Schemen und Schatten

Nach dem Untergang Lordaerons im Dritten Krieg hat sich Sturmwind zur stärksten Bastion der Menschen sowie zu der zentralen Figur der Allianz erhoben. In den Spitzen der schneeüberzogenen Berge von Dun Morogh befindet sich die Zwergenfestung Eisenschmiede. Die Gnome versuchen ihre einstige Heimatstadt Gnomeregan zurück zu erobern.
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Xinuel
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Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:28

OOC:
Alle Beiträge zu Xinuels Hintergründen und Innenleben aus dem alten Forum (und neue, sollten welche dazu kommen)

Tief in der Nacht spähte Xinuel von ihrem inzwischen gewohnten Aussichtspunkt herunter auf das schlafende Sturmwind. Nein, nicht schlafend - diese Stadt schlief nie wirklich, ein zweischneidiges Schwert. Einerseits war es durchaus unterhaltsam, den Menschen, die sich im Schutz der Dunkelheit wähnten, bei ihrem nächtlichen Treiben zuzusehen. Andererseits war es nie ausgeschlossen, dass eins der kurzlebigen Geschöpfe einmal den Kopf hob und zufällig den felgrünen Schein ihrer Augen und Tätowierungen erspähte. Und sich dann womöglich genötigt sah, einen Pfeil oder eine Kugel in ihre Richtung zu schicken, oder gar Alarm zu schlagen. Alles bestenfalls lästig, aber dennoch ein Grund, hier nicht allzu tief in Meditation zu versinken. Über kurz oder lang würde sie ein besseres Versteck brauchen...

Die Dämonenjägerin musste grinsen. Banale Gedanken, passend zu einem banalen Ort, eh? Sie schüttelte den Kopf und griff in ihre Tasche, holte das Bruchstück einer Kristallkugel hervor und betrachtete die wirbelnden Schatten darin, die unmögliche Tiefe, das flackernde, sich windende Chaos des Nethers. Allaris Worte kamen ihr wieder in den Sinn:

"Illidari kämpfen überall auf den Inseln gegen die Legion, das habt ihr selbst gesehen. Gutes Training für die Neueren, strategisch durchaus wichtig und sinnvoll, sogar notwendig, solange sich die Elfen in Suramar vor Allem gegenseitig umbringen. Aber wir sollten uns nichts vormachen, Dieser Krieg wird nicht durch Strategie gewonnen werden. Auch wenn wir Alles erdenkliche an militärischer Hilfe bekämen, was zweifelhaft ist... die Legion ist endlos. Und so befriedigend das Abschlachten niederer Dämonen sein mag, es führt auf Dauer nicht zum Ziel."

"Wir müssen uns auf das zurückbesinnen, wofür Lord Illidan uns Illidari geschaffen hat. Wir sind die Speerspitze gegen die Legion. Wir müssen in der Lage sein, sie ins Herz zu treffen. Ihr Alle kennt natürlich den Plan, den wir hier auf der Teufelshammer verfolgen, aber das allein wird nicht ausreichen. Wir brauchen Illidari, die in der Lage sind, Schlüsselfiguren auszuschalten. Schreckenslords, Grubenlords, Eredar... in der Schlacht wie auch hinter den Linien. Die Kommandostruktur des Feindes ist alles Andere als unverwundbar, vorausgesetzt, wir können den mächtigsten Dämonen die Stirn bieten."

"Deswegen habe ich euch hier versammelt. Jeder und Jede Einzelne von euch hat die Bedeutung von Macht - persönlicher Macht - für unseren Kampf verstanden. Daher werdet ihr ab sofort nichtmehr auf den Inseln eingesetzt. Geht und verfolgt was immer ihr für sinnvoll haltet, um genug Kraft zu sammeln, auch die Mächtigsten von Sargeras Dienern zu vernichten. <Die Blutelfe lächelte schmal> Ich bin sicher, die Meisten von euch haben da schon den einen oder anderen Plan."

Stirnrunzelnd drehte Xinuel das kristallene Bruchstück in den Fingern. Einen Plan hatte sie nicht wirklich gehabt, als sie hierher zurück kam, in die Stadt der Menschen... es war eher eine intuitive Eingebung gewesen. Und doch folgte Arandiirs kleine Karazhan-Expedition gewissermaßen auf dem Fuße, mit Ergebnissen von nicht geahntem Potenzial.

Langsam steckte die Illidari ihre Trophäe wieder ein. Ein Puzzleteil, nicht mehr... vorerst. Sie musste aufs Neue grinsen, als Es seine Zustimmung sandte, gepaart mit der üblichen Abscheu und dem Bedauern darüber, an einem so wirklichen Ort zu sein.

Geleitet von zwei Instinkten, die beide auf deutlich mehr aus waren als profane Beute, erhob sich die Jägerin auf schemenhaften Schwingen in den Nachthimmel.
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Re: Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:30

Langsam schritt Xinuel durch die dunklen Korridore, vorbei an verfallenen Arkaden, an Säulen, deren Winkel nichtmehr mit denen ihrer Schatten überein stimmten. Vorbei an Torbögen, hinter denen es nur noch schwarze, bodenlose Leere gab, und an kleinen Eingängen, aus denen der unheilvolle Schein gelblich-grüner Flammen flackerte. Sie trat hinaus auf einen offenen Platz und überquerte ihn, ohne dem mondlosen Nachthimmel mit seinem einen, felfeuernen Stern Beachtung zu schenken. Schließlich lies sich die Dämonenjägerin auf einem verwitterten Felsen nieder, wohl einst der Kopf einer der umgestürzten und zerbrochenen Statuen, deren Sockel noch immer die umgebende Mauer säumten.

