einem hohen Turm. "Heute Abend ist eine Party", setzte der blonde Hüne nachdenklich an. "Nur Studenten. In der Schattenseite. Ein bißchen Abenteuer, Kleiner?"

Asche sah ihn nur an. War er gerade auf eine Studentenparty eingeladen worden?

"Komm schon, gib dir einen Ruck, Hübscher, wir beißen nicht."

Er wollte nicht. Er hatte im Gefühl, daß das eine schlechte Idee war. Und doch - es war Bel'osh, der ihn bat. Er musste also, sonst würde er sich vermutlich für immer fragen, was gewesen wäre. Vielleicht bissen sie ja tatsächlich nicht, wenn er mit seinem großen Freund dort war, vielleicht galt er dann als unangreifbar. Also nickte er.
Sie bogen in einen Tunnel ab, und Asche erkannte sehr schnell, was 'ein bißchen Abenteuer' bedeutete: die Schlitzohren der Schattenseite konnten die reichen Kinder Dalarans natürlich nicht ernsthaft bedrohen, darum ließen sie sich deren Anwesenheit einfach teuer bezahlen und lungerten für die Dauer der Parties ein wenig im Hintergrund herum.

Als sie den Raum erreichten, in dem offenkundig schon längere Zeit getanzt und getrunken wurde, wurde Bel'oshs Ankunft erst freudig bejohlt. Dann fielen die Blicke auf Asche, der halb hinter ihm versteckt stand, und einer nach dem anderen wurden sie still. "Dir klebt da was an der Robe", sagte eine rothaarige Elfe, als sie vorbeigingen. Einen Moment lang rang Bel'osh um Worte, er sah zu Asche, zu seinen Leuten, wieder zu Asche - dann schien er sich sichtbar für eine Seite zu entscheiden und rief: "Ich habe Euch was mitgebracht!"

Und Asche war nicht schnell genug.

Sie hielten ihn fest, und es wurde die schlimmste Nacht seines Lebens. Sie steckten ihn in ein Kleid und malten ihn an. Sie verwandelten ihn willkürlich in alles Mögliche, bis ihm schwindlig und schlecht war. Sie füllten ihn mit Alkohol ab, bis er sich die Seele aus dem Leib kotzte. Sie stellten ihn, schwankend und elend, auf einen Tisch und schrien "Tanz! Tanz! Tanz!", und als er nicht wollte und konnte, brachten sie seine Gliedmaßen mit Magie dazu, bis er vom Tisch stürzte und zuckend am Boden lag.

Sehr viel später, als die ersten alkoholisiert eingeschlafen waren und er dem Rest langweilig wurde, nahm Bel'osh ihn am Arm und zerrte ihn aus dem Raum.
"Ich bring dich nach Hause, Hübscher", sagte er.

"Du Schwein..." lallte Asche, über den Saum des viel zu langen, fremden Kleids stolpernd, "du widerliches, verlogenes..." und er kotzte in die Rinne.

"Sei kein Idiot, damit konnte ich doch nicht rechnen. Ich dachte, an meiner Seite würden sie dich mitmachen lassen. Soll ich vielleicht meinen Ruf aufs Spiel setzen? Wegen einer grauen Maus aus dem Archiv? Du kommst drüber hinweg, Kleiner, und es ist ja nicht so, als hättest du nicht auch kostenlosen Alkohol bekommen."

Asche wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nach dem Übergeben fühlte er sich ein wenig klarer im Kopf, aber nicht besser. "Lass mich einfach in Ruhe und verschwinde zu deinen Leuten." Er stand schwankend auf und schlug Bel'oshs Hand weg, als der ihn stützen wollte.

"Ich will, daß es dir gut geht", sagte der große Elf heiser. "Ich will... ich will, daß es uns beiden gut geht..." Und bevor Asche wußte, wie ihm geschah, zerrte der Student ihn wieder zu Boden und riß ihm das Kleid hoch. Entsetzt schrie Asche auf, schlug und trat auf den anderen ein, brüllte um Hilfe, doch nichts, was er tat, konnte Bel'osh davon abhalten, seinen Körper einfach in Besitz zu nehmen, und niemand kam, ihm zu helfen.

Als es vorbei war, blieb er halb besinnungslos in der Gosse liegen; unzulänglich in ein zerrissenes Kleid gehüllt, grell bemalt, mit allen Arten Körperflüssigkeit bedeckt. Er lag da und fühlte nichts. Einfach nichts. Er bemerkte kaum, wie Amaryl ihn Stunden später fand und völlig aufgelöst herumschrie. Er merkte nicht, wie sie ihn in einen Mantel hüllte und nach Hause brachte, langsam, Schritt für Schritt, jede Bewegung Agonie. Es war, als schwebe er und würde seinen Körper nur beobachten.

Er blieb wochenlang in diesem Zustand. Er saß in seinem Zimmer auf einem Stuhl und sah reglos auf die Tischplatte. Er sprach nicht. Er aß nur, wenn Amaryl ihn nachdrücklich dazu aufforderte, und dann mit Ekel. Er trank Wasser. Er schien noch kleiner und dünner zu werden als ohnehin schon.

Nach zwei Monaten meinte er, auf der Straße ein Lachen zu hören, das er kannte. Bel'osh. Er fuhr von seinem Stuhl hoch, rannte um das Bett und versteckte sich dahinter. In diesem Moment setzte das Denken wieder ein, die Erinnerung. Er fühlte Schmerzen im Körper, sah an sich hinunter und stellte fest, daß er noch immer überall Blutergüsse hatte. Er wußte plötzlich wieder alles, was geschehen war, und mit einem wortlosen Jammern umklammerte er seine Knie und begann zu schaukeln. Amaryl sah es, als sie später zu Besuch kam, und wollte ihn umarmen, doch er schlug ihre Hände panisch weg.

"Erzähl mir davon", bat sie. "Sag mir, wer das war. Sag mir, wen ich suchen muß. Ich schwöre... er wird nicht ungestraft bleiben. Erzähl es mir, Sham."

Doch er konnte nicht sprechen; er starrte und schaukelte, starrte und schaukelte.

Sie verließ sein Zimmer und kehrte nur Minuten später zurück, ein Blatt Papier und einen Stift in der Hand. "Wenn du nicht sprechen kannst..." Sie rückte den Stuhl ein wenig vom Tisch ab, als Einladung für ihn, sich hierher zu setzen, und er folgte, immer auf einen Mindestabstand zwischen sich und ihr bedacht. Sie legte das Papier vor ihn und den Stift darauf.
Er nahm den Stift, umklammerte ihn mit der Faust, setzte ihn auf das Blatt und erstarrte. Er sollte es malen. Malen. Wie konnte man so etwas malen? Während sein Geist wieder und wieder diese Nacht durchlitt, stieß und hackte seine Hand mit dem Stift auf das Papier ein, statt zu zeichnen, bis es völlig zerstört war. Er bemerkte es nicht. Er bemerkte die Tränen nicht, die ununterbrochen über sein Gesicht liefen. Er bemerkte keinen Hunger, keinen Durst, er konnte und wollte nicht schlafen, während Amaryl ihm wieder und wieder ein Blatt Papier hinlegte, hilflos, weil sie sonst nicht wußte, wie er sich ausdrücken konnte. Sie konnte ihn nicht trösten, denn er hatte Angst vor Händen und es gab keine Worte für ein solches Leid.

Also legte sie Blatt um Blatt vor ihn, bis er irgendwann aufhörte, das Papier zu zerstören, und stattdessen wilde schwarze Krakel malte. Es folgten wilde schwarze Krakel mit einem tunnelartigen hellen Bereich in der Mitte. Er malte. Er malte und malte. Sie hörte auf, ihm Blätter hinzulegen, holte stattdessen ein dickes, schweres Buch, mehr als unterarmlang, und packte das auf den Tisch.

"Mal mir ein Buch", sagte sie. Sie wollte alles wissen.

Und er malte.

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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Fr 21. Feb 2020, 10:50

Ziemlich schnell kristallisierte sich in den ersten Tagen nach Asches Ankunft in Telogrus eine gewisse Routine im Tagesablauf der Geschwister heraus. Sie tranken morgens gemeinsam Tee und aßen Obst, sie arbeiteten tagsüber - Amaryl gehörte einer Forschungsgruppe an, Asche beobachtete und ließ sich geduldig alles so erklären, daß er es später verständlich zu Papier bringen konnte.

Er hatte bewußt mit Amaryls Gruppe begonnen, da sie eine anerkannte und respektierte Magierin war - vielleicht auch eine gefürchtete und belächelte, wie sie da immer stand, die lange dünne Pfeife im Mundwinkel, die Haare wirr und vor sich hin brabbelnd, doch niemand zweifelte ihre Expertise an; man ging davon aus, daß Genie und Wahnsinn bei Amaryl eng verwandt waren, und nahm sie, wie sie war. Wenn sie den Kirin Tor in Gestalt ihres völlig unmagischen Bruders die Forschungsinhalte erklären konnte, war es für alle anderen Gruppen eine Selbstverständlichkeit, das ebenfalls zu tun.

Asche bewegte sich also unter all den Magiern mit einem ungewohnten Gefühl von Normalität und Akzeptanz. Oft saß er abends noch stundenlang, um aufzuschreiben, was er erfahren hatte. Sehr bald stellte sich heraus, daß es besser war, einmal alles in ein Notizbuch niederzuschreiben, es am nächsten Tag noch einmal zu lesen und dann nur das Wesentliche ins Archivbuch der Kirin Tor zu übertragen.

Während er seine Schreibarbeit machte, verschwand Amaryl oft hinter einem Vorhang ihres Zeltes, aus dem gelegentlich Klappern, Scheppern und Fluchen drang. Zum Abendessen trafen sie sich wieder. Sie redeten nicht viel, doch in Asche wuchs langsam ein angenehmes Gefühl des Zuhauseseins, und auch Amaryl war deutlich anzumerken, daß sie die Gesellschaft ihres Bruders genoss.

Er malte für sie. Das dicke, neue Buch, das die ihm geschenkt hatte, füllte sich langsam mit Bildern, die sein Leben beschrieben, seit er damals Dalaran verlassen hatte. Er malte Maurion und Brinde, auf der Bühne und am Lagerfeuer. Er malte alle seine Freunde vom Wagen bei verschiedenen Tätigkeiten. Er malte einen kleinen, dünnen Elf, der immer am Rand der Bilder auftauchte.

Er malte den Wagen in verschiedenen Landschaften, vor verschiedenen Städten und Dörfern. Er malte unterschiedliches Publikum und verschiedene Begebenheiten. Wie Mau mal die ganze Kasse gestohlen wurde. Wie sie einmal im Schlamm steckengeblieben waren. Wie ihnen die verliebte Frau von Sturmwind aus tagelang hinterhergelaufen war. Wie sie zusammengedrängt unter der Plane geschlafen hatten, wenn es regnete, wie sie einen Straßenhund in den Requisiten gefunden und behalten hatten. Er malte sein Training mit Stab und Kurzschwertern, seit sie den Schutzmann engagiert hatten - ein kleiner, dünner Elf fuchtelte auf den Bildern vor einem riesigen, dickbäuchigen Menschen mit viel zu groß wirkenden Waffen herum.

Er malte und lebte noch einmal dieses Leben.

Das Buch lag stets auf einem Beistellstischchen gleich neben seinem Zimmereingang. Er sah Amaryl nie hineingehen, doch sie ließ es beim letzten Bild aufgeschlagen liegen, wenn sie ‚gelesen‘ hatte.

Jetzt lag dort aufgeschlagen das erste Bild, auf dem das Gesicht des kleinen, dünnen Elfen erkennbar war. Asches Gesicht. Es war noch immer am Bildrand und es sah auf ein Paar mit zwei identischen Babies in den Armen, als würde er ein Wunder betrachten.

Hier konnte er eine Weile nicht weitermalen und ging stattdessen abends wieder laufen.

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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Di 10. Mär 2020, 21:18

Es dauerte nicht lange, bis die Kirin Tor den ersten Bericht sehen wollten - und sie wollten ihn persönlich überbracht haben. Asche konnte das durchaus nachvollziehen; bei einem ungewöhnlichen Thema wie der Leerenforschung war es sicherlich wichtig, bestimmte Fragen, die zweifelsohne aufkommen würden, direkt beantworten zu können. Deshalb schmollte nur kurz, als er sich auf den Weg nach Dalaran machte, und es war ja auch nur für zwei Tage.

Am ersten Tag kam er an, übergab seinen Bericht und wurde entlassen. Er schlenderte durch die Stadt, betrat vertraute Geschäfte, um sich mit neuen Tinten, Federn, leeren Büchern und losen Blättern einzudecken, kaufte bei der Gelegenheit auch neue Farben und Pinsel zum Malen (denn zu seiner eigenen Überraschung hatte er auf Telogrus eine so große Lust, kreativ zu werden, wie schon seit Jahren nicht mehr) und saß dann einige Stunden in der Leseecke 'seines' Archivs.

Den Abend im Gasthaus bei einem Glas des stark mit Wasser verdünnten Weins, den er so gerne trank, und lernte dort zu seiner freudigen Überraschung gleich drei interessante neue Personen kennen: Einen Blutelfen namens Lendrion, der für eine Handelsgesellschaft arbeitete und daher auf der Durchreise war, Feyannah, eine sehr junge Blutelfe, die offenbar eine Magierausbildung machte und hungrig auf Abenteuer war, sowie einen Leerenelfen namens Ashamdon, der derzeit in Dalaran Station machte und früher ebenfalls als Bibliothekar gearbeitet hatte. Er malte sogar, genau wie Asche - und wie er malte! Er hatte eine Mappe mit Bildern dabei, die Asche mit vor Begeisterung überfließenden Augen betrachtete.

Dieser Abend in der Taverne wurde etwas jäh unterbrochen, als eine Wache der Kirin Tor ihn unhöflich hinauszitierte. Es war beinahe Mitternacht, aber das hielt selbstverständlich einen hohen Magister nicht davon ab, nach jeder ihm zuarbeitenden Person zu verlangen, wann und wie es ihm beliebte. Asche verbrachte also noch mehrere Nachtstunden damit, die ersten Rückfragen zu seinem Bericht zu beantworten, die in einem Tonfall gestellt wurden, als habe er selbst damals den Unfall verursacht und müsse sich nun gerichtlich dafür verantworten. Da er keine andere Behandlung gewohnt war, perlte es an ihm ab und er blieb ruhig und höflich, bis er erneut entlassen wurde.

