Hoch auf dem leeren Wagen

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Taranis
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Fr 17. Apr 2020, 12:41

Glücklicherweise kam gerade Malyrius vorbei - der Mann hatte offensichtlich derzeit die Aufgabe, mit Ralaith (dem Drachenfalken des abwesenden Ilassan) und Baby (dem gar nicht mehr so kleinen Fuchswelpen der ebenfalls abwesenden Emiriel) täglich gassi zu gehen, und er tat das gewissenhaft in Elwynn.

Taranis beratschlagte sich kurz mit ihm. Er konnte natürlich schnell in die Stadt laufen und sich zwei kräftige Kutschpferde leihen - aber was täten die, wenn sie durch den Leerenriss nach Telogrus kutschiert wurden? Falls sie überhaupt hindurchträten wäre es sehr wahrscheinlich, daß sie panisch durchgingen, was hochgefährlich für alle Beteiligten wäre. Außerdem war Taran der Ansicht, man müsse nicht-leerenverseuchte Tiere auch nicht dieser Umgebung aussetzen. Aber welche Alternative gab es? Konnte der Wagen levitiert werden?

Malyrius war der Meinung, für ein Gefährt dieser Größe und Massivität bräuchte es drei, besser noch vier Magier, um es schwebend zu transportieren. Er erklärte sich bereit, hier zu warten, während Taranis im Laufschritt durch die Stadt nach Telogrus rannte, um noch drei Magier aufzutun.

Ungebremst rannte er durch den Leerenriss und fast in Andilien hinein, der sich gerade mit jemandem unterhielt. Er schilderte seine Situation und auch Andilien erklärte sich bereit, zu helfen. Jetzt allerdings gingen Taranis langsam die Ideen aus. Malyrius hatte erwähnt, daß Jeremiel noch nicht zurück war - und mehr Magier kannte er nicht. Oder?

„Was ist mit dieser Neuen“, fragte Andilien, „die ihr gerettet habt?“

Calendriel! Natürlich! Taranis schloss die Augen. Die geistige Verbindung zwischen ihnen beiden schien aus irgendwelchen Gründen dauerhaft und stabil zu sein, und wann, wenn nicht jetzt wäre das hilfreich? Er ‚klopfte an‘.

Calendriel?

- Hmm?

- Ich bin zurück mit dem Wagen. Er blockiert gerade das Haupttor Sturmwinds. Kannst du helfen, ihn nach Telogrus zu levitieren?

- Du hast Glück, ich bin sowieso gerade in der Bibliothek. Ich gehe sofort los.


„Perfekt“, sagte Taranis zu Andilien, „sie ist unterwegs. Und ich versuche noch... jemanden...“ Und schon lief er wieder, quer über Telogrus diesmal, durch den Riss zur zweiten Scherbe, bis zum Zelt von Asche und Amaryl.

Er atmete zweimal tief durch, bevor er anklopfte. Zu seiner Erleichterung war es Asche, dr öffnete. „Du bist da!“ freute er sich. „Ist mit dem Wagen jetzt alles glattgegangen? Ich habe gehört, die kleinen grünen Geier haben ihn zerlegt?“

Er griff nach Taranis‘ Arm und zog ihn ins Zelt.

„Sie haben ihn auch wieder zusammengesetzt, soweit sie die Originalteile wieder auftreiben konnten - ich wollte kein Goblindesign daran haben, deshalb ist er jetzt ein wenig abgerüstet, und die Farben sind fast überall abgeplatzt...“

„Das kriegen wir alles wieder hin“, meinte Asche im überzeugten Tonfall eines Mannes, der schon praktisch alles dekoriert hatte.

„...und er steht gerade vor dem Haupttor der Stadt und sorgt für ein wenig Stau. Ich habe die Hilfe von Malyrius, Andilien und Calendriel, ihn hierher schweben zu lassen, aber sie meinen, ein vierter Magier wäre gut, deshalb... wollte ich fragen, ob... deine Schwester sich vielleicht überreden ließe?“

„Bitten wir sie mal“, sagte Asche unbeschwert und klopfte an eine Zeltstrebe, neben der ein Vorhang einen hinteren Raum abtrennte. „Ama?“

Als sie heraustrat, konnte Taranis hinter ihr eine weitläufige Werkstatt erkennen, mit mehreren Arbeitstischen, diversen zischenden und klopfenden Geräten, einer unfassbaren Menge bunter Kabel und hinten lief etwas herum, das wie ein Wichtel aussah, sich aber wie ein Roboter bewegte. Amaryl, eine qualmende Pfeife im Mundwinkel, schob sich eine Lupenbrille auf die Stirn und hob feindselig das Kinn, als sie Taranis sah. Er verbeugte sich leicht, obwohl er sicher war, daß sie ihn davon auch nicht sympathischer finden würde.

„Ama“, sagte Asche aufgeregt, „wir brauchen deine Hilfe“, und er erklärte kurz, was Sache war, während sie ununterbrochen feindselig Taranis anstarrte.

„Nein“, bellte sie und wandte sich ab, um wieder in ihre Werkstatt zu gehen.

„Ama!“ sagte Asche bittend und griff mit beiden Händen nach den ihren. Bruder und Schwester sahen einander in die Augen, lange Sekunden. Taranis wußte nicht, was der stumme Austausch bedeutete und bewirkte, aber letztlich seufzte die Magierin schlecht gelaunt und knurrte „Na schön.“

Ohne weitere Umstände marschierte sie los; Taranis bemühte sich, hinterherzukommen, und Asche rief ihnen noch nach, er würde hier alles vorbereiten. Schweigend gingen die beiden nebeneinander her. Am vorderen Riss nach Sturmwind angekommen, stellte sich Amaryl dem Künstler in den Weg.

„Ich werde dich töten“, stellte sie mit ihrer Reibeisenstimme in einem so selbstverständlichen Tonfall fest, wie man über das Wetter reden würde. „Machst du ihn unglücklich, tust du ihm in irgendeiner Weise weh, bringst du ihn auch nur noch einmal zum Weinen - dann töte ich dich. Wenn du nur daran denkst, ihm wehzutun... töte ich dich. Ich durfte schon den letzten nicht töten, und das alles wird ihm kein zweites Mal passieren.“

Damit wandte sie sich ab und trat durch den Riss. Schockstarr stand Taranis einige Sekunden davor. Daß Asches Schwester keine sehr umgängliche Person war, war ja offensichtlich. Aber daß sie konkret psychopathische Züge hatte, machte ihm ernsthaft Angst. Und was meinte sie mit dem ‚anderen‘? Welcher andere?

Er nahm sich zusammen, trat ebenfalls durch den Riss und schloß zu ihr auf. Sobald sie das Tor und damit den Wagen und die anderen drei erreicht hatten, hielt er Abstand zu ihr, so gut er konnte. Auch Iskar, Calendriels kleines Küken, war nun mit ihr hier und spielte mit Baby um und in dem Wagen Fangen.

„Vier Mann, vier Ecken?“ bellte Amaryl und so machten sie es auch. Es dauerte einige Meter, bis die vier Magier*innen sich auf ein Schrittempo und eine Levitationshöhe zusammengespielt hatten, doch dann kamen sie gut voran. Taranis lotste sie durch die breiteren Straßen der äußeren Bezirke, da der Wagen über viele der schmaleren Brücken und durch die alten Torbögen der Innenstadt nicht durchgepasst hätte, so daß sie letztlich fast zwei Stunden brauchten, um wieder an der Botschaft anzulangen.

Bereits sichtlich erschöpft traten die Magier durch den Riss. Auf der anderen Seite wurde ihr Weg deutlich komfortabler: Asche hatte die Zeit gut genutzt und nicht nur den Transport breitflächig angekündigt, sondern auch den direktesten Weg zum geplanten Wagenstandort räumen lassen. Einige der Elfen, die diese Schneise nun säumten, sahen etwas genervt drein, weil ihre Arbeit unterbrochen war, andere winkten fröhlich, vereinzelt wurde sogar geklatscht.

An der etwas abgelegenen Klippe angekommen, an der Taranis ab nun wohnen wollte, hatte Asche Kreidemarkierungen vorbereitet, damit der Wagen direkt richtig abgesetzt werden konnte. Taranis griff schnell in die aufklappbare Sitzbank des Kutschbocks, warf Asche einige große Keile zu und nahm selbst die restlichen, und sie positionierten sich an den beiden Schmalseiten des Gefährts. Ab dem Moment, als die Räder den Boden wieder berührten, arbeiteten sie, ohne einander sehen zu können, schnell und effizient zusammen, als seien die letzten 15 Jahre nicht vergangen. Sie verständigten sich mit kurzen Rufen und verkeilten den schweren Wagen in Sekundenschnelle felsenfest.