Xinuel war mit den Gedanken Anderswo - was, soviel musste sie zugeben, ganz schön paradox war für Jemanden, der sich an einem rein erdachten Ort befand. Für einen Moment schlichen sich Erinnerungen an die Kaldorei ein, die sich dieses Refugium einst geschaffen hatte, aus Marmor, Silber und Mondstein und allen möglichen und unmöglichen Materialien, die ihre Fantasie hergab... jede Halle, jedes Zimmer und jeder Platz gefüllt mit sorgfältig verwahrten Erinnerungen, mit schillernden, vielfarbigen Träumen und luftigen Hoffnungen, die wie ein sanfter Wind durch silbriges Haar strichen...

Mit einem Schnauben erstickte die Illidari die ungebetenen Gedanken, verärgert über sich selbst. Sie durfte keine Schwäche zeigen, nicht einmal hier. "Es" lauerte auf jedes Anzeichen von Schwäche, jeden noch so geringen Riss in den Mauern des Gefängnisses, das allein durch Xinuels Willen aufrecht erhalten wurde. Und nach der Beinahe-Katastrophe im Anschluss an die erfolgreiche Tempelverteidigung musste sie doppelt wachsam sein. "Es" war einem wirklichen Ausbruch selten... vielleicht noch nie so nahe gekommen. Sie musste unwillentlich grinsen - die kleine Bogenschützin, die ihr geholfen hatte, war die erste Person seit Langem... und wahrscheinlich der erste Mensch überhaupt, dem gegenüber sie echte Dankbarkeit empfand.

Seufzend schlug Xinuel die Beine übereinander, zum eigentlichen Fokus ihrer Gedanken zurückkehrend. Warum hatte der Alptraum sie so wenig berührt? Sie hatte in Avaloras Opfer einen Satyr gesehen, war der Täuschung erlegen, und dann... Nichts. Kein überquellender Aktionismus, keine Unruhe jenseits des üblichen Hungers nach Kampf und Dämonenblut, der die ewigen Debatten dieses "Kreuzzuges" zwar schwer erträglich machte, sie aber eben nicht dazu veranlasste, Jungdruiden für Satyrn zu halten und abzuschlachten. Hätte sie sie als Satyrn gesehen, wenn sie dabei gewesen wäre? Hatte sie nur, durch ihre rein zufällige Abwesenheit beim Aufbruch derer, die von Alptraum erfasst wurden, eine Art finaler Impuls verfehlt? Oder lag die Ursache doch tiefer...?

An der reinen Stärke ihres Dämons konnte es nicht liegen, wie sie zunächst vermutet hatte... da waren sich zumindest Einzelne der Illidari auf beiden der Seiten, die am Tempel gekämpft hatten, ebenbürtig. Auch nicht an der Willenskraft - die zumindest war Arandiir nicht abzusprechen.

Frustriert grub sie ihre Klauen in den porösen Stein der gefallenen Statue. Sie hatte gehofft, hier auf klarere Gedanken zu kommen, hier in dieser erträumten Scheinwelt, wo sie zumindest meistens ungestört war. Seit "Es" wirklichen Schlaf so unnötig wie unmöglich gemacht hatte, zog sie sich alle paar Tage hierher zurück, um ihre Gedanken zu ordnen: Während ihr wirklicher Körper auf einem Felsen oberhalb der hochgelegenen Taurensiedlung kauerte, halbwach und nur mit den nötigsten Sinneseindrücken, die sich in eine kleine Ecke ihres Geistes drängten, konnte sich ihr Bewusstsein hier entfalten.

Leider schien ihr auch die relative Ruhe ihres alten Refugiums heute Nacht nicht bei der Suche nach Antworten zu helfen. Schon im Begriff, wieder vollends in ihren Körper zurückzukehren, hielt die Dämonenjägerin inne.

Hatte sich einer der Schatten da gerade bewegt? Das konnte nur heißen...

"Hassen... diesen Ort..." tönte "Es" vielstimmig aus den Schatten.

Xinuels Mundwinkel zuckten. Ihr Dämon verabscheute jede Art von physischer Manifestation (oder, so weit sie wusste, die gesamte physische Welt an sich), aber hier hatte "Es" keine andere Wahl, auch wenn es sich natürlich nur um die Illusion einer solchen Manifestation handelte.

"Ein Glück, das hält dich zumindest davon ab, nur her zu kommen, um dich über ihn zu beschweren. Also, was willst du?"

"Gedanken bei rotem Schatten... kein roter Schatten! Unrein!"

Überrascht hob die Illidari die Brauen. "Unrein? Ich glaube das höre ich von dir zum ersten Mal." Aber "Es" schien, untypischer Weise, sehr fokussiert und unbeeindruckt von ihrem Sarkasmus.

"Kein roter Schatten!"

"Du schienst kein Problem am Alptraum zu finden, als wir die Satyrn vertilgt haben." Sie zögerte. "Und du hast seinen Einfluss zugelassen, zumindest am Anfang, nicht wahr?"

Nun antwortete auch "Es" nicht sofort.

"Neugierig, zuerst... roter Schatten, wir, ähnlich. Mussten... beobachten. Aber! Unrein! Nicht Kraft des Meisters, nicht mehr Kraft des Vaters. Unrein! Fleischlich..."

Xinuel überlegte eine kurze Weile, dann nickte sie. "Ich.. verstehe. Ich werde acht geben..." Sie grinste. "Und dich besser kontrollieren, was unsere mentalen Schilde angeht. Aber, mmh... du hättest mir das auch in ein paar Minuten direkt sagen können. Warum hier?"