Es ging auf den Morgen zu, als er endlich sein Zimmer im Gasthaus betrat, um sich dort gründlich zu waschen und schließlich todmüde ins Bett zu sinken und in den Vormittag hinein zu schlafen. Keine vier Stunden später hämmerte es an seiner Tür - man erwartete ihn erneut zum Aufklären verschiedener Fragen, die sein Bericht offenließ, teilte ihm die weibliche Wache der Kirin Tor mit, die ihn um eine Handbreit überragte und ihn mitleidig musterte, wie er da in seiner offenen Zimmertür stand, das Haar zerstrubbelt, die Augen nur halb offen, die Decke um die Schultern gewickelt.

Trotz der Dringlichkeit einer türhämmernden Wache nahm Asche sich eine halbe Stunde Zeit, sich den Schlaf aus dem Gesicht zu waschen und dieses dann wenigstens mit dem grundlegendsten Make-Up zu versehen. Ein Mann brauchte seine Kriegsbemalung, dachte er - insbesondere wenn er ein ziemlich kleiner Mann zwischen ziemlich vielen unfreundlichen Leuten war. Da er sein Glück nicht überstrapazieren wollte, verzichtete er auf ein Frühstück, trank nur ein Glas Wasser und machte sich auf.

Ein Großteil seiner heutigen Erklärungen entsprach genau denen der letzten Nacht - denn die verantwortlichen Personen waren einander so wenig grün, daß sie es nicht fertiggebracht hatten, den Bericht gemeinsam zu studieren oder wenigstens miteinander nachzubesprechen. Während sein Mund geduldig Fragen beantwortete und sein Magen ab und an knurrte, rollte er in Gedanken die Augen über so viel unnützes Ego. Man gestattete ihm am frühen Nachmittag zwei Stunden Pause, in denen er auf einer Parkbank etwas Obst aß und im Halbschlaf vor sich hin döste, und als er das letzte Mal verlangt wurde, war es nur, um ihm mitzuteilen, was man sich in Zukunft in seiner Berichtführung anders vorstellte. Gewissenhaft schrieb er mit, wohl wissend, daß bei seinem nächsten Besuch jeder seiner Vorgesetzten etwas anderes von ihm verlangen würde, einfach nur, um den Kollegen ein wenig Wissen vorauszuhaben oder für ein diffuses Gefühl eingebildeter Überlegenheit.

Beschwingt ging er am Abend zurück ins Gasthaus, um seine Sachen zu holen, denn er wollte keine weitere Nacht hier verbringen, wenn es nicht sein mußte - doch da wurde er am Eingang abgefangen. Man bat ihn in ein Separée im ersten Stock. Verwundert und ein wenig alarmiert folgte Asche der Kellnerin hinauf und fand dort seine neuen Bekannten vom Vorabend fröhlich beieinander sitzen, umringt von Konfektschachteln und gemütlichen bunten Kissen.

Es wurde ein ausgesprochen entspannter, fröhlicher und sehr interessanter Abend. Asche genoss die Gesellschaft der so gegensätzlichen Persönlichkeiten, die einander alle erst einen Tag kannten und doch so gut zurechtkamen, weil sie es einfach versuchten. Wäre sein Leben anders verlaufen, wenn alle Leute so wären?, überlegte er. Wenn zumindest seine eigenen Eltern wenigstens versucht hätten, etwas Akzeptables an ihm zu finden, vielleicht sogar etwas Sympathsiches? Natürlich wäre es anders verlaufen. Und würde er sich das heute, rückblickend, wünschen? Er dachte an die vielen Jahre, die er als Bühnenmaler und Notfall-Bewacher des Wagens verbracht hatte, als Freund, als Patenonkel, als Lehrer und Lernender. Nein, erkannte er, auf keinen Fall. Die Niedertracht und die Schikanen, die er in seiner Jugend in Dalaran hatte erdulden müssen, hatten es erst möglich oder gar notwendig gemacht, daß er zum Wagen gekommen war - zur schönsten Zeit seines Lebens. Er war dankbar, entschied er. Der Schmerz war belohnt worden.

"He, träum nicht, du bist dran!" Ashamdon boxte ihn spielerisch in die Seite und deutete auf die Flasche, deren Hals auf Asche zeigte.

"Pflicht", grinste er, und die junge Blutelfe klatschte aufgeregt in die Hände.

"Dann will ich, daß Ihr für uns tanzt!", rief sie. "Ihr müßt doch tanzen können, wenn Ihr mal als Schausteller gereist seid!"

Und Asche tanzte in diesem Hotelraum für drei fast Fremde, von denen einer ein Lied zu seinem Tanz sang und die ihm schon vertrauter waren als manch ein Elf, den er seit seiner Kindheit kannte. Dann drehte er die Flasche weiter, trank ein wenig stark verwässerten Wein, sah Ashamdon beim Konfektnaschen zu und Lendrion dabei, wie er Fey, die noch ein halbes Kind war, vor ihrer ersten Trunkenheit bewahrte, indem er sie mit anständigem Essen fütterte und irgendwann den Alkohol wegnahm, und sie verabschiedeten sich spät am Abend warmherzig voneinander.

Ashamdon begleitete ihn zur Graufangenklave, wo er durch das Sturmwindportal schritt, für heute ein wenig versöhnt mit der Stadt, die er hasste.

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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Mo 23. Mär 2020, 11:20

Noch immer hatte er Taranis nicht persönlich getroffen.
Er arbeitete, er malte, er ging joggen, jeden Tag und jede Nacht. Er schloß einige lockere Bekanntschaften, die vielleicht einmal Freundschaften würden, er arbeitete sich in die Thematiken der Leerenforschung ein, er verbrachte Zeit mit seiner Schwester, dem wunderbaren, schrecklichen Drachen. Er half sogar zwei von Taranis‘ neuen Freunden bei einem dringenden Problem, für das sie in die nichtöffentlichen Bereiche der Dalaraner Archive mußten - doch Taranis war nicht dabei.

Und dann, eines Tages, als er auf dem Heimweg war, sah er ihn. Drei Männer standen unweit von Amaryls Zelt an der Klippe - Iudicael, der Priester, in der Mitte, die Hände der anderen beiden haltend, die Asche ebenfalls bekannt vorkamen. Doch er sah nur den vierten Mann, der ganz nahe hinter Iudicael stand, die Stirn fast an dessen Hinterkopf. Was sie dort taten war ihm völlig unklar, und da es länger dauerte, riß er sich bald von dem Anblick los und lief ins Zelt. Er packte seine Arbeitstasche auf den Schreibtischstuhl und nahm das Kästchen vom Tisch. Er würde es Taranis jetzt zurückgeben, dann wüßte der zumindest, daß er, Asche, hier war. Daß er existierte und sich nicht vor ihm versteckte.

Er trat wieder hinaus.

Die anderen drei Männer waren jetzt nicht mehr zu sehen, nur Taranis stand noch an der Klippe, die Hände in den Haaren vergraben.

„Amitiel...?“ fragte Asche leise und sehr bewegt, als er näher trat. Taranis fuhr herum, nahm die Hände herunter und starrte ihn an. „Amitiel, ich... ich bin so froh, dich wiederzus...“

„Nein!“ rief Taranis heftig und hob abwehrend eine Hand. „Bleib weg von mir!“ Und stolperte davon, so schnell er konnte.

Nach all den Jahren. Asche hatte viel Zeit damit verbracht, sich selbst Fehler in dieser Patenonkelrolle vorzuwerfen und gleichzeitig immer leise, ganz am Grunde seines Herzens, darauf zu hoffen, daß er eine zweite Chance bekommen würde. Daß er seinen Amitiel wiedersehen und alles sich einrenken lassen würde. Nur wegen dieser kleinen Hoffnung hatte er sich von Emiriel hierher überreden lassen und seine Versetzung nach Telogrus durchgesetzt. Doch er war scheinbar zu naiv gewesen. Taranis wollte ihn nicht zurück in seinem Leben.

Wie ein uralter Mann schleppte er sich ins Zelt zurück, stellte das Kästchen irgendwo ab und begann, zu malen. Er mußte malen. Er wischte sich ungehalten über das Gesicht, als ihm die Blätter vor den Augen verschwammen, und malte weite. Einen strahlenden Tänzer; einen Himmel, dessen Sterne ein Gesicht formten; einen Sänger mit einer Trommel, beobachtet von einem kleinen Mann im Hintergrund. Er malte, als seine Schwester hereinkam, wortlos verstand, und wieder hinausging.

Irgendwann hörte er vor dem Zelt eine freundliche Stimme „Bal‘adash“ rufen und seine Schwester vorne im Zelt bellen: „Duuuu... du bist dieser Junge! Was wollt ihr?“ Die Antwort war zu leise, um sie zu verstehen, doch Amaryl spuckte förmlich Schwefel, als sie in ihrem tiefen, dreckigen Bass knurrte: „Dann betet mal schön für diesen... Tänzer. Mein Bruder hat euch nicht nötig. Wir richten unsere ‚Scherben‘ selbst, danke.“

Erneut war die Antwort zu leise für Asches Ohren, aber - er mußte nachsehen gehen. Hatte sie ‚Tänzer‘ gesagt?

„Ama, was ist denn los?“ fragte er also, ging vor zum Zelteingang und sah hindurch. „Oh“, ergänzte er, als er Taranis und Iudicael dort stehen sah. Er raffte mit viel Mühe seine Würde zusammen, wandte sich Iudicael zu und fragte: „Brauchst du noch einmal archivarische Hilfe?“

„Nein“, antwortete der. „Ich möchte euch beiden meine Hilfe anbieten, damit Gefühlsbehinderungen euch nicht mehr verletzen. Und... wenn ich kann, etwas Balsam verteilen.“

Asche sah ihn lange an, wie er da stand, im dunklen Hemd und mit Priesterkragen. Ein Seelsorger? Bedeutete das, Taranis hatte mit Iudicael darüber gesprochen? Und bedeutete das wiederum, daß auch er mit ihrer kaputten Beziehung haderte?

„Möchtest du das auch?“ fragte er schließlich Taranis direkt. Dieser nickte nur stumm. „Dann tretet bitte ein. Ich darf Euch meine Schwester Amaryl vorstellen - Ama, das sind Iudicael Sonnentanz und Taranis Nachtschimmer.“

Mit der vollendeten Würde eines Hausherrn und ohne Lächeln hielt er den beiden einladend den Zelteingang auf, wartete bis sie hindurchgetreten waren, wies ihnen den Weg zu seinem Zimmer und bat sie, es sich in de Sitzgruppe bequem zu machen, die Amaryl nachträglich noch für ihn beschafft hatte. Dann ging er Tee machen. Asche liebte Schwarztee, und wie immer, wenn er Trost brauchte, geriet ihm der Tee etwas zu stark, weil er in Gedanken vergaß, mit dem Füllen der Teeblätter aufzuhören. Mit Geschirr auf einem Tablett ausgerüstet betrat er wieder seinen Raum.

Iudicael hatte es sich tatsächlich bequem gemacht, Taranis aber stand noch herum wie jemand, der nicht wußte, ob er erwünscht war. „Setz dich“, wies Asche ihn an, ohne den Blick von der Kanne zu nehmen, während er die Becher füllte. Taranis setzte sich - auf ein Sitzkissen, so niedrig wie möglich. Als jemandem, der die Symboliken von Theaterstücken ganz durchdrungen hatte, fiel Asche das auf. Er selbst setzte sich auf einen Diwan und sah Iudicael an.

„Nun?“

Der Priester lächelte herzlich, als er seine Teetasse nahm. „Vielen lieben Dank. Ich rede auch gar nicht lange drumherum. Er hat dich verletzt und damit all deine Ängste bestätigt. Er war ein Vollidiot. Aber aus Angst - er wollte dich fernhalten, weil er fürchtet, dich in Gefahr zu bringen.“

Asche sah hinunter zu Taranis, der wie ein leibhaftiger Schuldspruch auf seinem Kissen hockte und den Teebecher umklammerte.

„Ich habe keine Ängste mehr“, erwiderte er sanft. „Nicht, was Taranis angeht.“ Dieser schien noch ein wenig mehr zu schrumpfen, doch Asche fuhr einfach fort, gefaßt und nur wenig blass um die Nase: „Aber ich anerkenne, daß ich ihn missverstanden haben kann, aus welchen Gründen auch immer, sowie deine freundschaftliche Fürsprache. Ich bin kein nachtragender Mann, also vergessen wir diese Begegnung einfach. Dein Kistchen liegt dort“, wendete er sich direkt an Taranis. „Du kannst es gleich mitnehmen. Selbstverständlich habe ich nicht hineingesehen.“

„Ihr beide...“ schnaufte der Priester kopfschüttelnd, „ihr habt Mauern um eure Seelen errichtet, die höher sind als Gebirge. Und damit treibt ihr euch nur tiefer hinein in einen Schmerz, von dem ihr euch einredet, ihn nicht zu fühlen. Aber irgendwann beißt de euch so in den Arsch, daß ihr entweder als aufgelöstes Häufchen Elend zusammenbrecht oder kalt, hart und abgetötet seid, und das ist beides ECHT nicht erstrebenswert. Und wenn jetzt noch EINER von euch gestelzte, wohlgesetzte Worte für den anderen hat, schiebe er sie sich dahin, wo die Sonne nicht scheint!“

Während Taranis unter diesem Ausbruch zusammenfuhr, mußte Asche unwillkürlich schmunzeln. „Ich meine es ernst“, antwortete er dem Priester, sah dabei aber Taranis an. „Das Schlimmste liegt doch schon hinter mir. Ich habe meinen Taran verloren, in einem langen, schmerzhaften Prozess. Ich weiß nicht, wo er ist. Hier jedenfalls ist er nicht. Hier sitzt sein Schatten und läßt jemand anderen für sich sprechen. Ich habe keine Ängste. Ich bedaure dich.“
Er beugte sich leicht nach vorn und stützte die Unterarme auf die Oberschenkel. „Ich weiß nicht, wo du bist. Dr mutige, fast tollkühne Junge, der Magnet aller Aufmerksamkeit, der begnadete Künstler - wo ist er?“ Er lehnte sich wieder zurück. „Ich denke, wir haben damals nicht nur deine Schwester begraben.“

Iudicael nickte. „Ich denke, der Schatten verdient es, seinen Leib wiederzuerhalten.“

„Was kann ich tun?“ fragte er den Priester, und dann an Taranis gewandt: „Was erwartest du von mir?“

Dieser sah langsam, fast mühsam, zu ihm auf. „Ich erwarte nichts“, sagte er heiser. „Nur... ich hoffe nur, daß du mir irgendwann verzeihen kannst. Ich war so blind, so selbstsüchtig in meinem Schmerz über Amis Tod. Ich habe nicht einmal in Erwägung gezogen, daß es für dich genauso schlimm war. Stattdessen haben ich den Wagen, habe ich alles zerstört, wofür du und meine Eltern gearbeitet haben, was ihr geliebt habt - ich bitte dich nur... hass mich nicht, wie ich mich hasse...“

„Ich hätte ein besserer, umsichtigerer Patenonkel sein müssen. Es hätte nicht so kommen müssen. Aber auch ich war sehr jung und konnte dir nicht die Stütze sein, die du gebraucht hättest.“ Asche kann das ganz ruhig sagen, denn es ist das Ergebnis vieler Jahre des Nachdenkens.