Als das erledigt war, richteten beide Männer sich auf; Taranis ging von einem Magier zum nächsten, immerzu „danke, danke“ sagend, und Asche trat zu seiner Schwester und nahm ihre Hand. Sie warf ihm zwar einen langen Blick zu, ließ es aber geschehen, und Asche war einfach nur zufrieden damit, auf diesen Wagen zu sehen, der gerade wieder ein Teil seines so anderen Lebens geworden war.
........
Am nächsten Tag in aller Frühe huschte Taranis auf Telogrus herum und schob ganz leise kleine Pakete unter einige Zeltplanen. Sie waren rund, etwa zwei Männerhände breit und jedes mit einem hübschen Schleifchen umwickelt. In Andilies Zelt landete eine weiße Schachtel, in der sich eine mehrschichtige Marzipantorte mit rosa Zuckerguss befand, in Malyrius’ Schachtel war ein saftiger, dunkler Schokoladenkuchen, und für Amaryl und Asche gab es einen knallorangen Karottenkuchen mit hohem Nussanteil. Für Calendriel erschien ihm Kuchen nicht das Richtige zu sein, doch während er im Verlauf des Tages seine Kisten aus Jeremiels Zelt auf die zweite Scherbe um Wagen schleppte, kam ihm eine Idee, und so schob er ihr einen Zettel in das Zelt, auf dem „Iskar“ stand.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mo 4. Mai 2020, 01:37

Wie die Dinge sich überschlugen!

Jeremiel war fort und mit ihm sein Zelt. Er hatte Taranis Bücher über die Grundlagen von Magie mitgebracht, die dieser nun mit großer Zielstrebigkeit studierte - zu üben jedoch traute er sich ohne Anleitung nicht. Er erinnerte sich mit Schrecken daran, wie sein erster Versuch eines arkanen Schutzschilds ihn fast erstickt hätte; so etwas wollte er ganz sicher nicht allein erleben. Also trainierte er das Malen magischer Runen wie Choreographien nur für die Hände, und hatte sogar als Künstler riesigen Spaß daran, und er versuchte, die entsprechenden Beschwörungsformeln auswendig zu lernen, doch er setzte beides nicht zusammen.

Der Wagen stand fest und sicher und Ashamshiel setzte alles daran, ihn von einer bloßen Holz-und-Eisen-Kiste in etwas ästhetisch Ansprechendes zu verwandeln. Jeden Abend kam er zu Besuch und strich die Außenwände; mal brachte er Abendessen mit, mal besorgte Taranis es, und dann saßen sie auf dem Kutschbock oder im Wageninneren oder draußen an eines der mannshohen Räder gelehnt, aßen und sprachen über Nichtigkeiten, um wieder ein Gefühl für die Anwesenheit des anderen zu bekommen.

Asche hatte sich sehr verändert. Oder vielleicht war es Taranis, der sich sehr verändert hatte und seinen Patenonkel deshalb nun anders sah. Die Fürsorglichkeit in Asches Wesen war dieselbe, und auch seine Verspieltheit war noch da, doch sie war unter einem größeren Ernst verborgen. Er hatte eine andere Art von Kraft entwickelt, eine ruhigere Akzeptanz der Dinge. Er war ein Mann, den Taran kennenlernen wollte und mußte, obwohl es niemanden gab, den er besser kannte. Ein absolut faszinierender Mann, der nichts, aber auch gar nichts onkelhaftes mehr hatte - selbst wenn er farbbekleckst auf einer Leiter stand und fragte, ob er mal das Rosa haben könne.

Auch Taranis veränderte sich. Seit Calendriel da war, war sein Geist nicht mehr allein. Er spürte, wie in letzter Zeit die Stimmen der Leere anschwollen und fordernder wurden, so wie es jeder Ren‘Dorei spürte; doch ihn betraf es scheinbar weniger stark, da er einerseits diesen lockenden Stimmen noch immer mit einer gewissen Zuneigung begegnete, und andererseits scheinbar noch gut gepuffert war - obwohl Calendriel es nicht darauf anzulegen schien.

Er besichtigte nach der Akademie in Dalaran auch die in Sturmwind, um sich ein Bild zu verschaffen. Spontan war ihm die Sturmwinder Akademie sympathischer, weil sie ihm etwas weniger elitär im allgemeinen Habitus erschien und damit seiner Persönlichkeit, die sich wohl immer wie ein fahrender Künstler fühlen würde, etwas mehr entgegen kam. Er erkundigte sich nach Stipendien und Fördermöglichkeiten sowie den Aufnahmekriterien, und widmete sich dann weiter seinen Büchern.

Ilassan hatte ihn besucht und näher kennengelernt und sich als ebenso faszinierender Mann wie Asche herausgestellt. Außerdem hatte er eine Versammlung einberufen, in der es neben etlichen anderen Dingen darum ging, daß er ein Lehen in Arathi zu übernehmen versuchte - für sie alle. Telogrus war für die meisten Ren‘Dorei kein schöner oder auch nur erträglicher Ort (Taran machte hier eine Ausnahme), und Senator Ilassan schwebte vor, daß diejenigen, die es wollten, auf einem gemeinsamen Lehen leben und arbeiten konnten. Auf diese Art war man auch anderen Völkern gegenüber nahbarer, erreichbarer und baute sicherlich rascher die nach wie vor existenten Ängste und Vorurteile gegen ihr Volk ab.

Asche hatte zu der Versammlung nicht erscheinen können, aber offenbar hatte Ilassan ihn bereits vorher in Kenntnis gesetzt und seine Hilfe zugesagt bekommen. Sicher mit voller Begeisterung, dachte Taranis - Asche hasste Telogrus fast noch mehr als Dalaran, und er sehnte sich nach Wetter.

Während dieser Versammlung erklärten sich mit Valthir und Malyrius auch gleich zwei Magier bereit, Taranis Unterricht zu geben, und nur wenige Tage später stand Malyrius auch vor dem Wagen und sie fingen an.

Je länger er hier sesshaft war, je öfter er die einzelnen Mitglieder ihrer kleinen Gruppe sah und sprach, und je normaler er sich fühlte - durch sein Zuhause im Wagen, durch Asches Anwesenheit und durch Gewöhnung -, desto weniger verkrampft war er in Gesellschaft, und desto weniger kollidierte er mit den anderen. Dies empfand er als die größte Veränderung in seinem neuen, leeren Leben.

Er sah plötzlich eine Zukunft, über die er selbst entscheiden konnte, und etwas nie Dagewesenes: in dieser Zukunft sah er Freunde.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mi 6. Mai 2020, 22:45

PLATSCH

Optimistisch betrachtet könnte man sagen, Taranis duschte täglich mehrere Stunden. Dies war jedoch nur

PLATSCH

ein Teil der Wahrheit. Er stand nämlich täglich mehrere Stunden voll bekleidet vor dem Wagen, die Hände vor die Brust gehoben, mit geschlossenen

PLATSCH

Augen, hochkonzentriert Runen in die Luft zeichnend, und versuchte, Wasser herbeizubeschwören, mit dem er seinen Zuber befüllen wollte.

PLATSCH

Das klappte auch - wie gesagt, optimistisch betrachtet. In der Tat füllte er den Zuber. Bei jeder Beschwörung rauschte eine meterhohe Wasserwand auf ihn hinunter, übergoss den Boden unter dem Wagen und lief über den Scherbenrand ab, einen tropfnassen Künstler zurücklassend, der mit der unerschöpflichen Beharrlichkeit, mit der er früher Seiltanzen trainiert und ganze Theaterstücke auswendig gelernt hatte, nun begann, seine ersten Schritte in die Magie zu gehen.

Jeremiel hatte in seinem letzten Brief noch einmal betont, daß er den magischen Schutzschild üben solle - aber der saß inzwischen bombensicher. Nachdem Taranis das Malyrius in ihrer ersten Unterrichtsstunde vorgeführt hatte, war dieser dann zu Wasser übergegangen.

„Die meisten Anfänger“, hatte Malyrius gesagt, „haben eins von zwei Problemen: es kommt zuviel oder zu wenig Magie. In welche Kategorie fällst du?“

PLATSCH

Als Asche am frühen Abend vorbeikam, hatte Taranis sich gerade trockene Kleider angezogen und rubbelte die Haare mit einem Handtuch ab.

„Tu es!“, forderte er Asche auf, als er dessen Lippen zucken sah. „Lach mich ruhig aus! Aber bedenke, daß ich auch dich jederzeit duschen kann! Gib mir nur ungefähr eine Minute, in der du nicht wegrennen darfst, weil ich die Beschwörung noch nicht schneller hinkriege -“

Asche kicherte und hob die Hände in einer Geste der Ergebung. „Gnade, Freund. Ich hätte keine Chance gegen deine Macht, bitte verschone mich!“

„Du brachtest Speisen mir - darum verzeih‘ ich dir“, deklamierte Taranis im Stil eines schlechten Jahrmarktsstücks und mit Blick auf den von Asche mitgebrachten Korb mit Abendessen.