"Es" antwortete nur mit einem vielstimmigen Lachen. Aus dem Schatten trat eine Gestalt... ein Elf, verzerrt, aber doch mit unverwechselbaren Gesichtszügen, die Xinuel einen kalten Schauer über den Rücken jagten.

"Wie...?" hauchte sie nur. Lachen als Antwort.

Wut überkam sie. WIE kam "Es" an dieses Gesicht, von all ihren Geheimnissen das am besten gehütetste... am tiefsten vergrabenste? Mit einem Schrei fuhr sie zurück in ihren Körper, riss die Energie ihres Dämons geradezu an sich und erhob sich auf beschworenen Schwingen in die Lüfte - pure Verschwendung seiner Kraft, einfach nur, um "Es" zu peinigen.

Und doch hörte Xinuel das Lachen in ihrem Geist noch lange, nachdem sie erschöpft wieder gelandet war.

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Xinuel
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Re: Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:32

Xinuel atmete die kühle Nachtluft tief ein. Der Geruch von Verfall war darin, von dahinsiechendem Leben und schleichendem Unleben, von unterschiedlichsten Formen der Verderbnis. Hier, im Gebirgspass der Totenwinde, war dieses Aroma der Verheerung allgegenwärtig - und doch konnte es die Jägerin nicht von der Fährte ihrer Beute abbringen. Lautlos, auf schemenhaften Schwingen, glitt sie von einer Felsformation zur nächsten, den Blick - oder vielmehr, die Spektralsicht - stets auf die Pfade und Schluchten unter sich gerichtet.

Das Interesse der Legion an Karazhan hatte sich für die Illidari als Glücksfall herausgestellt, so gab es in relativer Nähe zu Sturmwind immer wieder die Möglichkeit, Beute zu machen. Natürlich hätte sie sich mit dem profanen Fraß der Sterblichen und ab und zu einem Felkristall abgeben können, wie die meisten Illidari abseits der Inseln. Aber Xinuel gehörte zu jenen ihrer Art, für die es nicht nur um die Euphorie der Jagd ging, um die Genugtuung, die Diener der Legion zu töten... für sie war der beißende Gestank eines frischen Dämonenkadavers gleich dem Duft des erlesensten Festmahls nach Azshari Art, das bittere, ätzende Felblut, das die Kehlen der meisten Sterblichen wohl innerhalb von Sekunden ruiniert hätte, wie purer Mondbeerensaft.

Die Mundwinkel der Jägerin zuckten, als sie schließlich die glühenden Umrisse ihrer Beute erspähte. Es hatte sich gründlich verkalkuliert, als es ihr den Appetit auf Dämonenfleisch eingeflöst hatte. Sie wusste nicht, ob Es dabei aus seiner üblichen Abneigung gegen alles Fleischliche gehandelt hatte, oder tatsächlich versucht hatte, etwas ihren eigenen Gewohnheiten und Geschäckern möglichst Gegensätzliches zu finden. Sie jedenfalls hatte den infernalen Hunger, nach kurzem Widerstand, schlicht akzeptiert... und verhinderte nun sogar, dass Es sich aus diesem Winkel ihres Seins wieder zurück zog. Solch ein fester Punkt dämonischen Einflusses machte die Kontrolle an anderer Stelle leichter, und das Felblut war stets eine willkommene Kraftquelle.

Auch in dieser Nacht endete ein guter Teil des Teufelsjägers, den sie verfolgt hatte, zwischen Xinuels spitzen Zähnen. Ein paar kleinere Fetzen wickelte sie in ein Tuch, gewissermaßen als Notration, aber all zu viel Zeit verwendete sie nicht darauf, ihre Beute zu "verwerten" - dafür war der Pass ohnehin zu unsicher, von den Schwierigkeiten des Transports ganz abgesehen. Und schließlich würde es in absehbarer Zeit nicht an Dämonen für die Jagd mangeln.

Nach ihrer Mahlzeit machte die Illidari es sich auf einem geschützten Felsvorsprung oberhalb ihrer Beutestelle bequem. Zwar war sie gesättigt, aber ab und an lockte ein Dämonenkadaver weitere, vereinzelte Diener der Legion an. Ein oder zwei mehr zu töten war gleich Tropfen in einem Ozean, das wusste sie natürlich, aber es war nichts desto weniger befriedigend, speziell wenn das Felfeuer, angefacht vom frischen Dämonenblut, um so heißer in ihren Adern brannte.

Und sie hatte ohnehin nichts Besseres zu tun, nicht wahr? Mit einem kurzen Schnauben holte Xinuel einmal mehr jenes Fragment einer Kristallkugel aus Karazhan hervor, das sich in ein Fenster zum Nether gewandelt hatte... oder zumindest einen täuschend echten Abdruck davon zeigte. Sie schaute gern hinein... hindurch. Aber alle ihre Nachforschungen rund um die Natur dieses Splitters waren bisher ins Leere gelaufen. Vielleicht hatte sie sich getäuscht? Vielleicht war dieses Gefühl der Signifikanz, welches das Fragment umgab, nur eine Einflüsterung ihres Dämons, der sich schließlich - auf geradezu absurd fremdartige Weise - nach der Körperlosigkeit des Nethers sehnte? Aber sicher wäre ihr eine solche Täuschung im Laufe der Wochen aufgefallen ...?