Dann schwiegen sie wieder.

„Ich würde gerne etwas ausprobieren“, sagte der Priester schließlich. Als beide nickten, fuhr er fort: „Gebt mir bitte Eure Hände und schließt die Augen.“

Sie taten wie geheißen, eine langfingrige, schlanke Hand und eine etwas kleinere, kräftige mit Tintenflecken legten sich in Iudicaels und sie schlossen die Augen.

Asche hatte keine Ahnung, was genau passierte, aber etwas in seinem Inneren, in seinen Gefühlen, begann zu fließen. Es war, als würden seine Grenzen weicher. Es war, als könne er in Taranis‘ Gefühle hineinspüren und dieser in seine. Und plötzlich traf in eine Erkenntnis: Er liebte Taranis. Egal, was war oder sein würde, er würde ihn immer lieben - und zwar unabhängig davon, ob diese Liebe jemals erwidert oder auch nur bemerkt würde. Sie war nicht weniger wert, nur weil sie einseitig war. Sie machte immer noch einen aufmerksameren, empfindsameren und erfahrungsreicheren Mann aus ihm. In diesem Moment ließ er Taranis innerlich frei, zufrieden damit, ein Liebender zu sein, der die Zukunft nehmen wird, wie immer sie kommt.

Der Priester legte ihre beiden Hände ineinander und verließ den Raum, ohne daß sie es merkten. Er hatte sie auf einer geistigen Ebene in Verbindung gebracht, und da trafen sie sich nun.
Asche nahm Echos aus Taranis‘ Leben wahr, sah den heranwachsenden Jungen, fühlte dessen Druck, seine toten Eltern stolz zu machen, die Verantwortung für das ganze Wagenvolk viel zu jung tragen zu müssen, seine Sorge um ihr tägliches Überleben, sein Drang nach immer extremeren Grenzerfahrungen, um die Realität ausblenden zu können - er hörte sich selbst sagen ‚tanze, Taranis, tanze‘, und fühlte, wie dieser Satz den jungen Künstler noch zusätzlich angetrieben hatte... und schockiert ließ er Taranis‘ Hand los.

Und jetzt, endlich, begannen sie zu reden.

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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Sa 4. Apr 2020, 10:20

Er hatte durch Zufall herausgefunden, daß es in Sturmwind regelmäßige, öffentliche Kampftrainings gab, geleitet von einer Frau namens Sir Alynia Vanth. Da ihm jeder Grund recht war, Telogrus zu verlassen, und da er ohnehin schon lange nicht trainiert hatte, begann er, daran teilzunehmen. Er lernte viel darüber, was er noch konnte und was schon eingerostet war, und vor allem sah er bei anderen Techniken, die er als Autodidakt bisher nicht gekannt hatte und profitierte von Sir Vanths Auswertungsrunden.

Beim letzten Training trat er gegen einen ihm noch unbekannten Ren'Dorei an, einen sympathischen Mann, der ihn fast mühelos besiegte, obwohl es zwischendurch für Asche ganz gut aussah. Ziel des Kampfes war, den Gegner zu Boden zu ringen, und als Asche unter dem Fremden zu liegen kam, war es nur dessen Freundlichkeit zu verdanken, daß ihm nichts weiter passierte als ein völlig verkrampfter Körper. Doch Ilassan, wie er sich später vorstellte, scherzte nur und half dem kleinen Asche schnell auf die Beine, so daß dieser sich fassen und über den Moment aufkommender Panik hinweggehen konnte, ohne daß jemand etwas bemerkte.

Nach dem Training unterhielten sie sich noch lange; Iudicael, Ilassan und Asche. Die beiden anderen erzählten, sie seien Teil einer Forschungsgruppe - einige der Mitglieder hatte Asche ja bereits kennengelernt -, Asche erzählte von seiner Arbeit, und schon wurde er eingeladen, sich der Gruppe anzuschließen.

Einige Tage später entschloß er sich, mal bei den Zelten der Gruppe vorbeizuschauen, um sich vorzustellen. Als erste sah er Jeremiel und Andilien im Gespräch vor Andiliens Zelt - Andilien, der Theater ebenso schätzte wie er, und der ihm so heldenhaft einen leidigen Abend versüßt hatte. Asche strahlte ihn an. Auf seine Frage, wo er Iudicael oder Ilassan treffen könne, wurde ihm jedoch mitgeteilt, die beiden seien für einige Tage unterwegs. Jeremiel wollte wissen, was er denn wolle, und als Asche es sagte, antwortete er, da ohnehin kaum jemand von der Gruppe vor Ort sei, sei es total überflüssig, sich jetzt vorzustellen.

Asche fand es zwar niemals überflüssig, jemand anderen kennenzulernen, widersprach jedoch Magiern grundsätzlich nicht. Sie hatten ihrer Meinung nach ja doch immer Recht. Also lächelte er nur freundlich.

"Wir wollen gleich Taranis' Wagen holen", erklärte Jeremiel dann. "Vielleicht freut er sich ja, wenn Ihr ihm helft."

Asches Augen leuchteten auf. "Das wollt ihr für ihn tun? Ich bin leider so magisch begabt wie eine alte Socke - aber ich habe große Erfahrung darin, andere anzufeuern", grinst er vergnügt. "Wohin möchte er den Wagen denn haben?"

"Vielleicht könntest du einen geeigneten Platz suchen? Du weißt ja, welchen Stand so ein Wagen benötigt."

Er salutierte theatralisch. "So sei es! Wo steckt der Junge denn? Er wird ja auch eine Meinung dazu haben, welche Scherbe ihm lieber ist."

"Taranis hat gerade noch gelesen, also schätze ich mal, bei mir."

"Ich gehe davon aus, daß ihr den Wagen direkt an seinen Standort teleportieren wollt, um ihn hier nicht noch ein weiteres Mal bewegen zu müssen?"

"Dafür müßten wir einen extra Anker setzen."

"Nun..." Asche verengte die Augen, als er im Kopf alles durchging, was er je über magische Transporte gelesen hatte. Im Grunde mußte ein Anker ja nicht an einem Ort sein, es konnte auch eine Person... "Ich denke, wenn Taran am anvisierten Ankunftsort ist und sich sowohl auf den Wagen als auch auf den neuen Standort konzentriert, könntet ihr, wenn ihr eine Verbindung zwischen euch allen schafft, ihn als eine Art Leitsystem benutzen. Wie eine dieser blinkenden Landebahnen für Goblin-Gyrokopter. Es wäre immer noch viel Arbeit für euch, aber es erspart euch vielleicht, den Karren noch quer über Telogrus ziehen zu müssen. Was ja immer noch eine Option ist, falls das nicht klappt. Na, entscheidet ihr das - ich gehe ihn suchen."

Andilien sah etwas ratlos zu Jeremiel. "Also... ich kann helfen, ein Leerenportal zu machen. Aber ich kenne den Mann nicht und kann auch keine anderen Anker setzen."

Jeremiel verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich setze auch keine Anker wegen einem Wagen", sagte er. "Der Wagen soll auf Telogrus. Machen wir, und dann gibt es ja wohl fleißige Helfer, die auch was tun können. Und ich habe bestimmt nicht vor, ein komplexes Ritual für einen Wagen zu machen."

Alles klar - das war Asches Stichwort, und er reagierte zügig und machte sich aus dem Staub, während der Magier hinter ihm sich in Rage redete. "...Theoretiker..." hörte er ihn noch schimpfen, bevor er außer Hörweite war, und murmelte "Charmant, charmant". Aber gut, was hatte er sich auch dabei gedacht, eine Idee zu äußern, er naiver Dummkopf. Nun, egal - sie würden den Wagen für Taran hierherschaffen, auf irgendeine Art, die ihnen genehm war, und diese Aktion an sich zeigt ihm deutlich, daß ihnen etwas an dem Jungen lag. Und das war das Einzige, das für Asche zählte.

Er erreichte Jeremiels Zelt und rief hinein. Die Plane öffnete sich mit dem Satz "Jeremiel ist gerade nicht -" Taranis unterbrach sich, als er Asche sah, und lächelte ihm nervös zu. "Willst du zu ihm oder zu mir? Willst du, äh, hereinkommen?"

"Oh nein", antwortete Asche, "Du willst herauskommen!"

"Will ich das?" Taranis legte fragend den Kopf auf die Seite. "Was ist denn los?"

"Los, komm!", nickte Asche und griff nach Taranis' Arm. "Sie holen deinen Wagen und wir dürfen wählen, wo er stehen soll."

"Jetzt? Sie holen ihn jetzt?" Aufgeregt trat der Jüngere aus dem Zelt. "Ich will das sehen!"

"Ich glaube, ganz so schnell geht das nicht", lachte Asche und zog mit ihm los. Sie liefen kreuz und quer über Telogrus, bis sie vier Orte gefunden hatten, auf denen ein Wagen mit Rädern stabil stehen könnte. Zwei jedoch schlossen sie auch sofort wieder als mögliche Standorte aus: zum Einen einen Platz direkt hinter dem Gasthaus, wo es ihm einfach zu trubelig war, zum Anderen einen sehr abgeschiedenen Ort, oder wie Asche es ausdrückte: Der Arsch von Telogrus, was ja selbst schon der Arsch des Universums war. Und so sehr Taranis auch Abgeschiedenheit schätzte und brauchte, war es doch wahrscheinlich unklug, sich komplett zu isolieren. Was wäre, wenn beim Üben magischer Dinge etwas schiefging, oder wenn er einmal die Kontrolle über die Leere verlor, und niemand wäre da, um einzugreifen?

Damit blieben zwei Plätze übrig: Einer unweit der Zeltgruppe, in der Jeremiel, Iudicael und die anderen lebten. Der andere unweit der Klippe auf der zweiten Scherbe, auf der Taranis jeden Tag mehrere Stunden Tanz trainierte. Er rang mit sich.

"Na, Entscheidungsschwierigkeiten?" fragte Asche, als sie zurückgingen.

"Ich mag diesen Ort", deutete Taranis mit dem Daumen hinter sich auf die Klippe, die sie gerade verließen. "Den Blick ins Universum von hier aus. Die Ruhe. Aber... ich muß mich integrieren." Der letzte Satz klang ein wenig auswendig gelernt. "Ich sollte vorn bei den anderen bleiben."

Asche ging ein paar Schritte schweigend neben ihm her, bevor er antwortete. "Dieses Integrieren - das habe ich auch versucht in den letzten Jahren. Ich habe festgestellt, daß es leichter ist, wenn ich mich grundlegend wohlfühle. Wenn ich zu mir stehen kann, meinen Rückzugsort habe und mich selbst so ausdrücke, wie ich es für richtig halte. Dann können mich andere immer noch ablehnen, aber immerhin bin ich bei mir selbst integriert." Er zwinkerte leicht mit einem seiner hübsch geschminkten Augen. "Und das ist ein gutes Gefühl."

"Hmm", brummte Taranis mit einem schiefen Lächeln. "Ich habe deine Lektionen vermißt", setzte er fast unhörbar nach, und bevor Asche reagieren konnte, erreichten sie wieder Jeremiels Zelt, wo Taranis Asche ein Glas Wasser in die Hand drückte und hibbelig auf und ab zu tigern begann. "Meinst du, sie treffen sich hier? Oder müssen wir sie suchen? Meinst du, ich darf dabei sein und zusehen?"

"Bestimmt", lächelte Asche amüsiert, "wenn du nicht ganz so nervös herumhüpfst wie jetzt gerade."

Als Jeremiel mit Malyrius und Andilien im Schlepptau in sein Zelt zurückkam, sprang Taranis ihnen förmlich entgegen: "Darf ich mit? Bitte? Ich werde auch nicht stören, ich möchte nur zugucken!"

"Sicher", schmunzelte Jeremiel. "Du mußt uns auch helfen, den Wagen transportsicher zu machen."

"Äh - Tag auch... ich bin Andilien", stellte dieser sich Taranis vor, indem er grüßend die Hand hob.

Doch der war zu abgelenkt: "Alles, was du willst - hallo Andilien - Keile! Wir brauchen Keile!"

"Ich soll dir eins überbraten?!" fragte Andilien überrascht, und Jeremiel fügte hinzu "Taranis, beruhige dich und atme mal tief durch."

Aus dem Konzept gebracht blinzelte Taranis, während Asche leise in sein Glas prustete. So langsam wie er es fertigbrachte atmete er aus, griff nach Jeremiels Hand und sagte: "Jeremiel. Ich. Bin. Euch. UNGLAUBLICH dankbar. Aber ich kann gerade nicht aufhören, mich zu freuen." Dann stopfte er die Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Füßen vor und zurück.

"Komm her", winkte Andilien.

"Nicht hauen", antwortete Taranis misstrauisch.

"Nein... jetzt komm halt mal her!" Und als der junge, aufgeregte Mann herantrat, riß Andilien ihn in ausgestreckte Arme, begann eine Tangomusik zu singen und schob ihn zum Abreagieren quer durch das Zelt. Taranis lachte laut auf und ließ sich mit seiner ganzen Vorfreude auf den Tango ein. Er strahlte den fremden Elfen an, dann übernahm er mit einem leichten Zwinkern die Führung, bis Andilien sich glucksend mit theatralischer Geste nach hinten fallen ließ.

Asche beobachtete die beiden mit sehr weichem Ausdruck. Da war wieder ein Hauch von dem Taranis, den er kannte. Er war noch da.