„Oh, Billigreime, Taran?“ Er packte den Korb aus. Brot, Käse und Obst waren darin, wie meistens, und ein kleiner Topf mit einer würzigen Kürbissuppe. „Bist du etwa schon müde heute? So sieh die seltenen Speisen, sanfter Sänger“, lieferte er dann mit herausforderndem Blick eine Aufforderung zur Stabreim-Improvisation.

„Ach, alles außer Alkohol?“ nahm Taran die Herausforderung an, als er sich zu Asche an den aus Requisitenkisten gebauten ‚Tisch‘ auf einen Requisitenkisten-‚Hocker‘ setzte.

„Zurückhaltung zählt zur Zeit“, bestätigte Asche und teilte die Suppe auf zwei Schalen auf, „denn denk doch: Dunkelmond dräut dort draußen!“

„‚Dräut‘? Hast du etwa Angst vor dem Jahrmarkt bekommen, Onkel?“ lachte Taran völlig reimfrei.

„Naja, mir fiel so schnell nichts anderes mit D ein“, grinste Asche. „Aber sag doch mal: kommst du morgen mit mir auf den Dunkelmond?“

„Ich habe keine Teleportationsbrechtigung für diesen Monat“, erwiderte Taranis und fühlte sich schon wie ein Idiot, während er noch sprach.

„Als Gast, Taran, als Gast“, sagte Asche folgerichtig. „Durch das Hauptportal, wie alle anderen Gäste. Ich weiß nicht, wie oft du in den letzten Jahren auf dem Jahrmarkt warst und wie deine Erfahrungen dort vielleicht waren...“ Er warf seinem ehemaligen Schützling einen prüfenden Blick zum doch dieser schwieg. „Aber ich denke, jetzt ist es an der Zeit, alte Freunde aufzusuchen. Du bist ein neuer Mann, in mehr als einer Hinsicht, und unser Volk sollte das wissen.“

Unser Volk. Das Wagenvolk. Taranis nickte.
Die anderen Familien hatten in seinen traumatischen letzten Jahren genauso wenig Zugang zu ihm gefunden wie jeder andere. Man hatte von ihm gesprochen wie von einem, den man an eine schwere Krankheit verloren hatte - und irgendwie war es ja auch so gewesen. Ja, Asche hatte Recht. Er war ein neuer Mann; er hatte zurück zur Realität ohne Amitielle gefunden, er hatte Asche wiedergefunden. Er war ein Ren‘Dorei geworden. Er mußte alte Kontakte neu knüpfen, und jetzt war der beste Zeitpunkt dafür, denn wer wußte schon, ob er nicht im nächsten Monat bereits in Arathi Kühe molk?

„Muss man morgens mutig mitkommen?“ fragte er zwinkernd, „Oder observiert Onkel Obrigkeiten ond kann erst am Nachmittag?“

Asche prustete in seine Kürbissuppe. „Ich denke, wir gehen gleich morgens. Am Nachmittag und Abend ist es immer so voll, und wir wollen doch Zeit für unsere Leute haben, nicht wahr?“

Jeden Tag wurde Asche ein wenig mehr zu dem Mann, an den Taran sich erinnerte, und jeden Tag wurde er auch ein bißchen weniger dieser Mann. Jeden Tag sprachen sie ein wenig mehr wie früher miteinander - und ein bißchen weniger.

„Was fühlst du?“ Ilassans Hand lag auf Taranis‘ Bauch, als er das fragte.
- „Ich habe dieses Gefühl immer für Angst gehalten - Angst, ihn wieder zu verlieren, ihn zu enttäuschen.“
- „Das ist keine Angst“, hatte Ilassan weich lächelnd gesagt, „das ist Liebe.“


Er schüttelte die Erinnerung an das Gespräch ab. In einer Hinsicht lag Ilassan falsch. Bei aller Zuneigung, die Onkel ihm offensichtlich entgegenbrachte, fehlte doch eine Sache vollständig: Asche flirtete nicht. Nicht einmal ein bißchen. Nicht einmal aus Versehen. Es hatte schon immer eine ganz klare Grenze gegeben, wie nahe man ihm kommen durfte, und diese Grenze existierte auch heute noch, für Taranis genau wie für jeden anderen.
Für Asche würde er also immer das Kind bleiben, das auf seinen Schultern gesessen hatte, der Junge, dem er nach aberwitzigen Stunts den Kopf zurechtsetzen mußte und der Mann, der ihn fortgejagt hatte. Er hatte gelernt und akzeptiert, daß dieses Gefühl Liebe war, und jetzt lernte er, sie für sich zu behalten.

„Ich freue mich“, sagte er und schaffte es, dabei überzeugend zu lächeln.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Sa 9. Mai 2020, 14:04

"Oh", machte Asche, als Carlona sie heranwinkte.

"Oh?" fragte Taranis.

"Der ist für uns", erklärte Asche, auf den Personenkreis zeigend.

Taranis begriff sofort. Ein Tanz.

"Oh", machte er leise.

Sie traten in die Mitte. Jemand begann, eine Rahmentrommel zu schlagen. Langsam, wie der Puls eines tief Schlafenden.

Bumm.

Bumm.


Sie nahmen die Grundhaltung ein: die rechten Hände stützten sie in die Hüfte, die linken Arme streckten sie aus und stellten sich einander gegenüber, so daß jeder den Arm des anderen quer vor der Brust hatte.

Bumm.

Sie standen still. Wer den ersten Schritt machte, in welche Richtung dieser Schritt ging, mit welchem Bein, all das hatte Bedeutung. Ob die linke Hand in der Luft geöffnet oder geschlossen war, wohin die Handfläche zeigte, welche Finger einander berührten - all das hatte Bedeutung.

Bumm.

Sie sahen aneinander vorbei, die Köpfe zwar dem anderen zugewandt und doch - kein Augenkontakt. Das hatte Bedeutung. Es war Taranis, dessen Blick sich zuerst zu Asches Gesicht hob und der gleichzeitig mit der linken Hand eine Formula formte, eine Bedeutungsgeste.

Kennst du mich?

Asche antwortete mit einer kleinen Drehung des Handgelenks. Wir sind uns schon begegnet. Du bist ein Freund auf der Straße. Und er hob den Blick.

Bumm.

Ein Schritt, der kleinere Elf trat vor, womit der größere rückwärts gehen mußte. Ein weiterer Schritt. Und noch einer. Langsam bewegten sie sich auf der Stelle im Kreis, Asche vorwärts, Taranis rückwärts, um die Achse ihrer linken Schultern. Ich bin zu dir gekommen. Ich habe dich gesucht.

Taranis neigte den Kopf und hob die rechte Hand vor das Gesicht, bevor er sie wieder in die Hüfte stützte. Ich habe dich nicht gesehen. Beide Hände schlossen sich, die Schultern beugte er. Ich bedaure. Dann blieb er stehen, zwang Asche damit ebenfalls, stehenzubleiben, und hob den Blick, eine Handfläche öffnend. Ich sehe dich. Die rechte Hand berührte seine eigene Brust mit den Fingerspitzen, die dann eine Geste wie eine sich öffnende Blüte vollführten. Familie.

Bumm. Der Trommelrhythmus wurde nur unmerklich schneller, als sie begannen, miteinander zu sprechen. Nonverbal, und doch echter als in den letzten Wochen auf Telogrus, wo sie einander umkreist und sich mit Oberflächlichkeiten aneinander herangetastet hatten. Nicht nur die bekannten Gesten sprachen, auch die unwillkürliche Körpersprache. Sie erzählten einander im Tanz, was aus Sicht des jeweils anderen damals geschehen war, als Amitielle starb, und davor und danach. Sie erzählten, was ihnen nach ihrem Bruch passiert war.
Verirrt, sagte Taranis' Körpersprache, einsam.
Schutz, zeigte Asche, aushalten.

Sie hatten beide viele Tänze gesehen und getanzt in ihrem Leben. Ein Tanz verlief sehr unterschiedlich, je nach den beteiligten Partnern. Oft wurde er schnell und fröhlich, wenn man sich Klatsch und Tratsch mitteilte, manchmal auch traurig und sehr emotional, wenn er zum Beispiel die Nachricht vom Tod eines Mitglieds des fahrenden Volks verbreitete. Dieser Tanz war zart, tastend, beinahe übervorsichtig und doch beharrlich, sie blieben langsam und ließen einander doch nicht los.

Das Volk im Kreis um sie herum war still und sah aufmerksam zu. Auch sie sahen die Geschichten, und sie würden sie nun weitergeben können, tanzend oder sprechend. Vor allem aber offenbarte der Tanz den Tänzer: Alle wußten nun, mit wem sie es zu tun hatten, alle hatten die Tänzer kennengelernt.

Als Asche und Taranis wieder stehenblieben, waren mehr als zwei Stunden vergangen. Sie atmeten schnell von der Anstrengung und sahen einander noch lange an, nachdem sie die Arme hatten sinken lassen. Der Kreis löste sich nach und nach auf, man ging schlafen - morgen würde ein weiterer anstrengender Tag für die Schausteller und Artisten auf dem Jahrmarkt werden.