In diesem Moment spürte die Dämonenjägerin etwas... Neues. Auch wenn sie nichtmehr dazu in der Lage war, arkane Magie zu wirken, hatte sie sich ihr feines Gespür für die übernatürlichen Spektren bewahrt, ja, es in mancher Hinsicht noch geschärft. Und so entging ihr nicht das schwache Echo, die minimale Resonanz, die Irgendetwas gerade in ihrem Netherfragment ausgelöst hatte. Was immer es war, es konnte nicht weit weg sein... und sie konnte zumindest eine ungefähre Richtung ausmachen.

Den Mund zu einem schmalen, dämonischen Grinsen verzogen, begab sich Xinuel zum zweiten Mal in dieser Nacht... auf die Jagd.

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Re: Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:33

Die Dämonenjägerin saß auf einem Dach hoch über Sturmwinds Kathedralenplatz. Am Portal wechselte gerade die Wache, aber das nahm sie nur entfernt wahr. Xinuel hatte ihren Geist nach innen gekehrt, wie sie es schon länger nicht mehr getan hatte - genau genommen hatte sie es schon zu lange hinaus geschoben. Auch der konstante Rausch des Felfeuers konnte Ruhe nicht vollkommen ersetzen, aber der Fähigkeit zu schlafen hatte Es sie schon lange beraubt, und so blieb ihr altes Refugium die beste Alternative.

Unter dem einzelnen, felgrünen Stern schritt Xinuel durch die verfallenen, dunklen Hallen. Sie konnte nicht behaupten, dass sie den Müßiggang hier besonders genoss, zu viele ungebetene Erinnerungen waren in diesen Ruinen ihrer alten Kreation vergraben, stets darauf wartend, ihren Geist in einem unbedachten Moment für sich zu vereinnahmen. Mit einem Seufzen ließ sie sich auf einer umgestürzten Säule nieder. Es gab keine andere Möglichkeit, sie konnte es sich nicht leisten, beim bevorstehenden Angriff auf Argus auch nur einen einzigen Moment unkonzentriert zu sein, weil sie ihrem Körper das Wenige an Erholung versagt hatte, das er brauchte. Zumindest schien Es sich mit möglichen Provokationen zurück zu halten, sie hatte bisher kaum ein Anzeichen ihres Dämons gesehen. Schnaubend unterdrückte sie jeden Gedanken an den letzten derartigen Vorfall.

Die Illidari ließ den Blick über den verlassenen Hof streichen, an dessen Rand sie gerade saß. Den wenigen Bodenplatten nach zu urteilen war es wohl mal ein Garten gewesen, auch wenn die rissige, verbrannte Erde zwischen den Wegen nicht gerade zu dieser Vorstellung einlud. Im Zentrum befand sich ein Springbrunnen, dessen unterstes Becken zu ihrer Verwunderung noch mit Wasser gefüllt war, und den eine Statue krönte. Xinuel musste schmunzeln: Auch wenn die Statue ihren Kopf verloren hatte, erkannte sie das Bildnis der Mondgöttin. Die Verehrung von Elune hatte in ihrer alten Heimat nie eine besonders große Rolle gespielt, schon garnicht in der Phase, die sie selbst erlebt hatte. Nichts desto weniger waren ihre Abbilder zumindest eine Zeit lang noch Fixpunkte künstlerischen Schaffens und baulicher Verschönerung gewesen, was ihr altes Selbst offensichtlich hier übernommen hatte.

Die Jägerin erhob sich und ging näher an das Becken heran, eigentlich in der Absicht, die Statue genauer zu betrachten. Sie stutzte. Das Wasser im untersten Becken des Brunnens war, und blieb, pechschwarz. Kein Licht spiegelte sich darin, nicht das ihrer Augen, nicht einmal das des Feuersterns hoch über ihr. So etwas hatte sie an diesem Ort noch nie gesehen, und das war an sich eigentlich schon ein Ding der Unmöglichkeit. War Es dafür verantwortlich, oder... ? Am Rand des Beckens angekommen, beugte sie sich herunter. Bei genauem Hinsehen war das Wasser nicht völlig ruhig, auch wenn sich die Oberfläche nicht bewegte, es besaß eine gewisse Tiefe, wie Schichten über Schichten von Dunkelheit, die sich langsam verschoben. Einen Moment zögerte Xinuel noch, dann tauchte sie langsam einen Finger hinein.

Der erste Kontakt war wie ein kleiner Blitzschlag, danach eine zehrende Kälte. Wichtiger war aber die Resonanz, die sie zusätzlich spürte... sowohl von den beiden Klingen, die in der echten Welt sicher auf ihrem Rücken verstaut waren, wie auch durch Es, das sich merklich zu regen begann. Das war Alles, was sie brauchte, um sich zumindest dieser Dinge sicher zu sein: Was immer sie hier vor sich hatte war erstens nicht von ihr geschaffen und zweitens ziemlich... interessant. Erholung würde im Zweifelsfall wohl doch noch ein Wenig warten müssen.

Mit einem entschlossenen Lächeln auf den Lippen machte Xinuel einen weiteren Schritt nach vorn, ließ sich herabgleiten, und tauchte hinein in die dunklen Tiefen.