"Können wir dann, wenn ihr fertig gebalzt habt?" fragte Jeremiel, und als die beiden sich lachend bereit erklärten, begann er, ein Portal zu weben. "Geht", wies er sie an, als er fertig war. Malyrius trat einfach hindurch, Andilien tänzelte mit einer kleinen Pirouette durch, nicht ohne Asche noch eine Fingerspitzen-Kusshand zuzuwerfen, und Taranis macht einen schnellen, entschlossenen Schritt. Zuletzt ging Jeremiel; nach ihm brach das Portal zusammen und Asche blieb allein zurück.
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » So 19. Apr 2020, 23:56

Da stand er. Ein alter Krieger mit vielen Narben.
Einige davon hatte er schon gehabt, als Asche ihn kennengelernt hatte, andere hatte er sich in der Zeit erworben, nachdem Asche gegangen war, und nur die wenigsten Blessuren hatte er in der kurzen Zeit davongetragen, die sie gemeinsam verbracht hatten. Müde sah er aus, farblos, ein wenig krumm und schief, aber auch stark und verläßlich wie ein knorriger, alter Baum.

Der Wagen.

Die Farben seiner früheren Bemalung waren weitgehend abgeblättert. Die schwarzen Eisenstreben, die ihn überall zusammenhielten, waren teilweise noch original, teilweise jetzt von den Goblins ersetzt. Die Fenster und der Durchgang hinter der Kutschbocklehne hatten noch keine Vorhänge, aber die Eingangstür an der Seite funktionierte. Ein wenig trist sah er aus, nicht nur wegen seines heruntergekommenen und ausgeschlachteten Zustands, sondern auch, weil er das Gefährt war, mit dem Asche und Taranis im schrecklichsten Jahr ihrer gesamten Wagenzeit unterwegs gewesen waren - das Jahr nach Amitielles Tod.

Das Jahr, in dem Taranis wahnsinnig wurde.

Davor war „Der Wagen“ ein Oberbegriff gewesen für einen noch einmal deutlich größeren Hauptwagen, der ohne mindestens 6 Zugtiere gar nicht zu bewegen gewesen war, sowie mehrere kleinere Planwagen: es hatte allein einen Küchenwagen gegeben, auf dem nichts als Geschirr und Vorräte transportiert worden waren und auf dem man kochen konnte. Dann die kleinen Wohnwagen der einzelnen Mitglieder der Wagenfamilie, ein Versehrtenwagen für die Kranken... „Der Wagen“ war eigentliche „Die Wagen“ gewesen.

Glöckchen und schreiend bunte Farben hatten sie weithin angekündigt. Kinder waren ihnen sowohl bei der Ankunft als auch beim Wegfahren lange schreiend nachgerannt. Maurion hatte immer etwas dabeigehabt, das er ihnen zuwerfen konnte - mal Konfetti aus bunten Blütenblättern, mal kleine Zuckerbonbons.

„Wünscht du dir manchmal, auch ein festes Zuhause zu haben und viele andere Kinder, die mit dir spielen?“
Das Gesichtchen eines 5jährigen Taranis wandte sich ihm zu. „Ich habe doch ein festes Zuhause. Aber es kann überall auf der Welt fest sein.“ Die Kinderhand griff nach der erwachsenen. „Wünscht du dir denn ein anderes Zuhause, Onkel Asche? Willst du, daß viel mehr Kinder mit dir spielen?“
Asche lachte leise. „Nein, mein Großer. Ich hätte mir das gewünscht, als ich selbst noch ein Kind war. Jetzt bin ich aber der glücklichste Mann mit dem besten Zuhause auf der ganzen Welt.“
„Stimmt nicht“, warf Maurion vom Kutschbock ein, „der glücklichste Mann - das bin ich.“


Und jetzt stand er hier, auf Telogrus. Kein Zugtier würde ihn jetzt mehr bewegen. Er war ein festes Zuhause geworden.

Nun ja... als Asche die schiefen kleinen Treppenstufen zur Tür erklomm und in den Wagen kletterte, mußte er seinen Gedanken korrigieren. Der Wagen würde ein festes Zuhause werden. Irgendwann. Das verdammte Ding war so leer, daß es vermutlich bald Tentakel entwickeln würde.

„Oh, du bist wieder da“, schnaufte es hinter ihm, und krachend ließ Taranis zwei schwere Kisten zu Boden fallen und sich selbst daneben. „Schlag mich, wenn ich noch einmal auf die Idee komme, zwei davon gleichzeitig zu nehmen...“ japste er. „Mußte die verdammten Dinger alle zehn Meter - puh - absetzen...“

Er sah wirklich angestrengt aus, aber auch sehr zufrieden. „Ich versuche, alles so schnell wie möglich aus Jeremiels Zelt zu kriegen. Schon allein wegen Calendriel - sie schläft derzeit in Emis Bett, aber Emi wird ja irgendwann wiederkommen, und dann will Cale sicher auch Privatsphäre haben, bis wir ihr ein eigenes Zelt organisieren... ach, wem mache ich etwas vor, ich platze fast vor Vorfreude. Ich will alle Kisten hier haben und mich einfach wieder...“ seine Stimme versiegte.

„Hmm?“ machte Asche leise fragend.

„...mich wieder fühlen wie ich selbst“, murmelte Taranis und strich mit einer Hand über die Bodenbretter. „Ich bin einfach nicht ich - in einem Zelt.“ Ein verlegenes Lächeln hob einen seiner Mundwinkel.

In der nächsten Stunde schleppten sie gemeinsam Taranis‘ Kisten und Musikinstrumente von Jeremiels Zelt auf die zweite Scherbe zum Wagen. Zuletzt trugen sie die beiden Geldsäcke hinüber, mit denen die Goblins ihn entschädigt hatten. Während Taranis der Reparatur des Wagens in Feralas beigewohnt hatte, hatten Malyrius und Andilien den Inhalt der Säcke untersucht. In beiden waren tickende Granaten versteckt gewesen - die zweite hatten sie glücklicherweise unschädlich machen können, nachdem die erste fast den gesamten Inhalt eines der Säcke über den Rand von Telogrus befördert und auf Nimmerwiedersehen im All verstreut hatte.

Jetzt war zwar die Hälfte seines Reichtums schon verschwunden, bevor er dessen genaue Höhe überhaupt kannte, doch Taranis wirkte nicht im Mindesten verbittert deshalb, als er Asche davon erzählte.

„Ich habe derzeit nur ein teures Ziel im Leben, und das ist das Studium an einer magischen Akademie - möglichst bald, bevor ich mich selbst ebenfalls versehentlich explosiv über diesen Rand stürze. Und egal, was in diesen beiden Säcken war - Jeremiel hat mir eine so exorbitante Summe genannt, die das Studium kosten soll, daß es in jedem Fall nicht genug gewesen wäre. Ich werde versuchen, ein Stipendium zu bekommen. Er will mir bei der Vorbereitung helfen.“

Sie erreichten ihr Ziel, luden die Säcke ab und sahen sich um. Jetzt war der Wagen nicht mehr leer, jetzt war er voll mit unsortiertem Kram.

„Hast du noch Zeit?“ fragte Taranis, und als Asche nickte, fuhr er fort: „dann bleib hier und beweg dich nicht von der Stelle, ich bin zurück, so schnell es geht.“

Nun gut, dachte Asche, dem Tänzer hinterherblickend, der trotz all des Schleppens noch immer schwungvoll davonlief. Als Taran nach 5 Minuten nicht zurück war, begann Asche, sich nützlich zu machen. Er schob alle Kisten aus dem Weg, damit genug Platz zum Schlafen entstand - obwohl kein Bett unter dem vorhandenen Zubehör zu sein schien. Und dann sortierte er sie noch nach Inhalt. Brauchbare Kleidung hierhin, Requisiten und ‚Vielleicht-braucht-man-das-mal‘s dorthin, Musikinstrumente hinter den fest eingebauten Paravent.

Taranis kam eine halbe Stunde später wieder und balancierte ein riesiges Tablett mit mehreren Schalen darauf, aus denen es köstlich duftete. Ihm folgte ein schüchterner Elf, dessen Schürze ihn als Küchenhilfe von Gastwirt Atynar auswies, mit mehreren Flaschen unterschiedlicher Getränke, die er auf der Eingangstreppe abstellte, wobei er den Wagen mit großen Augen bestaunte, bevor er wieder zurückeilte.

Sie machten es sich auf dem Kutschbock bequem, das Tablett ruhte auf ihren vier Knien, und da Taranis nicht wußte, in welcher Kiste sein Besteck war, aßen sie gegrilltes Gemüse mit den Fingern und tranken die Zitronengrassuppe direkt aus der Schale. Sie sprachen nicht viel, denn nach fünfzehn Jahren waren die wichtigen Themen noch zu groß, um schon berührt zu werden, und die unwichtigen erschienen ihnen zu belanglos. Doch die Normalität gemeinsamen Essens heilte etwas, das wund gewesen war. Etwas kleines nur... doch es war ein Anfang.

Und ab jetzt wiederholten sie diesen Anfang täglich. Taranis schlief ohne Bett auf den harten Bodenbrettern seiner Wagens, räumte und sortierte seine Habseligkeiten, trainierte stundenlang jeden Tag Tanz und Musik und lernte alles, was die ihm von Jeremiel besorgten Bücher beibringen konnten. Asche ging seiner Arbeit nach und sah am Abend für ein, zwei Stunden bei Taranis vorbei. Oft aßen sie gemeinsam. Wenn er zurückkehrte in Amaryls Zelt, malte er häufig noch oder ging eine Stunde laufen, denn sein Kopf war randvoll mit Taranis - sein Gesicht, seine Stimme, seine Haltung, seine Gedanken, all das füllte Asche aus und er mußte es abreagieren.

Für Taranis war er nur ein Patenonkel, und vielleicht, ja vielleicht würden sie einander jetzt nach und nach wieder kennenlernen, womöglich sogar echte Freunde werden. Asche wußte, daß das alles war, das er hoffen konnte, und doch hoffte er mehr, viel mehr, und dann rannte und malte er jede Nacht dagegen an.
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Mo 27. Apr 2020, 02:35

„Eine Werkbank?“ fragte Amaryl überrascht.

Asche nickte.

„In meiner Werkstatt?“

Sie sah ihn lange an. Er wußte genau, woran sie sich erinnerte: sie selbst hatte ihm den ersten Umgang mit Metallen und Werkzeugen beigebracht. Konstruktionen waren immer ihre große Leidenschaft gewesen, von winzigen Lupen bis zu mannshohen Robotern wollte sie alles bauen können, und schon als Asche noch sehr klein gewesen war und in seiner eigenen Familie wie ein peinlicher Fehler versteckt und ignoriert wurde, hatte sie ihm die Schönheit der Ingenieurskunst gezeigt.

Zumindest hatte sie das versucht. Während sie selbst Schönheit nur in der Funktionalität fand, war es bei Asche umgekehrt, er suchte Ästhetik und liebte schöne Dinge auch, wenn sie unpraktisch waren. So lernte er also die handwerklichen Grundlagen von ihr, wurde dann aber kein Ingenieur, sondern ein Bastler schöner Dinge. Er baute Schmuck, kleine Behältnisse, Haarspangen, Teegläschen - sie aber baute praktische Dinge, Mehrzweckdinge, und als ihr Magiestudium fortschritt, spezialisierte sie sich nicht auf Feuermagie, ihr erstes Hauptfach, sondern auf räumliche Veränderungen, Raumkrümmung und Materialformung. Sie wollte Ingenieurskunst und Magie zusammenführen, und nichts anderes hatte sie in den Jahrzehnten getan, seit Asche ein heranwachsender Junge gewesen war.

„Ich dachte, du malst nur noch“, stellte sie fest.

Er zuckte locker mit einer Schulter. „Ich male viel mehr als ich bastle, aber jetzt gerade habe ich etwas vor, und dazu bräuchte ich eine Werkbank.“

Sie winkte ihn mit sich in ihre Werkstatt, einen der Räume, die sie innerhalb ihres Zeltes erschaffen hatte und die von außen nicht erkennbar waren. Ein paar ‚Schraubots‘, wie sie sie nannte, kleine Roboter-Helferlein, standen oder lagen auf Standby auf zwei große Werkbänke verteilt. Eine dritte, etwas kleinere Werkbank gleich rechts des Eingangs wurde von ihr kurzerhand leergeräumt.

„Material?“ fragte sie auf ihre typisch knappe Art, Asche zählte auf, was er brauchen würde und sie deutete jeweils auf Kartons und leine Holzkisten, die in Regalen an einer langen Wand standen, damit er wußte, wo er sich bedienen konnte. Zu guter Letzt erklärte sie ihm zu seiner großen Begeisterung die Bedienung eines Schraubots.

„Bist du eigentlich nur in der Forschung tätig?“, fragte Asche, als sie die Werkstatt wieder verließen, um ihren abendlichen gemeinsamen Tee zu trinken. Für viele Ren'Dorei hatte sich seit dem Vorfall das Leben auch beruflich sehr verändert, und von Amaryl wußte er, daß sie immer auf der Suche nach Synergien war - Magie und Ingenieurskunst, Magie und Leere -, aber nicht, was sie derzeit hauptsächlich trieb.

„Muß auch noch ein Kind unterrichten“, knurrte sie unwillig. Ihr Forschungsleiter konnte sie natürlich nicht verpflichten, Unterricht zu geben, hatte es ihr jedoch dringend nahegelegt, mit der Begründung, sie hätte im Laufe ihres Lebens soziale Kompetenzen durch fachliche weitgehend ersetzt, und ein junger Kopf könne ihr vielleicht helfen, erstere wieder für sich zu entdecken, damit sie ein etwas erträglicherer Umgang für die Forschungsgruppe würde. Amaryl besaß so etwas wie Scham- oder Schuldgefühle praktisch nicht; sie sah jedoch die Logik in dem Gedanken und folgte der Empfehlung daher.

Er lachte. „Ja, davon habe ich gehört. Aber was ich meine, ist eigentlich: forschst du nur noch an der Leeren-Magie-Verbindung, oder könnte man dir Aufträge geben? Hast du Zeit für Arbeiten nebenher?“

Sie kniff mißtrauisch die Augen zusammen.

„Was für Arbeiten?“

„Raumveränderungen in erster Linie, aber ich habe ziemlich viele Ideen, für die ich gern deine Hilfe hätte...“

„Sham, du bist mein Bruder. Du bezahlst mich nicht. Sag mir, was du willst, und ich baue es. Es sei denn... es ist für diesen Jungen, nicht wahr?“

„Ja“, nickte er, „es ist für Taranis.“

„Nein.“

„Ama, jetzt lehn doch nicht gleich -“

„Nein.“

„Aber er wohnt praktisch in einer leeren Holzkiste ohne...“

„Nicht mein Problem.“

„Also schön, WAS genau IST denn dein Problem?“ fragte er laut und starrte sie an - da sie fast 20 cm größer war als er, mußte er dazu den Kopf in den Nacken legen.