Schweigend machten die beiden Ren'Dorei sich unter dem Nachthimmel wieder auf den Weg in die Hauptstadt, liefen durch die nächtlichen Gassen, traten durch den Riss nach Telogrus und hielten erst inne, als ihr Weg zum Zelt beziehungsweise zum Wagen sich trennen mußte. Eine Weile standen sie da, ohne zu sprechen. Dann hob Asche die rechte Hand an seine Brust, tippte mit den Fingerspitzen dagegen und öffnete sie wie eine Blüte.

Familie.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 14. Mai 2020, 11:19

Wahrscheinlich war keine seiner Eigenschaften so stark ausgeprägt wie sein unbedingter Freiheitsdrang; und wahrscheinlich war das der Grund, warum Taranis begann, Calendriel zu mißtrauen.

Er saß auf ‚seiner‘ Klippe, weit genug vom Wagen entfernt, um die dortigen Baugeräusche halbwegs ausblenden zu können, und meditierte. Nein, er hatte meditieren wollen - stattdessen grübelte er aber. Etwas war schiefgegangen, als Calendriel ihm ihre Erinnerungen gezeigt hatte, und er konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken.

Schon lange nahm die Intensität der Leere zu, wurden die Stimmen lauter, jeder Ren‘Dorei fühlte das und litt darunter. Einige meditierten dagegen an, manchen halfen andere Ablenkungen. Iudicael summte immer, um seine eigene Stimme lauter zu hören als die in seinem Kopf, Taranis tanzte und hielt sich jede Minute jeden Tages das allererste Bild vor Augen, das Jeremiel ihm zum Meditieren angeboten hatte: einen Spalt zwischen dem eigenen Geist und der Leere, der sich verbreiterte, zum Graben wurde, zum Abgrund schließlich, unüberwindbar breit und tief.

Er hatte das bisher ganz gut im Griff, er hatte sich sogar so gut abgeschottet, daß er seit Wochen keine spontanen Visionen mehr gehabt hatte. Seit Calendriel hier war... er runzelte die Stirn.

Damals hatte sie seinen Geist gegen die Leere abgeschottet. Sie hatte ihn und er sie jederzeit erreichen können, während sie in Gefangenschaft war. Er hatte das nicht in Frage gestellt, solange ihm die Verbindung wie ein Hilferuf erschien. Doch jetzt war sie hier.

Er genoss es durchaus, sich ab und an mit der deutlich älteren, fähigen Elfe gedanklich unterhalten zu können. Aber er fühlte sich auch zunehmend beobachtet. Es behagte ihm nicht, daß jemand permanent Zugriff auf ihn hatte - und dies betraf ja nicht nur seine Gedanken, sie konnte auch seine Gefühle mitempfinden und manchmal umgekehrt.

„Kann man diese Verbindung wieder lösen?“ hatte er sie recht bald nach ihrer Befreiung gefragt.

Mit leisem Lächeln hatte sie gesagt: „Ich glaube, du kennst die Antwort, mein Lieber...“


Aber er wollte nicht für immer einen Gast in seinem Kopf haben, wie freundlich dieser Gast auch sein mochte. Er wollte seine Freiheit. Und hier begann er zu grübeln:

Eine so starke Persönlichkeit, daß sie zwei Jahre Leerenfolter durch einen Astralen unbeschadet überstanden hatte, konnte ihre selbst aufgebaute Geistesverbindung nicht mehr lösen?

Das Zeigen einer bloßen Erinnerung - die von ihrer Entführung durch Razoul - hatte tatsächlichen Einfluss auf sie und führte am Ende dazu, daß sie halb bewußtlos und aus der Nase blutend am Boden lag, von Leere geflutet, und Taranis Schwierigkeiten hatte, sie daraus wieder zu befreien?

Sie konnte ihren eigenen Worten nach die Leere von anderen fernhalten, aber war ihr selbst völlig ausgeliefert?

Seit sie alle in der Forschungsgruppe darüber geredet hatten, wie man die Ursache des Intensitätsanstiegs finden könne, und Taranis gesagt hatte, er wolle sich gern direkt in der Leere umsehen, hatte er auch mehr Schwierigkeiten, dieselbe auszublenden.

Das Volk der Verräter wird wieder verraten werden.

Zwei Wochen ging das nun schon so.

Das schwarze Meer wird deine Lungen fluten... du wirst ein Diener sein.

Er war kein ängstlicher Mann, auch und besonders nicht im Umgang mit der Leere, aber es wurde nach und nach immer besorgniserregender. Er sprach vorerst mit niemandem darüber - nur Asche erzählte er von dem schiefgegangenen Versuch einer geteilten Erinnerung und seinem aufkommenden Mißtrauen. Vielleicht überreagierte er ja - er wollte jedenfalls keine Pferde scheu machen.

Die Schlinge liegt um deinen Hals, zieht zu. Es wird wieder geschehen!

Und dann lachte die Stimme, manisch, irre - ja, es war besorgniserregend.

Er atmete tief durch und kämpfte gegen die aufsteigende Panik an.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Mi 27. Mai 2020, 19:12

Noch nie hatte er etwas derartiges erlebt. Mit Iudicaels priesterlicher Hilfe und auf Asches Bitte hin hatte er einen Blick in den Geist, in die Vergangenheit des kleinen Archivars geworfen. Und was er gesehen hatte, war entsetzlich. Niemals hätte er sich vorstellen können, wie kalt und gewalttätig eine Kindheit sein konnte, wie schlimm es danach noch für Asche gekommen war... Wie hatte es der Mann nur geschafft, nicht zu einem völlig verbitterten Zyniker zu werden, sondern der sanfte, fürsorgliche, liebenswerte Mann, der er war?

Doch mit Asches Vergangenheit war Iudicaels Arbeit noch nicht beendet. Ohne selbst hinzusehen hatte er ihnen geholfen, sich einander gegenseitig zu zeigen, was sie dachten und vor allem fühlten, und das war eine erschreckende, schöne, intensive Erfahrung gewesen.

Sie traten aus Iudicaels Zelt, gingen aber nicht sofort los. Ein wenig blass waren sie beide noch um die Nase, erschöpft von den Dingen, die sie voneinander gesehen und gefühlt hatten, erschöpft von dem, was sie von sich selbst gesehen und gefühlt hatten. Und ein wenig verunsichert, wie sie nun weitermachen sollten miteinander. Da standen sie, verwirrt und verlegen und erleichtert und erschüttert, alles durcheinander, aus ihrer Normalität gerissen und in Neuland abgesetzt.

Asche war es, der sie wieder erdete: "Lass uns zu Atynar gehen, Abendessen holen, und dann setzen wir uns irgendwo zusammen und – naja, und essen eben."

Taranis nickte, und so machten sie es. In der Küche des Gasthauses wurde ihnen wie jeden Abend ein netter Picknickkorb mit Brot, Käse und der Suppe des Tages zusammengestellt, und sie schlenderten zurück, durch den Riss auf die zweite Scherbe und ohne sich abzusprechen auf den Wagen zu. Dort verkündete der Geruch von Pfeifentabak von der Anwesenheit Amaryls.

"Denkst du, der Geruch geht je wieder raus?" fragte Taranis, als er durch die Tür trat.

"Oh, ganz sicher", erwiderte Asche, der folgte. "Wir werden den richtigen Wagengeruch wiederbekommen, wenn wir erstmal mit ihm quer durch Arathi gefahren sind. Dann riecht es wieder nach Holzfeuer und Regen und Gras, wie es muß."

Amaryl steckte den Kopf aus dem Fußboden und starrte sie an. "Ich hab's fast mit diesem verdammten Magieraum, noch ein paar Stunden Arbeit – also geht mir nicht auf die Nerven, verschwindet, sofort, ich will meine Ruhe."

Taranis hob in einer Friedensgeste beide Hände und verließ seinen Wagen rückwärts wieder.

"Dann schläft er heute bei mir", hörte er Asche wie selbstverständlich drinnen sagen.

"Was?" fragte er.

"Was?!" bellte Amaryl gleichzeitig.

"Du hast wenig genug geschlafen in den letzten Wochen, Taran, weil du tagsüber dein normales Pensum zu schaffen versuchst, obwohl Ama hier bis spät in die Nächte arbeitet. Du übernachtest heute bei mir, dann hat sie Ruhe und du auch und wir brauchen sowieso ein bißchen Zeit zum Reden. Pack deinen Schlafanzug ein."

"Ich... besitze keinen... äh – ich hole meine Zahnbürste." Er verschwand hinter dem Wagen, wo auf einem Hocker ein Handtuch, Kamm, Zahnbürste und ein Stück Seife lagen, und nahm außer der Seife alles mit. Als er wieder vorne war, waren Asche und seine Schwester scheinbar in ein Starrduell vertieft, das erst endete, als Amaryls Starren sich auf ihn verlagerte.