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Re: Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:35

Xinuel ging ganz und gar auf im Rausch des Felfeuers, das durch ihre Adern schoss. Während sich ihre drei... Verbündeten zurück zogen, stand sie allein gegen die Höllenbestie, deren Einschlag dort gerade Mac'Aree erschüttert hatte. Das war gut so, sie hatte es den Dreien selbst geraten - gegen den turmhohen Koloss aus Stein und Feuer hätten sie mit ihren Schwertern wenig ausrichten können. Und Iliidari kämpften weit effektiver, wenn sie sich nicht um Kollateralschäden sorgen mussten. Soweit zumindest die rationalen Begründungen, eigentlich war ihr gerade vor Allem nach einer Herausforderung, und so garnicht mehr nach Zurückhaltung. Lachend segelte sie über über einen erderschütternden Hieb hinweg, noch mitten in der Transformation landeten ihre Gleven die ersten Treffer, fielen die ersten Felsbrocken rauchend in das spärliche Gras zwischen den Ruinen. Es würde kein leichter Kampf werden, aber einer, den sie gewinnen würde. Und die waren ihr die Liebsten, dachte sie grinsend bei sich. Heute war ein guter Tag.

Eine gute Stunde später schließlich fanden ihre Klingen den Kern der angeschlagenen Bestie. Sie hüllte sich in Schatten, um der folgenden Explosion zu widerstehen. Schwer atmend kam sie auf dem verbrannten Boden auf, sich nur einen Moment des Verschnaufens gönnend - Es war vom Kampf mindestens so ausgelaugt wie sie, aber Dämonen gleich welcher Art hatten ein langes Gedächtnis für Schwäche. Sie zwang seinen Einfluss zurück, nahm wieder ihre normale Form an und richtete sich auf, überblickte das kleine Schlachtfeld, auf das immer noch brennende Kiesel herabregneten. Es war kein Wunder, dass sie (und Es, wer zuerst war da manchmal schwer zu sagen) so... enthusiastisch war an diesem Abend. Sie holte ihre neuster Errungenschaft hervor, um sie erst einmal in Ruhe zu betrachten, ohne die kritischen Blicke ihrer Begleiter: Eine perfekte Kugel, von außen ein dunkles Violett, im Kern ein tiefes Schwarz das sich langsam drehte, wie ein Sog oder ein Wirbelsturm. Ähnlich dem Artefakt, aus dem ihre Klingen hervorgegangen waren, und doch anders. "Ein Stück der Leere" hatte der Astrale verkündet... sie wusste, dass die Energiewesen manchmal zur Übertreibung neigten. Aber indem sie diese eiskalte, seltsam schwere Sphäre in der Hand hielt, war sie geneigt, ihm zu glauben.

Zu sich selbst schmunzelnd schüttelte die Illidari ihren Kopf. Rückblickend hatte sie wirklich Glück gehabt mit ihrem Erkundungstrupp. Nicht nur, dass sie diesem Astralen geholfen hatten, weder die beiden Scharlachroten noch die Heilerin in Rüstung hatten überhaupt nennenswerte Versuche unternommen, ihr das Dankesgeschenk streitig zu machen - ob sie nicht begriffen, was sie da erhalten hatten, oder es schlicht fürchteten und verabscheuten war ihr eigentlich herzlich egal. Dass sie dazu noch genug Verstand gehabt hatten, sich vor der Höllenbestie zurück zu ziehen, war da fast nur noch eine nette Dreingabe.

"Ironisch", flüsterte sie leise, die Leerensphäre in den Klauen drehend. "Dein Meister entsagt so effektvoll dem Licht, und du bist dabei, dich aufs Neue mit den Schatten einzulassen." Aber wie sie die Worte sprach, musste die Jägerin schon grinsen, schüttelte aufs Neue den Kopf. Sie würde sich nicht binden lassen, ganz wie der Meister. Aber sie würde vor keinem Werkzeug zurückschrecken, um der Legion das faule, zerschmetterte Herz heraus zu reißen, auf dem sie gerade saß.

Sie musste lachen. Heute war wirklich ein guter Tag.

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Re: Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:35

Nachdenklich ließ die Illidari ihren Blick durch die Reihen der Verletzten wandern. Militärische Strategie war alles Andere als ihr Spezialgebiet, aber man musste kein Feldherr sein, um zu sehen, dass der Angriff auf die Werftanlagen der Legion beinahe in einem Desaster geendet hätte. Sie schüttelte den Kopf. Was genau hätte man anders machen können? Allenfalls vorab mehr Informationen über die genaue Beschaffenheit der präsenten Legionsschiffe sammeln.. mit dem Risiko, beim Angriff selbst auf verstärkte Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.

In einem Moment der Frustration ballte sie die Faust. Letzten Endes waren diese Sterblichen einfach zu zerbrechlich. Sicher, sie waren noch einmal davon gekommen, knapp. Aber ein Blick auf ihr kleines Lager hier auf der Vindicaar offenbarte den Preis dafür, nur wenige der "Kreuzfahrer" waren unverletzt geblieben, viele waren vollkommen kampfunfähig, und würden es die nächsten Tage auch bleiben. Selbst die Starken unter ihnen... ihr Blick wanderte zu Avalora, die immer noch nicht wieder bei Bewusstsein war, zum Baron, der beinahe verblutet wäre, noch während er andere Verletzte behandelte. Selbst sie waren gegen die fragile Natur sterblichen Fleisches kaum gefeit.

Sie seufzte bei sich, wandte den Blick ab und ertappte sich dabei, wie er in Richtung der Kommandobrücke driftete. Sie konnte sie von ihrem Platz aus nicht einsehen, die Struktur des Draeneischiffs erschwerte dies selbst mit der Spektralsicht. Aber nichts desto weniger war die Präsenz des Meisters unverkennbar.

Sie hätte gern mehr Illidari auf diesem "Kreuzzug" dabei gehabt, dann hätten sie der Legion keine Atempausen von ein paar Tagen geben müssen. Sie wusste, dass fast alle ihre Brüder und Schwestern hier auf Argus aktiv waren. Selbst Zauderer wie Arandiir und seine Truppe hätten gereicht... naja, möglicherweise.