„Er hat dir wehgetan, Sham, und er kann es wieder tun. Ich habe die Bilder gesehen.“ Sie gestikulierte in Richtung seines Zimmers, in welchem er jede Nacht malte, und wo sie sich fast jeden Tag ansah, was er gemalt hatte. Stapelweise Skizzenbücher standen dort, in denen er sein Leben in Bildern festgehalten hatte, so wie andere Leute Tagebuch führten. Offenbar hatte sie den Bruch gesehen, der damals zu seiner Rückkehr nach Dalaran geführt hatte.

Da Amaryl heute ohnehin schon mehr gesprochen hatte als sonst in einer Woche, konnte sie das jetzt auch zu Ende ausführen. „Du fühlst zuviel für ihn“, sagte sie sachlich, als hätte er eine Schraube zu fest angezogen und sie würde ihn darauf hinweisen. „Ich sehe deinen Blick, Sham, wenn er da ist, und selbst wenn du nur von ihm sprichst. Du bewunderst ihn. Du himmelst ihn förmlich an. Du willst ihm die Bühne bauen, die Bühne sein, auf der er schreiten und sich bewundern lassen kann mit all seinen Talenten, während du die eigentliche Last trägst und nicht einmal bemerkt wirst, oder noch schlimmer, du WIRST irgendwann bemerkt und... und...“

„Nein...“ flüsterte er.

„Doch, Sham, ich habe diesen Blick schon einmal an dir gesehen -“

„Nein“, widersprach er entschlossen. „Er ist nicht so. Er ist nicht...“ Selbst nach diesen vielen Jahren stockte er, bevor er es über die Lippen brachte. „Er ist nicht wie Bel‘osh. Nein“, unterbrach er seine Schwester, bevor sie etwas einwenden konnte, „vergleich ihn nicht... damit.“

Er atmete aus und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Er war mein Patenkind, und er hat mich jeden Tag, hörst du, jeden Tag glücklich gemacht. Er hat beide Eltern verloren, lange bevor er erwachsen wurde. Er hat versucht, ein Unternehmen zu führen, statt seines Lebens, er hat versucht, eine Verantwortung zu übernehmen, die viel zu groß für ihn war, weil er glaubte, er schulde uns unser gewohntes Leben als Theatertruppe. Und ich habe es nicht gesehen. Ich habe geglaubt, er täte das für sich, weil es ihn glücklich macht. Stattdessen hat er sich aufgerieben, regelecht aufgegeben und immer versucht, uns alles Recht zu machen, indem er seine Eltern ersetzte und eigentlich ihr Leben führte, statt zu überlegen, ob er ein eigenes haben kann. Und ich habe es nicht gesehen! Dann starb seine Schwester. Seine Zwillingsschwester, verstehst du, Amaryl...? Es war, als wäre seine Seele plötzlich halbseitig gelähmt. Er konnte nicht mehr kompensieren. Unter diesen Umständen hätte jeder, wirklich jeder, den Menschen wehgetan, die ihm nahestehen.“

Er ließ den Arm sinken und sah zu Boden, als er ruhiger fortfuhr: „Ich weiß nicht, was er in den letzten fünfzehn Jahren erlebt hat. Ich weiß nicht, wie er das so lange allein ertragen hat. Ich weiß nicht, wie die Leere jetzt in ihm wirkt. Aber ich weiß, seine arkanen Kräfte bedürfen dringend einer Ausbildung, und darum wird er einen gesicherten Raum zum Üben brauchen. Ich weiß, daß er sich in seinem ganzen Leben niemals selbst etwas gekauft oder auch nur gewünscht hat, und selbst jetzt auf dem verdammten Fußboden schläft, weil er das Gold für die Universität sparen möchte. Ich weiß, daß er dafür lernt und übt wie ein Verrückter. Ich weiß, daß er jeden Morgen einen Eimer Wasser quer über diesen lichtverfluchten Planeten schleppt, weil er es nicht über sich bringt, einen Magier darum zu bitten, ihn an die Versorgung anzuschließen. Ich weiß das alles, weil ich jeden Abend hingehe und mit ihm esse, und weil er mir jeden Abend versichert, er bräuchte nichts, alles sei in Ordnung. Er ist nicht, absolut nicht wie...“ Er brachte es nicht über sich, den Namen ‚Bel‘osh‘ noch einmal auszusprechen, und bog mitten im Satz ab. „Er ist nicht, wie du denkst.“

Überrascht vom Widerspruch und der Vehemenz, die ihr sonst so liebenswerter, sich stets unterordnender Bruder an den Tag legte, legte Amaryl den Kopf auf die Seite. Dies waren viele neue Informationen, die eingeordnet werden mußten. Sie klopfte ihre Robentaschen ab, bis sie ihre Pfeife fand, stopfte ein wenig Kräutertabak in den Pfeifenkopf und entzündete ihn mit einem Fingertippen.

Zwei tiefe Züge später knurrte sie unwillig - ein so vertrautes Geräusch, daß Asche unwillkürlich lächeln mußte, woraufhin sie entnervt die Augen verdrehte und seufzte. Es dauerte mehrere rauchgeschwängerte Minuten, bis sie schließlich bellte: „Das dauert Wochen! Ich wäre schneller, wenn ich den ganzen Tag Zeit hätte, hab ich aber nicht. Ich muß mir erst das Material ansehen. Ich brauche Vorbereitungszeit. Grundrisse. Hilfe. Deine Hilfe, seine Hilfe. Zutritt, wann immer ich Zeit habe. Sag ihm das.“

Ungläubig strahlte er sie an. „Wirklich? Ama, wirklich? Wieviel...“

„Wenn du mich bezahlen willst, Sham, und ich sehe in deinen beschissen verliebten Augen, daß du genau das vorhast, dann reiße ich dir den hübschen Kopf ab und koche ihn mir als Frühstücksei.“

Also drückte er sie einfach fest an sich, wie erwartet ohne daß die die Geste erwiderte, und flüsterte glücklich: „Danke, Ama, danke - ich liebe dich auch.“
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Mo 4. Mai 2020, 21:28

Er hatte die Versammlung verpasst. Die Versammlung, auf der Ilassan allen von seinen Plänen erzählen wollte, ein Lehen in Arathi zu übernehmen. Da der Senator jedoch bereits mehrere Tage vorher mit dieser Idee bei Asche vorbeigekommen war ("ich kenne keinen so begnadeten Handwerker"), um mit ihm darüber zu reden, konnte er sich dessen uneingeschränkter Unterstützung sicher sein. Genaugenommen war Asche so Feuer und Flamme, daß er am liebsten jede andere Tätigkeit sofort hingeworfen und nur noch dieses Projekt geplant hätte. Sie würden in die richtige Welt zurückziehen!

Dieses Gespräch hatte auch eine unerwartet private Wendung genommen und zu seiner großen Überraschung hörte sich Asche plötzlich zum ersten Mal jemandem von seiner Vergangenheit erzählen. Nein - er erzählte eigentlich nichts. Er erklärte nur ihre Auswirkungen auf das Heute, doch auch das hatte er noch nie getan. Und Ilassan reagierte überraschend und mit großer Empathie damit, ihm anzubieten, mit ihm zu üben, wie sich seine Angst abbauen ließe. Asche glaubte noch nicht, daß das je passieren könnte, doch er sah, wo es ihn überall behinderte, und wenn dies seine Chance war, zu heilen, dann wollte er sie ergreifen.

Er mußte.

Als er am Morgen nach der Versammlung ein weiches Päckchen vor Amaryls Zelt fand, las er auf dem beigelegten Zettel: Folge den Brotkrumen, öffne mich erst, wenn du dort angekommen bist, zur Mittagsstunde. Nun, das passte gut, denn mittags hielt er sich immer ein wenig Zeit frei. Als es soweit war, schulterte er seine Schreibertasche und folgte den 'Brotkrumen', die eigentlich kleine, braune Steinchen waren, die von seinem Zelt zum Leerenriss führten. Er trat hindurch auf die erste Scherbe. Hier ging die Spur der Steine weiter in Richtung Gasthaus, bog vorher aber links ab, führte ein wenig ins Abseits und mündete in einem relativ großen Zelt, aus dem er Stimmen hörte. Neugierig schlüpfte er hinein.

Das Innere war mild beleuchtet von mehreren kleinen Lampen, Kissen lagen herum und ein Paravent stand an einer Seite. Er konnte dort einzelne Kleidungsstücke hängen und liegen sehen. Den Großteil des Raums nahm jedoch ein umfangreicher Badezuber ein, in dem mehrere Personen saßen und dessen heißes Wasser die Luft im Zelt neblig machte.

"Asche - willkommen im Badehaus", grüßte ihn Emi freundlich.

"Hhhhallooo...", machte er gedehnt und versuchte überall hinzusehen, nur nicht zum Zuber. "Das ist ja eine Überraschung. Das sieht nach viel Arbeit aus."

Fröhlich plätschernd erzählte sie ihm, wer alles geholfen hatte, diese Überraschung zu errichten, und er nickte, ohne es richtig zu hören. Das war genau die Sorte Situation, in die Asche unter keinen Umständen jemals geraten wollte. Das Schlimmste fürchtend, öffnete er das weiche Päckchen, und tatsächlich - es handelte sich um eine Badehose. Sein Name war sogar eingestickt.

"Hallo Ashamshiel." Iudicael nickte ihm zu, und er winkte grüßend zurück. Jetzt flog der Blick doch über den Zuber: Er erkannte die Zwillinge Amandriel und Iudicael. Amandriel war ziemlich belagert: Vor ihm saß Malyrius und wurde von ihm massiert, und neben ihm saß Taranis und schien mit dem Kopf an seiner Schulter eingeschlafen zu sein. Emiriel lächelte sehr zufrieden von der anderen Zuberseite herüber, Ilassan massierte ihr offenbar gerade einen Fuß.

"Also ein Gemeinschaftsprojekt", reagierte er etwas spät auf Emis Erklärungen, "ein Mini-Arathi sozusagen. Wundervoll." Er versuchte zu wirken, als fände er das wirklich wundervoll, während er fiebrig überlegte, wie er hier weg käme, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. "Nun, dann genießt alle die Wärme und die Gesellschaft - eine wirklich tolle Idee, Emiriel! Ich habe nur in meiner Pause der Neugierde nachgegeben und bin den 'Brotkrumen' gefolgt, aber ich muß auch gleich wieder los." Er wedelte ein hastiges "Tschüss" in die Runde und ging so schnell aus dem Zelt, wie es gerade noch möglich war, ohne zu rennen.

"Ashamshiel!" rief es von drinnen, kaum daß er durch die Plane war. Verdammt.

Sehr langsam schob er seinen Kopf wieder hinein. "Ja? Was gibt's denn?" Sein Blick hing knapp über den Kopfen der Badenden.

"Ich habe hier einen schlafenden Taranis an der Schulter und wäre dankbar, wenn du ihn mir abnehmen würdest", sagte Amandriel und sein Bruder ergänzte: "Wir haben alle Badekleidung an, du kannst ruhig gucken."

Abnehmen? Im Wasser womöglich? Seine Augen irrlichterten kurz zu Iudicael und zurück zu Amandriel, über den im Schlaf lächelnden Taranis und blieben an der Zuberwand kleben. "Wenn du ihn loswerden willst, ruf, daß sein Auftritt ist, das weckt ihn zuverlässig", versuchte er es mit einem schiefen Lächeln.

"Ich dachte nur, daß... nun egal", winkte Amandriel ab.

"Laßt ihn einfach", warf Ilassan ein. "Wenn er jetzt noch zu tun hat, setzen wir uns einfach ein andermal zusammen." Asche sah ihn zutiefst dankbar an. Ilassan hatte ihm versprochen, ihn vor Gruppenkuschel-Momenten zu warnen oder ihm zu helfen, sie abzuwenden, und er löste es offenbar ein. Schon wollte er endgültig aus dem Zelt verschwinden, da grinste er plötzlich spitzbübisch - den Gefallen konnte er ja Amandriel noch tun.

"Taran! Dein Auftritt!" rief er kräftig und der Gerufene fuhr mit einem erschrockenen Japsen planschend aus dem Schlaf. Asche schlüpfte hinaus und lief weg, bevor ihn noch jemand rufen konnte.

Ja, dachte er auf dem Weg zurück zur zweiten Scherbe. Er mußte diese Angst kontrollieren. Aber heute noch nicht. Bald.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Fr 8. Mai 2020, 10:13

Die Bäume und Gräser im Elwynn waren noch taubenetzt und warfen lange Schatten in der gerade erst aufgehenden Sonne. Es war kühl, als sie aus dem Stadttor traten und nach Goldhain spazierten, und das Licht war neblig-golden. Sie sprachen nicht, weil das Ereignis größer schien als alles, was sie dazu sagen konnten. Asche konnte sich kaum satttrinken an dem Anblick des erwachenden Walds.

Die beiden Artisten, die normalerweise schon hier draußen jonglierend die Gäste begrüßten, fehlten um diese Uhrzeit; die Show hatte noch nicht begonnen. Verschlafene Geräusche füllten stattdessen leise den Platz rund um das Gästeportal. Kaffee und Tee wurden an offenen Feuerstellen in einfachen Bechern herumgereicht, jemand wusch sich und sang dabei, eine Frau schlenderte langsam tänzelnd herum, summte gedankenverloren eine Melodie vor sich hin und flocht dabei ihr hüftlanges, ergrauendes Haar zu einem dicken Zopf.

Als sie Asche erblickte, blieb sie abrupt stehen und ein langsames, breites Lächeln erhellte ihr Gesicht.

"Asche, mein Junge", rief sie, ließ den halbfertigen Zopf fallen und riß ihn an ihre Brust. Sie war groß und muskulös, ihre Augen leuchteten aus dem dunklen Gesicht und der kleine Asche verschwand beinahe in ihrer Umarmung. "Wo warst du die letzten beiden Male?", rief sie und ließ ihn los. Dann fiel ihr Blick auf Taranis und das Lächeln wich einem vorsichtigen Taxieren. Sie hob die Brauen, sah wieder Asche an und legte fragend den Kopf auf die Seite.