"Wenn du ihm -" setzte sie an, doch er fiel ihr ins Wort.

"Ich weiß! Ich weiß. Wenn ich ihm ein Haar krümme, bin ich tot." Er sah sie eindringlich an. "Glaub mir, sollte ich ihm jemals wieder so wehtun... würde ich selbst dafür sorgen. Ich... liebe deinen Bruder, Amaryl, und ich werde nichts tun, das ihm schaden könnte." Sein Blick huschte zu Asche, wie er da stand, ein kleiner Mann in einem großen Wagen, einen Picknickkorb mit karierter Decke in der Hand und riesigen, leuchtenden Augen, die vom vielen Weinen vorhin noch etwas angeschwollen waren – Taran glaubte, sein Herz müsse zerspringen. Für einige Sekunden sahen sie einander nur an, bis ein leicht angewidertes "Äh!" sie wieder in die Wirklichkeit holte.

"Heute ist viel passiert, Ama", sagte Asche, "ich erzähle dir später davon. Ich bin sicher und glücklich."

Mit einem unwilligen Knurren verschwand sie grußlos wieder im Unterwagen und Asche kam heraus, als wäre das völlig normal.

"Was kann ich eigentlich tun", fragte Taran auf dem Weg zu Amaryls Zelt, "um sie für diesen Umbau zu entlohnen? Ich meine – es ist ein irrsinniger Aufwand, den sie da betreibt, und stundenweise hat sie sogar Kollegen dabei, hier arbeiten manchmal vier, fünf Magier zusammen."

"Es klingt vielleicht verrückt, aber sie liebt es, deinen Wagen umzubauen."

"Tatsächlich?" Taran hob beide Brauen.

"Ja", schmunzelte Asche, "Tatsächlich. Sie liebt diese Herausforderung. Das Holz und das Eisen, das ist etwas anderes, als ein paar Stoffbahnen magisch zu vergrößern. Außerdem muß es weiterhin als Gefährt funktionieren, darf aber nicht doppelt so schwer werden, sonst halten die Achsen und die Zugtiere das nicht aus. Dafür hat sie ihre Kollegen geholt – um dem zusätzlichen Material Gewicht zu nehmen. Ich glaube, den Badezuber hat sie quasi aus dem Ärmel geschüttelt, aber an deinem Arbeitszimmer knabbert sie ganz schön herum. Ich habe einen Idiotenschutz verlangt, weißt du – äh, ich meine einen Schülerschutz, damit du dich nicht selbst umbringst."

Asche lief etwas dunkel an, als ihm die Vokabel seiner Schwester entschlüpfte, aber Taran lachte laut los.

"Naja, jedenfalls", fuhr Asche fort, "sie liebt es wirklich, hier zu arbeiten, deshalb ist sie auch Tag und Nacht da. Zuviel theoretische Forschung macht sie immer etwas grantig." Er lauschte diesem letzten Satz nach und seufzte. "Noch grantiger als sonst, meine ich. Ich glaube nicht, daß du sie noch mehr entlohnen könntest als mit dieser Riesenbastelei – es sei denn, du machst sie zu einem Mechagnom oder so. Alles andere ist ihr einfach egal. Sie nimmt nur Gold von Leuten, die es gewagt haben, sie zu belästigen, weil sie weiß, daß es andere schmerzt, Gold loszulassen; nicht, weil sie es irgendwie brauchen oder benutzen würde. Sie mag keinen Schnickschnack, sie hat keine Hobbies. Ehrlich, du kannst sie nicht entlohnen."

Sie erreichten das Zelt. Asche drückte Taran den Picknickkorb in die Hand und nickte in Richtung seines Zimmers, während er selbst durch einen anderen Vorhang schlüpfte, um Tee zu machen.

Jetzt würden sie ihr neues, ihr gemeinsames Leben beginnen, und das ging natürlich nur mit einem guten Tee.
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Taranis
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Do 4. Jun 2020, 20:49

"Und falls es länger dauert, wirst du dich irgendwie versorgen können?"

"Ich habe mir ein paar haltbare Haferkekse organisiert. Ich rechne nicht damit, daß wir wochenlang unterwegs sein werden, aber falls es doch passiert, können wir uns sicherlich über Stromgarde versorgen."

"Gut, gut... und hast du warme Kleidung? In Arathi regnet es öfter mal und..."

"Taran, stop." Asche griff mit beiden Händen nach oben, legte sie Taran auf die Schultern und sah ihn spöttisch an. "Ich kann mich nicht erinnern, daß du dir jemals Sorgen um mich gemacht hättest. Wir haben Wegelagerer bekämpft, wir hatten manchmal tage- oder sogar wochenlang Hunger, einmal sind wir in einen verdammten Schneesturm geraten. Wir haben immer Lösungen gefunden und sind beide noch hier. Warum benimmst du dich gerade wie eine besorgte Glucke?"

"Weil..." Taran wirkte verlegen. "Du bist jetzt... ich bin doch..."

"Ah", machte Asche und zog ihn auf einen Kuss zu sich heran. "Mir wird nichts passieren. Wahrscheinlich sollte ich mir eher um dich Sorgen machen, weil du hier mit Amaryl allein bleibst." Er zwinkerte. "Du hast deine Aufgaben und ich meine, und in nullkommanichts bin ich wieder da. Außerdem bin ich doch nicht allein. Überrasch mich, wenn ich zurückkehre, mit irgendetwas Magischem, ja?"

Asche warf eine wirklich große Keksdose zuoberst in seinen Reisesack, schloß diesen, schwang ihn sich über die Schultern, strich Taran noch einmal über die Wange und verließ das Zelt.

Der Barde sah ihm länger nach, als er ihn tatsächlich sehen konnte. Asche hatte Recht - früher hatte er sich nie Sorgen um ihn gemacht. Das war vermutlich der Preis für die Liebe. Nun, womit sollte er ihn überraschen?

Es gab nur eine Antwort auf diese Frage: Kalystra hatte ihm beigebracht, es regnen zu lassen. Wunderbare, prickelnde Magie war am Ende seiner Unterrichtsstunde in Sturmwind durch seine Finger geflossen und hatte für jede Menge Wasser gesorgt. Während Kalystras Regen, als sie ihm das demonstriert hatte, ein zartes, sommerliches Tröpfeln auf der Haut gewesen war, hatte Taran wie immer viel zu viel Energie freigelassen und sie beide in einem kräftigen Platzregen gebadet - Anouska hatte unter ihrem sicheren Türbogen herzlich gelacht.

Und Asche liebte Regen. Taranis würde also üben, es regnen zu lassen - wer weiß, vielleicht hatte das sogar einen langfristigen Nutzen für das Lehen.
Was hatte er sonst noch zu tun? Kalystra hatte ihm empfohlen, sich einen Zauberstab zuzulegen, um seine Energien besser kanalisieren zu können. Und jetzt, da Calendriel kein Dauergast in seinem Kopf mehr war, begann die Leere wieder Räume darin zu füllen... er würde sich damit auseinandersetzen. Und mit Amaryl. Er hatte darüber nachgedacht, und er würde irgendeine Umgangsform mit ihr finden müssen, mit der sie beide zurechtkämen; vor allem, wenn Asche ihr Zelt verließ und zu ihm zog - und dann noch weg von Telogrus. Er wollte ihr Vertrauen.

Nun, unangenehme Dinge brachte man am besten schnell hinter sich - entschlossen marschierte er los.

Zu seiner Überraschung arbeitete Amaryl nicht in seinem Wagen: sie saß davor, auf dem kleinen, ausklappbaren Treppchen, das zur Tür führte, und paffte ihre Pfeife. Sie sah ihm mit zusammengekniffenen Augen an, als er herantrat. Immer schaffte sie es, daß er sich in seinem eigenen Wagen wie ein unwillkommener Eindringling fühlte, und möglichst unsichtbar zu sein hatte ihm bisher nicht dagegen geholfen. Also versuchte er es heute umgekehrt. Er setzte sich mit der Selbstverständlichkeit des Hausherrn neben sie, auf eine Treppe, die gerade für eine Person ausreichte, nur eine Stufe höher.

Sie starrte ihn an und blies den Rauch aus, langsam, gründlich, mitten in sein Gesicht.

"Ich bin dir sehr dankbar für die Arbeit die du hier investierst", begann er. "Und... ich verspreche dir, er ist sicher bei mir." Er sah sie eindringlich an, hustete leicht, beugte sich vor und wiederholte: "Er ist bei mir sicher, ich verspreche es."

Sie sah ihn lange an, rauchte ihm ins Gesicht und schien ihn zu taxieren wie etwas, das sie kaufen möchte. Nach langen Minuten nickte sie. "Ja", sagte sie knapp. Dann stand sie auf, ging an ihm vorbei in den Wagen und forderte ihn auf: "Sieh es dir an, Sängerjunge."