"Und doch hast du der kleinen Waldläuferin zuletzt geholfen, nicht wahr?" hörte sie sich selbst sagen. Sie verzog den Mund. Es stimmte, Kelyndea war dem Punkt ohne Wiederkehr näher gewesen, als sie vermutlich selbst ahnte... dem Punkt, an dem keine Menge an Gebeten und Mondbrunnenwasser die Verderbnis mehr ungeschehen machen konnte. Dem Punkt, an dem die einzige Möglichkeit, diesen Krieg weiter zu führen, war, ihn absolut zu führen und das Geschenk des Meisters anzunehmen. Sie wandte den Kopf wieder dem Lager zu, wo die Waldläuferin neben ihrer Mutter lag. Sie selbst hatte die lichtdurchflutete Menschenfrau zu ihr geführt, während verdorbenes Blut und ihre eigene, angefachte Wut dabei waren, für immer ihre Spuren an ihrer Seele zu hinterlassen. Ein wenig mehr Zeit, und sie hätte vielleicht zumindest eine weitere Illidari an ihrer Seite wissen können...

Xinuel musste grinsen, schüttelte sachte den Kopf. Etwas in ihr hatte sich dagegen gestellt. Natürlich wäre der Prozess weder einfach noch ohne Widerstände gewesen, genau genommen hätte die Mehrheit des Kreuzzugs eine Initiation als Notfallmaßnahme vermutlich abgelehnt, allen voran die Mondpriesterin. Aber das war es nicht, sie hätte Mittel und Wege darum herum gefunden. Was dann? Mitleid für ihre Seele, für das Schicksal, zu dem sie verdammt würde? Dieser Gedanke brachte sie beinahe zum Lachen. Nein, da war noch etwas Anderes, eine intuitive Sicherheit, dass dies noch nicht die Zeit, sie noch nicht bereit war. Und schließlich.. konnte sie auch nicht leugnen, dass es ihr lieber wäre, wenn Kelyndea das Geschenk aus freien Stücken akzeptieren würde. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, wie das jemals von Statten gehen sollte... aber der Weg des Schicksals nahm manchmal die seltsamsten Wendungen.

Ihr Grinsen wurde eine Spur breiter. Manchmal musste man ein Schicksal erzwingen, das waren die Worte des Meisters. Für den Moment aber war sie bereit, abzuwarten.

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Re: Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:39

Viele Wochen nachdem der Kreuzzug Argus verlassen hatte fand Xinuel wieder einen dieser seltenen Momente, die manche "Ruhe" nennen würden. Ihre Klingen ruhten, schlafend, in ihren Halterungen... es musste Monate her sein, dass sie das violette Feuer selbst gelöscht hatte. Indem ihr Blick über die verheerten Oberflächen des Planeten wanderte, die von ihrem Aussichtspunkt hier in Mac'Aree einsehbar waren, versuchte die Illidari, die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit dem Fel-gespeisten Rausch zu entreißen, in welchem sie sie erlebt hatte, und eine gewisse Ordnung in die Abläufe zu bringen.

Die Kämpfe in und um Antorus waren brutal gewesen, ganz wie erwartet. So wie die Legion alles aufgeboten hatte, was ihr noch blieb, so hatten doch auch weder die Illidari und ihre Verbündeten ihnen alles entgegen geworfen, das sie hatten. Die Grundfesten der dämonischen Zitadelle waren von diesen Konfrontationen erschüttert worden. Xinuel kam nicht umhin, zufrieden zu grinsen, als sie sich daran erinnerte, wie sie mit ihren Brüdern und Schwestern Kin'garoth und seine infernalische Maschinerie in den Abgrund geschickt hatte. Auch das Schiff der Draenei hatte sich dabei bewährt - sie selbst hatte bis zuletzt damit gerechnet, dass sie die Teufelshammer doch noch zum Einsatz bringen müssten, aber es schien, als sei die Vindicaar tatsächlich jedem Angriff gewachsen, den die Legion noch gegen sie richten konnte.

Natürlich hatte es auch... unvorhergesehene Entwicklungen gegeben. Allen voran die Erkenntnis, dass Sargeras mehr als nur einen seiner titanischen Brüder in seinen Fängen hatte, dass sie vielleicht nur Tage oder Stunden davon entfernt gewesen waren, von einem korrumpierten Pantheon innerhalb von Augenblicken vernichtet zu werden.

Xinuel seufzte, während sie den Blick gen Azeroth wandte. Die zweite, und weniger prominente unerwartete Erkenntnis war, dass all ihre Bemühungen hier vielleicht dennoch umsonst gewesen waren. Denn was den meisten ihrer Verbündeten lediglich als eine ominöse Wolke erschien, war für viele Illidari selbst auf diese Distanz eine Präsenz, deren unerträglicher, brennender Blick in jedem Moment zu spüren war. Sargeras war seinem Ziel vielleicht näher denn je, und alles, was ihr blieb, war abzuwarten.

Dies war die dritte, und vielleicht schmerzlichste Erkenntnis gewesen... dass sie nicht Teil der finalen Konfrontation sein würde. Der Meister war in dieser Sache unmissverständlich gewesen, und doch hatte sie ihn danach noch einmal allein aufgesucht - die Erinnerung daran hatte sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt...


Xinuel kniete auf dem rauen Felsen, den Kopf gesenkt. Eine ungewohnte Pose, doch noch immer die einzige, die ihr für ihr Gegenüber angemessen schien... zumal sie gerade dabei war, seine direkten Befehle zu hinterfragen.