"Er ist zurück, Carlona", sagte Asche mit einem vor Glück glühenden Gesicht, "er ist zurück."

Carlona ließ ihren Blick noch einmal langsam über Taranis wandern. Sie trat an ihn heran, ging langsam um ihn herum, stellte sich wieder vor ihn, griff seine Hand und fuhr die Linien darin nach, sah ihm eine endlos lange Minute forschend in die Augen. Um sie herum sammelten sich die Schausteller, die hier draußen ihre Wagen hatten, und sahen schweigend zu. Taranis stand still und stumm, als würde er ein Richturteil erwarten.

"Du hast dich verändert, kleiner Nachtschimmer", sagte sie schließlich. Ihr Blick bohrte sich in Taranis' Augen, ein langer, wortloser Austausch. Dann wandte sie sich laut an die Umstehenden und rief: "ER IST ZURÜCK!"

Jetzt kam Bewegung in die Gruppe. Männer und Frauen kamen heran, teilweise nur halb bekleidet und mit vom Schlaf wirren Haaren, und wer immer in seinem Leben mit Familie Nachtschimmer zu tun gehabt hatte, faßte Taranis an den Arm oder in die Haare, stellte ihm Fragen, redete auf ihn ein. Jemand drückte ihm einen Kaffeebecher in die Hand. Ein paar Kinder sprang durch das Portal - sicher, um den Leuten drinnen die Neuigkeit zu erzählen.

Asche wurde ein wenig abgedrängt und konnte nicht aufhören zu lächeln, als er das Willkommen beobachtete. Carlona gesellte sich zu ihm und drückte ihm einen Becher Tee in die Hand. Sie sah zwischen dem bedrängten Taranis und Asche hin und her, ihr Blick blieb an dem kleinen Teetrinker hängen, und leise fragte sie: "Noch immer, mein Freund?"

Manchmal war es unangenehm, daß das fahrende Volk so eng zusammenhielt und alles über jeden wußte, manchmal schon, wenn der Betroffene es selbst noch nicht wußte. Manchmal war es unangenehm, daß sie so darauf eingestellt waren, menschliche Regungen zu lesen, daß ein nicht-Schauspieler wie Asche einfach ein offenes Buch für sie war. Aber andererseits... war dies seine Familie.

"Hmm", machte er.

"Darf ich dir noch einmal in Erinnerung rufen, daß wir Menschen nur wenige Jahrzehnte zu leben haben?", fragte Carlona und stubste ihn leicht in die Seite. "Ich möchte das Ende dieser Geschichte noch erleben, und meine Haare werden schon langsam grau, also halt dich ran."

"Ich bin nicht, was er braucht..." setzte Asche an.

"Ein Feigling?" unterbrach sie ihn, und als er nicht antwortete, fuhr sie fort: "Es steht dir nicht zu, zu entscheiden, was er braucht. Du solltest aber dazu stehen, was du brauchst. Und soll ich dir mal sagen, was ihr beide braucht?"

"Na?"

"Ihr braucht den Tanz."

Überrascht sah er sie an. Der Tanz - das war etwas, das man im Volk tat, um sich zu verständigen. Man tanzte ihn zu zweit, sehr nahe, jedoch ohne einander zu berühren, auf kleinem Raum. Im Tanz hatte jeder Schritt, jede kleine Geste enorme Bedeutung, man konnte einander ganze Geschichten erzählen nur durch kleine Bewegungen mit den Fingern, Füßen und Schultern - und genau das war auch der Sinn des Tanzes. Traf man eine Familie, deren Sprache man nicht gut verstand, konnte man sich so über wichtige Dinge austauschen: Gefahren auf der Straße, das Wetter und dergleichen. Gab es Streit über etwas, 'redete' man ohne Worte, denn die Körpersprache verriet mehr, als Worte sagen konnten.

Asche sah zu Taranis, der seinerseits ein wenig hilflos zu ihm sah. "Wir gehen runter", sagte er zu Carlona. "Danke für den Tee."

Sie nahm den Becher entgegen und klopfte ihm auf die Schulter. "Kommt später wieder vorbei. Nach dem Feuerwerk." Es war keine Bitte, und er nickte.

Asche befreite Taranis mit wenigen Worten aus dem Pulk und trat mit ihm durch das Portal. Auf der anderen Seite brüllte sofort der Schreiterverleiher los: "Nehmt einen Schreiter, sie bringen Euch kostenlos zum bei allen Göttern ist das -" Er starrte Taranis an.
"Hab den Gören nicht geglaubt", schnarrte er dann. "Schreiter?"

Ja, sie nahmen jeder einen Schreiter und ritten den Bergpfad hinunter. Als sich auf halbem Weg der Blick durch die Bäume auf den Markt öffnete, rang Taranis hörbar nach Luft. Sie hielten die Tiere an. Asche gab ihm die Zeit, die er brauchte, und schwieg.

"Es ist nur..." sagte Taranis nach einer ganzen Weile, "Es ist, als würde ich in ein Märchen zurückkehren, von dem ich dachte, es sei nur ein Traum. Das Auge..." Er deutet auf das große Auge über dem Eingangstor. "...wie in der Leere, wie in unserem Wappen. Es ist, als würde alles an seinen Ort fallen. Ich sehe das ganze Bild noch nicht, aber ich fühle, daß ich hierher gehöre, daß ich ein Teil davon bin, und ich..." Er wendete den Kopf, um Asche ansehen zu können. "Asche, ich schäme mich so."

Asche sah den hohlen Blick, die Scham, das Bedauern und die Einsamkeit im Blick seines früheren Schützlings und voller Mitgefühl streckte er eine Hand nach ihm aus. "Genau deshalb sind wir hier. Du bist ein Puzzleteil, das wieder an seinen Platz fallen muß." Als Taranis die Hand ergriff, hielt er sie ohne Druck in seiner.

"Wir werden jetzt da runter gehen und du wirst Heimatluft atmen, du wirst Vertrautes sehen und du wirst dem Volk gestatten, wieder ein Teil von dir zu werden und dich zu einem Teil von sich zu machen. Und im nächsten Monat wird es bereits eine Geschichte sein, wie du verloren gingst und wiederkamst, und es wird nichts Besonderes mehr sein, daß du da bist. Heute wirst du viele Fragen beantworten und viele Blicke erwidern. Und zum nächsten Jahrmarkt bist du wieder nur ein kleiner Teil eines großen Volks."

Taranis nickte und atmete tief durch. Und genau so geschah es. Sie gaben die Schreiter am Eingang ab und wurden den ganzen Tag regelrecht herumgereicht. Nicht nur Taranis, auch Asche mußte viele Fragen beantworten und viele Geschichten erzählen. Er beobachtete den jungen Künstler die ganze Zeit und stellte zu seiner Freude fest, daß der nach und nach auftaute. Er schämte sich noch immer, das war deutlich sichtbar, aber er war auch imstande, das Willkommen anzunehmen, das ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde.

Außerdem staunte er nicht schlecht, als er die vielen Neuerungen auf dem Jahrmarkt bemerkte - sogar eine Achterbahn gab es! Taranis wollte sie unbedingt ausprobieren, also fuhren sie Achterbahn. Sie liefen über all die kleinen Seitenwege und sahen sich die hinzugekommenen Nebenbühnen an, aßen kandierte Äpfel und ließen sich ab und zu ins Geschehen einbinden.

Nach dem letzten nächtlichen Feuerwerk waren sie beide unendlich erschöpft, beinahe, als hätten sie den Tag wie früher als Schausteller hier verbracht. Als sie wieder durch das Portal nach Goldhain traten, waren dort deutlich mehr Leute des fahrenden Volks als heute früh, und sie bildeten außerhalb der direkten Sicht von Dorf und Straße her, entspannt stehend oder sitzend, einen Kreis.

"Oh", machte Asche, als Carlona sie heranwinkte.

"Oh?" fragte Taranis.

"Der ist für uns", erklärte Asche, auf den Personenkreis zeigend.

Taranis begriff sofort. Ein Tanz.

"Oh", machte er leise.
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Ashamshiel
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Di 12. Mai 2020, 17:38

Mit einem erleichterten Seufzen ließ Asche die schwere Büchertasche in einer Ecke seines Zimmers fallen. Heute würde er sie nicht mehr brauchen, all die schönen, neuen Bücher, die auf liebevoll gezeichnete Bilder und interessante Texte warteten - er könnte sie noch ins Regal einsortieren, nach Größe oder Farbe des Einbands ordnen und sonstige Dinge tun, die seiner Persönlichkeit entsprachen und das hinauszögerten, was zu tun er versprochen hatte, aber... er hatte es nun einmal versprochen. Er rollte seine verspannte rechte Schulter zweimal nach hinten und verließ sein Zimmer wieder.

Der Weg zum Wagen war kurz, und als er näherkam, hörte er bereits die vertraute Stimme seiner Schwester herzhaft Fluchen. Er kletterte behände die vier Stufen der Klapptreppe hinauf und klopfte an, obwohl die Tür offenstand. Niemand erschien, also schob er erst den Kopf, dann den Rest von sich hinein und rief "Ich bin's!".

"Äh", krächzte es von irgendwo unter ihm, als sei ein sehr wütender, kettenrauchender Rabe dort eingesperrt. Er grinste, sah sich nach einer Karaffe Wasser und einem Becher um, fand beides auf dem aus einer früheren Requisitenkiste improvisierten Tisch und goß den Becher voll. Dann trat er auf das unübersehbare Loch im Boden des Wagens zu und rief hinunter: "Ama, kann ich gefahrlos zu dir?"

"Ääh", krächzte es; ein Geräusch, daß er als 'halt dich bloß fern' identifizierte. Hammerschläge folgten. Asche schlenderte mit dem Wasserbecher in der Hand durch den Raum und betrachtete zufrieden die Fortschritte, die dessen Einrichtung machte: sie hatten aus alten Kostümen Vorhänge genäht, die nun dunkelblau an den beiden runden Fenstern und am Durchgang zum Kutschbock hingen. Alles war abgeschliffen und versiegelt worden und duftete nun leicht nach Bienenwachs. Nicht, daß man das auf Telogrus brauchte, aber für beide, Taranis und Asche, gehörte das einfach zu einem gepflegten Wagen dazu - und nun, da sie nach Arathi ziehen würden, war es auch notwendig geworden.

Amaryl hatte das Untergesschoss fertig. Die magische Ingenieurin hatte sich viel Zeit genommen, um dem Wagen innen mehr Raum zu verleihen, als ihm von Natur aus zustand - und zwar nach unten hin, der ursprüngliche Wagenraum sollte unangetastet bleiben. Ama hatte drei Bretter der Bodendielen entfernt und - oft genug mit Helfern, die sie kommandierend anbellte - Tag und Nacht daran gearbeitet, ohne sich dabei von Taranis zusehen zu lassen, sehr zu dessen Bedauern. Er verbrachte zunehmend Zeit damit, den Magiern auf Telogrus still, aber höchst aufmerksam bei der Arbeit zuzusehen, und nicht alle mochten das - Amaryl mochte es auf jeden Fall nicht und hatte ihm das deutlich zu verstehen gegeben.

Da Amaryl zu vollkommen erratischen Zeiten arbeitete und es für ihn fast unmöglich war, bei dem ständigen Hämmern und Fluchen von unten zu schlafen, sah Taranis inzwischen etwas blass aus und schlief ein, sobald er irgendwo Ruhe fand: Im Badehaus, beim Meditieren, einmal sogar beim Essen. Asche fand nicht den Mut, ihm anzubieten, vorübergehend bei ihm zu übernachten, und Taranis kam nicht auf die Idee, irgendjemanden um Asyl zu bitten, also blieb er schlaflos.

Doch die Zeit, die das noch dauern würde, wurde zunehmend absehbar: Man konnte bereits eine Treppe hinuntergehen und landete in einem kleinen, vollständig holzgetäfelten Raum. Sie hatten gemeinsam das Material ausgewählt, und zwar so nah wie möglich an den Dielen des eigentlichen Wagens - des "Oberwagens", wie sie ihn jetzt nannten.

Von diesem kleinen Raum gingen drei Türen ab: eine führte in ein Badezimmer, das mit einem Zuber für maximal zwei Personen und gerade hinreichend Platz, um sich bequem umzuziehen und abzutrocknen, recht übersichtlich war; auf Asches Bitten hin hatte Amaryl jedoch den Zuber so bearbeitet, daß auch ein Nichtmagier wie ihr kleiner Bruder ihn durch einfaches Streichen über von ihr angebrachte magische Runen mit heißem Wasser füllen konnte.

Die zweite Tür führte in ein Schlafzimmer, das noch leer war. Taranis schlief nach wie vor unter einer alten Wolldecke auf einem großen Kissen oben neben seinem Kistentisch.

Und das letzte Zimmer war das, an dem Amaryl gerade arbeitete. Ein Studienzimmer. Ob er nun ein Stipendium erhalten würde oder nicht - Taranis würde es irgendwie auf die Akademie schaffen, da war sich Asche absolut sicher. Und selbst jetzt übte er schon einfache Zauber, angeleitet erst von Jeremiel und nun von Malyrius. Deshalb hatte er seiner Schwester eindringlich erklärt, daß dieser Raum einen Schutz bräuchte - nach innen. Wenn dort ein Anfänger mit Magie herumspielte, durfte ihm dennoch nichts passieren. Es mußte ein Sicherheitsnetz geben, unter allen Umständen.

Als Amaryl zunächst völlig desinteressiert mit den Schultern gezuckt hatte, hatte Asche sie angesehen und gesagt: "Ama, ich werde dort mit ihm sitzen und üben, verstehst du? Ich werde ihn auf dem Weg durch Arathi auf die Prüfung für die Akademie vorbereiten, so gut ich das mit meinen Büchern kann, und wenn er dann studieren geht, werde ich das weiterhin tun, sofern er mich läßt, und ich möchte nicht aus Versehen von ihm in eine Glibberpfütze verwandelt werden."

Wahrscheinlich setzte sie deshalb so viel Energie ein, um an diesem Raum zu schrauben, magisch und unmagisch, und Asche hatte fast kein schlechtes Gewissen - er hatte zu viele Jahre damit verbracht, für die Sicherheit des Jungen zu sorgen, um jetzt damit aufzuhören.

Er stand bestimmt eine Viertelstunde herum, bevor seine Schwester aus dem 'Unterwagen' heraufkam. Er drückte ihr das Wasser in die Hand und sie leerte den Becher in einem Zug und streckte ihn ihm wieder entgegen. Während er nachfüllte, grinste er sie an: "Jedesmal, wenn du den Mund aufmachst, habe ich Angst, daß deine letzten Flüche zu kleinen, dämonischen Wesenheiten werden und daraus hervorbrechen."