Er erhob sich und ging ihr hinterher. Sie stand noch im Oberwagen und zeigte auf die Rückseite. "Unten hätte ich alles neu berechnen müssen und von vorne anfangen. Machte keinen Sinn, ihr reist ja bald ab. Also habe ich die Rückseite des Wagens verkürzt."

Tatsächlich, da war eine Wand eingezogen, in der sich eine Tür befand - aber nur etwa eine Handbreit vor der ursprünglichen Rückwand. Neugierig griff Taranis zum Türknauf. "Darf ich?" Amaryl nickte, und er zog die Tür auf. Dahinter befand sich exakt dasselbe Zimmer, das Asche in ihrem Zelt auch hatte: fünfeckig, dieselbe Größe, dieselben Lampen. Nur das Mobiliar fehlte. Er drehte sich mit leuchtenden Augen zu ihr um.

"Das ist einfach wunderb..."

"Kannst du schon Dinge levitieren lassen?" bellte sie.

"Nein."

"Dann komm mit und lerne." Ohne weiteres Federlesen verließ sie den Wagen, marschierte zu ihrem Zelt und in Asches Zimmer. Sie nahm ein Kissen in die linke Hand, hielt die rechte mit der Handfläche nach oben darunter, ließ das Kissen los, und es schwebte.

"Du hast keine Rune gezeichnet", stellte Taranis fest. So war auch sein Unterricht in Sturmwind gewesen - ohne magische Runen.

"Nicht nötig, das ist nur was zum Festhalten in Bereichen, in denen man unsicher ist und mehr Fokus braucht", brummte sie. "Stell es dir einfach vor, Sängerjunge. Wie es schwebt, weil du einen Energiepuffer darunter legst." Sie griff nach seiner Hand, positionierte sie unter dem Kissen und sah ihn streng an. "Jetzt."

Taran bemühte sich, sich ein schwebendes Kissen vorzustellen, aber so schnell, wie sie es von ihm erwartete, fand er nicht einmal Zugang zur arkanen Macht in seinem Inneren. Das Kissen plumpste mit einem enttäuschten "Fump" in seine Hand.

"Üb", knurrte Amaryl und verließ das Zimmer. "Morgen bringst du nämlich seine Möbel in den Wagen - so oder so."

Als sie weg war, hob Taran das Kissen hoch. Langsam, ganz langsam hob er es an seine Nase. Asches Duft. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Alles würde er lernen, alles üben, das Asche jemals bei irgendetwas helfen konnte. Levitieren also. Er straffte sich. Das würde eine lange Nacht werden.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Sa 20. Jun 2020, 18:52

Er hatte sich einen Zauberstab gekauft. Es war mehr oder weniger ein langer, zartviolett schimmernder Kristall mit einer Art gewundener Wurzel, die als Griff diente. Damit klappte es tatsächlich besser, Dinge levitieren zu lassen - ein wenig ZU gut, genaugenommen; er hatte Kissen wie Raketen in den Himmel schießen lassen und Amaryl hatte ihr dreckiges Kettenraucherlachen bestimmt eine Viertelstunde nicht einstellen können. Dann hatte sie ihm geholfen, sich zu mäßigen und schließlich hatten sie gemeinsam Asches Besitztümer über Telogrus levitiert und in seinem neuen Zuhause aufgestellt.

Im Wagen.

Taranis hatte ein unbekannt-aufregendes, wundervoll glühendes Gefühl im Magen, wenn er daran dachte, was nun vor ihnen lag. Asche würde bei ihm wohnen, sobald er aus Arathi zurückkehrte. Sie würden beide mit der Gruppe nach Arathi ziehen. Es wäre ein völlig neues Leben. Sesshaftigkeit.

Ein wenig beängstigend war es schon für den Schaustellersohn, sich vorzustellen, wie er nun auf absehbare, lange Zeit an einem Ort bleiben würde - es war ja gerade die Freiheit, das heute-hier-morgen-dort, die er so sehr liebte. Doch wie Asche ganz richtig gesagt hatte: "Du mußt ja das Reisen nicht aufgeben, es findet jetzt nur sternförmig von einem Zentrum aus statt." Außerdem würde sein Magiestudium eine neue, aufregende Reise werden... UND er hatte noch etwas in Bewegung gesetzt und konnte kaum erwarten, dem Freund davon zu erzählen.

Auch Kalystras Hausaufgabe machte er gewissenhaft - es hatte ihn etwa eine halbe Stunde gekostet, zu begreifen, daß Telogrus der falsche Ort war, um zu üben, wie man es regnen läßt. Wo keine Wolkenbildung möglich war, konnte man es auch nicht regnen lassen. Also ging er nach Sturmwind und übte in einem winzigen Wäldchen hinter der Botschaft. Auch hier war die Frage nicht, ob es klappte, sondern eher, ob er sich selbst halb ertränkte, aber nach und nach schaffte er es, sich zu zügeln und einen tatsächlichen Regen hervorzurufen. Es war noch kein sanftes, sommerliches Nieseln, wie Kalystra das geschafft hatte, sondern eher ein kräftiges Prasseln, aber er war zuversichtlich, mit mehr Übung bald jeden Regen hinzukriegen, der Asche glücklich machen würde.

Als Kalystra, Anouska und Valthir in den Elwynnwald gingen, um die hiesige Seite des Portals zu erschaffen, das bald Burg Fenris mit Sturmwind verbinden und Emis Freunden von der scharlachroten Faust eine gewisse Versorgung im Silberwald erlauben würde, schloß er sich den Magiern an, um zuzusehen, so wie er ständig versuchte, bei Magiern durch Zusehen zu lernen. Es war allein schon faszinierend zu beobachten, wie unterschiedlich die drei mit ihrer Magie umgingen - eine sprach leise, eine laut, eine gestikulierte viel, einer gar nicht.

In dem Moment, als das Portal sich vor ihnen manifestierte, durchschoss ihn ein Gefühl, als würde sein Körper sich auflösen und neu zusammensetzen - kein Schmerz, eher so etwas wie eine totale Verschiebung der Realität, und vorwärtsstolpernd fand er sich auf einmal in Fenris wieder. Neben ihm stand ein Goren und sabberte grüne Säure aus dem riesigen Maul.

"Was ist passiert?" fragte er - nein, das wollte er fragen. Doch aus seiner Kehle kam nur "Karcks Äääck Krah?"

Er sah an sich hinunter und stellte entsetzt fest, daß sein Körper zwar noch auf zwei Füßen stand, diese jedoch Vogelkrallen hatten. Er hatte ein schreiend grünes Federkleid, einen Buckel und einen Schnabel. Und die Fähigkeit, normale Worte zu formen, hatte er nicht mehr.

Er humpel-hüpfte auf Emiriel zu, die mit sehr zufriedenem Gesichtsausdruck neben ihrer Seite des Portals stand und "Also dann verteilen wir doch erstmal die Güter" sagte und rammte ihr eine ausgestreckte Handkralle vor die Brust.

"Ökk! Krääh ickickick krarz kuckz öckz!", forderte er sehr vehement und zu niemandes Verständnis. Ein Blick in die Runde zeigte ihm, daß er und die unglückliche Person mit der Säurespucke nicht die einzigen Verwandelten hier waren. Es hatte beinahe die Hälfte der Anwesenden getroffen. Mehrere Magier:innen disputierten leise und einigten sich dann, daß das vermutlich an der Nähe des Dalarankraters lag und bestimmt nur vorübergehend sein würde. Hoffentlich. Nein, ganz bestimmt.

Er wollte brüllen vor Frust - sollte so sein neues Leben mit Asche aussehen? Sollte er ein verdammter Vogel sein, der weder tanzen noch zaubern noch küssen konnte? War das ihr lichtverdammter Ernst? - doch natürlich krächzte es wieder nur aus seiner Kehle. Während er noch zornig mit den Flügeln flappte, verlor er jedoch schon die ersten Federn und zu seiner großen Erleichterung war er in weniger als einer Viertelstunde wieder er selbst.

Contenance, Taran, Contenance, dachte er bei sich und sah sich um. Die Burg wirkte mäßig gut in Schuss. Etliche Worgen packten mit an, um die durch das Portal gelieferten Güter zu verräumen, zwei uniformierte Personen schienen sich zu prügeln, der ehemalige Goren war wieder eine junge Frau und lag bewußtlos am Boden. Na großartig.

"Soll ich dich herumführen?", bot Emiriel unbeschwert an, als sei das hier alles völlig normal, und Taran stimmte zu. Warum nicht - wo er schon einmal hier war, konnte er sich auch ansehen, wie Emis Seite der Geschichte aussah. Sie liefen einen ruinösen Weg entlang, an einer ruinösen Schmiede vorbei zu ein paar Ställen, die halbwegs gut in Schuß wirkten, und gingen von dort aus an einigen Plumpsklos vorbei in die ruinöse Burg. Sie zeigte ihm die nach Geschlechtern getrennten Schlafsäle, den zentralen Speiseraum, den überschwemmten Keller, den man wegen einer Murlocplage nicht öffnen durfte und den Besprechungssaal im Obergeschoss, in den es bei schlechtem Wetter hineinregnete.