"Meister. Ich komme, um..."

"Ich weiß, weshalb du hier bist." Illidans Schmunzeln war hörbar. "Du willst mich begleiten, bei unserem letzten Angriff auf Antorus. Erhebe dich."

Sie tat, wie ihr geheißen. Illidan sah sie nicht direkt an, er war zur Seite gewand, den Blick auf den brennenden Thron gerichtet. Sie atmete tief durch.

"Ich kann euch dabei genau so helfen wie Jayce, Kor'vas und Allari, Meister. Gegen einen Gegner wie Aggramar werdet ihr jede Unterstützung brauchen können und..."

"... und du bist stark genug, um es mit Jedem dieser drei aufzunehmen. Ist es nicht das, was du sagen willst?" unterbrach Illidan sie amüsiert. "Du hast Recht. Aber der Grund, warum du zurück bleiben wirst, ist nicht jener, dass du in so einem Kampf zu einem Hindernis würdest."

Er machte eine Pause, die Gedanken überschlugen sich derweil in Xinuels Geist. "Was... ist der Grund, Meister.. ?"

"Aggramar bewacht das Herz von Argus, das Ziel all unserer Anstrenungen auf diesem verfluchten Fels. Und trotzdem habe ich die Ahnung, dass es damit noch nicht vorbei sein wird... dass ich den letzten Teil dieses Weges allein gehen muss." Der Meister der Illidari wandte seinen Blick in Richtung der Wolke an Azeroths Seite. "Daher habe ich mich entschlossen, meine Begleitung nicht nur nach ihrer Fähigkeit auszuwählen, den bevorstehenden Kampf zu überleben... sondern auch nach den... Einflüssen, unter denen sie stehen. Es galt, Risiken abzuwägen."

Die Worte trafen die Dämonenjägerin wie ein Schlag in den Magen. "Ich... das ist alles passiert, um unserem Kampf zu dienen, Meister! Meine Klingen sind das Produkt einer Suche, die Allari selbst angeordnet hat!"

Illidan schnaubte nur. "Es spielt keine Rolle, wer was angeordnet hat. Im Gegensatz zu Allari weiß ich genau, was du damals in deiner Arroganz gebunden hast... und auch, was dir vor den Illidari widerfahren ist. Willst du mir ernsthaft erzählen, dass sich dein Interesse an den Kräften der Leere auf die Erschaffung deiner Klingen beschränkt?"

Er sah sie nun direkt an. Sie schluckte. Er hatte völlig Recht, und doch... sie sprach leiser. "Ganz gleich, woher ich meine Kraft beziehe... ich würde euch niemals verraten, Meister... !" Ihre Hand legte sich dabei auf seinen Arm.. eine instinktive Geste, unüberlegt. Der Moment schien wie in Zeitlupe abzulaufen...

Im nächsten Augenblick baumelte sie in der Luft, ihre Kehle in seinem stählernen Griff. Ein animalischer Laut entfuhr ihr, aber sie unterdrückte den Impuls, Widerstand zu leisten, auch wenn "Es" im Hintergrund ihres Geistes ein wahres Pandämonium erweckte. Der Meister war ihr um Welten überlegen, das wusste sie nur zu gut. Seine nächsten Worte kamen ebenfalls leise... zischend.

"Ganz vorsichtig, Xinuel... ich bin nicht Tortheldrin, und du bist nicht..."

Der Name blieb unausgesprochen, aber sie kannte ihn genau. Er ließ sie zu Boden fallen und wandte sich wieder um. Während sie noch nach Luft rang, sprach er erneut.

"Es ist nicht so, dass ich dir nicht vertraue. Im Gegenteil. Ich vertraue dir genug, um dich weiterhin als Teil derer zu sehen, die meinen Namen tragen... als Illidari. Bedenke aber, dass Illidari stets die Dunkelheit kontrollieren... nicht umgekehrt. Ganz gleich, welche." Er machte eine Pause, sie wollte etwas entgegnen... und fand, zum ersten Mal in Jahrzehnten, keine Worte. "Bedenke das gut, Xinuel. Und nun... lass mich allein."



Die Illidari senkte ihren Blick, sah wieder auf Mac'Aree herab, das von der Leere gezeichnet war. Sie presste die Lippen aufeinander. Sie hatte nicht vor, ihren Meister zu enttäuschen... aber zwischen den Lügen und Halbwahrheiten der Schatten nach Antworten zu suchen, danach hatte es sie selten mehr verlangt als jetzt.

Mit einem Seufzer öffnete sie schemenhafte Schwingen, um sich herunter gleiten zu lassen.

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Re: Schemen und Schatten

Beitrag von Xinuel » So 3. Mär 2019, 19:46

Xinuel stand am Rand der Leerenfelder von Mac'Aree, nun zum dritten Mal innerhalb weniger Tage. Theoretisch waren die Bedingungen, um den Schatten ihre Geheimnisse zu entlocken, hier ideal - die Leere war buchstäblich zum Greifen nah, und Felenergie war ebenfalls im Überfluss vorhanden. Natürlich hatte ihr das bei den vorherigen Versuchen auch wenig geholfen, im Gegenteil. Sie kam nicht umhin, sich die Frage zu stellen, ob sie hier nicht etwas zu ambitioniert vorging. Kleinere Mengen der beiden adversen Urkräfte, die sie hier mühsam in einer zusammenhängenden Struktur verwob, wären wohl leichter zu kontrollieren gewesen.