Sie lachte heiser, trank auch den zweiten Becher gierig leer und gab ihn erneut zurück. Asche goß ein. "Wo ist er?"

"Klippe", sagte sie und nickte zu der Wagenwand, hinter der die Klippe war, eine Hand nach dem Becher ausstreckend.

"Wie lange brauchst du noch?"

"Zwei Wochen mindestens. Maximal drei." Sie sah sehr zufrieden mit sich aus, als sie das sagte. "Da waren ein paar neugierige Magier, die auch Räume erforschen. Hab sie eingespannt. Sind jetzt fünf Personen mit mir, davon nur einer unfähig. Beste Zeit für Sonderwünsche, kleiner Bruder."

"Ein Bett", sagte er lapidar, und sie sah ihn an, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank.

"Asche, du verfügst in den nächsten Wochen über fünf - über viereinhalb Magier. Wenn dein Angebeteter ein Bett will, such ihm einen Zimmermann."

"Du meinst das ernst - ich kann einfach Wünsche äußern?"

Sie zuckte mit einer Schulter und grinste etwas bösartig. "Klar, die haben alle Angst vor mir, die machen alles."

Asches Augen begannen zu leuchten, nein, sein ganzes Gesicht glühte regelrecht, bei der Vorstellung, sich bauen lassen zu können, was er wollte. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihr ins Ohr flüstern zu können, obwohl sie allein im Wagen waren.

Als er fertig war, sah sie ihn eine Weile schweigend an. Dann nickte sie. "Technisch und magisch kein Problem, dauert nur eine Weile. Hoffe, wir schaffen das, bevor ihr abreist." Sie zögerte kurz. "Willst du in dieses Leben zurück, Sham?"

"Ich weiß es nicht, Ama. Ich habe eigentlich andere Pläne - dieses Ren'Dorei-Archiv aufbauen ist mir ein echtes Herzensthema. Aber ich glaube, es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, daß wir in dieses Leben zurück könnten, wann immer wir wollten. Und es ist nie schlecht, einen guten Tanzboden dabeizuhaben." Er lächelte vergnügt. "Du als Partylöwin weißt das doch am besten."

Mit einem angewiderten Augenrollen drückte sie ihm den Becher in die Hand und marschierte wieder die Treppe hinab. Er kletterte breit grinsend über den Kutschbock hinaus und mit zwei langen Schritten über das Vorderrad hinunter, um Taranis auf der Klippe aufzusuchen. Es war nicht mehr viel Platz bis zum Abgrund und der Mann, der da barfuß und ohne Hemd sein Training absolvierte war nicht zu übersehen.

Als er Asche erblickte, beendete er nur noch die aktuelle Übung und kam auf ihn zu. "Ist etwas passiert? Du bist so früh da heute."

"Nein, ich..." Asche wand sich ein bißchen. "Ich habe nur... es ist weil ich Iudicael versprochen habe, gleich herzukommen."

"Iudicael?" Taranis sah ihn fragend an und schlenderte an seiner Seite zurück zum Wagen, wo er sich zu Boden sinken ließ und an ein Vorderrad gelehnt sitzenblieb.

"Ich habe ihn heute aufgesucht, und er hat die Gelegenheit ergriffen und mich... auf etwas angesprochen, das ihm aufgefallen war." Asche bemerkte, daß Taranis' Aufmerksamkeit sich bei diesen Worten schlagartig verdoppelte.

"Etwas... Wichtiges?" fragte der Tänzer zögerlich.

"Ja, durchaus", antwortete er vorsichtig.

Sie sahen einander an. Dann sahen sie weg. Dann versuchte Asche es noch einen Schritt weiter. "Ich habe ihn um etwas gebeten. Ich - ich möchte dir etwas zeigen, Taran. Oder eigentlich möchte ich, daß er dir etwas zeigt. Es... wird dir nicht gefallen, aber ich denke... ich denke, du mußt es wissen." Seine Stimme versiegte nach und nach und mit einer fragenden Bitte in den Augen sah er Taranis an.

In dessen Augen standen Mitgefühl und Verstehen. "Du mußt das nicht tun, Onkel Asche. Du mußt nicht... noch einmal durch Dinge gehen, die du lieber vergessen möchtest, nur damit ich sie..."

"Doch, Taran, ich muß das tun", unterbrach er ihn ernst. "Nicht für dich. Ich glaube, ich kann heilen, wenn ich es mit Iudicael gemeinsam noch einmal ansehe. Und ich möchte, daß du dabei bist. Ich..." Oh, wie schwer ihm fiel, das zu sagen. "Ich möchte, daß du mich ganz kennst. Dein Onkel zu sein war eine gute Zeit - die beste in meinem Leben. Aber ich möchte das nicht mehr." Er schluckte. "Ich möchte ein M-Mann s-sein, der dir begegnet und d-d-den du... M-Moment..." Er schloß die Augen und atmete ein paar Mal tief durch, um das nervöse Stottern wegzukriegen.

"Das möchte ich auch", flüsterte Taranis, und überrascht öffnete Asche die Augen wieder. "Ich möchte das auch - Ashamshiel."

Minutenlang sahen sie einander nur an, wortlos, fragend; keiner war imstande, den Blick zu lösen, aber keiner konnte auch den nächsten Schritt tun. Dann...

"Sham!" dröhnte es aus dem Wagen, "Bist du noch da? Ich will eine Zeichnung, hörst du, von diesem Bühnending. Sham?"

Er lächelte entschuldigend. "Ich geh mal rein zu ihr, ja? Iu-Iudicael meldet sich, wenn er Zeit hat."
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Re: Asche

Beitrag von Ashamshiel » Mo 1. Jun 2020, 12:02

Asche war sehr beschäftigt dieser Tage und blühte in seiner Geschäftigkeit auf. Er sprach mit einem Schreiner, der sich ihnen anschließen wollte, mit den Senatoren der Forschungsgruppen, er stellte einen recht detaillierten Finanzplan auf, der auf dem System beruhte, das sie im Fahrenden Volk gehabt hatten. Er bereitete ein Buch vor und legte es in Amaryls Vorzimmer aus, damit jede:r seine Ideen und Vorschläge für das Projekt dort nach Prioritäten gestaffelt eintragen konnte - so würde er einen Überblick behalten, worum man sich wann kümmern mußte.

Auch seine Archivplanung ging voran, in erster Linie jedoch in seinem Kopf - ein Archiv war wichtig, aber nicht in diesem Moment. Jetzt würden sie erstmal sehen müssen, ob die Dächer dicht waren, und Asche konnte es kaum erwarten, sich der Gruppe anzuschließen, die nächste Woche zur Erstbesichtigung des Lehens aufbrechen würde.

Bisher hatte nur Amandriel konkrete Bücherwünsche geäußert, diese waren jedoch dringend, und deshalb betrat Asche heute sehr früh am Morgen den Magierturm in Sturmwind, bezahlte für Hin- und Rückweg und trat durch das schimmernde Portal nach Dalaran. Seine Tasche hing ihm leicht über der Schulter, noch leer, und ohne Umschweife machte er sich auf den vertrauten Weg zum Archiv der Kirin Tor.

Er hatte sich endgültig entschieden. Er würde dieses Arbeitsverhältnis heute beenden.

Allein, dies zu wissen, veränderte seinen Blick auf die langen Regalreihen, die gedämpften Farben der Buchrücken, die Leseecken und Schreibpulte. Er hatte hier als Kind und Jugendlicher praktisch gelebt, war vor fünfzehn Jahren als Bittsteller wiedergekommen, oder so hatte es sich zumindest angefühlt, und niemals hatte er infrage gestellt, wie er hier behandelt worden war, die Herablassung der Magielehrer und -studenten, die Selbstverständlichkeit, mit der man ihm die Arbeiten aufhalste, die den Magiern zu langweilig oder wenig prestigeträchtig erschien, den Dienstbotenstatus, seine Unsichtbarkeit.

Er hatte seine Arbeit dennoch immer geliebt, auch die langweiligen Teile. Er hatte mit unerschöpflicher Geduld die immer gleichen Bücher handschriftlich kopiert, wenn Studenten wieder die Exemplare zerfleddert hatten, und hatte die kaputten Bücher zu reparieren versucht - ab und an gab es an der Akademie junge Studenten, magische Talente mit sehr wenig Geld, und denen überließ er die alten Bücher.

Er kannte diese Gänge so gut wie sein Zeltzimmer bei Amaryl, vielleicht sogar besser; er kannte jedes Lämpchen, an dem eine Buntglasscheibe fehlte, er wußte, in welcher Ecke nie Staub gewischt wurde, er hörte am Knarzen der Stühle, wo gerade jemand las. Wehmütig ließ er seinen Zeigefinger einige Buchrücken entlang wandern, atmete tief den Bücherduft ein und versuchte, sich ein Leben ohne diese Räume vorzustellen. Es fiel ihm nicht leicht. Doch er hatte sich entschieden.

Er ging eine elegante, marmorne Wendeltreppe hinauf, zwei Stockwerke hoch, wo sich hinter der Abteilung für Gesundheitsfragen die Tür zum Büro der Archivleitung verbarg, und klopfte an.

"Herein", rief eine kräftige, weibliche Stimme, und er trat ein. Die Leitung des Archivs lag in den Händen zweier Personen, und eine davon war beinahe immer hier anzutreffen; nur spät nachts war das Büro unbesetzt. Die Elfe, die ihm entgegensah, hatte ihr langes, blondes Haar in einen praktischen Pferdeschwanz gebunden, den sie dann aufwändig geflochten und mit teurem Schmuck verziert hatte. Auch ihre Kleidung war sehr bequem und ließ dennoch weder Zweifel an ihrer Qualität noch ihrem Geldwert. Ihr Gesicht verriet ihr Alter nicht, ihre Stimme aber war die einer Frau, die es seit langem gewohnt war, daß man ihre Anweisungen befolgte.

"Asche", sagte sie milde überrascht und hob die Brauen. "Du hast keinen Termin."

Er verbeugte sich vor ihr. "Magistra Belana - bitte nehmt Euch trotzdem Zeit für mich."

Knapp nickte sie zu dem Stuhl, der ihrem Schreibtisch gegenüberstand. Dieser Stuhl war nicht nur niedriger als der der Büroleitung, eines der Stuhlbeine war auch unmerklich kürzer als die anderen. Asche hatte stets mutmaßt, daß das Absicht war, damit man sich schon von vornherein unwohl fühlte, wenn man hier sitzen mußte. Er setzte sich auf das wackelige Ding und stellte seine leere Tasche neben sich ab.

"Ich kündige", eröffnete er das Gespräch, ohne eine weitere Aufforderung von ihr abzuwarten. Dann setzte er elegant einen Fuß hinter den anderen, faltete mädchenhaft die Hände im Schoß und sah zu ihr auf.

Sie blinzelte. "Was?!"

"Ich kündige, Magistra", wiederholte er ruhig. "Ich hatte Dalaran verlassen, um einem alten Freund zu helfen, und habe gedacht, ich würde wiederkommen. Doch die Dinge haben sich anders entwickelt als erwartet. Ich habe auch andere Pläne gemacht, über die ich ebenfalls mit Euch sprechen möchte."

Sie rieb sich die Nasenwurzel. "Moment, Moment... Wann? Wieviel Zeit habe ich, um jemanden zu finden, den du einarbeiten kannst?"

Er schüttelte leicht den Kopf. "Keine, Magistra. Ich werde in spätestens zwei Stunden dieses Archiv verlassen und dann nicht mehr dauerhaft verfügbar sein. Aber da ich selbst nie eingearbeitet wurde..."

"Asche, du bist praktisch hier aufgewachsen. Dich mußte niemand einarbeiten. Du kanntest schon als Kind den Bestand besser als mein Kollege. Außerdem hast du immer mit einer solchen Sorgfalt gearbeitet, daß man dich einfach in Ruhe lassen und davon ausgehen konnte, daß die Dinge laufen."

Jetzt war es an Asche, verwirrt zu blinzeln.

"Verdammt", setzte Belana nach und ließ sich nach hinten in ihre Stuhllehne fallen. "Verdammt. Ha. Jetzt fällt es ihm auf die Füße, diesem arroganten Schnösel. Ich habe immer gesagt, er soll dir mehr Sicherheiten anbieten und dich dafür an uns binden. 'Als ob die Büchermaus je aus ihrem Mauseloch herauskriechen würde'", äffte sie den zweiten Archivleiter nach, "und jetzt haben wir den Salat. Du hast das Recht, fristlos zu kündigen, und ich kann dir nichts in den Weg stellen. Verdammt."

Asche starrte sie mit leicht offenem Mund an. Er kannte Belana als eine hart arbeitende, etwas herrische Frau, der er aus dem Weg ging, weil er nach Möglichkeit allen aus dem Weg ging. Und sie hatte gerade etwas Nettes über ihn gesagt.

"Möglicherweise sollten wir kurz über meine Pläne reden", sagte er, um sich wieder zu sammeln. "Ich werde ja nicht aus der Welt sein."

Mit geschlossenen Augen und einer Hand an der Stirn nickte sie ihm gnädig eine Redeerlaubnis zu.

"Ich erkunde gerade die Forschungen der Ren'Dorei für die Kirin Tor. Das wird jetzt aufhören. Sollten die Kirin Tor weiterhin Interesse daran haben, zu erfahren, was in Telogrus erarbeitet wird, werden sie jemanden finden müssen, der das an meiner Stelle weiter dokumentiert. Meine bisherige Arbeit liegt ja hier vor. Ich selbst hingegen habe, zumal ich selbst ein Ren'Dorei bin, mich entschlossen, uns ein eigenes Archiv aufzubauen. Mir wird langfristig die Möglichkeit gegeben, das zu tun und ich verfüge über hinreichende Kenntnisse, denke ich."

Belana öffnete die Augen, ohne die Hand von der Stirn zu nehmen. "Den Ren'Dorei? Wozu? Ihr seid doch auch nur Elfen."