Von dort aus gingen sie auf die Dachzinnen, inzwischen begleitet von einem weiteren Elfen, den Taran noch nie zuvor getroffen hatte. Während die anderen beiden sich hinter ihm unterhielten, stand Taranis auf einer Zinne und starrte in das diesige Abendlicht.

"Dort", sagte Emis Stimme plötzlich dicht an seinem Ohr und ihr Zeigefinger lenkte seinen Blick ein wenig nach rechts. "Arathi liegt dort." Sie lächelte leicht und er fühlte sich ein wenig ertappt, konnte aber auch nicht aufhören, in einer Mischung aus Sorge und Sehnsucht in die kaum erkennbaren Hügel am Horizont zu starren.

Er verbrachte die Nacht allein auf dem Dach. Ein Teil von ihm wollte hierbleiben, nur um näher an Asche zu sein, wie absurd das auch war. Doch der andere, erwachsenere Teil entschied am nächsten Morgen, nach Telogrus zurückzukehren und sich nicht ganz so offensichtlich wie ein verliebter Vollidiot aufzuführen. Nachdem er nur den Bruchteil einer Sekunde auf das Portal im Burghof gesehen hatte, bat er Emiriel um einen Leerenriss.

Sicher war sicher.

Und dann begann es wieder, das rastlose Warten auf Asche.
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » Di 28. Jul 2020, 00:23

Er verpaßte Asches Rückkehr. Er hatte es sich so schön ausgemalt, wie er ihn im Wagen zu Hause willkommen heißen würde, ihm den Reisestaub herunterklopfen und sich seinen Reisebericht anhören. Er hatte ihn sich vorgestellt, wie er immer aussah, wenn ihn etwas begeisterte: die schwarzen Augen riesig und funkelnd, das ganze Gesicht glühend und wahrscheinlich hibbelte er herum wie ein Welpe, der unbedingt spielen wollte.

Aber als Asche dann tatsächlich wieder auf Telogrus eintraf, war Taranis gerade in Sturmwind, an einem seiner Übungsorte, und ließ es regnen. Er wurde langsam ziemlich sicher darin und begann, neben starken Schauern auch sanfte Nieselregen recht zuverlässig hervorrufen zu können. Als es ihm das erste Mal wirklich gelungen war, hatte er vor Freude zu tanzen begonnen und prompt war die Magie wieder mit Übermacht aus ihm hervorgebrochen und hatte ihn mit einem regelrechten Wolkenbruch durchgeweicht, doch heute schaffte er es, nur etwas feucht zu werden statt klatschnass.

Sehr zufrieden mit sich trat er durch den Leerenriss und lief, jeden zweiten Schritt hüpfend, quer über den zerschlagenen Ort zum Wagen.

Dort stand die Tür offen.

"Amaryl?" fragte er, lief die vier Stufen der Klapptreppe hoch und schlüpfte durch die Tür. In den letzten Tagen war Asches Schwester zu einer unerwarteten... nun... nicht-mehr-Todfeindin geworden. Sie tauchte zu unmöglichen Uhrzeiten auf, verpestete alles mit Pfeifenrauch und unterrichtete ihn - auf eine seltsam aggressive Art. Wahrscheinlich vermißte sie ihren Bruder einfach und würde den Wagen belagern, um ebenfalls seine Rückkehr mitzuerleben. Als sei er nicht nur ein Lehen besichtigen, sondern irgendwie im Krieg, dachte Taran und mußte grinsen. Dann fiel sein Blick auf den Reisesack.

Er war zurück!

"Asche!" rief er, als er ihn nicht im Hauptraum entdeckte, und noch einmal lauter: "Asche!"

Die Bodenabdeckung war offen und er rannte förmlich die Treppe hinunter, von wo er eine gedämpfte Antwort zu hören vermeinte. Er stürzte ins Schlafzimmer - leer. Badezimmer? Er riss die Tür auf, und da lag er, bis zur Nasenspitze in einem Schaumbad versunken und grinste ihn an.

"Asche!", rief er noch einmal leiser und beugte sich über den Zuber, um ihn zu umarmen. Erst, als er den situationsbedingt nackten Körper des Archivars in den Armen hielt, kam ihm der Gedanke, daß das für diesen vielleicht überwältigend nah sein könnte, doch Asche hielt ihn mit überraschender Kraft fest und knuddelte ihn bestimmt eine Minute, bevor er wieder losließ.

"Komm ins Wasser, Taran", bat er, die nassen Hände noch auf seinen Schultern. Irgendetwas an ihm schien anders zu sein. Müde? Oder ernster? Besorgt? Hmm, sicher nur die Erschöpfung.

Der Tänzer hob beide Brauen. "Ins Wasser? Bist du sicher?"

Als Asche mit einem leichten Schulterzucken und einem schiefen Lächeln nickte, zog er die Schuhe aus. Dann zögerte er wieder. "Lieber mit Kleidung, ja?"

"Nein, Taran, so ein Quatsch. Komm einfach in die Wanne - das Wasser ist noch ganz heiß, ich bin gerade erst angekommen und ich möchte dir unbedingt alles erzählen ohne aus diesem Zubertraum hinaus zu müssen."

Taran drehte sich weg, während er nacheinander Zauberstab, Hemd und Hose ablegte, und sah, daß auch Asche den Blick fest auf die Schaumbläschen vor sich gerichtet hielt, bis er zu ihm in die Wanne geklettert war. Vorsichtig streckte er die Beine an einer Seite des Zubers aus. Sobald sie ihre Beine gut arrangiert und sich wieder bequem an die Zuberwände gelehnt hatten, grinste Asche halb verlegen, halb verwegen über die dicke Schaumschicht hinweg den Schausteller an.

"Das neue Zimmer habe ich mir noch nicht angesehen", sagte er. "Ich dachte, das möchtest du bestimmt mit mir zusammen machen."

"Eigentlich ist es exakt wie dein Zimmer in Amaryls Zelt", antwortete Taran. "Sie war mehrmals hier, weißt du? Als du weg warst. Ich glaube, sie wird dich sehr vermissen, wenn wir in Arathi sind."

"Sie ist Magierin", schmunzelte Asche. "Sie ist fähig, Portale zu erschaffen und könnte mich jederzeit sehen. Aber dann wäre es offensichtlich, daß sie mich vermißt, und das würde sie umbringen." Das Letzte sagte er mit einem Augenverdrehen.

"Ich möchte das lernen", murmelte Taran. "Portale machen. Aber ich war dabei, als das Portal nach Fenris geschaffen wurde, weil ich zusehen und lernen wollte - und etwas ging schief, ich bin mit allen anderen irgendwie hineingestolpert und war ein... Vogel...dings."

Asche sah ihn erschrocken an. "Du warst in Fenris? Du warst ein Vogel?"

"Ich bin ja wieder hier und völlig normal, keine Sorge. Es hat mich nur gelehrt, Portalmagie nicht zu unterschätzen. Aaaaaber - wenn du dich hinreichend sauber und erholt fühlst, gehen wir heute noch einmal kurz hinaus nach Sturmwind, ja?"

"Oh?" Asche setzte sich im Zuber kerzengerade auf. Schaum rutschte langsam von seinen Schultern, als er sich mit genau den funkelnden Augen, an die Taran in den letzten Tagen ununterbrochen gedacht hatte, vorbeugte. "Du hast etwas Magisches gelernt, ja? Was ist es? Verrat es mir, bittebitte..."

"Auf keinen Fall", grinste Taran und schnipste ein wenig Schaum nach dem Archivar. "Es ist eine Überraschung."

"Aber -"

"Nein."

"Das ist nicht fair!"

"Das Leben ist nicht fair, kleiner Asche. Du mußt es einfach jeden Tag nehmen, wie es kommt." Taranis konnte sein aufgesetztes, streng onkelhaftes Gesicht kaum aufrechterhalten, als Asche empört nach Luft schnappte.

"Hast du mich gerade zitiert?! Hast du mir ernsthaft nach dreißig Jahren meine Erziehungsmethoden unter die Nase gerieben?"

"Genau das habe ich getan", brüstete sich Taran selbstzufrieden und räkelte sich. "Und ich kann dir sagen, das ist ein gutes Gef...!"

Er prustete und hustete Schaum, als er wieder auftauchte. Asche sah ihn unschuldig an, den Fuß, an dem er den Schausteller so ruckartig gezogen hat, daß der untergetaucht ist, noch in der Hand.