Die Illidari schürzte nachdenklich die Lippen, den Blick auf die wirbelnde Dunkelheit vor sich gerichtet. Nein, es musste hier und jetzt funktionieren... sie brauchte nicht in die Zukunft sehen zu können, um zu wissen, dass ihre verbleibende Zeit auf Argus sich dem Ende zuneigte. Die Schlacht um Antorus musste sich in diesen Stunden ihrem Ende zuneigen, und dann... sie unterdrückte den Reflex, in Richtung der Wolke zu blicken, die nach wie vor an Azeroths Seite zu kleben schien. Antworten würde sie hier finden, aber nicht durch zielloses Grübeln.

Sie ging in die Hocke und tauchte die Finger in die wabernde Schwärze vor sich. Physischer Kontakt war streng genommen nicht nötig, aber da ihr beißende Kälte wenig anhaben konnte, zog sie diese Methode einem vorsichtigeren Ansatz vor. Das Felfeuer unter ihrer Haut begann, intensiver zu glühen, während sie "Es" seine Kraft abrang und dabei ihre Form veränderte. Wie immer, wenn es um die Leere ging, schien "Es" kaum motiviert, Widerstand zu leisten... im Gegenteil, sie spürte seine fremdartige Euphorie.

Während Xinuels Geflecht aus Fel und Schatten Form annahm, sah sie sich gleichzeitig im Geiste auf den Brunnen der geköpften Göttin zugehen. Auch dies war wohl eher eine Stütze als eine Notwendigkeit, aber sie hatte die Erfahrung gemacht, dass es ungemein hilfreich sein konnte, für die Visionen, die folgen würden, einen festen Ausgangs- und Rückkehrpunkt zu haben. Sie musste grinsen... schließlich wäre sie nicht die Erste, die sich in der Leere verlor. Indem sich die letzten Bestandteile ihres Zaubers in ihre fluktuierenden, aber stets gegengewichteten Bahnen fügten, ließ sie sich in das schwarze Wasser des Brunnens gleiten.

Kälte. Stimmen, verzerrt und tausendfach widerhallend. Das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen und die intuitive Gewissheit, dass hier Wesenheiten lauerten, die Einem nach mehr als nur dem Leben trachteten: Das war die Leere. Für Xinuel bei Weitem kein neuer Eindruck, aber selbst sie würde sich wohl niemals daran gewöhnen - auch wenn "Es" hier geradezu frohlockte. Sie atmete tief durch (wo genau war an diesem Punkt schwer zu sagen) und griff mit ihrem Bewusstsein hinaus in die dunkle Unendlichkeit. Ihr Zauber filterte den dissonanten Wahnsinn in Bilder, die sie in rascher Folge trafen...

Illidan, ihr Meister, verbrannt und gebrochen unter einem feurigen Schatten. Illidan, gefangen und doch völlig aufgehend im ewigen Kampf mit eben diesem Schatten. Illidan, der selbst der Schatten wurde und sich in neuer Größe erhob... Sie biss die Zähne zusammen. Der Meister würde sein Schicksal selbst bestimmen, sie hatte darauf keinen Einfluss mehr. Sie musste sich auf den Ort konzentrieren, wo ihre eigene Zukunft liegen würde...

Azeroth. Blau und unberührt vor dem Meer der Sterne. Azeroth, in Flammen, zerbrechend. Azeroth, verwundet, dann sich selbst verzehrend. So eindrucksvoll diese Bilder waren, sie brauchte einen kleineren Rahmen als den ganzen Planeten...

Sturmwind. Bei Nacht, bei Tag, im rapiden Wechsel. Sturmwind, im Kriegszustand, Soldaten die durch die Straßen marschieren, Kriegsgerät auf großen Schiffen. Sturmwind, in Ruinen, mit wechselnden, zerfledderten Bannern auf den ausgebrannten Türmen, ein Feuer im Hintergrund, das mal rot und gold, mal blau und violett schien. Sturmwind, geschmückt mit Blumen und Fahnen, das heimkehrende Helden feierte. Sie stutzte. In vielen der Bilder waren Elfen von kleiner Statur zu sehen, keine Kaldorei, auch wenn ihr Hautton bläulich erschien...

Eine einzelne Elfe in einer seltsamen Gruppe, in einer Stadt, die nur Silbermond sein konnte. Dieselbe Elfe, getrennt vom Rest, gar feindseelig. Eine zweite Gruppe von Elfen hinter ihr, die zu versinken schienen und verzweifelt die Hände nach ihr ausstreckten... Die Elfe war Alleria Windrunner, das erkannte sie auf den zweiten Blick. Sie wusste, dass diese Heldenfigur der Allianz sich mit einem Astralen verbündet hatte, um sich die Leere zu Nutze zu machen. Aber wer waren die...

Alleria, gehüllt in Schatten, vor einer Gruppe Elfen, die geschlossen das Haupt beugten. Alleria, in einem neu und menschlich aussehenden Gebäude, neben verschiedenen Würdenträgern. Alleria, die einem der blauen Elfen die Hand gab. Der neigte den Kopf, drehte sich dann um... und sah sie direkt an. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, ein Grinsen zu sehen... dann zerbrachen die Bilder wieder in formloses Chaos.

Xinuel erhob sich, nach Luft schnappend, aus den schwarzen Wassern des Brunnens, während sie in der echten Welt ihre Hand zurückzog. Um sie herum löste sich ihr Zauber in dramatischen Entladungen auf, aber das beachtete sie kaum. Ein dämonisches Grinsen formte sich auf ihren Zügen... es galt, heim zu kehren. Nach Azeroth.

Die Zukunft, wie genau sie auch aussehen würde, schien erfüllt von wahrhaft interessanten Möglichkeiten.

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