"Wir sind ein noch sehr junges Volk, aber wir sind ein Volk, Magistra. Uns beschäftigen Dinge, die kein Hoch- oder Blutelf kennt. Die Leere ist ein so zentraler Teil unseres Daseins wie der Sonnenbrunnen für andere, doch sie wirkt völlig anders. Wir erforschen sie, um sie zu verstehen, aber auch, um uns selbst und die Welt vor ihr zu schützen. Vielleicht sogar, um uns durch sie zu schützen. Und nicht alles, was wir erforschen, sollte in die Hände neugieriger Studenten oder ihrer Lehrer gelangen können. Außerdem möchte ich uns eine Arbeitsgrundlage verschaffen. Ich möchte ähnlich wie hier Abteilungen zu verschiedenen Themen aufbauen, für eine Gruppe von uns, die Telogrus verläßt. Wir möchten erreichbar sein, vernetzt sein. Ich möchte weiterhin mit Euch zusammenarbeiten, Belana, und ebenso mit den anderen Akademien und Archiven. Ich wünsche einen Austausch. Und da ich jetzt auch irgendwie anders Geld verdienen muß, stehe ich Euch als Kopist weiterhin zur Verfügung. Allerdings..." Er beugte sich entspannt vor, stützte die Unterarme auf die Knie und lächelte sie sehr freundlich an. "...nur noch bei Büchern, die Fähigkeiten wie meine benötigen. Und wir werden den Preis jedes Mal neu verhandeln."

Er lehnte sich wieder zurück, ein wenig überrascht von sich selbst. Was immer Iudicael da geheilt hat, dachte er, macht nicht nur die Vergangenheit leichter erträglich.

Sehr langsam verzogen sich die schmalen Lippen der Elfe hinter dem Schreibtisch zu einem angedeuteten Lächeln. "Du nimmst dir also endlich den Platz, der dir zusteht, kleiner Asche. Tja, ich kann nicht sagen, daß mich das freuen würde – nicht für uns, jedenfalls. Aber ich wünsche dir dennoch allen Erfolg, der dir zusteht, und bin mir sicher, den wirst du dir auch erarbeiten. Wenn du Hilfe brauchst, weißt du, wie du mich erreichst."

"Zunächst würde ich gerne die ausgemusterten Bücher durchgehen, ob da etwas für uns dabei ist. Falls Ihr sie nicht restaurieren wollt, nehme ich sie gern kostenlos mit."

Die Magistra lachte leise. "Da sich außer dir niemand je die Mühe gemacht hat, die kaputten Dinger zu reparieren, weil es leichter war, ein paar Kopisten einige Zeit zu beschäftigen, ist das nur recht und billig. Nimm dir alle, die du brauchst. Es werden mehr sein, als du in deine Tasche bekommst – markier sie mir, und sobald du deine Räume beziehst, schicke ich sie dir."

"Vielen Dank, Magistra, das ist sehr freundlich von Euch. Es kann noch einige Zeit dauern – wir werden ein Lehen in Arathi übernehmen, und die Erstbesichtigung steht noch aus. Ich weiß nicht, wann für Bücher geeignete Räume zur Verfügung stehen werden. Falls es hier ein Platzproblem gibt, kann ich die Bücher aber auch übergangsweise in Telogrus lagern."

"Das wird nicht nötig sein, wir haben Zeit und Platz genug. Arathi, soso. Interessante Ortswahl."

Asche nickte. "Ich habe den Ort nicht gewählt, aber ich erhoffe mir davon, daß Mitglieder aller Völker sich bei mir treffen können. Aber das ist wirklich ein noch sehr weit entfernter Traum."

Er erhob sich und verbeugte sich erneut. "Vielen Dank für Eure Zeit, Magistra."

Zu seinem Erstaunen erhob auch sie sich, trat um ihren Schreibtisch herum und streckte ihm die Hand entgegen. "Für dich Belana, Herr Kollege. Ich wünsche gutes Gelingen."

Er schüttelte die Hand mit einem ungläubigen Lächeln und vor Verlegenheit dunklen Ohren und verließ ihr Büro.

Es kostete ihn keine Viertelstunde, Bücher zu den beiden Themen zu finden, die Amandriel interessierten. Er entlieh sie jeweils auf acht Wochen, dann hätte der Senator der Kämpfer Zeit genug, sich hineinzulesen. Falls Amandriel sich dann entscheiden würde, eines dauerhaft behalten zu wollen, könnte er es sich immer noch kaufen. Die ausrangierten Bücher im Tiefparterre zu durchstöbern machte ihm Spaß und einige nahm er gleich mit, die meisten markierte er jedoch für den späteren Transport.

Auf dem Rückweg zum Portal ließ Asche sich Zeit. Er sah jede Gasse in Dalaran genau an, jeden Pflasterstein, jede Lampe, jedes gepflegte Grasbüschel. Er trat in den Tunneleingang zur Schattenseite, zögerte, und ging weiter hinein. Er war nie wieder dort gewesen, hatte es sogar vermieden, auch nur in diesen Tunnel zu sehen, wenn er vorübergehen mußte... doch jetzt wollte er etwas loslassen. Er wollte diesen Ort für sich exorzieren.

Schritt für Schritt ging er die abschüssige Rinne hinunter, folgte ihren Kurven, wurde langsamer, als das Tageslicht nachließ und es dämmerig und feuchtkalt wurde. Er hatte Angst. Er hatte die alte Angst von damals und die neue Angst von heute; wieder hier zu sein löste pures Entsetzen in ihm aus. Seine Schritte wurden immer kürzer und unsicherer, und schließlich blieb er stehen. Er konnte durch ein Kanalgitter in den Raum sehen, in dem eine Studentenparty sein ohnehin jämmerliches Leben endgültig zerstört hatte. Er hörte Echos der Stimmen von damals, fühlte wieder die Übelkeit der Alkoholvergiftung, hörte das Reißen des Saums dieses übergroßen Kleids, in das sie ihn gesteckt hatten.

Eine Ratte huschte über seinen Fuß und er fuhr zusammen, fiel regelrecht zurück in die Gegenwart.

"Du hast keine Macht mehr über mich", flüsterte er dem Raum zu.

"Haste mal 'n Kupferstück?" fragte es aus den Schatten neben dem Kanalgitter zurück. "Ich nehm' auch von Verrückt'n."

Asche lachte zittrig und kramte mehrere Kupferstücke aus seinem Geldbeutel, die er in die dunkle Ecke warf. "Möge es dir täglich etwas besser gehen", wünschte er dem unbekannten Bettler, drehte sich um und ging denselben Weg zurück, den er gekommen war. Vorbei an der Stelle, wo Amaryl ihn bewußtlos gefunden hatte. Zurück ins Licht.

Er marschierte schnurstracks zum Portalraum, stellte sich in die Warteschlange nach Sturmwind, sprang fast durch das Portal, eilte den Magierturm hinunter, joggte zur Botschaft und durch den Leerenriss, rannte dann beinahe zum zweiten Riss und als er völlig außer Atem in Amaryls Zelt ankam und in sein Zimmer stürmte, riß er Taranis das Instrument aus der Hand, auf dem der gerade übte und fiel ihm um den Hals.

"Alles wird gut, Taran", sagte er und drückte den Musiker an sich, so fest er konnte, "ich weiß es einfach, alles wird gut."
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Re: Asche

Beitrag von Taranis » Fr 31. Jul 2020, 22:21

Asche hatte es vorgezogen, sich während der derzeit stattfindenden Beratungen ihrer Forschungsgruppe zu verst... zu arbeiten und sich dann später von Taranis auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Der Junge mußte eh mehr unter Leute, redete er sich tapfer ein, jetzt, wo er endlich den Mund aufkriegte und begonnen hatte, sich mit der Vorstellung von Sesshaftigkeit anzufreunden.

Heute wurde es irgendwie spät. Taran war schon vor Stunden nach Sturmwind aufgebrochen, es war längst nach Mitternacht, und noch immer kein Zeichen von ihm. Asche hatte seine zu-besorgen-Listen für das Lehen auf den neuesten Stand gebracht, seine Bücher im neuen Arbeitszimmer im Wagen sortiert, die Kissen auf ihrem Bett aufgeklopft und symmetrisch angeordnet, sich hingesetzt und gemalt... Es wurde ein Bild von einem leichtfüßigen männlichen Ren'Dorei, der beide Hände willkommnend ausgebreitet und das herzlichste Lächeln im Gesicht hatte, obwohl eine Hand an einen Baum im Immersangwald gekettet war, der im Hintergrund einer Bildhälfte in satten Farben leuchtete. Die andere Hälfte des Hintergrunds war von tiefem Violett, beinahe Schwarz. Die Hand in dieser Bildhälfte schwenkte übermäßig fröhlich ein Sektglas.

Als Asche aus seiner leichten Mal-Trance erwachte und das trocknende Papier betrachtete, merkte er, daß das Lächeln eigentlich nicht herzlich, sondern leicht manisch war, und daß jeder halbblinde Idiot sofort erkennen konnte, daß er Ilassan portraitiert hatte. Mit einem frustrierten Knurren zerriss er das noch feuchte Blatt in hundert kleine Fetzen, warf diese in seinen Papierkorb, zog sich die Laufschuhe an und verließ den Wagen. Dann würde er eben rennen.

Gut neunzig Minuten später kehrte er schweißgebadet zum Wagen zurück - und zu seiner großen Erleichterung erkannte er die vertraute Gestalt des Tänzers auf dem Kutschbock. Taran wandte ihm das Gesicht zu, als er herankeuchte, und streckte eine Hand aus, um dem Archivar hinaufzuhelfen.

"Muß... mich erst... waschen...", sagte Asche atemlos, kletterte aber nichtsdestoweniger das Vorderrad hoch.

"Gleich", erwiderte Taran und ließ seine Hand nicht los, auch als er längst auf dem Sitz Platz genommen hatte.

"Was ist los?", fragte Asche und verschränkte seine Finger mit denen des Tänzers. "Ich wollte schon mit Fackeln und Hunden nach euch suchen gehen."

Taran reagierte nicht auf den Scherz. "Calendriel war dort", sagte er stattdessen tonlos.

Sofort zerrann die befreiende Leichtigkeit, die das Laufen Asche immer schenkte, und eine leichte Anspannung erfaßte seinen gesamten Körper. "In Sturmwind? Oder wieder in deinem Geist?"

"Beides."

Asche sah ihn nur an.

"Erst in meinem Kopf. Sie wollte mich sprechen - allein. Ich habe sie ignoriert, bin zurück ins Gasthaus - ich hatte draußen mit Zendyr geredet, weißt du - und habe Iudicael gebeten, mir wieder eine Barriere dagegen zu geben. Das hat er auch sofort getan. Irgendwie... alles ist ein wenig eskaliert heute. Jetzt war Calendriel wieder hier, verkleidet. Sie hat unser Treffen gestern belauscht. Und nun ist sie wieder weg. Iudicael, Amandriel und ich haben als Letzte das Gasthaus verlassen und sie im Gespräch mit Ilassan vorgefunden. Sie bereut, was sie getan hat, nur, weil sie selbst Verluste erlitten hat. Und sie hat sich während dieses Gesprächs wieder in meinen Kopf geschlichen. Sie hat mir gesagt, sie hätte Razoul 'absorbiert'. Ha. Wenn sie dazu fähig ist, wieso war sie ihm dann zwei Jahre lang ausgeliefert? Da stimmt irgendwas nicht, Ashamshiel, ich fühl es in den..."

Er unterbrach sich, doch Asche kannte den Spruch lang genug und ergänzte unschuldig: "...Eiern."

"Hng", machte Taran, einen Moment betreten, weil er scheinbar noch immer versuchte, jede Art von Intimitäten aus ihren Gesprächen herauszuhalten. Rasch fuhr er im Thema fort. "Sie hat mich gefragt, ob ich bereue, sie befreit zu haben. Das tue ich nicht - das habe ich ihr auch gesagt. Allerdings... ich bereue es um meinetwillen nicht. Ich bereue nicht, ein Mann zu sein, der einen Hilferuf nicht ignorieren kann. Aber ich bereue, was ich damit über diese Gruppe gebracht habe. Schon wieder."

Abscheu ließ seine Stimme bitter klingen, aber noch etwas schwang darin mit, das Asche erst deutlich erkannte, als Taran ihm das Gesicht zuwandte und ihn ein wenig verzweifelt ansah - Angst.

"Was ist das nur", flüsterte der Schausteller, "das meinen Geist so anfällig macht? Warum bin ich so leicht zu kriegen? Macht mich das zur Gefahr für euch?"

Asche drückte seine Finger leicht und strich mit dem Daumen über seinen Handrücken. "Du hattest immer eine größere Nähe zur Leere als viele andere Ren'Dorei - selbst, als du noch ein Hochelfenkind warst. Dein Vater hatte es auch. Vielleicht wäre das in mittlerer Zukunft ein lohnenswerter Forschungsgegenstand." Er sprach sachlich und vernünftig, weil er wußte, daß er Taran damit meistens beruhigen konnte. Jeder Tänzer brauchte einen sicheren Boden.

Taran nickte und wechselte abrupt das Thema. "Wasch dich, ich packe inzwischen ein paar Sachen zusammen. Wir schlafen bei Iudicael heute."

Asche blinzelte langsam, wie ein Bär, der aus dem Winterschlaf erwacht. "Wir... tun was?!"

"Wir - äh - machen ein Bettenlager mit Iudicael und Ilassan."

"Mit... und...?!?" Asches Winterschlafbärenblick bekam eine deutlich panische Note, als wäre vor der Bärenhöhle ein infernalischer Brand ausgebrochen.

"Iudicael hat mich gebeten, dich mitzubringen."

"Gng?!?" - und als sei das Feuer blau und würde nach Rosen duften.

"Weil er mich heute damit nicht allein lassen will und weil ich dich bestimmt brauchen würde, wie er sagte. Und das stimmt. Ich brauche dich."

Normalerweise würde Taran immer relativieren, um Asche eine Wahl zu lassen. Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Lass nur, ich komme zurecht. - Ich schaffe das, keine Sorge. - Wenn du noch nicht bereit bist, überlass das einfach mir. Daß er das jetzt nicht tat, war nicht nötig, um Asche zu überreden, denn der sah genau, wie es dem Tänzer ging - aber es unterstrich die Dringlichkeit der Bitte mehr, als Worte es gekonnt hätten.

Asche drehte sich um, kletterte durch den Durchgang in das Wageninnere und ging ins Bad, wo er sich so schnell wie möglich wusch. Er hörte Taran leise umhergehen und mit irgendetwas hantieren, und traf ihn Minuten später wieder im Oberwagen. Dann also... Bettenlager.
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Mancher Mensch hat ein großes Feuer in seiner Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen. (Van Gogh)

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