"Ich verrate es trotzdem nicht!" Taran verschränkte gespielt bockig die Hände vor der Brust, doch das hielt er nur Sekunden durch. "Ich will dein Gesicht sehen, wenn du es erlebst", sagte er weich. Asche ließ seinen Fuß los, als habe er völlig vergessen, daß er ihn hielt, und jetzt wurde die vermeintliche Erschöpfung in seinem Gesicht klarer. Es war keine Müdigkeit. Es war...

"Du hast Kummer, Ashamshiel", sagte er leise und kniete sich im Zuber hin, um über Asches Wange streicheln zu können. "Was ist geschehen?"

"Ich... ach..." Der kleinere Elf ließ Kopf und Schultern hängen. "Ich habe mich furchtbar mit Iudicael gestritten. Ich glaube, ich habe etwas kaputtgemacht, das ich nicht mehr reparieren kann."

Und dann erzählte er, leise, aber unaufhaltsam, und Taranis hörte zu. Als das Wasser abkühlte, erhob sich der Schausteller, ohne noch darüber nachzudenken, ob Asche seine Nacktheit ertragen würde, und wirklich redete dieser weiter und schien es nicht zu bemerken. Taran griff nach einem großen, flauschigen Handtuch und hielt es am Zuberrand in die Höhe. Asche stand auf und ließ sich mit einem dankbaren Lächeln darin einwickeln, und der Schausteller nahm sich ein eigenes Handtuch. Sie trockneten sich ab, Asche erzählte, Taran fragte hier und da nach, sie kleideten sich an. Oh ja, das klang nach Kummer.

"...und jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich mich verhalten soll, ohne jemandem wehzutun", schloß Asche, während er seine Haare trockenrubbelte. Als er das Handtuch endlich beiseite legte, griff Taran nach seiner Hand und zog ihn sanft mit sich. Die Treppe hinauf, aus dem Wagen hinaus. Über die zweite Scherbe auf die erste. Über die erste, hinaus nach Sturmwind. Schweigend umrundete er die Botschaft und ging tief in die halbwilde Grünanlage dahinter. Erst dort ließ er Asches Hand los, stellte sich ihm gegenüber und sah ihn ernst an.

"Ich denke, du hast ziemlich großen Mut bewiesen", sagte er dann. " Ich finde, es ist sehr schwer, über Liebe zu sprechen, von der man nicht weiß, ob sie erwidert wird - sowohl mit der Person, die es betrifft, als auch mit Dritten. Zumindest hatte ich Schwierigkeiten, von dir zu sprechen, bevor... bevor ich gemerkt habe, daß du auch..." Er unterbrach sich mit vor Verlegenheit dunklen Wangen und einem leichten Lächeln. "Wie dem auch sei - dazu kommt noch, daß du so viele Ängste hast und so begierig darauf bist, die alle über Bord zu werfen, du willst so viel ausprobieren und testen und alles ist so wundervoll neu für dich... und du hattest als Vorbilder, was Beziehungen angeht, eigentlich nur uns fahrendes Volk."

"Schlechte Vorbilder?"

"Nicht schlecht, aber einseitig vielleicht? Wir hatten alle mehr oder weniger dieselben Ansichten zum Thema. Kein Wunder, daß du davon ausgegangen bist, daß das allgemeiner Konsens..."

"Ach Taran!" Asche machte einen Schritt vor und schlang die Arme um seinen ehemaligen Zögling. "Wann hat sich unser Lehrer-Schüler-Verhältnis eigentlich umgekehrt?"

"Ich glaub, das war vor ungefähr zehn Minuten", schmunzelte Taran und nahm Asches Gesicht in beide Hände. "Ashamshiel vom Wagen der Nachtschimmer, du hast einen fünfzehn Jahre dauernden Streit mit mir beendet, du wirst auch dies irgendwann geraderücken. Gib euch allen ein wenig Zeit und Raum und... vertraue."

Als Asche zaghaft nickte, fügte Taran an: "Und jetzt schließ die Augen."

Der Archivar tat, wie geheißen, und ein erwartungsvolles Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Taran trat zwei Schritte zurück, hob den Zauberstab und konzentrierte sich. Erst den Strom der Magie in sich finden. Dann die Vorstellung dessen, was er herbeirufen wollte. Dann die Kraft bündeln - er fühlte die Energie in sich, aus sich fließen, in den Zauberstab, und aus diesem hervorbrechen, und mit aller Macht konzentrierte er sich darauf, sie so gering wie möglich zu halten.

Es war eine warme Hochsommernacht, der Himmel war fast wolkenlos. Fast. Das, was Taran fassen konnte, fasste er - und ließ den zartesten Sommernieselregen auf Asche und sich niedergehen, den er je zustande gebracht hatte. Zuerst fühlte es sich beinahe nur wie dichter Nebel an, dann tanzten winzigste, weiche Tropfen auf ihrer Haut.

"Oh, wie schön, jetzt regnet es", sagte Asche und streckte beide Arme halb zur Seite aus, die Handflächen nach oben gedreht. "Darf ich wieder gucken?"

Taran lachte leise. "Ja - du - darfst", sagte er hochkonzentriert. Und erst jetzt, als Asche die Augen öffnete, begriff er, daß der Regen kein Zufall war, sondern sein Geschenk. Tarans Überraschung für ihn. Die schwarzen Augen wurden erst riesengroß, als er atemlos staunend die Hände weiter hob, und wurden dann feucht, und nicht vom Regen. Er schloß sie wieder, legte den Kopf in den Nacken und begann, sich auf der Stelle zu drehen.

Taran konnte sich kaum sattsehen. Der kleine, hübsche Bücherwurm, im Moment völlig ungeschminkt, das Hemd über der muskulösen Brust halb offen, ließ sich einfach vom hauchfeinen Regen begießen wie eine durstige Blume.
Der Anblick war vollkommen.

Viel, viel später kuschelten sie sich im Wagen aneinander. Taran und Amaryl hatten das große Bett aus Asches altem Zimmer hierhergebracht, der Tänzer hatte es sich nicht nehmen lassen, einen von Asches wunderbar albernen Pyjamas bereitzulegen und Asche war ebenso selbstverständlich hineingeschlüpft wie er vorhin aus der Wanne geklettert war.

"Du fühlst dich wohl", stellte Taran fest, als er seinen Partner weich in die Arme nahm. Ganz ohne Kissenmauer zwischen ihnen, und ganz ohne Zurückschrecken.

"Ist es dir zuviel? Daß ich einziehe? Soll ich doch lieber woanders wohnen? Brauchst du mehr Freih-"

"Schhhh", machte Taran leise und unterbrach ihn einfach mit einem Kuß. "Zuviel Freiheit macht einsam. Der Wagen war einsam ohne dich. Viel zu lange. Es ist gut, daß du hier bist. Es war ja sowieso viel früher dein Wagen als meiner. Und es ist gut, daß du dich immer wohler fühlst. Und es ist gut, daß du machst, daß ich mich wohlfühle. Und überhaupt ist jetzt gerade alles ziemlich... in Ordnung."
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Re: Hoch auf dem leeren Wagen

Beitrag von Taranis » So 2. Aug 2020, 16:35

Er konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Wie hatte es Calendriel erneut in seinen Kopf geschafft? Trotz der von Iudicael erschaffenen Barrieren? Trotz der Tattoos, die sie ansonsten handlungsunfähig gemacht hatten? Was stimmte nicht mit ihm?

Er lag zwischen all den gemütlichen Kissen in Iudicaels Zelt, Asche in den Armen, und atmete ruhig, um den nervösen Freund nicht zu stören. Stundenlang. Während die Gedanken im Kreis rannten.

Als erst Ilassan hinausschlich und Iudicael später folgte, mußte er aber bei aller Sorge und Wut ein wenig lächeln. Von allen hier war es ausgerechnet Asche, der es als einziger geschafft hatte, einzuschlafen.

So ein tröstliches Gefühl. Alles davon. Wie Judy sich geweigert hatte, ihn heute Nacht allein zu lassen. Wie Ilassan ihn nach Calendriels Verschwinden erstmal umarmt hatte, trotz aller Dinge, die ihn selbst quälen mußten. Und wie Ashamshiel trotz seines kürzlichen Zusammenstoßes mit den beiden ohne zu Zögern mitgegangen war.
Taran fühlte sich zuhause. Er zog den kleinen Körper des Archivars fester an sich und vergrub sein Gesicht an dessen Nacken.

Alles wird gut, Taran, ich weiß es einfach. Alles wird gut. So hatte Asche vor einigen Wochen gesagt. Und daran wollte er glauben, selbst wenn es nur um des Freundes Willen war. Alles würde gut werden.
Arathi. Grüner, lebendiger Boden unter ihren Füßen. Körperliche Arbeit. Wetter. Es würde ihnen gut tun, es würde sie erden. Es würde sie stärker machen, als Individuen und als Gruppe. Sie würden dieses verrückte Taumeln der Leere in ihren Köpfen besiegen, oder es zumindest im Zaum halten lernen. Sie würden sich ihre Normalität zurückerobern, eine eigene Normalität.
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